Graz 2 | Beten nach dem Attentat: Trost, Show oder moralische Entlastung?

Nach dem tödlichen Attentat in Graz regte sich schnell eine altbekannte Reaktion: Die Kirchen wurden aktiv. Es wurde gebetet, Kerzen wurden entzündet, Bischöfe gaben Interviews, Gottesdienste wurden gefeiert – teils sogar weit entfernt, etwa in Rom. Der Begriff Betkultur machte die Runde, als sei das kollektive Gebet ein notwendiger und wirksamer Bestandteil der Krisenbewältigung.

Doch was steckt hinter dieser spirituellen Aktivität? Und hilft sie wirklich, oder dient sie eher dazu, sich selbst von unangenehmen Fragen freizusprechen?

Wenn die Kirchen plötzlich sichtbar werden

In säkularen Gesellschaften wie Österreich fristen viele Kirchen ein Schattendasein, religiöse Rituale sind oft nur noch Kulisse für gesellschaftliche Ereignisse. Doch wenn etwas Schreckliches passiert, sind sie plötzlich präsent: öffentlich, medienwirksam, ritualisiert.

Warum?

Ein nüchterner Blick legt nahe: Weil man sich in solchen Momenten profilieren kann. In ihrer Ohnmacht gegenüber der Gewalt täuscht Religion einen vermeintlichen Rahmen vor, in dem sich Menschen emotional organisieren können, und die Kirchen nutzen diese Gelegenheit wieder einmal, um sich als moralische Instanz ins Spiel zu bringen.

Symbolische Reinigung trotz irrelevanter Schuldfrage

Das besonders Interessante: Das Attentat in Graz war nicht religiös motiviert. Es gab keinerlei Hinweise auf ein ideologisches oder theologisches Motiv. Dennoch traten gerade die Kirchen öffentlich und prominent auf, mit Gebeten, Stellungnahmen und Ritualen.

Warum?

Weil auch dann, wenn sie objektiv keine Schuld trifft, ein ungesagtes Schuldgefühl mitschwingt. Nicht wegen der Aussage, dass ihr unendlich machtvoller Gott ja „den Attentäter geschickt hätte“ , sondern weil Religion immer wieder mit Gewalt in Verbindung gebracht wird. Und weil sie es historisch oft war.

Selbst wenn sie hier völlig außen vor steht, fühlen sich religiöse Institutionen latent in der Pflicht, sich zu positionieren, Präsenz zu zeigen, sich moralisch ins Spiel zu bringen. Warum? Weil sie wissen: Wenn ein Attentat religiös motiviert wäre, stünde auch ihre Glaubenswelt schneller im Verdacht, Nährboden gewesen zu sein.

Diese unausgesprochene Spannung hat eine lange Geschichte: Religion, oder besser gesagt ihre Verhärtungen, Dogmen und ideologischen Missbräuche, war immer wieder ein Treiber von Gewalt. Kreuzzüge, Inquisition, islamistische Attentate, christlicher Fundamentalismus, die Liste ist lang.

Deshalb ist die öffentliche Reaktion der Kirchen oft auch eine Art vorauseilende Abwehrmaßnahme. Selbst wenn sie im konkreten Fall gar nichts mit der Tat zu tun haben, spüren sie den Erwartungsdruck und die kulturelle Hypothek ihrer Vergangenheit. Die Folge sind Lichteraktionen, Schweigemärsche, Gebetsveranstaltungen und eine liturgische Symbole als Trostkulisse, als eine symbolische Reinigung, nicht aus juristischer Schuld, sondern aus selbst zugeschriebener Mitverantwortung heraus.

Gebete über Ländergrenzen: Hilfe oder Hochglanzgeste?

Besonders fragwürdig wirkt es, wenn in Rom für ein getötetes Kind in Graz gebetet wird. Was soll das bringen? Ein paar gut gemeinte Worte von Menschen, die weit entfernt sitzen und weder das Kind noch die Familie kannten?

Aus Sicht der Gläubigen: Das Gebet verbindet. Es ist ein Zeichen der Solidarität, das göttliche Gnade und Trost herabrufen soll, unabhängig vom Ort. Doch ihr Gott hätte vor dem Attentat Gnade walten lassen sollen.

Aus säkularer Sicht: Ein Gebet in Rom hilft den trauernden Eltern in Graz ungefähr so sehr wie ein Luftballon, der in der Antarktis aufsteigt: symbolisch, aber völlig wirkungslos. Es lindert keinen Schmerz, ersetzt keine psychologische Betreuung, keine gesellschaftliche Aufarbeitung, und schon gar nicht das verlorene Leben.

Beten reicht nicht

Und genau hier liegt der Kern des Problems, Beten ist einfach, Beten ist bequem, Beten vermeidet unangenehme Fragen.

Wer betet, muss nicht erklären, woher der Hass kam. Wer betet, muss keine politische Verantwortung übernehmen, keine gesellschaftlichen Konsequenzen fordern. Beten ist oft die spirituelle Flucht vor der Realität, ein Placebo, das vor allem den Betenden selbst hilft.

Was wirklich helfen würde, das wäre eine fundierte Analyse der Tat und ihrer Hintergründe, konkrete Hilfe für die Hinterbliebenen, eine Debatte über die gesellschaftliche Rolle symbolischer Religionsgesten und: der Mut zur Selbstkritik, auch von jenen, die sonst gern als moralische Instanzen auftreten

Hitchens hatte recht: Gott ist nicht groß

Der britische Autor und Religionskritiker Christopher Hitchens brachte es in seinem Buch „God Is Not Great auf den Punkt:

Religion vergiftet

Nicht, weil alle Gläubigen gefährlich wären, sondern weil religiös aufgeladene Systeme Machtstrukturen erzeugen, die sich jeder Kritik entziehen. Und weil sie oft nicht dort helfen, wo es darauf ankommt: in der realen Welt, bei echten Menschen, in echten Krisen. Ein Gebet mag in manchen Fällen Trost spenden, aber es ersetzt nicht das Denken und ist kein Freifahrtschein, um sich aus der Verantwortung zu stehlen.

Beten ist keine Antwort – sondern ein Ausweichen

Nach Attentaten brauchen wir keine spirituellen Beruhigungspillen, sondern eine klare Analyse der Ursachen, praktische Hilfe für die Betroffenen, und den Mut, auch unbequeme Fragen zu stellen. Etwa die: Wem hilft das Beten eigentlich wirklich, außer denen, die beten?

Was können wir tun – als Humanist:innen, als Mitmenschen?

Wenn Beten nicht reicht – was dann?

Als Humanist:innen sind wir nicht zum bloßen Zuschauen verdammt. Wir können trauern, ohne metaphysische Narrative zu brauchen.

Wir müssen langsam dieser pauschalen Darstellung, dass Beten „sowieso“ dabei ist, widersprechen. Die überwiegende Mehrheit der Gesellschaft betet nie und sieht das nicht als sinnvolle Aktivität an. Gleichzeitig wird überall in den Medien suggeriert, dass das das normale Verhalten ist. So wie Veranstaltungen werden abgesagt, aber es gibt gleich einen Gottesdienst, bei dem die ganze Regierung erscheint. In Städten ist die Mehrheit nicht gläubig, wir wissen nicht, ob die Opfer oder ihre Familien mehrheitlich (christlich) gläubig sind, statistisch eher nicht, und die Regierung ist auch nicht bekannt für Gläubigkeit.

Und wir können handeln, ganz konkret:

Zum Beispiel in der Krisenintervention beim Roten Kreuz. Das bedeutet, Betroffenen nach traumatischen Ereignissen wie Unfällen, Notfällen oder Katastrophen psychosoziale Unterstützung anzubieten. Die Teams, die ehrenamtlich tätig sind, bieten kurzfristige Hilfe, um die Akutsituation zu überbrücken, soziale Netzwerke zu aktivieren und die Betroffenen zu stabilisieren. Der Fokus liegt auf der Stabilisierung, der Verringerung der akuten Belastung und der Aktivierung eigener Ressourcen. 
Österreichisches Rotes Kreuz

Doch Hilfe beginnt nicht erst im Notfall, sie beginnt schon im Alltag. Im Zuhören. Im Mitdenken. Im Mitfühlen.

Und wir können noch mehr tun.

Es reicht nicht, zur Tagesordnung überzugehen, als sei nichts geschehen. Wir können politisch handeln. Wir müssen es sogar. Solche mitfühlenden Gesten wie Kerzen, Tränen, Solidaritätsbekundungen oder auch die dreitägige Staatstrauer sind gut und wichtig. Sie zeigen, dass wir als Gesellschaft nicht abstumpfen. Aber: Bleiben die Waffengesetze so lasch wie bisher? Kommt man weiterhin ohne große Hürden an tödliche Waffen – wie jener 21-jährige Steirer, der sich eine Schrotflinte kaufte und damit reihenweise Menschen ermordete?

Eine Möglichkeit, nicht nur zu trauern, sondern Verantwortung zu übernehmen, ist es, sich für schärfere Waffengesetze einzusetzen. Etwa durch das Unterzeichnen dieser Petition:

Denn echtes Mitgefühl zeigt sich nicht nur in Gesten, sondern in Entscheidungen. Wir dürfen nicht nur hoffen – wir müssen handeln. Nach Attentaten brauchen wir keine religiösen Beruhigungsmittel, sondern reale Anteilnahme, kritisches Denken und tatkräftige Unterstützung.

Fazit: Symbolik tröstet – Handeln verändert

Und manchmal reicht Zuhören eben nicht.
Dann braucht es Deine Stimme.
Deine Unterschrift.
Deine Haltung.

Weiterführende Lektüre:


Auch die Konfessionsfreien haben zu diesem Thema geschrieben, auf einen Bluesky-Artikel von Alexander van der Bellen mit folgendem Kommentar.

In einem säkularen Staat sollten staatliche Gedenkveranstaltungen nicht von Religion angeeignet und in religiösen Gebäuden abgehalten werden.Die Wahrscheinlichkeit, dass das den Opfern recht gewesen wäre, beträgt weniger als 50%, weil es eine nicht-katholische Mehrheit in diesem Land gibt.

Die Konfessionsfreien (@konfessionsfrei.at) 2025-06-12T18:27:51.349Z
https://humanismus.at/graz1/

In einem säkularen Staat sollten staatliche Gedenkveranstaltungen nicht von Religion angeeignet und in religiösen Gebäuden abgehalten werden.Die Wahrscheinlichkeit, dass das den Opfern recht gewesen wäre, beträgt weniger als 50%, weil es eine nicht-katholische Mehrheit in diesem Land gibt.

Die Konfessionsfreien (@konfessionsfrei.at) 2025-06-12T18:27:51.349Z

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