Hermann Binkert | Wie Deutschland tickt
Oder besser: Wie man mit Meinungsmache Meinung erforscht
Die Deutschen lieben Ordnung, aber reden nicht gern drüber
So oder ähnlich könnte man das Fazit von Hermann Binkerts Buch Wie Deutschland tickt zusammenfassen. Der Meinungsforscher und INSA-Gründer inszeniert sich hier als Chronist der schweigenden Mehrheit, doch bei näherem Hinsehen entpuppt sich das Werk als konservatives Schreiben, das über die politische Agenda des Autors Aussagen trifft, aber nicht über die wirklichen Sorgen der Gesellschaft.
Der Prophet aus Erfurt
Binkert, ehemals CDU-Staatssekretär und heute Chef des INSA-Instituts, versteht es geschickt, Umfrageergebnisse mit persönlicher Interpretation zu verweben. In seinem Buch präsentiert er die Ergebnisse von tausenden Befragungen, etwa zu Themen wie Meinungsfreiheit, Gender, Migration oder Kirche. Daraus leitet er eine stille konservative Mehrheit ab, die angeblich immer weniger wagt, ihre Meinung offen zu sagen.
Das ist natürlich ein attraktives Narrativ, vor allem für Leser:innen aus dem Milieu der Selbstzuschreibung bürgerlich, kritisch, christlich. Binkerts These: Der gesellschaftliche Diskurs wird von einer lauten, linken Minderheit bestimmt, während die Mehrheit schweigt, angeblich aus Angst, gecancelt zu werden.
Aber Obacht: Die Trennung zwischen empirischer Forschung und persönlicher Interpretation fehlt oftmals und verschwimmt somit gefährlich. Wenn INSA-Zahlen zitiert werden, dann meist ohne Kontext, und mit Kommentaren garniert, die wie ein Kommentar auf Tichys Einblick klingen.
Statistik als Scharfrichterin
Ein zentrales Problem: Binkert nutzt Umfragen wie ein rhetorisches Schwert. Anstatt sie als Spiegel vielfältiger Meinungen zu präsentieren, dienen sie ihm als Beweis für eine moralisch überlegene angebliche Mitte, die unterdrückt wird. So wird aus einer simplen Aussage wie Ich habe manchmal Angst, meine Meinung zu sagen schnell ein Beleg für den Niedergang der Demokratie.
Dabei übersieht Binkert, dass Befragte diese Aussage aus ganz unterschiedlichen Gründen ankreuzen, manche, weil sie Kritik an der Regierung fürchten, andere, weil sie im konservativen Umfeld nicht als zu links gelten wollen. Aber differenzieren passt nicht zum Sound des Buches. Lieber werden Schlagzeilen produziert wie: Jeder dritte Deutsche hat Angst, seine Meinung zu sagen, und schon jubelt der Kopp-Verlag.
Die Kirche im Dorf lassen? Lieber nicht.
Aufmerksam wurde ich auf das Buch über einen Artikel im kath.net: Bischöfe der katholischen Kirche haben immer weniger Einfluss auf die Menschen! Und Binkerts Agenda wird besonders deutlich im Kapitel über Religion. Er konstatiert eine tiefe Verankerung des Christentums im deutschen Wertegefüge, obwohl sämtliche Zahlen zur Kirchenbindung seit Jahrzehnten im freien Fall sind. Dass er sein Buch im christlich-konservativen Fontis-Verlag veröffentlicht, erklärt vielleicht die selektive Wahrnehmung.
Auch seine Begeisterung für die AfD-nahe Denkweise bleibt zwischen den Zeilen spürbar, etwa wenn er Kritik an Gender-Gaga übt oder sich über erzieherische Sprachregelungen beklagt. Die Vorstellung, dass gesellschaftlicher Wandel auch Diskurse verändert, die ist Binkert völlig fremd, viel lieber stilisiert er sich zum Verteidiger einer bedrohten Normalität.
Bürgerlichkeit mit Beigeschmack
Das Buch verkauft sich gut, vermutlich, weil es jenen eine Stimme gibt, die sich ohnehin längst in den sogenannten alternativen Medien heimisch fühlen. Ob auf Amazon, Kopp-Verlag oder christlich-nationalen Plattformen: Die Zielgruppe ist klar. Wer sich bei BILD, kath.net und TheEuropean zu Hause fühlt, wird Binkerts Buch als Offenbarung feiern.
Wissenschaftlich ist das Buch ziemlich dünn, politisch nicht ganz sauber und sprachlich oft manipulativ. Es ist keine echte Analyse der Gesellschaft, sondern eher ein Ausdruck von gefühlter Unzufriedenheit, und zeigt, wie man Umfragen nutzen kann, um eine bestimmte politische Sichtweise zu stützen.
Fazit: Wie Deutschland wirklich tickt? Sicher nicht so.
Das Buch Wie Deutschland tickt will Antworten geben, doch es stellt noch nicht einmal die richtigen Fragen. Es redet der Selbstvergewisserung bürgerlicher Bunkerbewohner das Wort und versucht, Komplexität durch vermeintliche Klarheit zu ersetzen. Das ist gefährlich – und leider ziemlich wirkungsvoll. Wer wissen will, wie Deutschland wirklich tickt, sollte sich lieber mit vielfältigen Stimmen beschäftigen – nicht mit einem Erweckungsprediger aus dem Umfragezentrum.
Die nicht gestellten Fragen
Wer redet eigentlich nicht mit, und warum? Statt einfach zu behaupten, dass eine schweigende Mehrheit unterdrückt wird, sollte man genauer hinschauen: Welche Gruppen haben tatsächlich weniger Zugang zum öffentlichen Diskurs? Sind es wirklich konservative Bürger:innen, oder vielleicht eher Menschen mit Migrationshintergrund, Geringverdienende oder junge Menschen ohne akademische Bildung?
Was bedeutet Meinungsfreiheit konkret und für wen? Wenn Menschen sagen, sie hätten Angst, ihre Meinung zu sagen, sollte man fragen, wovor sie sich genau fürchten. Meinen sie rechtliche Probleme, Angst vor Ablehnung oder einfach, dass ihnen jemand widerspricht? Und in welchen Situationen haben sie dieses Gefühl, im Internet, bei der Arbeit, im Freundeskreis??
Wie wirken sich soziale Unterschiede auf die Wahrnehmung aus? Wie viel Geld jemand hat, wie gebildet er ist, woher er kommt oder wo er lebt, beeinflusst stark, wie er sich in der Gesellschaft fühlt. Wer sich ausgeschlossen oder benachteiligt fühlt, erlebt Gespräche über Politik und Gesellschaft anders als jemand, der gut abgesichert ist. Wenn man das nicht beachtet, versteht man vieles falsch.
Wie entsteht überhaupt das Gefühl, man dürfe nichts mehr sagen? Man sollte nicht einfach glauben, was erzählt wird, sondern fragen, woher dieses Gefühl eigentlich kommt. Haben die Medien, das Internet oder auch Politiker selbst daran mitgewirkt, dass viele denken, sie dürften nichts mehr sagen?
Was ist eigentlich die sogenannte Mitte? Die Mitte wird oft als ruhiger und vernünftiger Ort gesehen, aber eigentlich ist sie sehr unterschiedlich. Menschen, die sich zur Mitte zählen, haben ganz verschiedene Werte und Meinungen. Die Mitte ist kein fester Platz, sondern ein Bereich, in dem viele verschiedene Ansichten zusammenkommen.
Und schließlich: Was will Binkert mit seiner Meinungsforschung wirklich? Will er die Gesellschaft besser verstehen oder eher bestimmte politische Ansichten stärken? Wer die Fragen stellt, beeinflusst auch die Antworten – und wer die Antworten vorgibt, hat meistens schon eine bestimmte Absicht.

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