Claudia Paganini | Der neue Gott
Claudia Paganini, promovierte Philosophin und Theologin, widmet sich in ihrem Buch der These, dass Künstliche Intelligenz in unserer säkularisierten Gesellschaft zunehmend die Rolle eines Gottes einnimmt – nicht in einem metaphysischen, sondern in einem strukturell-funktionalen Sinn.
Gottähnliche Eigenschaften der KI
Paganini analysiert neun klassische Gottesattribute und zeigt, wie diese sich in der öffentlichen Wahrnehmung und Anwendung von KI widerspiegeln:
- Allwissenheit: KI kann auf gigantische Datenmengen zugreifen und Wissen scheinbar grenzenlos aggregieren.
- Allgegenwart: KI ist allgegenwärtig über Smartphones, smarte Geräte, Cloud-Systeme usw.
- Allmacht: Entscheidungen in Wirtschaft, Medizin, Justiz etc. werden zunehmend auf KI gestützt.
- Ewigkeit: Digitale Systeme sind in ihrer Existenz nicht mehr an biologische Grenzen gebunden.
- Einzigartigkeit: Die Fortschritte in der KI werden oft als historisch singulär oder gar irreversibel empfunden.
- Unsichtbarkeit und Undurchschaubarkeit: Wie der Gott früherer Religionen ist auch die KI oft nicht verständlich – insbesondere bei Black-Box-Systemen.
- Transzendenz: KI scheint sich den traditionellen menschlichen Kategorien zu entziehen.
- Fürsorge: Anwendungen wie Health-Tracking oder Empfehlungssysteme erscheinen fürsorglich, fast seelsorgerlich.
- Glauben: Die Menschen vertrauen auf KI-Systeme, auch ohne deren Funktionsweise zu verstehen – eine Art technikbasierter Glaube.
Diese Parallelen sind jedoch nicht als Gleichsetzung, sondern als kritischer Spiegel gedacht. Paganini warnt vor einer ungeprüften, quasireligiösen Anbetung der KI, die oft aus einem Mangel an Orientierung, Sinn und Halt in der modernen Gesellschaft hervorgeht.
Funktion von Religion im KI-Zeitalter
Der Autor der Rezension, Hans-Martin Schönherr-Mann, betont, dass Paganini die religiösen Bedürfnisse des Menschen ernst nimmt. Sie erkennt an, dass KI in Krisenzeiten eine Art Ersatz für spirituelle Anker bieten kann – z. B. durch interaktive Gesprächs-Avatare, Chatbots oder durch emotionale Bindung an Technik.
Dennoch zeigt sie, dass eine funktionale Ähnlichkeit nicht zu einer substantiellen Gleichwertigkeit führt. KI kann keine Transzendenz im eigentlichen Sinne bieten, keine existenzielle Hoffnung, keine Gemeinschaft oder Erlösung.
Die Rolle der Kirchen
Paganini beleuchtet auch, wie die Kirchen mit dem technologischen Fortschritt umgehen: Einerseits gibt es offizielle Mahnungen (z. B. vom Papst in Laudate Deum und Algor-Ethik), andererseits beteiligt sich die Kirche aktiv an der ethischen Diskussion. Schönherr-Mann sieht hier eine spannende Spannung zwischen Anpassung und Bewahrung religiöser Kernwerte.
Fazit der Rezension
Schönherr-Mann lobt Paganinis Essay als originell, tiefgründig und disziplinübergreifend. Sie schaffe es, theologische und philosophische Begriffe auf moderne Technologien anzuwenden, ohne in Alarmismus oder Technikfeindlichkeit zu verfallen. Vielmehr biete sie eine kluge, ethisch motivierte Reflexion über unsere Beziehung zur Technologie – und über den Preis, den wir für eine mögliche „Vergöttlichung“ von KI zahlen könnten.
Link zur vollständigen Rezension:
Spektrum.de – Rezension „Der neue Gott“
Der humanistische Standpunkt zu KI und Digitalem Humanismus
Aus humanistischer Sicht – insbesondere in der säkularen und aufklärungsorientierten Tradition – stellt sich der Umgang mit Künstlicher Intelligenz und digitalen Technologien wie folgt dar:
1. KI ist ein Werkzeug, kein Subjekt
Im Zentrum des Humanismus steht der Mensch als autonomes, vernunftbegabtes und moralisches Wesen. KI hingegen ist ein Produkt menschlicher Kreativität – ein Werkzeug, das in keine metaphysische oder transzendente Kategorie gehört. Sie mag komplex und leistungsfähig sein, bleibt aber in ihrer Verantwortung, Bedeutung und Gestaltung vollständig menschlich gebunden.
2. Kritik am Technikglauben
Der Humanismus tritt historisch gegen Dogmen, Absolutheitsansprüche und unkritische Gläubigkeit auf – sei es religiöser oder technischer Art. Die Rede von KI als „Gott“ erinnert gefährlich an eine postmoderne Ersatzreligion, in der rationale Kontrolle und ethische Selbstverantwortung durch algorithmische Autorität ersetzt werden. Der humanistische Ethos fordert stattdessen Verantwortungsethik und transparente Rechenschaftspflicht für jede Form technologischer Macht.
3. Digitaler Humanismus – ein Gestaltungsprojekt
Der Digitale Humanismus, wie er etwa am Wiener Manifest oder an der TU Wien entwickelt wird, setzt darauf, die digitale Transformation menschengerecht, demokratisch und ethisch vertretbar zu gestalten. Dabei geht es nicht nur um Technikfolgenabschätzung, sondern um aktive politische, kulturelle und soziale Gestaltung:
- Schutz der Menschenwürde und Privatsphäre
- Stärkung der digitalen Teilhabe
- Demokratisierung von Technologie
- Bekämpfung algorithmischer Diskriminierung
- Förderung kritischer Medienkompetenz
4. Anthropologische Klarheit
Ein humanistischer KI-Diskurs erkennt die Grenzen des Maschinellen an:
KI versteht nicht, fühlt nicht, will nichts – sie rechnet, analysiert, imitiert. Sie mag nützlich sein, um Krankheiten zu erkennen oder Texte zu generieren, aber sie ersetzt keine menschliche Urteilskraft, kein moralisches Bewusstsein, kein intersubjektives Verstehen.
5. Der Mensch bleibt das Ziel
Technik darf niemals Selbstzweck sein. Der Humanismus betont, dass alle technischen Entwicklungen an einem Maßstab gemessen werden müssen: Fördern sie menschliches Gedeihen, Freiheit, Würde und Selbstbestimmung? Wenn nicht, müssen sie verändert oder begrenzt werden.
Abschließende Einschätzung
Paganinis Buch stellt eine wichtige religionsphilosophische Intervention dar – sie zeigt, wie tief das Bedürfnis nach Sinn, Orientierung und Allmacht in den KI-Diskurs eingewandert ist. Für den Humanismus bedeutet das: Widerstand gegen quasireligiöse Verklärung, ethische Reflexion, gestaltende Verantwortung und vor allem Aufklärung über die Rolle und Reichweite technischer Systeme.
Denn der „neue Gott“ darf uns nicht daran hindern, menschlich zu bleiben.
Der neue Gott.
Künstliche Intelligenz und die menschliche Sinnsuche (Gebundene Ausgabe)
Autorin: Claudia Paganini
Gebundene Ausgabe: 20,60 €
eBook (EPUB): 15,99 €
eBook (PDF): 15,99 €
Wie KI und Spiritualität zusammenpassen
Verlag Herder
Erste Auflage 2025
Gebunden
192 Seiten
ISBN: 978-3-451-60146-0
Bestellnummer: P601468


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