Diskurs ist keine Option mehr…

Für Ursula, Thomas. Lorenz, Jakob und Lennart…

Warum ich mich nicht mehr mit autoritär reaktionären Vernichtungspolitiker:innen beschäftige und warum selbst der Kaffee dabei metaphorisch sauer wird

Heute beim Frühstück schickte mir jemand einen Artikel von Substack. Beim Lesen hatte ich dieses sehr konkrete Gefühl, als würde die Milch im Kaffee sauer werden. Selbstverständlich ist das metaphorisch gemeint. Aber die Metapher passt, weil sie beschreibt, was diese Texte tun, sie verderben den geistigen Raum, in dem man sich bewegt.

Ich antwortete, dass ich mich nicht mehr mit rechten Arschlochpolitikern beschäftigen will. Für den Text hier wähle ich den präziseren, analytisch ehrlicheren Begriff autoritär reaktionäre Vernichtungspolitiker:innen. Gemeint sind dieselben Akteur:innen, nur ohne polemische Verkürzung, dafür mit begrifflicher Schärfe.

Trotzdem beschäftige ich mich mit dem Inhalt dieses Artikels. Nicht aus Neugier, nicht aus intellektueller Offenheit, sondern aus Referenzgründen. Um dem Menschen, der mir diesen Text geschickt hat, klar zeigen zu können, womit wir es hier zu tun haben. Nicht mit einer legitimen politischen Position, sondern mit einer Ideologie, die systematisch Menschenrechte, Aufklärung und demokratische Standards untergräbt.

Wer hier spricht und warum das jenseits des Diskurses liegt

Amichai Eliyahu ist kein missverstandener Konservativer, kein religiöser Hardliner mit scharfer Rhetorik. Er ist ein rechtsextremer, theokratisch grundierter Ethnonationalist. Seine Aussagen über eine mögliche atomare Bombardierung des Gazastreifens, seine offenen Fantasien ethnischer Säuberung, seine Relativierung von Hunger als Mittel der Kriegsführung, seine kategorische Ablehnung palästinensischer Staatlichkeit unter instrumentalisierendem Holocaustverweis, all das ist dokumentiert und konsistent.

Das sind keine Ausrutscher. Das ist Ideologie. Und zwar eine eliminatorische Ideologie, die Menschen nicht als Träger:innen gleicher Würde betrachtet, sondern als demografische Variable. Wer so spricht, verlässt den Raum demokratischer Auseinandersetzung. Nicht, weil er provoziert, sondern weil er Vernichtung denkbar, sagbar und politisch legitim machen will.

Warum ich mich grundsätzlich nicht mehr damit beschäftige

Ich beschäftige mich nicht mehr mit autoritär reaktionären Vernichtungspolitiker:innen, weil sie nichts beitragen, nichts lernen, nichts lösen, aber enorm viel zerstören. Zeit. Diskursqualität. Nerven. Abstand ist kein Rückzug, sondern ein Akt geistiger Selbstverteidigung und politischer Klugheit.

Das lässt sich begründen, und zwar sehr konkret.

Erstens: Kein Erkenntnisgewinn

Diese Akteur:innen liefern keinen Erkenntnisgewinn. Ihre Positionen sind seit Jahren identisch, nationalistisch, autoritär, faktenresistent. Da wird nichts weiterentwickelt, nichts präzisiert, nichts ehrlich geprüft. Wer sich ständig mit ihnen beschäftigt, dreht argumentativ im Kreis. Das ist kein Diskurs, das ist Wiederholungstherapie für geistige Stagnation.

Man kennt die Antworten, bevor sie ausgesprochen werden. Schuld sind immer die Anderen, Rechte gelten nur selektiv, Gewalt wird moralisch umetikettiert. Sich dem immer wieder auszusetzen, ist keine intellektuelle Offenheit, sondern Zeitverschwendung.

Zweitens: Systematische Anti-Aufklärung

Autoritär reaktionäre Vernichtungspolitiker:innen arbeiten strukturell anti-aufklärerisch. Fakten gelten nur, wenn sie ins Weltbild passen. Wissenschaft wird relativiert. Menschenrechte werden als bloße Meinung behandelt. Wer sich permanent damit auseinandersetzt, läuft Gefahr, den Referenzrahmen zu verschieben.

Plötzlich diskutiert man Selbstverständlichkeiten wie die Gleichwertigkeit aller Menschen oder die Unantastbarkeit ziviler Leben, als wären sie verhandelbar. Das ist intellektuell und moralisch toxisch. Der Diskurs wird nicht vertieft, sondern unterspült.

Drittens: Aufmerksamkeit als Ressource

Aufmerksamkeit ist ihre wichtigste Ressource. Empörung, Dauerreaktion, minutiöse Analyse jedes Tabubruchs stabilisiert ihre Reichweite. Man hilft ihnen, relevant zu bleiben. Sich abzuwenden ist kein Wegsehen, sondern Ressourcenhygiene.

Aufmerksamkeit dort einzusetzen, wo sie produktiv wirkt, bei Aufklärung, bei solidarischen Projekten, bei konstruktiver Politik, ist rational. Jeder Klick, jede empörte Replik ist Teil ihres Geschäftsmodells.

Viertens: Katastrophale emotionale Kosten-Nutzen-Rechnung

Die emotionale Kosten-Nutzen-Rechnung ist verheerend. Dauerbeschäftigung mit Hassrhetorik, Zynismus und autoritärem Menschenbild frisst Energie, die man für Aufbauarbeit braucht. Für Aufklärung. Für Solidarität. Für humanistische Projekte.

Wer ständig im Abwehrkampf steckt, kommt nie zum Gestalten. Das ist kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles. Autoritäre Politik lebt davon, andere dauerhaft in Reaktionsmodi zu zwingen.

Fünftens: Humanismus braucht positive Entwürfe

Humanismus lebt von positiven Entwürfen, nicht von Dauerabwehr. Es ist sinnvoller, über Würde, Freiheit, soziale Gerechtigkeit, säkulare Politik und reale Lösungen zu sprechen, als immer wieder auf dieselben destruktiven Figuren zu reagieren.

Kritik bleibt notwendig. Aber sie muss dosiert, strategisch und zielgerichtet sein, nicht obsessiv. Wer jede Provokation beantwortet, überlässt die Agenda denen, die nichts als Zerstörung anzubieten haben.

Warum ich es trotzdem tue, in diesem Fall

Ich befasse mich mit dem Inhalt dieses Artikels nicht, weil ich Eliyahu ernst nehme, sondern weil andere ihn offenbar noch ernst nehmen. Der Text dient mir als Referenz. Als Beleg. Als dokumentierte Warnung.

Er zeigt exemplarisch, wie religiöser Nationalismus, ethnischer Exklusivismus und staatliche Macht ineinandergreifen. Er zeigt, was passiert, wenn universalistische Menschenrechte durch partikularistische Heilsversprechen ersetzt werden. Und er zeigt, warum es notwendig ist, hier nicht zu diskutieren, sondern klar zu widersprechen.

Nachsatz: Das ist keine Feigheit vor dem Diskurs

Das ist keine Feigheit vor dem Diskurs, sondern eine Absage an einen falschen Diskurs.

Feigheit wäre es, begründete Kritik zu vermeiden, weil sie unangenehm ist. Genau das tue ich nicht. Ich verweigere mich einem Setting, das bewusst so konstruiert ist, dass kein Erkenntnisgewinn möglich ist. Ein Diskurs setzt Mindeststandards voraus, Faktenorientierung, argumentative Redlichkeit, die Bereitschaft, Positionen zu revidieren.

Autoritär reaktionäre Vernichtungspolitik operiert systematisch außerhalb dieser Standards. Wer dort diskutiert, simuliert Austausch, wo in Wahrheit Machtkommunikation stattfindet.

Nicht jeder Widerspruch ist Diskurs. Nicht jede öffentliche Auseinandersetzung ist mutig. Sich in Endlosschleifen aus Provokation, Skandalisierung und kalkulierter Grenzüberschreitung verstricken zu lassen, ist nicht Tapferkeit, sondern strategische Naivität.

Diskursverweigerung kann intellektuelle Redlichkeit sein. Sie zieht eine Grenze. Nicht, weil Positionen unbequem sind, sondern weil sie argumentativ leer, empirisch widerlegt und normativ menschenfeindlich sind. Rechten Akteur:innen den Diskursstatus zu entziehen, adelt sie nicht, sondern entzieht ihnen die Bühne.

Kurz gesagt: Mut im Diskurs heißt nicht, mit allen zu reden. Mut heißt zu entscheiden, wo Reden sinnvoll ist und wo Abbruch die ehrlichere, wirksamere Antwort ist. Wer sich nicht auf rhetorische Brandstiftung einlässt, ist nicht feige, sondern urteilsfähig.

Quellen

(1) Zeteo, Heritage Minister Amichai Eliyahu, Palestine, Fascism and the Land of Sebastia
https://zeteo.com/p/heritage-minister-amichai-eliyahu-palestine-fascism-land-sebastia

(2) Times of Israel, Far right minister says nuking Gaza an option
https://www.timesofisrael.com/far-right-minister-says-nuking-gaza-an-option-pm-suspends-him-from-cabinet-meetings

(3) Times of Israel, Eliyahu warns Palestinian state would lead to a Holocaust
https://www.timesofisrael.com/far-right-minister-eliyahu-warns-palestinian-state-would-lead-to-a-holocaust

(4) Jerusalem Post, All of Gaza will be Jewish
https://www.jpost.com/israel-news/article-862117

(5) Wikipedia, Amichai Eliyahu
https://en.wikipedia.org/wiki/Amihai_Eliyahu

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