Allerheiligen: Österreichs Heucheltag | Versuch einer Antwort
Ein Kommentar aus der Sicht des Humanismus
Es ist wieder so weit. Österreich riecht nach Wachs, Chrysanthemen und Doppelmoral. Allerheiligen, dieser staatlich gesegnete Feiertag, an dem selbst die größten Kirchenfernen brav zum Friedhof pilgern, um Kerzen auf Gräber zu stellen, die sie den Rest des Jahres ignorieren. Man tut so, als wäre das Innehalten an einem Grab ein Akt der Menschlichkeit, dabei ist es oft nur das letzte Feigenblatt einer Gesellschaft, die im Alltag immer weniger Mitgefühl kennt.
Wer am 1. November durch die Friedhöfe geht, hört das Rascheln der Blätter und das Gemurmel der Selbstrechtfertigung. Man besucht die Toten, um sich selbst zu beweisen, dass man noch nicht völlig verroht ist. Es ist die rituelle Absolution des schlechten Gewissens. Man stellt eine Kerze hin, murmelt ein Vaterunser und nennt das Erinnerung. Doch erinnern heißt Verantwortung zu tragen, und davon will Österreich nichts wissen.
Heilige aus der Retorte
Die katholische Kirche liebt Allerheiligen. Es ist der Tag, an dem sie sich selbst feiert, verkleidet als Volksfrömmigkeit. Man spricht von „allen Heiligen“, als wären sie eine moralische Elite, ausgewählt nach göttlicher Maßgabe. In Wahrheit sind viele dieser Gestalten historische Konstrukte, erfundene Biografien, Symbole einer Moral, die mit der Realität des Menschseins wenig zu tun hat. Heilig ist in dieser Logik nicht, wer zweifelt, leidet, irrt und trotzdem liebt, sondern wer gehorsam war, asketisch, autoritätstreu.
Die Kirche hat nie Heilige gemacht, sie hat Vorbilder gezüchtet. Disziplinierte, gläubige, fügsame Menschen, deren Leidensgeschichten als pädagogisches Werkzeug dienen. Der Heilige als Idealfall des Gehorsams, nicht der Freiheit. Dabei bräuchte eine humane Gesellschaft keine Heiligen, sondern mutige Menschen, die sich nicht von Dogmen fesseln lassen. Menschen, die Verantwortung übernehmen, nicht weil ihnen ein Himmel versprochen wird, sondern weil sie wissen, dass niemand sonst das Menschliche bewahren wird, wenn wir es nicht tun.
Ein Tag für die Heiligen, ein Jahr für die Scheinheiligen
Während an Allerheiligen die Friedhöfe leuchten, sind die sozialen Brennpunkte dunkel. In einem Land, das sich selbst als christlich-sozial bezeichnet, frieren Obdachlose auf Parkbänken, während Politiker:innen in Fernsehstudios von Nächstenliebe reden. Tatsächlich zeigen neueste Daten: In Österreich sind rund 353 000 Kinder und Jugendliche armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. (1) Forschung zeigt: Kinderarmut kostet Österreich jährlich ca. 17 Milliarden Euro, ein Preis, den wir alle zahlen. (2)
Besonders deutliche Opfer dieser sozialen Verheissung sind Frauen und Kinder. Und doch werden sie kaum Thema bei den Sonntagsreden über christliche Werte. Dieselben Stimmen, die Flüchtlinge abweisen, feiern heute das Gedenken an die Heiligen, die angeblich für Güte, Mildtätigkeit und Mitgefühl standen.
Was sagt das über eine Gesellschaft, die sich lieber an Heilige erinnert, als sich menschlich zu verhalten? Es sagt, dass sie Moral als Ritual versteht, nicht als Handlung. In Österreich gibt es Sonntagsreden für die Menschlichkeit; werktags dominieren Bürokratie, Gleichgültigkeit und Selbstzufriedenheit. Wenn am Friedhof die Kerzen brennen, ist das kein Zeichen der Liebe, sondern oft der Entlastung. Ich habe mich erinnert, sagt man, also bin ich gut.
Heiligkeit als moralisches Placebo
Die Idee des Heiligen ist eine Flucht vor der Zumutung des Wirklichen. Wer andere zu Heiligen erklärt, entlastet sich selbst vom Anspruch, gut zu sein. Wenn die Guten bereits kanonisiert sind, darf man sich im eigenen Mittelmaß bequem einrichten. Der Humanismus kennt keine Heiligen, weil er weiß, dass jede:r Mensch zu Güte und Grausamkeit gleichermaßen fähig ist. Moral ist kein göttliches Etikett, sondern eine tägliche Entscheidung.
Allerheiligen suggeriert das Gegenteil: dass Tugend etwas ist, das wenigen Auserwählten zusteht, nicht allen. Damit zementiert die Kirche seit Jahrhunderten die Spaltung zwischen Heiligkeit und Menschlichkeit. Wer sündigt, wird ermahnt; wer leidet, soll sich gedulden; wer zweifelt, gilt als gefährlich. Das Ergebnis ist ein religiös lackierter Stillstand, der dem Denken die Flügel stutzt.
Erinnerung ohne Empathie
Am Friedhof ist man still. Nicht aus Ehrfurcht, sondern aus Gewohnheit. Man spricht mit den Toten, aber nicht mit den Lebenden. Wer heute alte Menschen in Pflegeheimen besucht, wer sich um Einsame kümmert oder für soziale Gerechtigkeit eintritt, tut mehr für das Andenken an die Menschlichkeit als jede Kerze auf jedem Grab. Doch diese Form der Erinnerung lässt sich nicht ritualisieren; sie verlangt Nähe, Verantwortung, Zeit.
Das stille Ritual am Grab ist bequem, weil es keine Konsequenzen hat. Es ist die gleiche Logik, mit der man einmal im Jahr für die Armen spendet, um das eigene Gewissen zu beruhigen. Eine Gesellschaft, die ihre Menschlichkeit nur am Feiertag pflegt, verliert sie im Alltag.
Fallbeispiele
Kinderarmut in Österreich
In Österreich sind laut aktuellen Analysen etwa 22 % aller Kinder im Alter von null bis 17 Jahren armuts- und ausgrenzungsgefährdet. (3) Damit ist jedes fünfte Kind betroffen. Zugleich zeigt eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Auftrag des österreichischen Sozialministeriums, dass Kinderarmut Österreich jährlich rund 17,2 Milliarden Euro kostet. (2) Das sind nicht bloß Zahlen – das bedeutet: Kinder, die nicht in Würde leben können, deren Chancen blockiert sind, deren Körper und Psyche leiden, und das in einem Land, das sich gerne als wohlhabend und humanistisch präsentiert. Wenn man dann am Friedhof eine Kerze anzündet und sich erinnert, wie viele Kinder noch nicht einmal ein warmes Pausenbrot oder sichere Wohnung haben, dann ist diese Erinnerung schal und scheinheilig.
Pflegeheim-Skandal in Niederösterreich
In einer Pflege- und Betreuungseinrichtung in Niederösterreich wurde laut Gutachten von einem „entmenschlichten Desaster im Pflegeassessment“ gesprochen; Wundliegegeschwüre, fehlendes Schmerzmanagement und teils falsche Einschätzungen von Pflegebedürftigkeit wurden dokumentiert. (4) In einem weiteren Fall wurden nach mehreren Todesfällen in einem Heim Aufnahme-Stopps verhängt und Ermittlungen eingeleitet. (5) Diese Beispiele verdeutlichen: Der Tag, an dem man Heilige erinnert, wird begangen in einem System, das oft nicht in der Lage ist, Menschen in Würde zu betreuen. Wenn Heiligkeit nur Ritual ist, aber Menschlichkeit Alltag, dann liegt die Differenz offen wie eine klaffende Wunde.
Wenn Zyniker predigen
Ein Zyniker würde einem Pfarrer an Allerheiligen wohl sagen: Ihr feiert die Heiligen, während ihr die Lebenden vergesst. Und er hätte recht. Denn Heiligkeit, verstanden als moralische Ausnahme, ist das Ende des Mitgefühls. Wer andere zu Heiligen erklärt, schafft Distanz. Wer sie als Menschen erkennt, schafft Verbundenheit.
Der Humanismus stellt keine Heiligen auf Altäre; er stellt Fragen. Warum braucht ein Mensch überhaupt ein göttliches Vorbild, um gut zu handeln? Warum genügt nicht die Einsicht, dass Leid vermeidbar ist und Glück geteilt werden kann? Und warum feiert man Heilige, aber vergisst, dass jedes Kind, das heute in Armut lebt, jedes Opfer von Gewalt, jedes Leben in Not, ein brennender Appell an unser Gewissen ist?
Österreichische Heuchelei konkret
In der politischen Arena heißt es: Wir orientieren uns an christlichen Werten. So etwa forderte die Österreichische Ordenskonferenz gemeinsam mit kirchlichen Vertreter:innen eine Regierung auf, sich vom christlichen Wertekompass leiten zu lassen. (6) Man spricht von Solidarität, Menschenrechte, Religions- und Medienfreiheit. Doch wenn Armut, Wohnungsnot, Pflegeausfälle und Kinderarmut die Realität sind, wie glaubwürdig sind solche Werte? Wenn eine Partei wie die Österreichische Volkspartei sich als Bewahrerin christlicher Werte präsentiert, aber zugleich sozialstaatliche Lücken toleriert – dann wird der Feiertag zum Zirkus.
Brüchig ist die Moral, wenn man zum Friedhof geht, Kerzen aufstellt und danach wieder in den Alltag zurückkehrt, in dem jene ohne Kerze und ohne Stimme weiter leiden. Ein Land, das täglich über Werte spricht und jährlich Kerzen zündet, aber strukturelles Elend nicht drastisch angeht, zeigt uns, was Heuchelei ist. Denn Feiertagsmoral ersetzt keine soziale Praxis.
Humanistische Heiligkeit
Wenn es so etwas wie Heiligkeit geben sollte, dann vielleicht in einem ganz anderen Sinn. Heilig ist, wer die Würde des anderen achtet, auch wenn es niemand sieht. Heilig ist, wer sich gegen Ungerechtigkeit stellt, obwohl es unbequem ist. Heilig ist, wer Mensch bleibt, selbst wenn das System es ihm schwer macht.
Diese Art von Heiligkeit braucht keine Kirche, keine Reliquien, keine Gebete. Sie braucht Mut, Empathie und kritisches Denken. Sie ist keine religiöse Kategorie, sondern ein Ausdruck von Menschlichkeit. In diesem Sinn ist jeder Mensch potenziell heilig, solange er nicht aufhört, das Leid anderer als sein eigenes zu begreifen.
Österreichs Heuchelttag
Allerheiligen ist Österreichs Heuchelttag, weil er zeigt, wie perfekt dieses Land im moralischen Theater funktioniert. Man hält inne, um ja nichts zu verändern. Man erinnert, um weiter vergessen zu können. Man spricht von Ewigkeit, um die Gegenwart nicht sehen zu müssen. Ein humanistisches Allerheiligen sähe wahrlich anders aus: Es wäre kein Friedhofsbesuch, sondern ein Tag der aktiven Solidarität. Statt Gräber zu schmücken, könnte man Leben verbessern. Statt Heilige zu feiern, könnte man Mitmenschlichkeit üben.
Vielleicht wäre das weniger feierlich, aber unendlich heiliger.
Linkliste
(1) https://www.kinderarmut-abschaffen.at/fakten/
(2) https://www.ots.at/presseaussendung/OTS0077/oecd-studie-zeigt-kinderarmut-kostet-uns-jaehrlich-17-mrd-euro/
(3) https://www.parlament.gv.at/fachinfos/rlw/Perspektiven-von-Kindern-im-Lichte-gesellschaftlicher-Entwicklungen
(4) https://www.ots.at/presseaussendung/OTS0011/profil-gutachten-spricht-von-enthumanisiertem-desaster-in-noe-pflegeheim
(5) https://noe.orf.at/stories/3149075/
(6) https://www.ots.at/presseaussendung/OTS0078/ordenskonferenz-an-politik-christliche-werte-als-kompass-fuer-regierungsverhandlungen/

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