Drei Jahre Krieg. Drei Jahre zuviel.

Eine Frau trauert in der ukrainischen Stadt Charkiw um einen geliebten Menschen, der bei einem russischen Drohnen-Angriff getötet wurde (12. Februar 2024). © IMAGO / Ukrinform
Am 24. Februar 2025 jährte sich zum dritten Mal der russische Angriff auf die Ukraine zum dritten Mal.

Der dritte Jahrestag des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ist ein düsteres und beschämendes Datum. Drei Jahre voller Zerstörung, unermesslichen Leids und imperialer Aggression, die Millionen von Menschen das Leben gekostet oder sie entwurzelt hat.

Dieser Krieg ist nicht nur ein Verbrechen gegen die Ukraine, sondern eine Schande für die gesamte Menschheit – ein brutaler Angriff auf Frieden, Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht der Völker.

Krieg ist stets eine Katastrophe für die Menschheit – ein Angriff auf Leben, Würde und grundlegende Menschenrechte. Jeder Krieg bringt unermessliches Leid, zerstört Existenzen und untergräbt Frieden und Freiheit. Wer Kriege beginnt oder unterstützt, tritt die Menschenrechte mit Füßen. Der Schutz dieser Rechte erfordert klare Haltung, entschlossene Hilfe für die Opfer und kompromisslose Konsequenzen für die Täter.

Dass Russland unter Putin weiterhin rücksichtslos mordet, Städte in Schutt und Asche legt und mit Lügen seine eigenen Bürger manipuliert, ist abstoßend. Noch abscheulicher sind die Feigheit und Heuchelei mancher Staaten und Politiker, die sich wegducken oder gar mit dem Aggressor liebäugeln, anstatt entschlossen gegen dieses Unrecht einzutreten.

Drei Jahre dieses Krieges sind drei Jahre zu viel. Und jedes weitere Zögern der freien Welt bei der Unterstützung der Ukraine verlängert das Grauen nur.

Dass einige westliche Staaten direkt oder indirekt Waffen oder kriegswichtige Technologien an Russland liefern, ist ein moralischer Bankrott und eine Schande sondergleichen. Während die Ukraine verzweifelt um Verteidigung kämpft, gibt es Regierungen und Unternehmen im Westen, die sich skrupellos bereichern, indem sie Russland mit Rüstungsgütern oder wichtigen Bauteilen versorgen.

Berichte zeigen, dass trotz Sanktionen westliche Hochtechnologie über Drittländer in russische Waffen fließt – Mikrochips für Raketen, Maschinenteile für Panzer, westliche Drohnenteile auf russischem Kriegsgerät. Dass manche Firmen dabei absichtlich die Augen verschließen oder gar bewusst Umgehungswege nutzen, macht sie zu Komplizen dieses völkerrechtswidrigen Angriffskriegs.

Solche Geschäfte sind nicht nur ein Verrat an der Ukraine, sondern an jedem demokratischen Prinzip. Wer auf der einen Seite Waffen an die Ukraine liefert und auf der anderen Russland indirekt mit Nachschub versorgt, macht sich mitschuldig an der Verlängerung dieses Krieges und dem Leid, das er verursacht. Diese Doppelmoral ist ekelerregend – und es braucht viel schärfere Maßnahmen, um sie endlich zu unterbinden.

Die genauen Opferzahlen des Ukraine-Krieges sind schwer zu bestimmen, da unterschiedliche Quellen variierende Angaben machen und die tatsächlichen Zahlen vermutlich höher liegen. Laut einem vertraulichen ukrainischen Bericht, der im Frühjahr 2024 erstellt und im Herbst 2024 veröffentlicht wurde, belaufen sich die ukrainischen Verluste auf etwa 80.000 Gefallene und rund 400.000 Verwundete. Die ukrainische Regierung gab am 8. Dezember 2024 bekannt, dass 43.000 Soldaten gefallen und 370.000 verwundet seien. Westliche Schätzungen variieren: So berichtete die US-Regierung im August 2023 von knapp 70.000 gefallenen und zwischen 100.000 und 120.000 verwundeten ukrainischen Soldaten.

Russische Angaben vom 27. Februar 2024 sprechen von mehr als 444.000 ukrainischen Opfern (Gefallene und Verwundete). Wikipedia

Auf russischer Seite dokumentierten BBC News Russian und die Website Mediazona bis zum 21. Februar 2025 den Tod von 95.026 russischen Soldaten und Vertragsbediensteten. Es wird jedoch angenommen, dass die tatsächliche Zahl der russischen Verluste höher liegt.


Die Gewalt und das Grauen, die von Russland gegen die ukrainische Zivilbevölkerung verübt werden, dauern an. Es liegen zahlreiche dokumentierte Fälle von Kriegsverbrechen vor, jedoch blieben die Verantwortlichen bislang straffrei. Inzwischen verhandeln die USA unter Präsident Donald Trump mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin über die Zukunft der Ukraine. Ein Friedensprozess, der die Zivilbevölkerung effektiv schützt, ist dringend erforderlich. Allerdings darf die Grundlage für einen solchen Frieden nicht darin bestehen, dass Kriegsverbrechen ungestraft bleiben und die Prinzipien des Völkerrechts sowie die Souveränität der Ukraine missachtet werden.

In der Nacht des 24. Februar 2022 machte Maria Guryeva kein Auge zu. Sie verfolgte nervös die Nachrichten auf Twitter. Guryeva ist Amnesty-Campaignerin für Belarus, die Ukraine und Moldau.

Plötzlich erschienen Videos von Überwachungskameras, auf denen zu sehen war, wie russische Panzer über einen der Grenzposten in die Ukraine einfuhren.

erinnert sie sich. Die Botschaft in den Nachrichten: „Es hat angefangen„. Gemeint ist die russische Invasion der Ukraine. Noch in der Nacht des Angriffs hatte UN-Generalsekretär António Guterres in einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrat vergeblich dazu aufgerufen, die Invasion zu stoppen:

Präsident Putin, halten Sie Ihre Truppen davon ab, die Ukraine anzugreifen, geben Sie dem Frieden eine Chance. Zu viele Menschen sind bereits gestorben.

Dass Russland einen Krieg gegen die gesamte Ukraine beginnen würde, war auch für Maria Guryeva schwer vorstellbar, obwohl eine mögliche Invasion Russlands schon seit Monaten diskutiert wurde, dachten die Menschen in der Ukraine nicht, dass dies tatsächlich jemals passieren würde.

Und das glaubten nicht bloß die Ukrainer*innen. Denn ein solcher Akt der Aggression hätte nicht nur für die Ukraine undenkbare Konsequenzen, sondern auch für Russland und viele andere Länder auf der Welt.

Folter, Hinrichtungen und Bomben auf Schulen 

Was dann in den Wochen und Monaten folgte, hat zum einen die Generalstaatsanwaltschaft der Ukraine dokumentiert, zum anderen haben nahezu alle Menschenrechtsorganisationen, vor allem Amnesty International in akribischen Berichten festgehalten. Sie dokumentieren das unfassbare Leid der ukrainischen Zivilbevölkerung:

Die Bevölkerung arbeitet digital mit

Dass die Ermittlungen schnell vorankommen, ist auch der Bevölkerung zu verdanken. Mehr als eine Viertelmillion Ukrainer*innen haben über ein Online-Portal der Regierung Hinweise und Beweismaterial eingereicht. Das 2021 gestartete Portal diente ursprünglich dazu, staatliche Dienst­leistungen zu digitalisieren. 17 Millionen Nutzer*innen sind angemeldet, rund 40 Prozent der Bevölkerung. Inzwischen können darüber auch kriegsrelevante Informationen mitgeteilt werden. Fotos lassen sich mit Standort- und Zeitangaben verknüpfen, um vor Gericht als Beweise zu dienen. Auf der von der Generalstaatsanwaltschaft eingerichteten Website warcrimes.gov.ua reichten Bürger*innen ebenfalls bereits mehr als 10.000 Meldungen über mutmaßliche Kriegsverbrechen ein, teilweise inklusive Beweismitteln.

Das Ausmaß der Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen sind eindeutige Beweise dafür, dass die ukrainische Zivilbevölkerung systematisch Ziel der russischen Angriffe war und weiterhin ist.

Der russische Angriffskrieg hat verheerende Folgen für Millionen Menschen in der Ukraine. Wir sehen systematische Angriffe auf die Zivilbevölkerung, zerstörte Infrastruktur sowie Massenvertreibungen. Die Missachtung des humanitären Völkerrechts und grundlegender Menschenrechte durch russische Streitkräfte hat ein erschreckendes Ausmaß angenommen.

sagt Carmen Traute, Expertin für Europa und Zentralasien bei Amnesty International in Deutschland.

Ob in ButschaIsjum oder Mariupol: Die Liste der ukrainischen Städte, in denen russische Truppen unbeschreibliches menschliches Leid über die Zivilbevölkerung gebracht haben, ist lang. Seit mehr als drei Jahren dauert der völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen Ukraine an. Seit mehr als drei Jahren ist niemand für diese Verbrechen zur Rechenschaft gezogen worden.

Russlands Angriff: Annexion der Krim als Ausgangspunkt  

Russlands Angriff auf die Ukraine begann bereits 2014 mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim-Halbinsel. Russland provozierte gleichzeitig Kämpfe im Osten der Ukraine, indem es bewaffnete Gruppen unterstütze, die in Donezk und Luhansk Volksrepubliken ausriefen. Verschleppungen, Folter und in vielen Fällen die Tötung von Zivilpersonen waren an der Tagesordnung. Zwischen 2014 und 2021 wurden durch diesen Konflikt mehr als 12.000 ukrainische Zivilpersonen getötet oder verletzt.

Amnesty International hat seit der russischen Annexion der Krim 2014 diese systematischen Menschenrechtsverletzungen dokumentiert.

Es ist wichtig, bereits während der andauernden Kampfhandlungen jedes einzelne Kriegsverbrechen sorgfältig zu dokumentieren. Die juristische Verfolgung der Verantwortlichen für diese völkerrechtlichen Verstöße muss – auch wenn es Jahre oder Jahrzehnte dauert – konsequent durchgeführt werden, bei diesen schweren Verbrechen gibt es keine zeitliche Begrenzung für die Strafverfolgung.

Auch zahlreiche andere Menschenrechtsverletzungen bis hin zu möglichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die Russland seit der Invasion im Februar 2022 begangen hat, hat Amnesty dokumentiert. Dazu gehört zum Beispiel die gewaltsame Verbringung ukrainischer Zivilpersonen, darunter auch Kinder, nach Russland oder tiefer in die von Russland besetzte Ukraine.

Gerechtigkeit durch Aufarbeitung der Verbrechen 

Russland setzt bei seinen Angriffen in der Ukraine außerdem eine Reihe von Waffen und Munition ein, die völkerrechtlich umstritten sind. Dazu gehören zum Beispiel Antipersonenminen und Streumunition, die ihrer Natur nach unterschiedslos Zivilist*innen und Kombatant*innen treffen und daher international weitgehend geächtet werden. Beides hat zu Opfern unter der ukrainischen Zivilbevölkerung geführt und ist als Kriegsverbrechen zu werten. In einem weiteren Bericht hat Amnesty auf die Situation älterer Menschen mit Behinderungen während des Krieges beleuchtet. Viele leiden unter Isolation und Vernachlässigung.

Die juristische Aufarbeitung der Kriegsverbrechen durch unabhängige Gerichte ist unerlässlich. Die Ukraine und ihre Bevölkerung haben ein Recht darauf, dass die Täter*innen zur Verantwortung gezogen werden. Die Opfer brauchen nicht nur eine lückenlose Aufklärung aller Verbrechen, sondern auch Gerechtigkeit und Wiedergutmachung für die erlittenen Schäden“

so Traute.

Haftbefehle für Putin, Schoigu und Gerassimow   

Es ist daher ein Schritt in die richtige Richtung, dass der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) im März 2023 Haftbefehle gegen Wladimir Putin, den Präsidenten der Russischen Föderation, und Marija Alexejewna Lwowa-Belowa, die Kinderrechtsbeauftragte des Präsidenten, erlassen hat. Die Haftbefehle stützen sich auf das Kriegsverbrechen der Verschleppung von Kindern. Auch gegen den ehemaligen russischen Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Armeechef Waleri Gerassimow hat der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehle wegen zahlreicher Kriegsverbrechen erlassen.

Im Februar 2025 hat US-Präsident Donald Trump nach einem Telefonat mit Wladimir Putin unverzügliche Verhandlungen über die Zukunft der Ukraine angekündigt. Erste Gespräche zwischen den USA und Russland fanden bereits in Saudi-Arabien statt – allerdings ohne Beteiligung der Ukraine und des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj sowie der europäischen Staaten.

Ohne Gerechtigkeit und Wiedergutmachung für die von der russischen Aggression betroffene ukrainische Zivilbevölkerung ist ein nachhaltiger Frieden in der Ukraine schwer vorstellbar. Die Verantwortlichen für mögliche Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Ukraine müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Die Rechte der Betroffenen müssen dabei an vorderster Stelle stehen,

so Traute.

Eine große Herausforderung bleibt, wie die internationale Gemeinschaft die Durchsetzung des Völkerrechts gewährleisten kann. Die Beweise für Kriegsverbrechen müssen weiter gesichert, die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen und die Rechtsstaatlichkeit auf internationaler Ebene wiederhergestellt werden. Nur so kann es Gerechtigkeit für die Menschen in der Ukraine geben.   

Die internationale Gemeinschaft steht vor der Aufgabe, geschlossen gegen diese Völkerrechtsverletzungen vorzugehen und gleichzeitig realistische Wege zu einem gerechten Frieden zu finden – ohne die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit und die Souveränität der Ukraine zu gefährden. Wie die vergangenen Jahre gezeigt haben, sind ein nachhaltiger Frieden und die Beendigung der Straffreiheit untrennbar miteinander verbunden.


Die öffentliche Meinung der russischen Bevölkerung in Bezug auf den Angriff lässt sich durch klassische Meinungsumfragen nur schwer ermitteln, da politischer Druck und Unterdrückung eine zu große Rolle spielen.

Eine Gruppe von Soziologen hat sich daher unter dem Deckmantel der Anonymität in drei russischen Regionen umgehört und die Erkenntnisse in dem Projekt Public Sociology Laboratory der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Eine der zentralen Erkenntnisse des Projekts lautet, dass die russische Gesellschaft auch drei Jahre nach Kriegsbeginn als entpolitisiert und ohne klare Ideologie zu betrachten ist. Der Krieg habe diese Entwicklung nicht bewirkt, er sei kein Ereignis, das „irgendjemanden zu irgendetwas“ motiviere. Die Menschen würden der offiziellen Politik und den Nachrichten immer stärker misstrauen und sich auf das Alltagsleben konzentrieren. Eine weitere Erkenntnis des Forschungsteams ist, dass Gespräche über den Krieg im Alltag vermieden werden.

Die Soziologinnen und Soziologen führten ihre Feldforschung in drei Regionen durch: im südsibirischen Burjatien, im südrussischen Krasnodar und in der Region Swerdlowsk im Ural. Ziel der Untersuchung war es, die Coping-Strategien der Menschen in Hinblick auf den Krieg als konstanten Bestandteil des Alltags zu erforschen. Dabei wurde besonderer Wert darauf gelegt, dass die Probanden nicht direkt nach ihrer Einstellung zum Krieg befragt wurden.

In drei Regionen waren die Soziologinnen und Soziologen gesamt unterwegs: im südsibirischen Burjatien, im südrussischen Krasnodar und in der Region Swerdlowsk im Ural. Sie wollten erforschen, wie die Menschen damit umgehen, dass der Krieg zum ständigen Teil des Alltags geworden ist. Und das, ohne über den Krieg direkt zu sprechen.

Denn wer in Russland eine abweichende Meinung zur Militärischen Spezialoperation nennt, muss mit langen Haftstrafen rechnen. Daher sind auch normale Umfragen praktisch wertlos – niemand würde einem unbekannten Interviewer seine wahre Meinung über die Ereignisse verraten. Alle Namen wurden anonymisiert, damit niemand die Meinungen und Aussagen auf echte Menschen zurückführen kann.

Wozu all dieser Militarismus?

Mit dem, was sie aufgezeichnet haben, könne der Kreml nicht zufrieden sein, sagt der Forscher Oleg Schurawlew gegenüber dem ORF:

Bei der Mehrheit der Menschen ist die vom Kreml verbreitete imperialistische Ideologie nicht sehr beliebt. Man hört immer wieder Aussagen wie: Wozu brauchen wir diese neuen Territorien? Oder: Wozu all dieser Militarismus?

Genauere Einblicke in die Studie gibt es beim ORF.


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