Herdenschutz ist kein romantisches Folkloreprojekt
Der Wolf ist zurück. Und mit ihm kehrt etwas zurück, das viele Menschen in Mitteleuropa längst vergessen hatten: Natur.
Nicht die Natur als Wanderkulisse. Nicht die Natur als Instagram-Hintergrund. Sondern Natur als lebendiges, komplexes System mit Konflikten, Risiken und Grenzen menschlicher Kontrolle.
Für viele Hirten und Hirtinnen bedeutet diese Rückkehr vor allem eines: mehr Arbeit, mehr Verantwortung und mehr Unsicherheit.
Wer heute Schafe auf Almen oder extensiven Weideflächen hält, steht zwischen allen Fronten. Einerseits verlangen Politik und Gesellschaft zu Recht mehr Biodiversität, naturnahe Beweidung und ökologisch nachhaltige Landwirtschaft. Andererseits werden genau jene Menschen, die diese Landschaften überhaupt erhalten, zunehmend allein gelassen.
Denn Herdenschutz ist kein romantisches Folkloreprojekt. Herdenschutz bedeutet Arbeit. Permanente Aufmerksamkeit. Nachtpferche. Elektrozäune. Herdenschutzhunde. Risiko. Haftung. Konflikte.


Und genau hier beginnt ein massives gesellschaftliches Problem.
Herdenschutzhunde sind keine Kuscheltiere für Touristen. Sie sind Arbeitshunde. Ihre Aufgabe ist nicht Unterhaltung, sondern Schutz. Sie sollen Bedrohungen abwehren — und zwar eigenständig. Genau dafür wurden sie über Jahrtausende gezüchtet.
Wer mit einem unangeleinten und unabrufbaren Hund in eine Herde läuft, ignoriert nicht nur Hinweisschilder oder Empfehlungen, sondern bringt bewusst Unruhe und Gefahr in eine Situation, die für die Tiere hochsensibel ist.
Wenn dann ein Herdenschutzhund reagiert, reagiert er nicht aggressiv, sondern funktional.
Dass in einem solchen Fall am Ende der Hirte verurteilt wird, zeigt eine zunehmende Entfremdung unserer Gesellschaft von landwirtschaftlicher Realität. Die Verantwortung wird vollständig auf jene Menschen abgewälzt, die ohnehin bereits unter enormem Druck stehen.
Gleichzeitig erleben viele Hirten etwas Absurdes: Während über den gefährlichen Wolf debattiert wird, stammen zahlreiche Probleme in Wahrheit von freilaufenden Haushunden. Gerissene Schafe, verletzte Nutztiere, panische Herden, zerstörte Nachtpferche — all das passiert regelmäßig durch Hunde, deren Halter ihre Verantwortung nicht wahrnehmen.

Und trotzdem richtet sich die öffentliche Erregung oft reflexartig gegen den Wolf.
Dabei wäre gerade aus ökologischer Sicht ein rationaler Zugang notwendig. Der Wolf ist kein Monster, sondern ein natürlicher Bestandteil funktionierender Ökosysteme. Große Beutegreifer beeinflussen Wildbestände, Bewegungsmuster und Vegetation. Sie gehören zu einer intakten Biodiversität dazu.
Doch Biodiversität funktioniert nicht ohne Menschen, die Landschaft pflegen.
Extensive Beweidung mit Schafen und Ziegen erhält Offenflächen, schützt vor Verbuschung, fördert Pflanzenvielfalt und schafft Lebensräume für unzählige Insekten- und Vogelarten. Viele Kulturlandschaften, die heute touristisch beworben werden, existieren überhaupt nur wegen jahrhundertelanger Weidewirtschaft.
Wer Hirten wirtschaftlich, rechtlich und gesellschaftlich im Stich lässt, gefährdet daher nicht nur einzelne Betriebe — sondern ganze Landschaften.
Die Frage dahinter lautet letztlich: Wie gehen wir als Gesellschaft mit jenen Menschen um, die reale, notwendige Arbeit in und mit der Natur leisten? Meine Antwort ist humanistisch:
Nicht nur Rechte einfordern, auch Verantwortung gegenüber anderen Menschen, gegenüber Tieren und gegenüber den ökologischen Grundlagen unseres Zusammenlebens.
Dazu gehört auch die Einsicht, dass Freiheit ohne Eigenverantwortung nicht funktioniert.
Wer seinen Hund nicht kontrollieren kann, darf ihn in sensiblen Weidegebieten nicht frei laufen lassen.
Wer alpine Kulturlandschaften genießen will, muss akzeptieren, dass diese keine sterilen Freizeitparks sind.
Und wer Herdenschutz fordert, muss endlich auch jene absichern, die ihn praktisch umsetzen.
Es braucht dringend klare gesetzliche Regelungen für Herdenschutzhunde als anerkannte Arbeitshunde — mit entsprechendem Haftungsrahmen und rechtlicher Absicherung der Hirten. Andernfalls wird der Herdenschutz zunehmend unpraktikabel.
Die aktuelle Entwicklung sendet ein fatales Signal:
Die Gesellschaft erwartet Naturschutz, Biodiversität und Wolfsschutz — aber die Risiken dafür sollen einzelne Hirten alleine tragen.
Das ist weder nachhaltig noch gerecht.

Wie sovieles läuft es hier auch komplett falsch. Wir brauchen weder Wölfe noch Bären. Biodiversität kann auch anders erreicht werden. Da gibt es Fachleute. Mit Sturheit und Justamentstandpunkten geht es nicht mehr weiter
Die Vorstellung, Biodiversität könne auch ohne Wölfe und Bären erreicht werden, greift ökologisch deutlich zu kurz. Große Beutegreifer erfüllen in funktionierenden Ökosystemen eine wichtige Rolle, die sich nicht einfach technisch oder menschlich ersetzen lässt. Sie beeinflussen Wildtierbestände, Bewegungsmuster von Pflanzenfressern und damit indirekt Vegetation, Waldverjüngung und Artenvielfalt. Das ist keine ideologische Position, sondern Gegenstand umfangreicher ökologischer Forschung.
Gleichzeitig ist richtig, dass Biodiversität nicht ausschließlich von großen Beutegreifern abhängt. Extensive Landwirtschaft, Schutzgebiete, Beweidung, Feuchtgebietsrenaturierung oder nachhaltige Forstwirtschaft sind ebenfalls zentrale Faktoren. Das eine gegen das andere auszuspielen, erzeugt jedoch einen künstlichen Gegensatz.
Problematisch ist vor allem die Formulierung wir brauchen weder Wölfe noch Bären. Denn damit wird Natur primär danach bewertet, ob sie für den Menschen bequem ist. Genau diese Sichtweise hat viele Ökosysteme erst destabilisiert. Arten haben keinen Existenzwert nur dann, wenn sie konfliktfrei sind.
Der eigentliche Punkt müsste daher sein:
Wie schaffen wir praktikable Rahmenbedingungen für das Zusammenleben von Mensch, Nutztierhaltung und großen Beutegreifern?
Denn die Probleme der Hirten sind real. Herdenschutz kostet Geld, Zeit und Nerven. Tourismuskonflikte sind real. Rechtliche Unsicherheit ebenfalls. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass die Existenz von Wölfen oder Bären der Fehler wäre.
Und noch etwas: Der Begriff Sturheit hilft in dieser Debatte wenig. Viele Menschen auf beiden Seiten reagieren mittlerweile emotional, weil sie sich entweder existenziell bedroht oder moralisch belehrt fühlen. Genau deshalb braucht es sachliche Lösungen statt gegenseitiger Abwertung.
Und da sind wir ja wieder beim Humanismus…