Beweise statt Menschlichkeit: Integration unter Druck

Seit 2015 prägt das Thema Flucht, Integration und gesellschaftliche Teilhabe die öffentliche Diskussion in Österreich und ganz Europa. Zahlreiche Geschichten über geflüchtete Menschen werden erzählt, vielfach als Beweis dafür, dass Integration gelingt. Diese „Erfolgsgeschichten“ feiern einzelne Biografien, loben Anpassungsleistungen und bemühen sich, rassistischer Hetze oder politischem Populismus entgegenzuwirken.

Doro Blancke macht in ihrem Text deutlich, dass diese Erzählungen trotz aller guten Absichten ein Problem haben: Sie setzen Geflüchtete unter Druck, sich ständig zu beweisen, um gesellschaftliche Anerkennung zu erhalten. „Warum müssen wir uns immer zur Schau stellen?“ fragen viele der Geflüchteten, und Blancke weist auf die Absurdität hin, dass Menschen, die alles verloren haben, die Sprache neu erlernen, ihre Kultur, Mimik und den Alltag, immer wieder als „Beweis“ für ihre Menschlichkeit dienen müssen. Sie müssen freundlicher, anpassungsfähiger und belastbarer sein als der Durchschnitts-Österreicher:in – nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil sonst Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus drohen.

Blancke lenkt den Blick darüber hinaus auf die Verantwortung unserer Gesellschaft, der Politik und der Medien. Wer hat Strukturen geschaffen, die geflüchteten Menschen den Einstieg erleichtern? Welche Versäumnisse und Fehlentscheidungen haben die Situation unnötig erschwert? Blancke kritisiert das politische Versagen zwischen 2015 und 2025, die mediale Übernahme populistischer Botschaften und die gesellschaftliche Bereitschaft, Menschen nach Herkunft zu beurteilen, statt sie einfach als Teil der Gemeinschaft zu akzeptieren.

Ihr Text macht deutlich: Die ständige Präsentation von Integrationsgeschichten dient nicht den Geflüchteten, sondern der Beruhigung der eigenen Gesellschaft. Die Leistung der Geflüchteten wird instrumentalisiert, um rassistische Hetze zu bekämpfen, während die tatsächliche Verantwortung der politischen und medialen Akteur:innen kaum diskutiert wird. Blancke fordert eine Wende: Reden wir endlich über politisches Versagen, über gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und über die Menschenrechte, statt die Geflüchteten fortlaufend als Beweis für den guten Willen einer Gesellschaft zu inszenieren.

Originaltext von Doro Blancke

Ich weiß, ihr hört so gerne all die tollen Integrationsgeschichten, die seit 2015 stattgefunden haben.
Viele andere, wie auch wir, haben sie oft erzählt.
Voller Freude 🫶
Doch ich finde es ist jetzt genug.
„Warum müssen wir uns immer zur Schau stellen?“, fragen viele der Geflüchteten. „Warum uns immer beweisen, statt einfach ruhig mit euch leben? Wie lange sind wir noch „die Geflüchteten“?“

Gute Fragen!
Die Geschichten sollen erzählt werden, um bewusst geschürten Hass und der Hetze von Faschisten, rechtsradikalen und rückgratlosen Parteien und Personen Einhalt zu gebieten.
Um zu beweisen, Ahmad, Mohammed, Fatima, Zahra, sind Menschen wie Josef, Franz, Eva und Karin.
Echt jetzt?

Ist euch eigentlich bewusst, dass ein Großteil der Geflüchteten mehr leistet als wir jemals leisten mussten, um ins Berufsleben zu kommen?
Ist euch bewusst, dass Geflüchtete wesentlich freundlicher sind und sein müssen, als die/der Durchschnitts-Österreicher:in?
Warum?
Weil sie sonst noch mehr ausgegrenzt, diskriminiert, rassistisch behandelt werden.

Ist euch bewusst, dass Menschen auf der Flucht alles, wirklich alles verloren haben, neue Sprache, Kultur, Mimik, usw., erlernen müssen, bevor sie sich halbwegs sicher im Alltag bewegen können?
Ist euch bewusst, dass die Geflüchteten Unterstützung von Frau Maier, oder Herrn Müller brauchen, um eine Wohnung zu bekommen?
(Nix mit jahrelangen Connections über Eltern, Schulfreund:innen, Netzwerk läuft.)

Erzählen wir doch mal über unsere Gesellschaft?
Was haben wir denn getan, um den Einstieg zu erleichtern, was hat Politik getan?
Wir kennen so viele, die mitten unter uns leben, friedlich, arbeitend, gastfreundlich.
Hart gearbeitet dafür und nicht mehr „vorgeführt“ werden wollen, nur damit wir die Hasser und Hetzer in Griff bekommen, eine Gegenerzählung haben.
Ich persönlich finde das nicht fair!

Reden wir über politisches Versagen zw. 2015–2025.
Reden wir über das Versagen der Medien, die jede Aussendung von Kurz und Kickl übernommen haben, ohne intelligente Fragen zu stellen.
Reden wir über unsere Gesellschaft, warum wir uns so infizieren haben lassen und nicht menschlich geblieben sind?
Reden wir darüber, warum wir ständig Geschichten erzählen müssen, als Beweis, dass so viele tolle Menschen gekommen sind.
Tut ihr das über Eure Kinder auch?
Beweisen, dass etwas aus ihnen „geworden ist“?
Les ich jedenfalls selten.
Reden wir doch endlich über die damaligen und jetzigen politisch Verantwortlichen, denn auch da würde es um Leistung gehen!
Leistung, die im Gegensatz zu vielen anderen Menschen nicht erbracht wurde!
Reden wir darüber.

Doro


Wenn wir dasselbe Verhalten auf Österreicher:innen anwenden würden

Stellen wir uns vor, wir müssten jeden Österreicher:in, der einen Job annimmt, eine Wohnung findet oder ein Studium abschließt, fortlaufend als „Beweis für Integration“ präsentieren. „Seht her, Josef hat es geschafft, er spricht Deutsch, zahlt Steuern, benimmt sich freundlich, er ist ein Vorzeigebürger!“ Würden wir darüber in den Medien berichten, wöchentlich mit Jubelmeldungen über „gelungene Österreicher:innen“?

Österreichische Kinder müssten dann nach jedem bestandenen Test der Klasse offiziell gefeiert werden: „Schau, Karin hat Mathe bestanden, sie ist wie wir, nicht weniger wert, aber ein bisschen mehr beweiswürdig.“ Freunde, Verwandte und Lehrer:innen würden ständig dokumentieren, wie gut sich die Jugendlichen im gesellschaftlichen Alltag benehmen. Wer eine Wohnung findet, würde nicht einfach „eingezogen“ heißen, sondern: „Johann hat seine Wohnung ergattert, hurra, er beweist damit seine gesellschaftliche Nützlichkeit.“

Diese Überzeichnung zeigt eindrücklich, wie absurd die Erwartung ist, dass Geflüchtete permanent ihre Existenz rechtfertigen müssen. Während die meisten Österreicher:innen ihr Leben schlicht leben dürfen, müssen Geflüchtete sich an überzogenen Maßstäben messen lassen, die in der Realität niemanden sonst betreffen. Wer wirklich menschlich bleiben will, sollte sich diese Ungleichheit bewusst machen und die Anerkennung von Leistung endlich universell, gerecht und ohne ständige Beweisführung denken.


Studien und Daten zur Integration von Geflüchteten in Österreich

PDF

FIMAS Bericht 2025 Integration von Gefluchteten in Osterreich

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