Auf den Spuren von Weltanschauungen
Ein Schulprojekt, das in die Tiefe geht
In Zeiten, in denen Weltbilder, Überzeugungen und Lebensentwürfe in der öffentlichen Diskussion immer wieder neu ausgehandelt werden, kommt der Bildung eine zentrale Rolle zu: Sie eröffnet Räume des Verstehens, der Auseinandersetzung und der Begegnung. Gerade an Schulen, in denen junge Menschen sich auf ihre Rolle als mündige Bürgerinnen und Bürger vorbereiten, kann eine reflektierte, differenzierte Auseinandersetzung mit unterschiedlichen weltanschaulichen Positionen zu einem Fundament für gelebten Respekt und soziale Teilhabe werden.
Ein Beispiel dafür lieferte im Dezember 2025 die Ethikgruppe der Klassen 8b und 8c des BRG Gröhrmühlgasse, die gemeinsam mit ihrer Lehrperson, Prof. Ulla Reisinger, zu einem interreligiösen Spaziergang durch Wien aufbrach. Der schulische Bericht macht deutlich, wie Schülerinnen und Schüler dabei nicht nur Wissen erwerben, sondern eigene Wahrnehmungen und Fragen entwickeln. Dieser Beitrag würdigt das Engagement der Jugendlichen und greift zugleich eine weiterführende Frage auf, die über die unmittelbare Exkursion hinausweist: die Frage nach dem Umgang mit nicht-religiösen oder konfessionsfreien Perspektiven in einer pluralen Gesellschaft.
Zusammenfassung: Interreligiöse Spurensuche durch Wien
Am 19. Dezember 2025 unternahm die Ethikgruppe der Klassen 8b und 8c gemeinsam mit Prof. Ulla Reisinger einen interreligiösen Spaziergang durch Wien. Ausgangspunkt war die Tempelgasse, wo die Schülerinnen und Schüler sich an die einst dort befindliche Synagoge und deren Zerstörung erinnern ließen. Sie sahen die griechisch-orthodoxe Kirche und das neu errichtete buddhistische Zentrum am Fleischmarkt. Die Gruppe machte Station am Stadttempel der israelitischen Kultusgemeinde in der Seitenstettengasse und erfuhr am Hohen Markt etwas über den Mitras-Kult, der hier Spuren hinterlassen hat. Auch Fragen der persönlichen Haltung, etwa: Soll man auf einem Foto vor der Gedenkstätte am Judenplatz lächeln oder nicht?, wurden reflektiert.
Spuren des Islams entdeckten die Ethikschülerinnen und -schüler unter anderem am sogenannten Heidenschuss. Ein Besuch im Stephansdom gehörte ebenso zum Programm wie abschließende künstlerische Impulse in der Albertina – bei einer Ausstellung, die ästhetische Zugänge zu Geschichte und Kultur bot. Die Exkursion verband so religiöse, kulturelle und historische Aspekte und erweiterte den Blick der Schülerinnen und Schüler auf vielfältige Ausdrucksformen menschlicher Weltdeutung.
Ein schulisches Projekt, das Anerkennung verdient
Was die Jugendlichen und ihre Lehrperson hier unternommen haben, verdient Anerkennung: Es ist ein Projekt, das nicht nur Faktenwissen abfragt, sondern Erfahrungen, Wahrnehmungen und Fragen in den Mittelpunkt stellt. Der Spaziergang durch Wien wurde zu einer aktiven, sinnlichen und intellektuellen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Glaubensrichtungen und kulturellen Spuren.
Solche Exkursionen fördern nicht nur Wissen über andere Lebenswelten, sondern helfen jungen Menschen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu erkennen – und damit die Grundlagen für respektvollen Umgang in einer pluralen Gesellschaft zu stärken. Das ist besonders wertvoll in einer Welt, in der Vielfalt nicht nur Realität ist, sondern als Herausforderung und Chance zugleich erlebt wird.
Ich möchte nachfassen, und schreibe daher einen offenen Brief an die Ethikgruppen der Klassen 8b und 8c:
Offener Brief an die Ethikgruppen der Klassen 8b und 8c
Liebe Schülerinnen und Schüler der Ethikgruppen der Klassen 8b und 8c des BRG Gröhrmühlgasse,
sehr geehrte Frau Professor Reisinger,
sehr geehrte Lehrkräfte des Ethikunterrichts,
mit großem Interesse habe ich vom interreligiösen Spaziergang durch Wien gelesen. Die Art und Weise, wie religiöse, historische und kulturelle Spuren im Stadtraum sichtbar gemacht und gemeinsam reflektiert werden, zeugt von einem engagierten, offenen und zeitgemäßen Ethikunterricht. Solche Projekte ermöglichen Euch und jungen Menschen, Vielfalt nicht nur theoretisch zu erfassen, sondern konkret zu erleben.
Gleichzeitig möchte ich – in wertschätzender Absicht – eine weiterführende Frage aufwerfen, die über das konkrete Projekt hinausweist und den gesellschaftlichen Kontext einbezieht:
In Österreich gehört mittlerweile mehr als ein Drittel der Bevölkerung keiner Religionsgemeinschaft an. Konfessionsfreie Menschen – darunter Atheist:innen, Agnostiker:innen und säkular-humanistisch orientierte Personen – prägen den gesellschaftlichen Alltag ebenso wie religiöse Gemeinschaften. Ihre Perspektiven sind Teil gelebter weltanschaulicher Vielfalt, werden jedoch in Bildungszusammenhängen oft weniger sichtbar.
Vor diesem Hintergrund interessiert mich:
- Wie wurden im Rahmen Ihres Projekts nicht-religiöse bzw. konfessionsfreie Lebensentwürfe thematisiert oder mitgedacht?
- Gab es im Unterricht oder während der Exkursion Raum für Gespräche über Sinn, Werte und Orientierung ohne religiösen Bezug?
- Wie erleben die Schülerinnen und Schüler selbst die Balance zwischen religiösen und nicht-religiösen Weltanschauungen im Ethikunterricht?
Reflexionsfrage für Lehrkräfte
Unabhängig von diesem konkreten Projekt möchte ich Ihnen als Lehrkräfte eine übergeordnete Reflexionsfrage mitgeben:
Wie kann Ethikunterricht so gestaltet werden, dass konfessionsfreie Weltanschauungen nicht nur als Abwesenheit von Religion erscheinen, sondern als eigenständige, positive und lebensweltlich relevante Perspektiven sichtbar werden, gleichwertig neben religiösen Traditionen? Wir reden nämlichen nicht von konfessionslosen Menschen, denn -los bedeutet immer einen Mangel, wir sind aber nicht -los und somit mangelbehaftet, sondern konfessionsfreie Menschen.
Diese Frage versteht sich nicht als Kritik, sondern als Einladung zum Weiterdenken. Ethikunterricht hat das besondere Potenzial, einen Raum zu schaffen, in dem junge Menschen lernen, unterschiedliche Überzeugungen – religiöse wie nicht-religiöse – respektvoll zu verstehen, einzuordnen und kritisch zu reflektieren.
Ich danke Ihnen und euch für das Engagement, mit dem ihr euch diesen Fragen stellt, und wünsche weiterhin Neugier, Offenheit und Freude am gemeinsamen Nachdenken über Werte und Weltbilder, und wir stehen mit dem Humanistischen Verband Österreich gerne zur Beantwortung von Fragen bereit.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Andreas Gradert
Sprecher Humanistischer Verband Österreich
Quellen:
Das BRG Gröhrmühlgasse wandelte auf den Spuren von Atheismus, Judentum, Christentum, Islam und Buddhismus.
https://www.meinbezirk.at/wiener-neustadt/c-lokales/auf-den-spuren-der-religionen-wiener-neustaedter-schueler-erlebten-wien_a7946688
Auf den Spuren von Atheismus, Judentum, Christentum, Islam und Buddhismus
https://www.brg.at/auf-den-spuren-von-atheismus-judentum-christentum-islam-und-buddhismus/

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