Der Tod des Neuen Atheismus?
Eine humanistische Kritik eines konservativ-katholischen Narrativs
Ein aktueller Artikel aus dem konservativ-katholischem Lager proklamiert den Untergang des Neuen Atheismus, stilisiert Klimaschutz, Feminismus und soziale Gerechtigkeit als Ersatzreligionen und feiert eine vermeintliche Renaissance des Christentums.
Diese Dramaturgie mag rhetorisch funktionieren, doch rational ist sie keineswegs. Eine kritische humanistische Analyse zeigt: Diese Argumentation ist verkürzt, rhetorisch getrieben und empirisch unhaltbar. Nice try, aber hier nun das Skalpell:
Atheismus: kein Hype, sondern gesellschaftliche Entwicklung
Der Artikel baut seine These auf einem Trugschluss auf: Er vergleicht den medialen Abklingen der bekanntesten Ateist:innen – Dawkins, Hitchens, Harris, Dennett – mit dem Untergang des Atheismus selbst. Das ist Angstmacherei statt Analyse. Atheismus ist keine organisierte Bewegung, kein Boss-System, der endet, wenn Promis schweigen. Laut Statistik Austria bezeichneten sich 2021 17 % der österreichischen Bevölkerung als konfessionslos, während es in Deutschland etwa 41 % und in Tschechien rund 72 % sind, das Pew Research Center prognostiziert einen weiter wachsenden Anteil „Religionsloser“ bis 2050 (2).
Rationalität lässt sich nicht an Lautstärke messen; diese Zahlen schon.
Keine rationale Welt? – Eine absurde Umkehrung
Der Artikel impliziert: Weil die Welt weiterhin Probleme hat, Kriege, soziale Ungleichheit, Umweltzerstörung, sei der Atheismus gescheitert. Das ist eine fatale Kausalumkehr. Atheisten würden argumentieren: Trotz 2000 Jahren Christentum ist die Welt immer noch voll Krisen, also hat die Religion versagt. Ein schwammiger Standard, auf den sich der Artikel einlässt, und damit den Humanismus diskreditiert statt ihn ernst zu nehmen.
Ersatzreligionen – rhetorisches Brandmal statt Substanz
Wer Menschenrechte, Klimaaktionspläne oder Gendergerechtigkeit als Ersatzreligionen diffamiert, instrumentalisiert Sprache gegen Vernunft. Eine Ersatzreligion ist per Definition Glaube an das Übernatürliche, aber Aktivismus für empirisch belegbare Themen hat mit Mystik nichts zu tun. Stattdessen zeigt sich die rhetorische Absicht, rationale Bewegungen in eine Klasse mit Dogmatismus zu drängen. Humanismus beruht auf Evidenz, Empathie und Debatte, eben nicht auf Blindglauben.
Genderdebatten – Fortschritt, nicht Verfall
Besonders zynisch ist die Abwertung gesellschaftlicher Gender- und Identitätsdebatten. Diese Auseinandersetzungen sind ein Zeichen demokratischen Fortschritts: Minderheiten erhalten Sichtbarkeit, Diskurse werden inklusiver. Studien belegen positive Effekte auf die psychische Gesundheit nicht-heteronormativer Personen, ein Fortschritt, kein Symptom kultureller Degeneration.
Dawkins als „Cultural Christian“ – Wunschdenken statt Fakt
Einmal sagte Richard Dawkins, er sei kultureller Christ. Diese Formulierung wurde vom Artikel als triumphaler Schwenk verkauft. Ein Blick in seine Haltung zeigt jedoch: Er bleibt Atheist. Der Begriff cultural christianity beschreibt lediglich, in einer christlich geprägten Kultur aufgewachsen zu sein. Katholische Apologeten nehmen nur das Etikett, nicht die inhaltliche Haltung – ein rhetorischer Schachzug, aber kein Beweis für eine Glaubenswende.
„Renaissance des Christentums“ – Illusion vs. Realpolitik
Als Belege für eine neue religiöse Welle werden Jordan Peterson, Ayaan Hirsi Ali und Russell Brand angeführt. Diese individuellen Fälle haben höchst unterschiedliche Motivationen – etwa psychologische Symbolik, kulturstrategische Entscheidungen oder persönliche spirituelle Erlebnisse. Sie verraten nichts über eine breite religiöse Wende. Dem gegenüber steht ein realer Trend: Kirchenaustritte auf Rekordniveau.
In Österreich 2023 traten 85.163 Menschen aus der katholischen Kirche aus; 2022 war mit 90.975 Austritten der bisherige Höchstwert. Parallel dazu schrumpft der Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung auf inzwischen etwa 50,6 %. Kirchenaustritte sind en détail häufig durch Missbrauchsskandale ausgelöst worden (Affäre Groër 1995, St. Pölten 2004) – und diese Zahlen sind alles andere als ein Indiz für religiöses Revival.
Religionssoziologische Einblicke – Säkularisierung bleibtqq2q
In der Religionssoziologie spricht die Säkularisierungsthese davon, dass Modernisierung, Rationalisierung, Individualisierung und funktionale Differenzierung langfristig zu einem Bedeutungsverlust von Religion führen (Max Weber, Steve Bruce, Detlef Pollack) (15). Gleichzeitig werden in moderner Forschung große Diversität, Pluralisierung und individuelle religiöse Formen thematisiert. sie bestätigen Säkularisierung als Trend (8).
Detlef Pollack etwa hat herausgearbeitet, wie tiefgreifend der kirchlich-religiöse Traditionsabbruch in Westdeutschland seit den 1960er-Jahren ist, und er suggeriert keine Wende, sondern kontinuierliche Schwächung der Kirchenbindung (4).
Kirchenaustritt in Österreich – Motive und Dynamik
Wissenschaftliche Studien analysieren das Phänomen differenziert: So zeigt eine österreichische Untersuchung (Berghammer et al., 2018), dass Kirchenaustritte unterschiedliche Motivationen haben – etwa ideologische Gründe, familienbezogene Dynamiken oder Ablehnung der Kirchensteuer. Kirchenaustritt ist keine plötzliche religiöse Abkehr, sondern oft das Ende persönlicher Bindung über Generationen. Eine andere Studie verweist auf innere Konflikte im Austrittsprozess, etwa kognitive Dissonanz, Zugehörigkeit, Identität – und dass Austritt auch neue Konflikte hervorrufen kann.
Humanistische Zusammenfassung
Der katholische Artikel führt eine politisierte Konstruktion: Er diffamiert rationale Wertebewegungen als Ersatzreligion, behauptet religiöse Re-Islamisierung anhand Einzelfällen und blendet Realitäten wie massenhafte Kirchenaustritte, Säkularisierung und soziologische Befunde aus.
Humanistisch betrachtet ist klar:
- Atheismus verschwindet nicht, er wächst – in Europa und Österreich.
- Vernunft ist kein Selbstläufer, aber sie ist Grundlage progressiver Gesellschaft.
- Engagement für Menschenrechte, Umwelt und Gleichstellung ist rational, nicht dogmatisch.
- Kirchlicher Bedeutungsverlust wirkt durch strukturelle Modernisierung, nicht durch das Versagen des Glaubens.
- Religion verliert ihren institutionellen Einfluss, nicht weil sie schlecht wäre – sondern weil moderne Gesellschaften Differenzierung, Pluralität und Selbstbestimmung honorieren.
Schlusswort: Rationalität statt Rhetorik
Der Artikel ist ein rhetorisches Manöver: Er liefert keine Analyse, sondern Rechtfertigung. Der humanistische Blick fragt nach Daten, nach Trends, nach individuellen Geschichten – statt nach Deutungsmacht. Aufklärung ist dynamisch, nicht stationär. Wer Fortschritt als Bedrohung bezeichnet, hat Rationalität nicht verstanden.
Literatur & Quellen
- Konfessionen und Konfessionsfreie in Österreich, https://wiki.avoesterreich.at/index.php/Konfessionen_und_Konfessionsfreie_in_%C3%96sterreich
- Statistik Austria: Religionszugehörigkeit 2021, https://www.statistik.at
- Pew Research Center: The Future of World Religions, https://www.pewresearch.org/religion/2015/04/02/religious-projections-2010-2050
- IPCC AR6 Synthesis Report, https://www.ipcc.ch/report/ar6/syr
- Pollack, Detlef: Abschied von den Kirchen – Religionssoziologische Trends, siehe Universitätsseite, z. B. Religion und gesellschaftliche Differenzierung (2016) Universität Münster
- Berghammer, C., Zartler, U., Krivanek, D.: Families and the Disaffiliation of Austrian Roman Catholics (2018) ResearchGate
- Studie: Internal Conflict Associated with Disaffiliation from the Roman Catholic Church, (2022) ResearchGate
- Säkularisierungsthese in der Religionssoziologie, Wikipedia (2024) Wikipedia
- Stolz, J.: (Un)Believing in modern society…, Academia.edu (2016) Academia
- Kirchenaustritte in Österreich: Jahreszahlen (1995–2023), Wikipedia (2025) Wikipedia
- KMU VI Ergebnisse zur Kirchenbindung, Wikipedia (2023) Wikipedia
- Die vier Reiter des Atheismus – ein ehrlicher Blick auf ihre heutige Situation https://www.atheistsforliberty.org/opinion/atheisms-four-horsemen-an-honest-look-at-where-they-are-now/


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