Keine Beliebigkeit: Kuhn und Feyerabend sind keine Relativisten

Meine Antwort auf den lesenswerten Schwerpunktartikel von Udo Endruscheit zu Kuhn und Feyerabend, als Followup auf seine Artikelserie über den Erkenntnisrelativismus, dem Denkduell über die Auffassung, dass es keine objektiv gültige Wahrheit gibt und somit Wissen immer nur relativ zu bestimmten kulturellen, sprachlichen oder individuellen Perspektiven verstanden werden kann.

In der Wissenschaft zählt nicht jede Behauptung gleich viel – sondern nur das, was begründet, überprüfbar und widerlegbar ist. Wissenschaft unterscheidet sich von Meinung, weil sie systematisch nach Wahrheit sucht, offen für Kritik ist und Irrtümer korrigierbar macht. Was sich empirisch bewährt, logisch konsistent ist und der Kritik standhält, hat mehr Gewicht als bloßer Glaube oder Bauchgefühl. Deshalb ist in der Wissenschaft eben nicht alles gleich gültig – sondern nur das, was gut begründet ist.
Anmerkung des Verfassers


Udo Endruscheit hat mit seinem neuen Beitrag einen wichtigen Impuls gegeben: In der populären Wahrnehmung gelten Thomas S. Kuhn und Paul Feyerabend oft als Kronzeugen eines erkenntnistheoretischen Relativismus – also der Vorstellung, dass in der Wissenschaft letztlich alles gleich gültig oder gar gleich gültig sei. Doch dieser Eindruck hält einer genaueren Lektüre nicht stand. Endruscheits Artikel räumt mit gängigen Missverständnissen auf und lädt ein zu einer differenzierteren Sicht auf zwei der einflussreichsten Wissenschaftsphilosophen des 20. Jahrhunderts.

Wissenschaft als historischer Prozess – aber nicht beliebig

Thomas Kuhn zeigte in seinem Werk Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, dass Wissenschaft nicht linear voranschreitet, sondern durch sogenannte Paradigmenwechsel geprägt ist. Diese Brüche in der wissenschaftlichen Entwicklung führen dazu, dass frühere und spätere Theorien häufig nicht direkt vergleichbar sind, weil sie auf unterschiedlichen Begriffen, Methoden und Weltanschauungen beruhen.

Doch daraus folgt keineswegs, dass Kuhn wissenschaftliche Theorien für gleichwertig oder gar austauschbar hielt. Im Gegenteil: Er betont, dass Wissenschaftler*innen bestimmte Werte wie Einfachheit, Erklärungsstärke und Fruchtbarkeit sehr wohl nutzen, um zwischen konkurrierenden Theorien zu entscheiden. Kuhn war also kein Verfechter einer „Alles-gilt“-Beliebigkeit, sondern ein Historiker der Wissenschaft, der ihren Wandel ernst nahm, ohne auf Rationalität zu verzichten.

Feyerabend – Provokateur mit ernstem Kern

Paul Feyerabend ist schwerer zu fassen – auch, weil er sich mit Freude der systematischen Vereinnahmung entzog, und bis auf einmal auch erfolgreich meinem Lesetrieb. In Wider den Methodenzwang polemisierte er gegen den Mythos einer universellen wissenschaftlichen Methode. Sein berühmt-berüchtigter Slogan „Anything goes“ wurde oft als nihilistische Absage an jede Form von Wissenschaftlichkeit interpretiert. Doch so einfach ist es nicht.

Feyerabend kämpfte nicht gegen Wissenschaft an sich, sondern gegen ihren Monopolanspruch. Er war überzeugt, dass Fortschritt oft gerade dann entsteht, wenn Konventionen gebrochen und neue Wege beschritten werden – notfalls auch durch Ungehorsam. In einer pluralistischen Gesellschaft, so Feyerabend, darf Wissenschaft nicht zur Ersatzreligion werden. Sie muss sich Kritik gefallen lassen und sich an ihren Ergebnissen messen lassen – nicht an ihrem institutionellen Selbstverständnis.

Was er forderte, war keine Beliebigkeit, sondern methodische Offenheit und eine demokratische Kontrolle der Wissenschaft durch die Gesellschaft, die sie finanziert und betrifft.

Humanistische Lehren aus Kuhn und Feyerabend

Aus humanistischer Sicht ist es entscheidend, Wissenschaft weder zu mystifizieren noch zu relativieren. Sie ist kein dogmatisches System, aber auch kein Spielplatz beliebiger Meinungen. Kuhn und Feyerabend erinnern uns daran, dass Erkenntnis immer ein historischer, sozialer und konflikthafter Prozess ist – und dass wissenschaftlicher Fortschritt Mut, Kreativität und kritisches Denken erfordert.

Gleichzeitig warnen beide Denker – auf je eigene Weise – vor der Versuchung, Wissenschaft als letzte Autorität in allen Lebensfragen zu betrachten. Das ist keine Einladung zum Antiintellektualismus, sondern ein Appell zur Selbstbesinnung:

Wissenschaft ist ein mächtiges Werkzeug.
Aber es liegt an uns Menschen, dieses Werkzeug
verantwortlich und aufgeklärt zu gebrauchen.

Quellen:

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