Eröffnung des Humanistischen Bildungs- und Begegnungszentrums Konstanz
Am vergangenen Donnerstag eröffnete das erste Humanistische Bildungs- und Begegnungszentrum (hbbk) in Konstanz. Zur Eröffnungsfeier ab 17 Uhr waren Personen aus dem Umfeld der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs), der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), der Stadt Konstanz und der lokalen Presse eingeladen. Während des Sektempfangs und der Buffetverkostung wurden die Gäste von Mitgliedern des gbs Bodensee e.V. durch die Räumlichkeiten geführt und bekamen die geplanten Aktivitäten des hbbk erklärt.
Gegen 18 Uhr begrüßte Alexander Wolber, Vorsitzender der gbs Bodensee, die Gäste. In seiner Ansprache stellte er die gbs Bodensee als Trägerverein des hbbk vor und ging kurz auf deren Ziele, Projekte und Arbeit ein.
Anschließend wurde dem Auditorium die Entwicklung und das Konzept des hbbk genauer erklärt. Hierzu wurde im hpd bereits ausführlich berichtet.
Der Vorsitzende betonte vor allem die zentrale Bedeutung der „Spiritualität“, die sowohl religiösen als auch esoterischen und pseudowissenschaftlichen Bewegungen zugrunde liegt. „Spiritualität ist ein kulturübergreifendes, menschliches Bedürfnis, das wir nicht anti-aufklärerischen Strömungen überlassen dürfen, (…) denn in Zeiten globaler Krisen ist ein kritischer und unaufgeregter Verstand wichtiger denn je.“ Anschließend ging er auf die vielen unterschiedlichen Strategien ein, die das hbbk bereithält. Neben individuellen und vertraulichen psychosozialen Beratungsangeboten zu Esoterik, Okkultismus, Religion und Sekten werden auch Sinngebung, Ethik, Erziehung und Wertearbeit zentrale Bausteine sein.
Künftige Klienten können auf der Website des hbbk mit Fachkräften aus dem psychosozialen Bereich telefonisch oder über ein Formular Kontakt aufnehmen. Zudem sind bereits zahlreiche Bildungsangebote wie Vorträge und Workshops geplant, die der interessierten Öffentlichkeit einen niedrigschwelligen Zugang zu den hbbk-Themen ermöglichen sollen. Außerdem werde derzeit intensiv eine Gruppe für Sektenaussteiger, wie beispielsweise der nicht nur in Konstanz sehr aktiven Hillsong Church oder den Zeugen Jehovas, vorbereitet. „Wir haben es geschafft, Kontakt zu erfolgreichen Sektenaussteigern herzustellen, die für Vorträge und Gruppen mit uns kooperieren werden“, so Wolber. Zudem versteht sich das hbbk auch als Ansprechpartner für Organisationen und Bildungseinrichtungen rund um weltanschauliche Themen. Abschließend sprach der Vorsitzende seine Dankbarkeit für die zahlreichen Unterstützer aus, ohne die die Gründung nicht denkbar gewesen wäre.
Der erste Vortrag startet am Dienstag, den 6. Mai 2025 im hbbk. Die Vorträge werden aller Voraussicht nach aufgezeichnet und auf dem YouTube-Kanal der gbs Bodensee veröffentlicht. Die Öffnungszeiten des hbbk werden in den nächsten Tagen festgelegt und können dann auf der Webseite eingesehen werden.
Nach dem Ende der Ansprache endete auch der offizielle Teil der Eröffnungsfeier. Eine kleinere Gruppe zog anschließend in ein nahegelegenes Restaurant und feierte bis in die späten Abendstunden.
Hier der Artikel zur Planung:
Bahn frei für das „Humanistische Bildungs- und Begegnungszentrum“
Nach mehrjähriger Planung eröffnet 2025 das deutschlandweit erste „Humanistische Bildungs- und Begegnungszentrum“ in Konstanz (HBBK), welches ideell auf den Überlegungen des Evolutionären Humanismus beruht. Die andauernde multiple Krisenlage und die Beschäftigung mit drängenden Problemen wie Klimawandel, gesellschaftliche Integration Geflüchteter, Kriegen und Naturkatastrophen verursachen bei vielen Menschen wachsende Besorgnis, Ängste und Unsicherheiten. Das machen sich vor allem radikale Alternativreligionen, Esoteriker, Verschwörungstheoretiker und sonstige spiritistische Bewegungen zunutze. Das HBBK möchte dem begegnen, indem es sich bevölkerungsnah für einen aufgeklärten, rationalen, naturwissenschaftlichen und evolutionär-humanistischen Zugang zur Welt einsetzt.
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Im Lesemodus öffnenDie Entwicklung einer Idee
Bereits 2022 beschäftigte sich die gbs Bodensee (eine Regionalgruppe der gbs) mit dem Problem der schwierigen Popularisierung des EH und nahm am jährlich stattfindenden gbs-Sommerforum teil, um eine Lösungsstrategie zu dessen Bekanntmachung zu entwickeln, leider mit wenig Erfolg. Das Problem: Er ist ein komplexes geistiges Koordinatensystem, welches auf unterschiedlichen wissenschaftlichen, philosophischen und humanistischen Annahmen beruht, die ihrerseits wiederum erklärungsbedürftig sind. Zwar lässt sich der EH als „Vertrauen auf die Entwicklungsfähigkeit des Menschen“ beschreiben, jedoch wird auch dadurch kaum deutlich, was das konkret bedeutet. Eine „einfache Lösung“, den EH verständlich zu vermitteln, war für die nächsten eineinhalb Jahre nicht in Aussicht.
Aus gegebenem Anlass diskutierten Mitglieder der gbs Bodensee zum Jahresbeginn 2024 über ethisches Fehlverhalten in Kindertageseinrichtungen. Im Verlauf der Diskussion kam die Frage auf, ob es Bildungsangebote für Erzieher gebe, die eine weltanschaulich neutrale Berufsethik vermitteln? Diese vermeintlich einfache Frage brachte plötzlich den kreativen Durchbruch: Es braucht eine Einrichtung, die sich näher am Individuum bewegt und Bildungs- und Begegnungsangebote bereitstellt, die Menschen an dem Punkt abholt, an dem sie sich befinden!
Menschen verhalten sich in der Regel nicht „falsch“, weil sie „böse“ sind, sondern weil sie es oft zu diesem Zeitpunkt nicht besser wissen konnten. Alexander Wolber, der Vorsitzende der gbs Bodensee, arbeitete anschließend ein erstes Gesamtkonzept aus, das er im April vereinsintern vorstellte. Nach weiterem Feinschliff präsentierte der Vorsitzende die Idee der Gründung eines humanistischen Bildungs- und Begegnungszentrums (zu diesem Zeitpunkt noch „Zentrum für Evolutionären Humanismus“ genannt) zum ersten Mal öffentlich beim 15. Regionalgruppentreffen der gbs in Oberwesel Anfang Juli. Dort wurde das Projekt von den Anwesenden äußerst positiv aufgenommen und für seinen innovativen Ansatz gelobt. Im weiteren Verlauf des Regionalgruppentreffens wurden viele anregende Gespräche zur weiteren Verbesserung des HBBK geführt.
Ein für das Projekt gebildetes Team der gbs Bodensee arbeitete anschließend mit Hochdruck an der finalen Projektkonzeption, mit der sie sich am 18. Juli um Fördermittel im Rahmen des „Bürgerbudgets“ bei der Stadt Konstanz bewarben. Das Bürgerbudget ist ein Fördertopf für Projektideen, die dem Gemeinwohl der Bürgerinnen und Bürger der Stadt Konstanz zugutekommen. Die Förderanträge durchlaufen ein dreistufiges Prüfungsverfahren:
- die Prüfung auf Einhaltung der formalen Anforderungen,
- die Vorauswahl durch den Bürgerrat der Stadt Konstanz
- und die finale Mittelbewilligung durch den Beschluss des örtlichen Gemeinderats.
Die erste Hürde (formale Eignung) wurde am 17. September erfolgreich genommen. Am 12. Oktober präsentierte der Vorsitzende das geplante HBBK in einem dreiminütigen Elevator Pitch dem Bürgerrat, der anschließend unter Ausschluss der Öffentlichkeit über den Nutzen des Projekts debattierte. Die gbs Bodensee konnte überzeugen und erhielt das Votum des Bürgerrats.
Am 21. November bestätigte der Gemeinderat der Stadt Konstanz die Entscheidung des Bürgerrats und fördert nun das HBBK im Jahr 2025 mit knapp 15.000 Euro. Bei zwei Enthaltungen stimmten fraktionsübergreifend 38 Gemeinderatsmitglieder der Projektumsetzung zu. Ein Gemeinderatsmitglied betonte sogar die Wichtigkeit der gbs Bodensee als lokaler Gegenspieler der sektiererischen Hillsong Church, die ihre ideologischen Leimfallen insbesondere für junge Menschen auslegt. „Mit der Förderung der Stadt Konstanz durch das Bürgerbudget haben wir die einmalige Chance, den Konstanzer Bürgerinnen und Bürgern als Ansprechpartner für einen wissenschaftsbasierten Humanismus zur Seite zu stehen. Wir freuen uns sehr über das Vertrauen, das uns vom Bürger- und Gemeinderat entgegengebracht wird“, resümiert Wolber. „Denn Probleme lassen sich nicht ideologisch, sondern kritisch-rational lösen und davon sind wir gegenwärtig noch weit entfernt.“
Das Konzept des „Humanistischen Bildungs- und Begegnungszentrums“ in Konstanz (HBBK)
Der Psychologe Prof. Dr. Klaus Grawe postulierte vier Grundbedürfnisse, die sich bei jedem Menschen in unterschiedlichen Ausprägungen finden lassen: Lustgewinn/Unlustvermeidung, Orientierung/Kontrolle, Selbstwert und Bindungsbedürfnis. Religion, Esoterik und Verschwörungstheorien steuern in der Regel in unterschiedlichem Ausmaß diese Grundbedürfnisse an. Eine Untersuchung der Gallup Organization (Gallup World Poll) konnte beispielsweise einen positiven Zusammenhang von Religion/Spiritualität und Lebenszufriedenheit zeigen, der wahrscheinlich über die Faktoren „Sinngebung“, „Gesundheit“ und „Soziales“ vermittelt wird.1 Es ist davon auszugehen, dass dies bei esoterischen Praktiken ähnlich sein wird, wobei Verschwörungstheorien in unterschiedlichen Studien eher mit Ängsten und Verunsicherungen zusammenhängen. Bei Letzteren geht es wohl eher darum, bereits verletzte Grundbedürfnisse durch das Herstellen von „Pseudokontrolle“ halbwegs zu erhalten.
In Krisenzeiten und Verunsicherung suchen Menschen nach Informationen und Kontrolle. Während früher die christlichen Großkirchen Ansprechpartner für Ängste, Sinngebung und Halt waren, fällt dies im Zuge der Säkularisierung zunehmend weg. Stattdessen strecken radikale religiöse Gruppen, Esoteriker und andere Ideologen ihre Arme aus und locken mit unlauteren Versprechungen nach Erlösung, wie es beispielsweise die Hillsong Church in Konstanz tut. Die Befriedigung der Grundbedürfnisse hat einen hohen Preis und geht zulasten des kritisch-rationalen Denkens. Statt sich mit dem Klimawandel auseinanderzusetzen und sich für eine klimagerechtere Gesellschaft zu engagieren, werden Spenden für Jesus an die Hillsong Church überwiesen, in der Hoffnung, dass Gott das auf magische Weise „schon regeln“ wird.
An dieser Stelle wird das HBBK ansetzen. Auf den Säulen der vier Grundbedürfnisse, dem Bewusstsein der Wirkung von Religion/Spiritualität/Esoterik und der evolutionär-humanistischen Perspektive wird ein „humanistisches Bildungs- und Begegnungszentrum“ gegründet, welches sich an die Konstanzer Bevölkerung richtet. Die inhaltliche Ausgestaltung des Zentrums umfasst philosophische und psychologische Elemente und wird Bildungs- und Begegnungsangebote bereitstellen, welche sich an den drei Bs – Begegnung, Beratung und Bildung – orientieren:
Begegnung: Es wird Räume für Personen geben, die sich weltanschaulichen Fragen jenseits von dogmatischer Vorstellung widmen möchten. Zudem wird ein Forum für Sektenaussteiger geschaffen, in welchem sich in einem sicheren Rahmen ausgetauscht werden kann.
Beratung: Auf Anfrage stellt das HBBK philosophische Beratungsangebote zu Themen wie „Sinngebung“, „Werte“, „Ethik“ und weiteren existenziellen Fragen bereit. Zudem wird es eine psychologische Anlaufstelle geben, die sich der Aufarbeitung negativer Erfahrungen mit Religionen, Esoterik, Verschwörungstheorien und „Psi-Phänomenen“ widmen wird.
Bildung: Der letzte Punkt adressiert proaktiv die Aufklärungsarbeit, mit dem Ziel, andere Bildungseinrichtungen wie Kitas, Schulen (sowohl Personal als auch Klientel) usw. zu erreichen. Vermittelt werden sollen grundlegende Kompetenzen im kritischen und wissenschaftlichen Denken, Ethik, Naturalismus und Aufklärung über wissenschaftsfeindliche Themen. Beispielsweise könnten bereits bestehende Projekte wie „Evokids“ ihre institutionalisierte Heimat finden.
Das HBBK wird damit die Aufgabe übernehmen, den interessierten Konstanzern eine weltliche, natürliche und aufgeklärte Haltung zu existenziellen Themen zu vermitteln, sodass sie selbstbestimmt und unabhängig von verklärenden Bewegungen ihren eigenen Lebensweg gestalten können. Nach einer Statistik des „Amts für Digitalisierung und IT“ der Stadt Konstanz waren 2023 circa 54 Prozent (ca. 45.000) der Konstanzer konfessionsfrei, mit steigendem Trend. Der gesellschaftliche Wandel schreitet voran und dem muss mit einer zeitgemäßen Hinwendung zu Wissenschaftlichkeit und Aufklärung Rechnung getragen werden.
Das „humanistische Bildungs- und Begegnungszentrum“ wird von der gbs Bodensee ehrenamtlich getragen. Alle Angebote werden zudem kostenfrei zur Verfügung gestellt. Im Anschluss an die Anschubfinanzierung durch die Stadt Konstanz wird das HBBK ab 2026 auf andere Finanzierungsquellen wie Kooperationen mit anderen Einrichtungen und dem Land Baden-Württemberg sowie Spenden angewiesen sein.
Neben dem HBBK plant die gbs Bodensee zahlreiche andere Projekte und Veranstaltungen, die ehrenamtlich durch die Mitglieder getragen werden. Da diese Projekte häufig kostenintensiv sind, ist die Regionalgruppe stets für Spenden dankbar. Wenn Sie die Vereinsarbeit unterstützen möchten, können Sie dies hier oder über den Spendenbutton auf der Website tun.
Herzlichen Glückwunsch vom Humanistischen Verband Österreich und der giordano bruno stiftung Österreich, wir freuen uns mit Euch…
Andreas

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