Hexenverfolgung 1

Der Glaube an Hexen ist so alt wie die Menschheit selbst. Angeblich sind Hexen und Hexer mit dem Teufel verbündet und können mit ihrer Zauberkraft Flüche aussenden, Vieh töten, Menschen in den Wahnsinn treiben und sonstige Schäden anrichten. Ab dem 15. Jahrhundert begannen regelrechte Hetzjagden auf vermeintliche Hexen. Zehntausende Menschen, vor allem Frauen, starben auf dem Scheiterhaufen..

Witch Hunt: The Podcast of Witch Trials and Modern Witch-Hunts von Sarah Jack und Josh Hutchinson beleuchtet nicht nur die historischen Hintergründe und menschlichen Tragödien der Hexenverfolgungen, etwa in Nordamerika, sondern schlägt auch den Bogen in die Gegenwart: zu modernen Formen von Ausgrenzung, Verleumdung und moralischer Hysterie.

End Witch Hunts

Durch einen Beitrag von Sarah Jack auf LinkedIn bin ich auf ihren Podcast „Witch Hunt” aufmerksam geworden. Darin wurde unser Kollege Leo Igwe zur Hexenverfolgung in Afrika interviewt. Das Interview hat mich in den Bann gezogen und ich wollte mehr darüber erfahren, warum dieser allen wissenschaftlichen Grundlagen entbehrende Glaube in unserer heutigen Zeit weiterhin praktiziert wird. Der Podcast wird von der Non-Profit-Organisation End Witch Hunts produziert.

Sarah Jack ist die Gründungsdirektorin von „End Witch Hunts”, einer gemeinnützigen Organisation, die sich für die Beendigung von Gewalt im Zusammenhang mit Hexereianschuldigungen einsetzt. Der Fokus liegt auf Zusammenarbeit und Projekten in den Bereichen Bildung und Interessenvertretung. Sarah ist eine Nachfahrin von Opfern von Hexenprozessen aus der Kolonialzeit, darunter die bekannte Rebecca Nurse. Sie lebt in Colorado (USA) und ist Co-Moderatorin des Podcasts „Witch Hunt”, der sich mit den historischen und aktuellen Auswirkungen von Hexenverfolgung beschäftigt. Mit einem starken Fokus auf Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit setzt sich Sarah aktiv für die Entlastung der Opfer historischer Hexenprozesse in den Vereinigten Staaten ein. Ihre Arbeit wurde weltweit anerkannt und in Zeitungen wie der „New York Times” und bei „NPR” veröffentlicht.

Joshua Hutchinson ist Mitbegründer von End Witch Hunts, dem Connecticut Witch Trial Exoneration Project und dem Massachusetts Witch-Hunt Justice Project. Joshua hat den Witch Hunt-Podcast ins Leben gerufen und ist Co-Moderator. Mit mehr als einem Jahrzehnt Erfahrung in der Aufarbeitung und Nacherzählung historischer Hexenprozesse hat sich Joshua Hutchinson als eine respektierte und kenntnisreiche Stimme in diesem oft übersehenen Nischenbereich etabliert. Seine weitreichenden persönlichen familiären Verbindungen zu den Hexenprozessen in Massachusetts bringen eine einzigartige Perspektive in seine Recherchen ein und bereichern sein Verständnis für die Thematik.

Zu den bemerkenswerten Vorfahren gehört sein 9-facher Urgroßvater Joseph Hutchinson, der im Zentrum des Dorfes Salem lebte, als die Hexenverfolgung ausbrach. Joseph Hutchinson war einer der Männer, die die ersten formellen Hexereibeschwerden des Prozesses einreichten. Durch seine vielseitige Arbeit setzt sich Joshua Hutchinson für die Anerkennung und Entlastung der von Hexenverfolgung und rituellen Übergriffen Betroffenen ein.

Der Ursprung des Hexenglaubens

Der Glaube an mit übernatürlichen und mystischen Kräften ausgestattete Wesen, die wir heute als Hexen bezeichnen und die mit ihrem Zauber Helfen als auch Schaden anrichten können, zieht sich weltübergreifend durch alle Kulturkreise und Zeiten hindurch. Schon in antiken Hochkulturen wie Ägypten sind die Menschen von der Existenz von Dämonen, bösen Geistern und Zwischenwesen überzeugt. Gleichzeitig nutzte ein Großteil der Bevölkerung Salben, Tränke, Amulette und Talismane, um Einfluss auf das Schicksal zu nehmen. Vermeintlich “böse” Zauberer wurden bereits in dieser Zeit mit dem Tod bestraft, doch gezielte Verfolgungen blieben aus.

Im römischen Imperium wurde der Missbrauch von Zauberei bestraft. Sogenannte Schadenszauberer wurden seit dem 3. Jahrhundert nach der Zeitenwende lebendig verbrannt, während die „wohltätige Zauberei“ ungestraft blieb. Die Verhängung der Todesstrafe auf jede Form der angeblichen Zauberei wurde erst mit dem Erstarken der christlichen Religion im 4. Jahrhundert verhängt. Zu den Tätern zählten Hexen und Druden. Das waren Frauen und Männer, die angeblich über magische Kräfte verfügten und durch ihren Bund mit Teufeln und Dämonen Schadenzauber ausübten.

Holzschnitt mit Darstellung eines Hagelzaubers, aus: Ulrich Molitoris, Von den unholden oder Hexen, Augsburg 1508. (Bayerische Staatsbibliothek, Res/4 H.g.hum. 16 o)

Der große Kirchengelehrte Augustinus (354-430) setzte sich in seinen Schriften als Erster ausführlich mit Magie und Zauberei auseinander. Er vertrat die ambivalente Ansicht, dass magische Handlungen zwar prinzipiell wirkungslos seien, zugleich setzten diese aber einen stillschweigenden Pakt mit dem Teufel voraus. Augustinus gab explizit keine Anleitung zur Bestrafung von Zauberern ab. Seine Lehren beeinflussten im Zeitraum der Jahre 500 bis 1250 (bis ins Hochmittelalter) maßgeblich den Umgang mit vermeintlichen Zauberern und Hexen. In diesem Zeitraum kam es nur zu vereinzelten Prozessen wegen Zauberei, die im schlimmsten Falle auch mit einer Todesstrafe endeten.

Von gezielten Verfolgungen kann man dabei nicht sprechen. Der Machtfaktor Kirche wandte sich sogar ausdrücklich gegen die von Teilen der Bevölkerung verübte Lynchjustiz und Pogrome.

Holzschnitt, aus: Traktat von den bösen weiben, die man nennet hexen, Augsburg 1508. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv port-027688)

Hexerey und Hexensabbat

Der erfundene Mythos der nächtlichen Hexentreffen, dem Hexensabbat, ist ab dem 14. Jahrhundert dokumentiert. Weltliche und geistliche Autoritäten begannen, zum Schutz ihrer Vormachtstellungen Ketzerei und Hexerei miteinander in Verbindung zu bringen. Der Hexensabbat entwickelte sich zum zentralen Element des Hexenbildes und zeichnete ein bedrohliches Bild von sektenähnliche Verbindungen, die sich heimlich nachts traffen um verschwörerische Schandtaten zu planen. In den Verhören und der Folter von Verdächtigen lag daher ein Schwerpunkt auf der Benennung von Komplizen, um die vermeintliche Verschwörung der Hexen im Ganzen aufzudecken.

Francisco Goya: Hexensabbat

Der Begriff der „Hexerey“ ist erstmals 1419 in einem weltlichen Strafprozess in Luzern (Schweiz) belegt. Die katholische Kirche sah sich zum Handeln gezwungen. Da scheinbar immer mehr Menschen der Magie verfielen und sich vom Glauben lossagten, definierte sie auf dem Konzil in Basel ab 1431 den Hexenglauben neu. Abhandlungen wurden geschrieben, die von einer großen Hexensekte, statt von Einzelpersonen, ausgingen. Die Inquisitoren sollten die Augen offen halten und gegen diese Sekten vorgehen.

Der Hexenhammer

Der berüchtigtste unter ihnen ist der Dämonologe und Dominikaner Heinrich Kramer (genannt Institoris). Als Standardwerk gilt sein Buch „Hexenhammer“ (malleus maleficarum). Das erstmals 1486 in Speyer gedruckte Buch erschien bis zum Ende des 17. Jahrhunderts in rund 30.000 Exemplaren und 29 Auflagen.

Kramer bewertete in seiner systematischen Zusammenfassung der Thematik jegliche Art von Zauberei als Abfall von Gott (Apostasie) und damit als todeswürdiges Verbrechen. Der Hexenhammer gab fachmännische Anleitung zur Aufspürung von Hexen und Zauberern, indem beschrieben wurde, wie man diese erkennen könne und wo und wann sie sich träfen. Einen besonderen Zeitpunkt für die nächtlichen Treffen stellte die Walpurgisnacht (30. April) dar, aber auch andere besondere Tage wie Ostern und Pfingsten spielten dem Hexenhammer zufolge eine Rolle. 

Matthäus Merian der Jüngere, Die Walpurgisnacht – Eigentlicher Entwurf und Abbildung deß gottlosen und verfluchten Zauber Festes, 1626

Der „Hexenhammer“ traf auf fruchtbaren Boden. Ende des 15. Jahrhunderts verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Bevölkerung dramatisch. Lange und harte Winter waren verantwortlich für drastische Ernteeinbußen, Epidemien breiteten sich aus, viele Menschen starben an Krankheiten oder Hunger. Für die Übel wurden vor allem Hexen verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge starben in den ersten 30 Jahren nach Veröffentlichung des „Hexenhammers“ mehrere Tausend Menschen in ganz Europa auf dem Scheiterhaufen.

Unknown/Wikimedia Commons/Public Domain

Höhepunkt und Ende der Hexenprozesse in Zentraleuropa

In vielen Ländern Europas erlebten die Prozesse in den Jahren zwischen 1570 und 1590 ihren Höhepunkt. Während sich in West- und Südeuropa die Versorgungslage um 1600 allmählich stabilisierte und die Verfolgungen abnahmen, war in Zentraleuropa nochmals ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen, der seinen Höhepunkt im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) findet. In einer beispiellosen Hetzjagd werden Tausende von Menschen in Schnellverfahren getötet. Allein im Kurfürstentum Köln finden zwischen 1626 und 1635 mehr als 2000 Hinrichtungen statt.

Der berühmte Mathematiker und Astronom Johannes Kepler verteidigte ab 1620 seine Mutter Katharina in Leonberg. Der Podcast Geschichten aus der Geschichte widmet diesem Prozess eine gesamte Folge.

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Während des gesamten 18. Jahrhunderts waren Hexenprozesse eher eine Seltenheit. Nur in entlegenen Gebieten auf dem Land kam es noch zu vereinzelten Hinrichtungen. Die Aufklärer gewannen mit ihren Schriften gegen die Hexenverfolgungen langsam die Oberhand über die konservativen Kleriker.

1756 wurde die 15-Jährige Veronika Zeritschin in Landshut geköpft und verbrannt.

Als 1782 in der Schweiz (und Westeuropa) Anna Göldi als letzte angebliche Hexe in Glarus hingerichtet wurde, entfachte dies eine empörte öffentliche Debatte über die rechtlich zweifelhaften Grundlagen des Prozesses.

Die letzte dokumentierte Hexenverbrennung in Österreich fand im Jahr 1787 statt – und zwar im heutigen Bundesland Salzburg, in dem Ort Gastein. Die Frau, die hingerichtet wurde, hieß Barbara Zdunk – wobei es dabei Uneinigkeit gibt, denn einige Quellen nennen sie im Zusammenhang mit Preußen (heutiges Polen). Gesichert ist jedoch: In Österreich war die letzte Frau, die als Hexe verurteilt und verbrannt wurde, Maria Pauer aus Ried im Innkreis. Ihre Hinrichtung erfolgte im Jahr 1750 in Salzburg.

Der Fall Maria Pauer ist der letzte dokumentierte Hexenprozess mit Todesurteil im heutigen Österreich. Sie wurde beschuldigt, Hexerei betrieben und Schaden angerichtet zu haben. 1750 wurde sie in Salzburg enthauptet und ihr Leichnam anschließend verbrannt – ein damals üblicher Vorgang bei solchen Urteilen.

Die Verbrennung als Vollzugsform wurde in der Habsburgermonarchie 1787 offiziell abgeschafft, als Kaiser Joseph II. mit seinen Reformen die Todesstrafe für Hexerei aufhob.

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Schätzungsweise 50.000 Menschen sind den Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit zum Opfer gefallen, davon etwa 80 Prozent Frauen.

Angaben zum Podcast

Weiterführende Quellen

https://witchhuntshow.com/about/

https://endwitchhunts.org/

https://connecticutwitchtrials.org/

Massachusetts Witch Hunt Justice Project

https://www.planet-wissen.de/geschichte/neuzeit/hexenverfolgung/index.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Hexenverfolgung

https://www.planet-wissen.de/geschichte/neuzeit/hexenverfolgung/index.html

https://www.planet-wissen.de/geschichte/neuzeit/hexenverfolgung/pwiederhexenhammer100.html

https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/femizid-2023/519675/hexenverfolgung/

https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Hexenverfolgung

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