Digitale Verantwortung kennt kein Verfallsdatum
Digitale Verantwortung kennt kein Verfallsdatum
Wenn ich die Debatten der vergangenen Monate verfolge, fällt mir immer wieder dasselbe Muster auf. Kaum wird jemand für Hass und Hetze im Internet zur Verantwortung gezogen, verschiebt sich die Diskussion. Plötzlich geht es nicht mehr um die ursprüngliche Beleidigung, nicht mehr um die Frage, ob jemand andere Menschen herabgewürdigt oder diffamiert hat. Stattdessen wird darüber gesprochen, ob man von den Beteiligten überhaupt erwarten könne, die Folgen ihres Handelns zu verstehen.
Genau an diesem Punkt werde ich nachdenklich.
Denn ich beobachte, dass wir in der digitalen Welt zunehmend Maßstäbe anwenden, die wir im analogen Leben niemals akzeptieren würden. Wer auf einem Marktplatz einer Beleidigung laut applaudiert, würde kaum ernsthaft behaupten können, mit der Sache nichts zu tun zu haben. Wer öffentlich Zustimmung signalisiert, übernimmt damit auch Verantwortung für diese Zustimmung. Im Internet hingegen wird häufig so getan, als wäre ein öffentlich sichtbares „Gefällt mir“ eine bedeutungslose Fingerbewegung ohne jede soziale oder moralische Relevanz.
Das überzeugt mich nicht.
Soziale Netzwerke funktionieren schließlich genau deshalb, weil Zustimmung sichtbar gemacht wird. Likes erhöhen die Reichweite von Inhalten. Sie beeinflussen Algorithmen. Sie signalisieren anderen Nutzern, welche Aussagen Unterstützung finden. Wer einen Kommentar öffentlich positiv bewertet, beteiligt sich an dessen Verbreitung. Das mag vielen nicht gefallen, aber genau so funktionieren diese Plattformen.
Als Humanist sehe ich dabei noch ein anderes Problem.
Der Humanismus geht vom mündigen Menschen aus. Er betrachtet Menschen als vernunftfähige Wesen, die Entscheidungen treffen und für diese Entscheidungen Verantwortung übernehmen können. Freiheit und Verantwortung gehören für mich untrennbar zusammen. Wer das Recht beansprucht, öffentlich seine Meinung zu äußern, muss auch akzeptieren, dass diese Äußerung Konsequenzen haben kann.
Besonders irritierend finde ich deshalb die Rolle, die in solchen Debatten oft das Alter spielt. Immer wieder entsteht der Eindruck, als würde die persönliche Verantwortung eines Menschen mit den Lebensjahren schwinden. Dieselbe Gesellschaft, die selbstverständlich davon ausgeht, dass Achtzigjährige wählen, Auto fahren, Verträge abschließen, Vereine leiten oder politische Funktionen ausüben können, erklärt sie plötzlich für nicht ausreichend zurechnungsfähig, um die Bedeutung eines öffentlich sichtbaren Likes zu verstehen.
Für mich ist das keine Form des Respekts gegenüber älteren Menschen.
Im Gegenteil: Es wirkt auf mich wie eine subtile Form der Entmündigung. Denn wer Menschen ihre Verantwortung abspricht, spricht ihnen letztlich auch einen Teil ihrer Selbstbestimmung ab. Würde und Mündigkeit bedeuten nicht nur Rechte zu besitzen. Sie bedeuten auch, für das eigene Handeln einzustehen.
Natürlich können Menschen Fehler machen. Natürlich kann jemand etwas anklicken, das er später bereut. Natürlich sollte es Raum für Entschuldigungen, Einsicht und Wiedergutmachung geben. Aber zwischen einem Fehler und der Behauptung, für das eigene Verhalten überhaupt nicht verantwortlich zu sein, besteht ein wesentlicher Unterschied.
Was mich an vielen dieser Debatten am meisten irritiert, ist die zunehmende Rollenumkehr. Immer häufiger geraten nicht die eigentlichen Beleidigungen oder Diffamierungen in den Mittelpunkt, sondern jene, die sich dagegen wehren. Aus handelnden Personen werden Opfer, aus Kritikern werden Täter und aus der Forderung nach Verantwortung wird angeblich Einschüchterung.
Mir scheint, dass wir uns damit auf einen gefährlichen Weg begeben. Eine freie Gesellschaft lebt von Meinungsfreiheit, aber sie lebt ebenso von Verantwortlichkeit. Wenn wir beginnen, öffentliche Zustimmung zu Hass und Hetze als belanglose Nebensache zu behandeln, verlieren wir beides.
Deshalb komme ich immer wieder zu demselben Schluss: Humanismus bedeutet für mich, Menschen ernst zu nehmen. Und Menschen ernst zu nehmen heißt nicht, sie von Verantwortung zu befreien. Es heißt, ihnen zuzutrauen, dass sie für ihr Handeln einstehen können.
Digitale Verantwortung kennt kein Verfallsdatum. Weder mit 18 noch mit 80 Jahren.

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