Astroshit reloaded…
Kardinal Christoph Schönborn, der mit den knapp 87.000 Followern (ja, da bin ich schon etwas neidisch) auf Facebook, schreibt ebenda folgende Absonderung zu drei Astrologen:
Noch nie haben Menschen so tief ins Weltall blicken können wie wir heute. Noch nie haben Menschen (zumindest bei uns) so wenig vom Nachthimmel gesehen wie wir heute. Die Sterndeuter aus dem Osten, unsere Heiligen Drei Könige, hatten keine Ahnung von den Milliarden von Galaxien unseres Universums. Doch konnten sie ungestört von der heutigen Luft- und Lichtverschmutzung das Himmelszelt ganz klar sehen. Wer das Glück hatte, lange und in Stille eine sternklare Nacht zu bewundern, wird etwas von der Ehrfurcht ahnen, die die vielen Generationen vor uns empfanden, wenn sie zum Nachthimmel aufblickten.
Die Sterndeuter aus dem Osten haben nicht nur staunend bewundert, sondern auch genau beobachtet, noch ohne die fantastischen Riesenteleskope der heutigen Astronomen. Sie haben einen Stern erblickt, den sie als den Stern des „neugeborenen Königs der Juden“ deutete. Wie kamen sie zu dieser Ansicht? Vergessen wir nicht: Seit dem Babylonischen Exil (600 v. Chr.) lebten deportierte Juden im Bereich des heutigen Irak und Iran. Ihre Hoffnung auf den kommenden Messias war bekannt, wohl auch den Sterndeutern, unseren Heiligen Drei Königen. Das Besondere an ihnen war, dass sie sich auf den weiten Weg machten, um den neugeborenen König der Juden zu verehren. Nur deshalb sind sie bis heute in Erinnerung geblieben. Deshalb machen sich in diesen Tagen die über 80.000 Sternsinger-Kinder auf den Weg, und die Botschaft vom Kind in der Krippe zu den Menschen in ganz Österreich zu bringen.
Ein Freund hat mir von einem Gespräch mit einem Astronomen berichtet: „Staunen Sie nicht, wenn sie in die unvorstellbaren Weiten des Universums blicken?“ Der Wissenschaftler habe erstaunt reagiert. Für ihn schien das irgendwie selbstverständlich zu sein, mit Milliarden von Lichtjahren umzugehen. Mich bewegt immer neu die Frage, warum wir nicht mehr staunen. Ist unser Universum nicht unbegreiflich in seiner Größe? Ist nicht jeder Zelle unseres Leibes ein unfassbares Geheimnis, wie auf kleinstem Raum unfassbar viel genetische Information verpackt ist? Das Größte und das Kleinste: beides spricht zu uns von Gott. Nur wer darüber staunen kann, wird auch erleben können, was den Sterndeutern geschenkt wurde: „als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt“. In dem kleinen Kind haben sie den großen Gott verehrt. Wie gut, wenn wir in den kleinen und großen Wundern der Schöpfung ihren Schöpfer verehren!
Ich habe mir erlaubt, das in ein humanistisches Licht zu rücken:
Lieber Christoph,
ich erlaube mir nach KKK (Katechismus der Katholischen Kirche) 360f und 1271 das geschwisterliche Du, und möchte feststellen: Staunen braucht keinen Stellvertretergott. .
Du schreibst über Sterne, Zellen und Ehrfurcht, und alles daran ist menschlich nachvollziehbar. Der Blick in den Himmel kann überwältigen. Die Komplexität des Lebens kann sprachlos machen. Aber genau an diesem Punkt biegst du falsch ab.
Du hältst es offenbar nicht aus, dass Staunen für sich stehen darf. Du musst jemanden dazwischenschieben. Einen Gott. Einen Schöpfer. Einen Stellvertreter, der das alles angeblich erklärt. Aber die Welt braucht keinen Stellvertretergott, der sich vordrängelt, sobald Menschen staunen. Staunen heißt nicht, dass man etwas verehren muss. Staunen heißt erst einmal nur, dass man wahrnimmt, wie groß, wie komplex, wie erstaunlich etwas ist.
Du tust so, als sei der nächste logische Schritt die Verbeugung vor einem Gott. Das ist keine Erkenntnis, sondern eine erlernte religiöse Reaktionsroutine, einen konditionierten Abwehrreflex, der aus einem religiösen Deutungsrahmen heraus automatisch ausgelöst wird, sobald Grundannahmen infrage gestellt werden. Du nimmst ein echtes menschliches Gefühl und erklärst es zu einem Beweis für deine Weltsicht. Das ist wirklich schwach.
Du schreibst, das Größte und das Kleinste sprächen von Gott. Nein, Christoph. Sie sprechen gar nicht. Sie sind da. Sie funktionieren. Sie verändern sich. Alles Weitere legst du hinein. Das Universum hat keine Absicht, die Zelle keine Botschaft. Dass du darin einen Schöpfer erkennst, sagt nichts über die Welt aus, aber viel über dein Bedürfnis nach Sinnstiftung und Führung von oben.
Du romantisierst die Sterndeuter, als wären sie frühe Naturwissenschaftler. In Wahrheit waren es Astrologen. Menschen, die glaubten, Sterne würden politische und religiöse Ereignisse ankündigen. Das ist keine Weisheit, das ist, hart ausgedrückt, Astroshit, nett ausgedrückt: Irrtum. Dass diese Geschichte bis heute erzählt wird, liegt nicht an ihrer Wahrheit, sondern an ihrer theologischen Brauchbarkeit.
Du zitierst eine Anekdote über den Astronomen, der angeblich nicht mehr staunt, das ist aber echt billig. Wissenschaftliches Verstehen ist keine Verarmung, sondern ein Gewinn. Wer Zusammenhänge erkennt, verliert nicht das Staunen, sondern befreit es von Mystik. Du nutzt Deinen Gott, er ist für Dich nur ein Lückenfüller. Dort, wo Erklärung anstrengend wird, setzt du Anbetung ein. Das ist bequem, aber armselig.
Du tust so, als könne man ohne Gott nicht wirklich staunen, sich nicht wirklich freuen, nicht wirklich verstehen. Das ist eine Abwertung aller Menschen, die die Welt ernst nehmen, ohne sie zu vergöttlichen. Humanistisch betrachtet ist das unerquicklich. Die Welt ist groß genug. Das Leben ist komplex genug. Unsere Verantwortung ist schwer genug. Dafür braucht es keinen übergeordneten Beobachter, der am Ende alles wieder klein macht.
Lieber Christoph,
Staunen gehört uns Menschen. Es ist menschlich, nicht religiös, siehe unten. Wer aus Staunen sofort Anbetung macht, traut der Welt nicht und den Menschen noch weniger. Die Welt ist kein Gleichnis. Sie ist Realität. Und sie ist auch ohne Gott nicht leer, sondern voller Möglichkeiten.
Da staunst Du, nicht wahr?
Ich weiß, Kirche und Fakten sind wie Teufel und Weihwasser – aber die Fakten kann ich Dir nicht ersparen:
Exkurs | Das Staunen, sehr menschlich:
Staunen entsteht, wenn das Gehirn auf etwas trifft, das wichtig wirkt, aber nicht sofort verstanden wird. Es ist keine Angst und keine Freude, sondern ein Moment offener Aufmerksamkeit. Das limbische System spielt mit, weil es bewertet, ob etwas bedeutsam ist. Beim Staunen sagt es nicht Gefahr oder Belohnung, sondern eher: Achtung, das ist interessant.
Der präfrontale Cortex ist entscheidend, weil dort unsere Erwartungen und Weltbilder sitzen. Staunen passiert, wenn etwas nicht zu dem passt, was wir kennen, uns aber nicht bedroht. Das Denken stockt kurz, ohne abzubrechen.
Gleichzeitig werden Systeme aktiviert, die mit Neugier und Lernen zu tun haben. Das Gehirn signalisiert: Hier gibt es etwas Neues, das sich zu verstehen lohnt. Das Aufmerksamkeitsnetzwerk im Gehirn sorgt dafür, dass wir hinschauen und nicht wegfiltern. Staunen heißt: Das ist wichtig, aber noch unklar.
Deshalb ist Staunen kein Luxus. Es hat eine Funktion. Es bremst schnelle Urteile und öffnet einen Raum zum Nachdenken, Fragenstellen und Lernen. Staunen ist weniger ein Gefühl, mehr ein Zustand geistiger Offenheit.

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