Der rhetorische Eiertanz der Kirche
Eine neue Studie zu sexuellem Missbrauch im Bistum Speyer zeigt erschütternde Details – doch im Mittelpunkt steht nicht das Leid der Betroffenen, sondern die Betroffenheit eines Bischofs. Rainer Keller analysiert auf hpd.de den rhetorischen Selbstschutz der Kirche. Ein Kommentar mit humanistischer Klarheit.
Im Humanistischen Pressedienst (hpd) erschien kürzlich ein aufrüttelnder Artikel von Rainer Keller unter dem Titel Ist einem Bischof die Wahrheit rausgerutscht? Darin analysiert der Autor mit scharfem Blick die mediale und kirchliche Aufarbeitung der neuesten Studie zum Kindesmissbrauch im Bistum Speyer.
Wir danken Rainer Keller für seine präzise und mutige Analyse, die nicht nur journalistische Aufmerksamkeit verdient, sondern auch eine humanistische Reflexion herausfordert – über Verantwortung, Schweigen und kirchliche Selbstinszenierung.
Die Studie als Nachricht ohne Nachhall
Das Bistum Speyer hat eine neue Missbrauchsstudie vorgelegt, die Missbrauchsstrukturen in den 1950er bis 1970er Jahren aufarbeitet. Das öffentliche Echo? Minimal. Obwohl es sich um schwere systemische Gewalt handelt, fällt der mediale Aufschlag verhalten aus.
Die Kirche liefert den Bericht über das Portal katholisch.de gleich selbst. Ein Ort, an dem man sich selbst befragen, aber kaum ernsthaft kritisieren muss. Rainer Keller sieht darin ein bekanntes Muster: Kontrolle über die Geschichte beginnt mit Kontrolle über die Berichterstattung.
Tränenreiche Taktik ersetzt echte Verantwortung
Im Artikel wird besonders Bischof Karl-Heinz Wiesemann zitiert, der sich betroffen zeigt. Er berichtet von tief beschämenden Vorgängen und schildert, wie schwer ihm das Sprechen darüber falle. Emotionen dominieren, doch konkrete Taten bleiben diffus.
Was hier als Demut präsentiert wird, ist in Wirklichkeit oft Strategie: Das Publikum soll sich mit der betroffenen Kirche identifizieren, nicht mit den betroffenen Kindern.
Die Vergangenheit als Schutzschild
Wiesemann betont, dass viele der Verbrechen lange zurückliegen, also vor seiner Amtszeit. Das klingt zunächst nachvollziehbar, dient aber rhetorisch vor allem dazu, Verantwortung zu entkoppeln: Schuld ja, aber nicht unsere.
Die Kirche bleibt damit strukturell unangetastet, während sie emotional Anteilnahme vortäuscht. Die Täter von gestern werden zum moralischen Puffer für die Verantwortungsträger von heute.
Heimstrukturen als Täterkulisse
Die Studie verweist auf autoritäre Strukturen in kirchlich geführten Heimen, oft unter Leitung von Laien. Das lenkt ab, von Priestern, Bischöfen, Entscheidungsträgern. Der Missbrauch geschah im kirchlichen System, aber angeblich nicht durch die Kirche selbst.
Keller dekonstruiert diese rhetorische Wendung: Die Täter erscheinen als Einzelfälle in einem ansonsten intakten System, statt als logische Konsequenz eines kirchlichen Machtmodells, das sich bis heute weitgehend selbst kontrolliert.
Symbolische Reue ersetzt Reform
Der Bischof bekundet Reue. Doch was folgt daraus? Nichts Greifbares. Keine strukturellen Umbauten, keine konkreten Schutzmechanismen, keine unabhängige Kontrolle.
Reue ohne Reform ist kirchliche Tradition – keine Aufarbeitung.
Der humanistische Blick verlangt Taten
Der Artikel von Rainer Keller macht deutlich: Die Kirche betreibt eine Form von Krisenmanagement, die emotional wirkt, aber strukturell leer bleibt. Sie präsentiert sich als betroffen, aber nicht verantwortlich.
Was Humanist:innen jetzt tun können
Empörung allein verändert nichts. Wer Missstände erkennt, muss auch Verantwortung übernehmen, und das beginnt bei Sichtbarkeit und Solidarität. Humanist:innen, säkulare Verbände und alle, die sich weltanschaulich der Aufklärung und Menschenwürde verpflichtet fühlen, stehen in der Pflicht, nicht zu schweigen.
Was können wir konkret tun?
- Benennen, was andere verschweigen:
Missbrauchsstrukturen dürfen nicht relativiert oder in kirchlicher Rhetorik vernebelt werden. Klartext ist gefragt, in Gesprächen, Publikationen und sozialen Medien. - Opfern zuhören – nicht nur Institutionen:
Statt kirchlichen Studien allein zu vertrauen, sollten säkulare Gruppen Betroffenen eine Bühne bieten: durch Interviews, Veranstaltungen, Publikationen. - Politisch Druck machen:
Staatliche Institutionen müssen unabhängige Aufarbeitung einfordern und durchsetzen. Wer kirchliche Träger weiterhin finanziert, ohne Aufklärung zu verlangen, macht sich mitverantwortlich. - Humanistische Bildung stärken:
Nur wer erkennt, wie Autoritätssysteme funktionieren, kann sie hinterfragen. Humanistische Bildungsarbeit, in Schulen, Gemeinden, Medien, ist langfristiger Kinderschutz. - Solidarität zeigen – auch öffentlich:
Aufruf zur Teilnahme an Demonstrationen, Petitionen, Leserbriefen, Beschwerdebriefen an staatliche Stellen. Sichtbarkeit verändert Diskurse.
Der humanistische Kompass richtet sich nicht nach Empörungstrends, sondern nach Prinzipien: Würde, Wahrheit, Verantwortung. Gerade deshalb braucht es jetzt eine klare Stimme, gegen das institutionalisierte Schweigen.
Quellen und Links
- Artikel von Rainer Keller auf hpd: Ist einem Bischof die Wahrheit rausgerutscht?
- Bericht auf katholisch.de: Studie zu Missbrauch im Bistum Speyer
- Hintergrund zur Missbrauchsstudie (Bistum Speyer): Ergebnisse des Forschungsprojekts

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