Praktische Schritte für eine dekolonialisierte Kreativwirtschaft
Einleitung
Die globale Kreativwirtschaft steht vor einer fundamentalen Herausforderung: Sie muss sich dekolonisieren. Noch immer beruhen viele ihrer Strukturen auf einem Erbe aus Ausbeutung, Aneignung und Ungleichverteilung von Ressourcen und Rechten. In einer zunehmend vernetzten und digitalisierten Welt, in der kulturelle Inhalte schneller zirkulieren als je zuvor, braucht es neue Regeln, neue Formen der Zusammenarbeit und neue Wertvorstellungen.
Der Beitrag Practical Steps Toward a Decolonized Creative Economy von Alison McIntyre liefert eine kluge, radikale und praxisnahe Anleitung, wie dieser Wandel gelingen kann. Er richtet sich an Künstler:innen, Kultureinrichtungen, politische Entscheidungsträger:innen, Entwickler:innen und alle, die an einer gerechteren Welt mitwirken wollen.
1. Kreatives Eigentum neu denken
Das vorherrschende Verständnis von kreativem Eigentum ist eng an westliche, individualistische Rechtsvorstellungen gekoppelt. Werke gehören einer Person oder einem Unternehmen, andere dürfen sie nur gegen Geld nutzen. Doch viele Kulturen verstehen Kreativität als kollektiven, gemeinschaftlichen Akt.
Wenn wir wirklich dekolonisieren wollen, müssen wir uns von exklusiven Eigentumsansprüchen lösen. Künstler:innen sollen die Möglichkeit erhalten, ihre Werke gemeinschaftlich zu verwalten. Kooperative Modelle, in denen Gruppen über Nutzungsrechte, Verwertung und Einnahmen demokratisch entscheiden, könnten ein neues Standardmodell werden. Diese Ansätze schaffen nicht nur wirtschaftliche Sicherheit, sondern fördern auch Solidarität und gegenseitige Fürsorge.
2. Das Urheberrecht reformieren
Das Urheberrecht schützt oft nicht die Künstler:innen, sondern die Verwerter:innen. Megakonzerne sichern sich Lizenzen, verwerten Werke über Jahrzehnte und schließen ganze Generationen vom kulturellen Erbe aus. Für eine dekolonisierte Kreativwirtschaft braucht es dringend Reformen: kürzere Schutzfristen, automatische Gemeinfreiheit nach einer überschaubaren Zeit, klare Regeln für Remix, Sampling und Wiederaneignung.
Auch KI-Systeme müssen in die Gesetzgebung einbezogen werden. Wenn Werke zum Training von KI genutzt werden, müssen die Künstler:innen zustimmen und fair entlohnt werden. Es darf nicht sein, dass Konzerne Milliarden verdienen, während die kreative Grundlage von unterbezahlten oder marginalisierten Gruppen stammt.
3. Künstliche Intelligenz ethisch einbinden
KI kann ein Werkzeug der Befreiung oder der Ausbeutung sein. In der gegenwärtigen Praxis dominiert Letzteres: Sprachmodelle, Bildgeneratoren und Plattformen wie Spotify oder TikTok nutzen riesige Datenmengen, ohne dass deren Urheber:innen mitreden oder profitieren.
Stattdessen braucht es partizipative KI-Projekte: Künstler:innen und Entwickler:innen müssen gemeinsam entscheiden, wie KI trainiert wird, welche Inhalte genutzt werden dürfen und wie Gewinne verteilt werden. Transparente, gemeinnützige, dekoloniale KI-Infrastrukturen könnten eine Gegenmacht zu den Tech-Giganten bilden.
4. Gemeingüter schaffen und pflegen
Dekolonisierung heißt auch: den Zugang zu Wissen, Kultur und Geschichte radikal zu öffnen. Viele kulturelle Inhalte sind nur gegen Geld oder mit juristischen Hürden nutzbar. Selbst öffentlich finanzierte Museen und Bibliotheken schränken oft den Zugang zu Digitalisaten ein. Das ist nicht nur unsozial, sondern auch antikreativ.
Statt Exklusivität braucht es Commons: frei zugängliche Archive, Open-Source-Plattformen, kollaborative Datenbanken. Diese müssen barrierefrei, mehrsprachig und partizipativ gestaltet werden. Vor allem aber müssen sie auf Respekt und Gerechtigkeit beruhen – insbesondere im Umgang mit indigenem Wissen, kolonialem Erbe und sensiblen Daten.
5. Künstler:innen absichern
Wer dekolonisieren will, darf nicht ignorieren, wie prekär viele Künstler:innen leben. Unbezahlte Auftritte, unterbezahlte Projekte, fehlende Sozialversicherung: das ist Alltag. Viele kreative Menschen müssen ihre Kunst in der Freizeit machen, während sie von Gelegenheitsjobs leben.
Es braucht ein neues ökonomisches Fundament: faire Bezahlung, soziale Absicherung, Künstlersozialfonds, Grundeinkommen, kollektive Plattformen, die Gewinne solidarisch verteilen. Daneben braucht es psychologische Unterstützung, Rechtsberatung und Fortbildung. Eine dekolonisierte Kreativwirtschaft darf niemanden verheizen, ausbeuten oder alleinlassen.
6. Plattformen in die Pflicht nehmen
Die Infrastruktur der Kreativwirtschaft liegt heute in den Händen weniger Konzerne. Sie entscheiden, was sichtbar ist, was sich lohnt, was gelöscht wird. Sie kontrollieren Algorithmen, Nutzungsbedingungen und Märkte. Das ist gefährlich – und völlig undemokratisch.
Deshalb müssen Plattformen reguliert und demokratisiert werden. Künstler:innen müssen Mitspracherechte haben, wenn es um Content-Moderation, Lizenzierung und Datenverwertung geht. Staatliche Unterstützung darf es nur geben, wenn Plattformen transparent und fair agieren. Alternativ müssen öffentliche oder genossenschaftliche Alternativen gefördert werden.
7. Kulturelle Institutionen dekolonisieren
Museen, Theater, Hochschulen und Stiftungen tragen eine historische Verantwortung. Viele verdanken ihren Bestand kolonialer Ausbeutung, viele reproduzieren bis heute weiße, westliche Perspektiven. Eine Dekolonialisierung muss hier ansetzen – nicht kosmetisch, sondern strukturell.
Das heißt: kritische Provenienzforschung, Rückgabe gestohlener Objekte, Anerkennung indigener Autorität, Förderung marginalisierter Stimmen. Institutionen müssen ihre Entscheidungsstrukturen öffnen, Macht teilen und systematische Ungleichheit abbauen. Nicht zuletzt braucht es neue Narrative, neue Kanons, neue Formen der Anerkennung.
8. Technologie als Werkzeug, nicht als Herrscherin
Technologie kann unterdrücken oder befreien. Eine dekolonisierte Kreativwirtschaft erkennt das an – und entscheidet sich bewusst für Werkzeuge, die menschliche Kreativität stärken, nicht kontrollieren. Kleine, lokal verankerte Tech-Projekte, Open-Source-Initiativen, barrierearme Tools, die gemeinsam entwickelt werden: Das sind die Bausteine einer demokratischen Kulturtechnik.
Entscheidend ist: Technologie darf nicht neutral betrachtet werden. Sie ist nie unabhängig von Machtverhältnissen. Deshalb müssen Künstler:innen nicht nur Nutzer:innen, sondern Mitgestalter:innen sein.
Fazit: Dekolonialisierung ist kein Projekt, sondern eine Haltung
Eine dekolonisierte Kreativwirtschaft ist kein Ziel, das man einmal erreicht und dann abhakt. Sie ist ein ständiger Prozess der Reflexion, der Umverteilung, des Zuhörens. Es geht um mehr als um Gerechtigkeit. Es geht um die Möglichkeit, neu zu denken, anders zu fühlen, gemeinsam zu handeln.
Wer kreativ tätig ist, trägt Verantwortung. Wer Strukturen schafft, noch mehr. Wenn wir als Gesellschaft wollen, dass Kunst, Kultur und Technologie frei, vielfältig und menschenwürdig bleiben, müssen wir jetzt handeln – mutig, strukturell und solidarisch.
Weiterführende Links
- Practical Steps Toward a Decolonized Creative Economy
- Decolonial Toolkit for Climate Artists
- Cultivating Imaginations for a Decolonized Future
- Kenya’s Pioneering Steps Towards a Thriving Creative Economy
Hinweis: Dieser Artikel basiert auf den im April 2025 veröffentlichten Leitlinien von alimcforever und wurde durch zusätzliche Quellen ergänzt, um eine umfassende Perspektive auf die Dekolonialisierung der Kreativwirtschaft zu bieten.

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