Die Säkularisierung ist ein Megatrend

Das sagen wir ja schon immer. Und wir werden immer mehr in Österreich, Europa und der ganzen Welt, die das sagen, ganz ohne Religionskriege und Repressalien, ohne türklingelnde Missionare und ohne tägliches Aufrufen durch Kirchenglocken, klar, wir haben ja auch gar keine Kirchen.

Aber wenn das Kardinal Christoph Schönborn zu seinem Abschied als Erzbischof von Wien in einer Bilanz-Pressekonferenz (Bericht: Standard) sagt, dann bekommt es ein anderes Gewicht, oder?


Ich möchte als erstes Kardinal Schönborn danken, für diese Erkenntnis und das wundervolle ins Licht der Massen setzen, das er damit für uns säkulare Humanistinnen und Humanisten und für die Konfessionsfreien macht, für die zehntausendfachen Gedankenanstöße, die er nun denen gibt, die das Interview gehört und die Artikel darüber gelesen haben. Vor knapp 1.000 Tagen habe ich noch seinem Amtskollegen Kardinal Woelki eine Urkunde verliehen, hier nachzulesen. Doch das kann ich in diesem Fall nicht tun, es würde die Fragen von Kardinal Schönborn, sein ernst gemeintes Ansinnen um Hilfe und Erklärungen diminuieren.

Ich finde es auch nur fair, nachdem Sie so viel für uns getan haben, daß ich einige Überlegungen anstelle, ob es kein Rezept gibt gegen den Rückgang der Gläubigen, und wie ich im Gegenzug Ihnen helfen darf. Sie haben Galater 6,2, und wir haben Kants kategorischen Imperativ und Rousseaus Empathie.

Reformansätze für ein solches Rezept gab es schon seit dem 3. Jahrhundert, die meisten wurden mit Drohungen und/oder Lebensentzug unterdrückt, aus Angst vor Änderungen, Gesichts- und Machtverlust.

  • Frühchristliche Reformen | Etablierung verbindlicher Glaubensgrundsätze durch ökumenische Konzile (z. B. Nicäa 325).
  • Benediktinische Reform (10./11. Jahrhundert) | Kloster Cluny: Rückbesinnung auf strenge Ordensregeln.
  • Gregorianische Reform (11. Jahrhundert) | Bekämpfung von Simonie und Investiturstreit; Durchsetzung des Zölibats.
  • Katharische und Waldenserbewegung (12./13. Jahrhundert) | Forderungen nach kirchlicher Armut und Reform der Kirchenhierarchie.
  • Die Franziskanische Reform (13. Jahrhundert) | Franz von Assisi: Betonung von Armut und Einfachheit.
  • Devotio Moderna (14./15. Jahrhundert) | Persönliche Frömmigkeit und moralische Erneuerung.
  • Hussitenbewegung (15. Jahrhundert) | Kritik an der kirchlichen Autorität und Verweltlichung.
  • Die Gegenreformation (16. Jahrhundert) | Reaktion auf die protestantische Reformation; Konzil von Trient (1545–1563).
  • Jesuitenbewegung (gegründet 1540) | Bildung, Mission und Verteidigung des Katholizismus.
  • Barocke Frömmigkeit (17./18. Jahrhundert) | Förderung von Kunst und Liturgie als Ausdruck des Glaubens.
  • Ultramontanismus | Stärkung der päpstlichen Autorität und Zentralisierung.
  • Kulturkampf und Reaktion | Auseinandersetzung zwischen Kirche und Staat, insbesondere in Deutschland.
  • Reformen der Arbeiterpastoral | Sozialenzyklika Rerum Novarum (1891): Kirche engagiert sich für soziale Gerechtigkeit.
  • Liturgische Bewegung (20. Jahrhundert) | Modernisierung der Liturgie und Betonung aktiver Teilnahme der Gläubigen.
  • Zweites Vatikanisches Konzil (1962–1965) | Modernisierung der Kirche, interreligiöser Dialog, stärkere Rolle der Laien.
  • Befreiungstheologie (ab 1960er Jahre) | Einsatz für soziale Gerechtigkeit und die Armen in Lateinamerika.
  • Charismatische Bewegung (ab 1960er Jahre) | Betonung von Spiritualität und persönlicher Glaubenserfahrung.
  • Frauenbewegungen in der Kirche (20. Jahrhundert) | Forderungen nach Gleichberechtigung, auch im kirchlichen Dienst.
  • Synodaler Weg (D, seit 2019) | Reformprozess zu Themen wie Machtstrukturen, Sexualmoral und Frauenrolle.
  • „Wir sind Kirche“ (seit 1995) | Laienbewegung für eine Reform der katholischen Kirche.
  • Papst Franziskus und Umweltfragen (seit 2013) | Enzyklika Laudato Si‘ (2015): Umwelt- und Klimaschutz als kirchliches Anliegen.
  • Missbrauchsskandale und Reformbewegungen (seit 2000er) | Aufarbeitung und Prävention; Reformen in den Machtstrukturen.
  • Digitale Kirche (21. Jahrhundert) | Nutzung von Technologie für Evangelisation und Kommunikation.

Eins steht fest: Reformen in der katholischen Kirche sind schwierig, weil sie sich stets im Spannungsfeld zwischen Bewahrung der Tradition, institutioneller Macht und gesellschaftlicher Veränderung bewegen.

Es gab wohl Theologische Hindernisse: Die die Angst vor Relativismus? Viele Verantwortliche in der Kirche fürchten, dass zu viele Reformen die Identität der Kirche und ihre klare Lehre verwässern könnten. Dogmatische Fixierung? Zentrale Glaubensinhalte wie das Priesteramt, die Sakramente oder die Sexualmoral gelten als unveränderlich. Reformen, die diese Bereiche betreffen, werden als unzulässig abgelehnt. Päpstliche Autorität? Der Papst wird als höchste Autorität angesehen, und seine Entscheidungen sind bindend. Wenn der Papst oder die römische Kurie gegen eine Reform ist, kommt sie oft nicht zustande.

Oder waren es Institutionelle Probleme: Langsame Entscheidungsprozesse? Reformen durchlaufen viele Gremien und Diskussionen, wodurch Entscheidungen oft Jahrzehnte dauern. Machtstrukturen? Die Kirche ist zentralisiert und hierarchisch aufgebaut. Lokale Initiativen oder synodale Prozesse stoßen oft an Grenzen, weil die römische Kurie Reformanliegen blockiert. Mangel an demokratischen Strukturen? Die Kirche ist keine Demokratie; Reformanliegen der Basis haben nur begrenzten Einfluss auf Entscheidungen der siebenstufigen Hierarchie.

Gab es Widerstand innerhalb der Kirche? Priestermangel als Argument gegen Reformen?
Statt grundlegender Reformen wird der Rückgang der Priesterzahlen oft als Grund genannt, bestehende Strukturen zu erhalten. Konservativen Widerstand? Ein starker konservativer Flügel lehnt Reformen ab, die er als Abweichung von der Tradition empfindet. Spannung zwischen Progressiven und Konservativen? Der Reformdiskurs ist oft von internen Machtkämpfen geprägt, was zu einer Pattsituation führen kann.

Waren es gesellschaftliche Faktoren? Ihr Glaubwürdigkeitsverlust? Missbrauchsskandale und die zögerliche Aufarbeitung führen dazu, dass viele Gläubige nicht mehr an die Reformfähigkeit der Kirche glauben. Kulturelle Unterschiede? Die katholische Kirche ist eine Weltkirche. Was in westlichen Ländern als dringend reformbedürftig gilt (z. B. Frauenordination, Sexualmoral), wird in anderen Teilen der Welt (z. B. Afrika, Asien) weniger kritisch gesehen.

Gar historische Belastungen? Ein Trauma der Reformation? Die katholische Kirche hat in ihrer Geschichte durch die Reformation und andere Abspaltungen erlebt, wie Reformbewegungen die Einheit gefährden können. Diese Erfahrung hat eine konservative Grundhaltung gefestigt. Eine Traditionsfixierung? Die katholische Kirche sieht sich als Hüterin einer jahrtausendealten Tradition, die Reformen erschwert oder verzögert.

Beruhte es auf fehlender Konsequenz? Symbolischen Veränderungen? Oftmals beschränken sich Reformen auf symbolische Akte, ohne die tieferliegenden Probleme anzugehen. Eventuell nur halbherzige Reformen? Viele Reformen werden angestoßen, aber nicht konsequent umgesetzt, z. B. die Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Oder schlussendlich ein mangelnder Dialog, beruhend auf der Sprachlosigkeit zwischen Klerus und Laien? Die Kluft zwischen den Bedürfnissen der Laien und der Haltung des Klerus erschwert gemeinsame Lösungen. Die fehlende Einbindung der Gläubigen? Reformprozesse wie der Synodale Weg zeigen, dass die Basis oft unzufrieden ist, weil sie das Gefühl hat, dass ihre Anliegen nicht ernst genommen werden.

Ich glaube, dass es alles das nicht war. Durch den Anspruch, die einzige Wahrheit zu besitzen, hat die Kirche in bestimmten Bereichen die Bedürfnisse und Erfahrungen des einzelnen Menschen in den Hintergrund gedrängt. Dieser Fokus auf die Institution und deren Dogmen führt zu mehreren Konsequenzen:

  1. Glaube als Machtinstrument
    Der Anspruch auf die absolute Wahrheit legitimiert eine hierarchische Machtstruktur, in der die Kirche selbst entscheidet, was als moralisch, wahr oder richtig gilt. Der einzelne Mensch mit seinen persönlichen Erfahrungen und Fragen steht oft hinter der institutionellen Ordnung zurück.
  2. Dogmen über Menschlichkeit
    In vielen Fällen wird das Einhalten von kirchlichen Vorschriften (z. B. Sexualmoral, Sakramente) höher gewertet als die Berücksichtigung individueller Lebensumstände. Dadurch geraten Menschen, die nicht den Erwartungen der Kirche entsprechen, ins Abseits.
  3. Verlust der Glaubwürdigkeit
    Dieser Absolutheitsanspruch macht es schwer, auf moderne gesellschaftliche Entwicklungen einzugehen. Menschen fühlen sich entfremdet, da ihre Lebensrealität oft nicht in den kirchlichen Lehren widergespiegelt wird.
  4. Fehlende Menschlichkeit im Zentrum
    Statt den Menschen als Subjekt zu sehen, wird er oft zum Objekt kirchlicher Regeln. Das widerspricht der eigentlichen Botschaft, die den Menschen im Mittelpunkt der Liebe Gottes sieht.

Die römisch katholische Kirche kann keinen Anspruch darauf erheben, moralisch zu sein, das hat sie zwei Jahrtausende bewiesen, sie hat zudem Glaubenssätze über den Menschen gestellt, damit ihre Glaubwürdigkeit gründlich verspielt und so den Menschen aus dem Fokus verloren. Den Menschen, den sie erlösen wollte.

Wie bekommt die Kirche also den Menschen wieder in den Fokus? Ein Vorschlag von mir: Indem sie dem Menschen wieder seine Rechte gibt, diese wundervoll klar formulierten aber auch unendlichen schwierig umzusetzenden Menschenrechte leben muss.

Schaue ich mir die Menschenrechtsverletzungen durch die Kirche an, so ergeben sich Verstöße aus fast allen Gebieten des menschlichen Zusammenlebens. Als säkulare Humanisten können wir gerne Hilfe geben, der säkulare Humanismus stellt den Menschen in den Mittelpunkt, setzt den Menschen in den Mittelpunkt seiner Philosophie, indem er sich auf die Würde, die Freiheit und das Potenzial jedes Einzelnen konzentriert, unter völligem Verzicht auf religiöse Dogmen, übernatürliche Erklärungen oder Autoritäten. Mit zentralen Aspekten:

Den Menschen als Maßstab zu setzen, mit seiner Autonomie, Verantwortung, Rationalität und Wissenschaft, den Fokus auf Menschenrechte zu setzen, mit Würde, Gleichheit, Freiheit und Selbstbestimmung, mit einer Ethik ohne Dogmen, basierend auf menschlichem Wohlergehen, Empathie und Mitgefühl, mit einer Förderung von Bildung und Kultur, die zu Selbstentfaltung und kritischem Denken führt, mit Gemeinschaft und Solidarität durch eine globale Verantwortung und praktischem Engagement und einer Abkehr von übernatürlichen Erklärungen durch den Fokus auf das Hier und Jetzt und dem Übertragen der Verantwortung für die Welt an den Menschen.

Und einer strengen Diät: Verzicht auf die in 2.000 Jahren benutzten Zutaten für das bisherige Rezept, den hunderttausendfachen unglaublichen Verstöße gegen die Menschenrechte. Ich will die in meinen Augen gravierendsten benennen, alphabetisch, nicht gewertet:

  • Arbeitsrecht
    (AEMR Artikel 2, 7, 12, 18, 21, 23 und 26)
  • Fehlende Glaubwürdigkeit nach den vielen Straftaten
    (AEMR 3, 5-12 und 27)
  • Führungsstruktur
    (AEMR Artikel 1, 2, 18 und 21)
  • Intelligent design, Ablehnung der Evolution, Bekämpfung von Aufklärung und Bildung
    (AEMR Artikel 19 und 25 bis 27)
  • Kirchliche Privilegien (Steuern, Konkordate, Kreuze im öffentlichen Raum, Unterricht)
    (AEMR Artikel 2, 7, 18, 21 und 27)
  • Position zur Abtreibung
    (AEMR Artikel 2)
  • Position zur Geburtenkontrolle
    (AEMR Artikel 12, 16, 25 und 27)
  • Position zur Rolle der Frau
    (AEMR 1, 2, 7, 16, 21, 23 und 27)
  • Position zur Sexualmoral und Verhütung
    (AEMR 12, 16, 19, 25 und 27)
  • Positionen zu Heiligen und zur Existenz der Hölle
    (AEMR 2, 5, 9, 12 und 18)
  • Schüren von Angst und Drohungen, Sanktionen
    (AEMR Artikel 3, 5, 7, 9, 12 und 21)
  • Stellung der Homosexuellen
    (AEMR Artikel 1, 2, 7, 12, 19, 21, 26 und 27)
  • Säkularität
    (AEMR Artikel 2, 12, 18, 21 und 27)
  • Täterschutzkommission (Klasniç-Kommission)
    (AEMR 3, 6-8, 10, 19)
  • Verweigerung des Menschenrechts Sterbehilfe
    (AEMR Artikel 1, 3, 5, 12 und 22)
  • Zölibat
    (AEMR 1, 12, 16, 18 und 21)

Probieren Sie es aus, lieber Kardinal Schönborn, setzen Sie sich ein für das neue Diätrezept. Fangen sie mit der Säkularität an, diese Menschen sind stark genug, können großartiges, und Sie als Kirche haben genügend Impact, sie sind ja auch die einzigen, die in den Medien schreiben und reden dürfen.. Und aus der Säkularität entwickelt sich dann vieles wie von selbst.

Probieren Sie es aus!


Eine sehr tiefgehende und für bestimmte Faktoren viel genauere Analyse für die Austrittsgründe gibt es auf dem Blog meines Präsidiumskollegen Balázs Bàrány unter Römisch-katholische Kirchenaustritte: Eine statistische Analyse

Er räumt auch mit dem Mythos: Der Kirchenbeitrag ist’s gründlich auf:

Den Mitgliedsbeitrag mussten Leute in den 50ern, 60ern, 70ern usw. auch bezahlen. Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen dem Kirchenbeitrag und den sich beschleunigenden Austritten bzw. Säkularisierung. Auch Länder ohne Kirchenbeitrag haben ähnliche Austritts-/Abwendungsraten.

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