Das Kreuz mit dem Kreuz
Wenn ein Staat beginnt, religiöse Symbole an die Wand zu hängen, ist das nicht nur ein kulturpolitisches Signal, sondern ein Angriff auf die weltanschauliche Neutralität, die das Fundament jeder liberalen Demokratie bildet. Besonders problematisch wird es, wenn diese Symbole nicht einfach abstrakte Glaubenszeichen sind, sondern konkrete Machtinsignien aus den Händen jener, die in kirchlichen Machtstrukturen jahrzehntelang Verantwortung trugen für das systematische Wegsehen, das Vertuschen und das Schweigen gegenüber Gewalt.
Der sogenannte Kreuzerlass der Bayerischen Staatsregierung ist ein solcher Fall, ein Paradebeispiel dafür, wie säkulare Prinzipien im Namen von Folklore und Identität schleichend ausgehöhlt werden. Der Artikel von Peter Kurz auf dem Humanistischen Pressedienst zeigt, wie die Staatskanzlei in München sich in sprachliche Ausflüchte rettet, während sie sich symbolisch mit einem der skandalträchtigsten Vertreter der katholischen Amtskirche gemein macht.
Humanist:innen sehen darin nicht nur einen Bruch mit dem humanistischen Ethos, sondern vor allem einen klaren Verstoß gegen das säkulare Gebot der weltanschaulichen Zurückhaltung staatlicher Institutionen. Wir stehen für eine Republik, in der öffentliche Räume frei bleiben von religiösen Machtdemonstrationen, und in der die Stimme derer, die unter religiöser Gewalt gelitten haben, endlich ernst genommen wird.
Das Kreuz von Kardinal Wetter – kein Symbol, sondern eine Zumutung
Was da im Amtszimmer von Markus Söder hängt, ist nicht einfach ein Kreuz. Es ist ein Kruzifix, das aus dem persönlichen Besitz von Friedrich Kardinal Wetter stammt, jenem langjährigen Erzbischof von München und Freising, der mehrfach durch seine Rolle in der Vertuschung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche bekannt wurde. Dieses Kreuz wurde von katholischen Priestern geweiht und in den Räumen der Staatskanzlei als angeblich kulturelles Artefakt inszeniert. Eine absurde Verdrehung der Tatsachen, denn natürlich ist dieses Kreuz religiös aufgeladen – und zwar nicht nur durch seine Form, sondern durch seine Geschichte, seine Weihe und seine Herkunft.
Peter Kurz legt in seinem Artikel offen, wie die bayerische Regierung sich in Widersprüchen verliert. Einerseits sei das Kreuz nicht religiös gemeint, andererseits verteidigt man es mit Verve gegen jede Kritik, als wäre es ein unersetzlicher Bestandteil bayerischer Identität. Wer hier genau hinschaut, erkennt schnell, worum es wirklich geht: Es geht um Machtdemonstration, um die symbolische Vereinnahmung öffentlicher Räume durch eine Regierung, die sich zunehmend mit religiös-nationaler Kulisse schmückt.
Was für manche Heimat ist, ist für andere ein Ort des Schmerzes
Besonders scharf wird die Problematik, wenn man die zu Wort kommen lässt, die unter kirchlicher Gewalt gelitten haben. Andreas Sturm, ein Betroffener, wird im Artikel eindrucksvoll zitiert. Für ihn ist das Kreuz von Kardinal Wetter kein Zeichen des Trostes, sondern eine offene Wunde, ein täglicher Reminder an eine Institution, die nicht nur Täter in ihren Reihen duldete, sondern systematisch wegsah, vertuschte und schwieg. Zitat von Andreas Sturm:
Wenn ein Staat das Kreuz eines Mannes aufhängt, der Täter schützte, dann ist das nicht Kultur, sondern ein Schlag ins Gesicht.
Diese Worte machen deutlich, wie blind die staatliche Symbolpolitik gegenüber der Realität vieler Betroffener ist. Sie zeigen, dass es nicht genügt, Symbole als Tradition zu etikettieren, wenn sie in Wirklichkeit Macht, Unterdrückung und Ignoranz verkörpern. Ein säkularer Staat, der sich ernst nimmt, muss in solchen Fällen klar und entschieden handeln – nicht relativieren, beschwichtigen oder schweigen.
Säkularität ist keine Meinung, sondern demokratische Notwendigkeit
Die bayerische Staatskanzlei spricht von kultureller Prägung, vermeidet aber tunlichst das Wort Religion, obwohl genau diese hier im Zentrum steht. Es ist eine durchschaubare Strategie: Man will das Symbol entpolitisieren, um es umso politischer nutzen zu können. Aber Säkularität bedeutet eben genau das Gegenteil – sie verlangt, dass der Staat sich zurückhält, dass er keine religiöse Weltanschauung privilegiert, schon gar nicht eine, die tief in Skandale verstrickt ist.
Humanistische Werte wie Aufklärung, Empathie und Vernunft sind nicht bloß moralische Maximen, sie bilden die Voraussetzung für einen säkularen Staat, der alle Menschen gleich behandelt – unabhängig davon, ob sie glauben, was sie glauben oder ob sie gar nicht glauben. Ein Staat, der Kreuze aufhängt, die mit institutionalisierter Gewalt verknüpft sind, hat sich von diesem Ideal verabschiedet.
Kein Raum für Heiligenbilder in der Staatskanzlei
Der Kreuzerlass ist kein kulturelles Bekenntnis, sondern ein politischer Offenbarungseid. Wer in einem öffentlichen Amtssitz ein Kreuz aufhängt, das direkt mit einem System kirchlicher Gewalt verknüpft ist, verachtet die Säkularität, verletzt die Würde der Betroffenen und instrumentalisiert Geschichte für ideologische Zwecke. Der Artikel von Peter Kurz zeigt, wie notwendig es ist, wachsam zu bleiben. Die Verteidigung des säkularen Staates ist keine historische Fußnote, sondern eine aktuelle Aufgabe – für uns alle.

Söder beharrt auf dem Kardinal-Wetter-Kreuz in der Staatskanzlei


Kreuzerlass – Bayerns Staatskanzlei verwickelt sich in Widersprüche

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