KI und digitaler Humanismus im Vormarsch
Schlag auf Schlag geht es im Moment mit dem Digitalen Humanismus. Vom 26. bis 28. Mai 2025 fand im Museumsquartier Wien die Digital-Humanism-Konferenz statt, wir berichteten darüber, und nun wurde vom Bundesrechenzentrum (BRZ) der aktuelle Technologieradar 2025 vorgestellt, mit 48angesprochenen Technologien. Fazit: KI spielt eine immer größere Rolle bei der Entwicklung von IT-Anwendungen.
Verwaltung im Wandel: Warum KI nur mit digitalem Humanismus Zukunft hat
Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung wird oft als notwendiger Schritt in Richtung Effizienz und Zukunftssicherheit dargestellt. Die jüngste Präsentation des Technologieradars durch das Bundesrechenzentrum (BRZ) zeigt einmal mehr, wie stark der technologische Fortschritt das staatliche Handeln beeinflusst. Doch hinter den Buzzwords wie Agentic AI, synthetische Daten oder Zero Trust verbirgt sich mehr als nur technologische Innovation. Aus humanistischer Sicht stellt sich die entscheidende Frage: Wie viel Mensch bleibt in einer digitalisierten Verwaltung, die sich zunehmend auf künstliche Intelligenz stützt?
Technologie mit Doppelgesicht: Die Versprechen der neuen Verwaltung
Zweifellos bringt der Einsatz von KI in der Verwaltung Potenzial. Systeme, die Entscheidungen nicht nur vorbereiten, sondern autonom treffen und umsetzen können – das ist das Konzept von Agentic AI. In der Theorie verspricht diese Entwicklung eine massive Entlastung der Verwaltung: Routineaufgaben könnten automatisiert, Prozesse beschleunigt und Ressourcen effizienter eingesetzt werden. Die Pensionierungswelle, die laut Roland Ledinger, Geschäftsführer des BRZ, die Verwaltung in den kommenden Jahren treffen wird, könne so besser abgefedert werden.
Synthetische Daten wiederum ermöglichen es, KI-Systeme zu trainieren, ohne reale personenbezogene Daten zu verwenden. Das klingt zunächst wie ein datenschutzfreundlicher Fortschritt. Doch auch hier müssen wir innehalten: Wie neutral sind diese Daten wirklich? Sind sie repräsentativ für die Vielfalt der Gesellschaft? Oder spiegeln sie – ungewollt – Vorurteile und Ausschlüsse wider, die in den Trainingsdaten angelegt sind?
Ein weiteres Stichwort aus dem Technologieradar ist Zero Trust, ein Sicherheitsparadigma, das grundsätzlich kein Gerät, keinen Nutzer und keine Verbindung mehr vertraut. Klingt sinnvoll in Zeiten von Cyberangriffen, wirft aber Fragen auf, ob das Misstrauen gegenüber der eigenen Verwaltung irgendwann auch auf die Bürger:innen überspringt. Vertrauen ist keine rein technische Größe, sondern ein soziales Kapital. Es lässt sich nicht durch Protokolle allein sichern.
Der Mensch im Mittelpunkt – eine Floskel?
Inmitten dieser technologischen Euphorie fällt ein Begriff angenehm aus der Rolle: digitaler Humanismus. Eine Idee, die seit einigen Jahren von Institutionen wie der Technischen Universität Wien oder auch der Stadt Wien vertreten wird. Er fordert, dass technologische Entwicklungen stets am Menschen ausgerichtet sein müssen – nicht umgekehrt.
Doch was bedeutet das konkret für die Verwaltung? Es heißt, dass Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Verantwortlichkeit nicht verhandelbare Prinzipien sind. Wenn ein KI-System einen Antrag ablehnt, muss eine nachvollziehbare Begründung erfolgen. Es reicht nicht, wenn ein Algorithmus entscheidet, nur weil es effizient ist. Menschen müssen verstehen, warum Entscheidungen so und nicht anders getroffen wurden.
Darüber hinaus stellt sich die Frage nach Teilhabe: Wer entwickelt diese Systeme? Wer definiert die Kriterien, nach denen Entscheidungen getroffen werden? Wenn diese Entwicklung in den Händen einiger weniger großer Tech-Konzerne liegt, geraten demokratische Prozesse ins Hintertreffen. Ein digitaler Humanismus fordert hier klare gesellschaftliche Kontrolle über Technologien, die tief in das Leben der Menschen eingreifen.
Verantwortung ist nicht delegierbar
Staatssekretär Alexander Pröll betonte bei der Präsentation die Bedeutung klarer Regeln für den KI-Einsatz. Doch Regeln allein genügen nicht. Was fehlt, ist eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, welche Aufgaben der Staat überhaupt automatisieren darf. Verwaltungsentscheidungen sind keine simplen Rechenaufgaben. Sie berühren oft individuelle Lebenslagen, Schicksale, Grauzonen. Hier braucht es nicht nur Daten, sondern Urteilsvermögen, Empathie und Kontextverständnis – Fähigkeiten, die Maschinen nicht besitzen.
Die Vorstellung, dass sich der Staat in eine Art Rechenzentrum verwandelt, in dem Menschen nur noch Parameter liefern, ist aus humanistischer Perspektive hochproblematisch. Eine KI kann keine Verantwortung übernehmen, keine Reue empfinden, keine Gnade walten lassen. All das sind menschliche Qualitäten, auf denen ein funktionierendes Gemeinwesen beruht.
Die Chance nutzen, nicht verpassen
Dabei ist die Debatte nicht nur dystopisch. Die Digitalisierung der Verwaltung ist eine Chance – wenn sie klug und menschenzentriert gestaltet wird. Sie kann Zugänge erleichtern, Barrieren abbauen, Verwaltungswege vereinfachen. Besonders marginalisierte Gruppen könnten profitieren, wenn Systeme barrierefrei, mehrsprachig und inklusiv entwickelt werden. Aber das geschieht nicht automatisch. Es braucht bewusste Entscheidungen, politische Weichenstellungen und vor allem: eine ethische Reflexion jenseits technischer Machbarkeit.
Die Einbindung von Bürger:innen in die Entwicklung und Kontrolle digitaler Verwaltungssysteme wäre ein erster Schritt. Warum nicht digitale Bürgerräte einsetzen, die über den Einsatz neuer Technologien mitentscheiden? Warum nicht Open-Source-Lösungen fördern, die nachvollziehbar und überprüfbar sind? Der digitale Humanismus liefert hier keine fertigen Antworten, aber die richtigen Fragen.
Für mich ist Digitaler Humanismus wesentlich, um digitale Lösungen für Bürger:innen und Unternehmen bereitzustellen, die einen menschenzentrierten, innovativen Ansatz verfolgen. Dabei ist neben der Usability auch die Berücksichtigung von Partizipation im Entstehungsprozess und die Einhaltung eines zugrunde gelegten Wertesystems von zentraler Bedeutung. KI kann etwa immer nur unterstützen, aber nicht selbstständig entscheiden. Daher ist die Fähigkeit, Ergebnisse von digitalen Prozessen auch plausibilisieren zu können, eine wichtige Kompetenz, die uns Menschen ausmacht. Die Norm ISO/IEC/IEEE 24748-7000 basiert auf dem Ansatz von Value-Based Engineering und bietet einen Leitfaden für den Aufbau und Einsatz ethischer, menschenzentrierter Technologien. Ich sehe es für das BRZ als eine wichtige Notwendigkeit, hier die entstandene Kompetenz weiterzuentwickeln und gerade im Hype von KI nicht das Wesentliche aus den Augen zu verlieren.
Roland Ledinger, BRZ-Geschäftsführer
Fazit: Digitalisierung braucht Demokratie
Die Digitalisierung der Verwaltung steht an einem Scheideweg. Entweder sie folgt blind dem Mantra der Effizienz, oder sie begreift Technik als Werkzeug zur Stärkung von Demokratie, Teilhabe und Gerechtigkeit. Der aktuelle Technologieradar des BRZ zeigt, dass die technischen Möglichkeiten da sind. Ob daraus ein Gewinn für alle wird, hängt nicht von der Technologie ab, sondern von unserer Haltung. Aus humanistischer Sicht ist klar: Fortschritt darf nie Selbstzweck sein. Er muss den Menschen dienen – nicht umgekehrt.
Quellen:
- Revolution in der Verwaltung: KI und digitaler Humanismus im Vormarsch
- Technologieradar des BRZ
- Digitaler Humanismus – Wikipedia
- KI-Strategie der Stadt Wien
- Zero Trust – Wikipedia
- Agentic AI – Begriffserklärung
- Megatrends in der Verwaltung
- Mega-Trends in der Verwaltungs-IT
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