Könnten Sie einen Flacherdler wählen?
Warum Richard Dawkins mit seinem Vergleich viele provoziert und trotzdem einen realen Konflikt anspricht
Beim Lesen der Blogs der Richard Dawkins Foundation for Reason & Science Deutschland fiel mir dieser Beitrag auf — und ehrlich gesagt konnte ich zuerst kaum glauben, was ich da las. Richard Dawkins vergleicht Politiker, die sagen, manche Frauen hätten einen Penis, sinngemäß mit Flacherdlern und Kreationisten.
Mein erster Gedanke war spontan: Was faselt der da?
Ausgerechnet Dawkins. Einer der bekanntesten Wissenschaftsvermittler der Gegenwart. Ein Mann, der jahrzehntelang gegen religiösen Dogmatismus, Irrationalität und pseudowissenschaftliches Denken argumentiert hat. Und jetzt so ein brachialer Vergleich?
Der erste Impuls ist fast zwangsläufig Empörung. Weil der Satz brutal wirkt. Weil er klingt, als würde hier mit voller Absicht eine ohnehin aufgeheizte gesellschaftliche Debatte weiter eskaliert. Und weil viele Menschen beim Lesen sofort den Eindruck haben werden, hier würden trans Personen pauschal lächerlich gemacht oder entmenschlicht.
Aber dann begann mein Gehirn langsam den eigentlichen Punkt hinter der Provokation zu sortieren.
Denn Dawkins argumentiert nicht primär über Höflichkeit, Respekt oder Bürgerrechte. Er argumentiert über etwas anderes: über die Frage, ob eine aufgeklärte Gesellschaft biologische Grundbegriffe politisch umdefinieren darf — und was passiert, wenn wissenschaftliche Kategorien zunehmend unter ideologischen Vorbehalt gestellt werden.
Und genau dort wird die Sache plötzlich deutlich komplizierter.

Als Richard Dawkins vor wenigen Tagen schrieb, manche britische Spitzenpolitiker glaubten ernsthaft, „dass manche Frauen einen Penis haben“, und dies erinnere ihn an eine Missachtung wissenschaftlicher Realität wie beim Kreationismus oder bei Flat-Earth-Theorien, war die Empörung erwartbar groß. Für viele klang das sofort wie ein pauschaler Angriff auf trans Menschen. Andere feierten den Satz wiederum als mutigen Widerstand gegen politische Sprachregelungen.
Beides greift zu kurz.
Denn der eigentliche Konflikt liegt tiefer — und er betrifft eine Frage, die für Humanismus zentral ist: Was passiert, wenn gesellschaftliche oder politische Ideologien beginnen, naturwissenschaftliche Begriffe umzudeuten?
Beim ersten Lesen wirkt Dawkins’ Vergleich tatsächlich brutal zugespitzt. Wer trans Menschen respektvoll behandeln will, wer Diskriminierung ablehnt und individuelle Freiheit ernst nimmt, reagiert zunächst instinktiv ablehnend. Denn selbstverständlich geht es im Alltag nicht darum, Menschen absichtlich zu verletzen oder ihnen ihre Würde abzusprechen. Gerade Humanismus verpflichtet dazu, Menschen als Menschen zu behandeln — unabhängig von Geschlechtsidentität, sexueller Orientierung oder Lebensentwurf.
Doch Dawkins argumentiert auf einer anderen Ebene. Er spricht nicht primär über Höflichkeit, soziale Anerkennung oder Bürgerrechte. Er spricht über die Frage, ob biologische Kategorien beliebig umdefiniert werden dürfen.
Und genau dort beginnt die eigentliche Debatte.
Biologisch existieren beim Menschen zwei reproduktive Geschlechterklassen: männlich und weiblich. Diese Einteilung ergibt sich nicht aus Religion, Moral oder Tradition, sondern aus der sexuellen Fortpflanzung des Menschen. Biologie definiert Geschlecht nicht über Kleidung, Verhalten, Selbstgefühl oder gesellschaftliche Rollenbilder, sondern über die Organisation des Körpers im Hinblick auf Fortpflanzung. Männer produzieren kleine Gameten (Spermien), Frauen große Gameten (Eizellen). Genau daraus ergibt sich die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen.
Auch Intersexualität widerlegt dieses Modell nicht. Intersexuelle Menschen sind keine „dritten Geschlechter“, sondern Menschen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung innerhalb eines grundsätzlich zweigeschlechtlichen Fortpflanzungssystems. Die Existenz biologischer Sonderfälle hebt Kategorien nicht auf — genauso wenig wie Menschen mit nur einem Bein beweisen würden, dass der Mensch keine zweibeinige Spezies ist.
Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass trans Menschen „nicht existieren“ oder keinen Respekt verdienen würden. Genau hier wird die Debatte oft unnötig vergiftet. Denn zwischen biologischer Realität und menschlicher Würde besteht kein Widerspruch.
Ein Humanist kann gleichzeitig sagen:
Biologisch gibt es zwei Geschlechter.
Und:
Menschen dürfen ihr Leben frei gestalten, ihren Körper verändern, ihre soziale Rolle wählen und Anspruch auf Schutz vor Diskriminierung haben.
Der Konflikt entsteht erst dort, wo aus sozialer Anerkennung plötzlich die Forderung wird, biologische Begriffe selbst umzuschreiben. Wenn etwa behauptet wird, biologische Geschlechtskategorien seien bloß „soziale Konstrukte“ oder vollständig subjektiv definierbar, geraten Wissenschaft und politische Identitätspolitik in direkten Konflikt.
Genau an diesem Punkt setzt Dawkins’ Vergleich mit Kreationismus oder Flat-Earth an. Er meint damit nicht, dass trans Menschen irrational seien. Sein Vorwurf richtet sich vielmehr gegen politische und akademische Strömungen, die empirische Kategorien zunehmend durch sprachliche oder ideologische Definitionen ersetzen wollen.
Und tatsächlich ist diese Entwicklung nicht völlig harmlos.
Denn moderne Demokratien funktionieren nur, solange es überhaupt noch eine gemeinsame Vorstellung davon gibt, dass empirische Realität existiert — unabhängig davon, ob sie politisch angenehm ist oder nicht. Wenn biologische Fakten nur noch als „Narrative“ gelten, verliert evidenzbasierte Debatte ihre Grundlage. Dasselbe Problem sieht man übrigens auch bei Impfgegnern, Klimawandelleugnern oder religiösem Kreationismus: Nicht die Existenz unterschiedlicher Werte ist das Problem, sondern die Ablehnung überprüfbarer Wirklichkeit.
Trotzdem bleibt Dawkins’ Vergleich riskant.
Denn Flat-Earth-Theorien sind objektiv absurde Behauptungen ohne jede empirische Basis. Die Genderdebatte dagegen berührt zusätzlich Psychologie, Sprache, Recht, Medizin und soziale Integration. Wer beides völlig gleichsetzt, vereinfacht eine komplexe gesellschaftliche Diskussion zu stark und produziert vor allem moralische Lagerbildung statt Erkenntnis.
Vielleicht liegt genau dort die eigentliche humanistische Aufgabe: weder wissenschaftliche Realität aus Angst vor Konflikten zu relativieren, noch Menschen zu Feindbildern zu erklären, weil sie andere Schlussfolgerungen aus sozialen oder ethischen Fragen ziehen.
Humanismus bedeutet nicht, biologische Tatsachen politisch umzuschreiben. Aber Humanismus bedeutet ebenso, Menschen nicht auf biologische Kategorien zu reduzieren.
Die Herausforderung besteht darin, beides gleichzeitig auszuhalten.

Dawkins – und der angesprochene Blog – sind ganz weit draussen – rechts draussen.
Die Behauptung, Richard Dawkins oder der Blogartikel seien rechts sagt zunächst noch nichts über die Argumente aus. Sie ersetzt eine inhaltliche Auseinandersetzung durch eine politische Etikettierung.
Richard Dawkins vertritt in Fragen von Evolution, Religion, Wissenschaft und Menschenrechten seit Jahrzehnten Positionen, die überwiegend dem liberalen, säkular-humanistischen Spektrum zugeordnet werden. Dass er in der Debatte um Geschlechtsidentität Positionen vertritt, die von manchen als genderkritisch bezeichnet werden, hat ihm erhebliche Kritik eingebracht und sogar zur Aberkennung einer humanistischen Auszeichnung geführt.
Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass alles, was er sagt, rechts ist. Ebenso wenig wird ein Argument dadurch falsch, dass es von einer Person stammt, die man politisch ablehnt.
Mein Artikel stellt daher nicht die Frage, ob Richard Dawkins sympathisch ist oder ob man jede seiner Positionen teilt. Er stellt die Frage, ob Menschen bereit sind, ihre Wahlentscheidung von nachprüfbaren Fakten abhängig zu machen – oder von persönlichen Überzeugungen, die sich einer Überprüfung entziehen.
Wenn Du einen konkreten Fehler im Artikel siehst, diskutiere ich ihn gerne. Die Einordnung rechts ist jedoch keine inhaltliche Kritik, sondern lediglich ein Etikett.
Dein Denkfehler ist ein klassischer Schuld-durch-Assoziation- bzw. Ad-hominem-Fehlschluss: Nicht das Argument wird kritisiert, sondern die Person, auf die Bezug genommen wird. Selbst wenn Dawkins politisch rechts wäre – was bereits diskutabel ist –, würde das nichts über die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der im Artikel gestellten Frage aussagen.
„Die Behauptung, Richard Dawkins oder der Blogartikel seien rechts sagt zunächst noch nichts über die Argumente aus. Sie ersetzt eine inhaltliche Auseinandersetzung durch eine politische Etikettierung.“ richtig
Ich habe eine ganze Reihe von Artikels des Blogs der Richard Dawkins Foundation gelesen – und mein Urteil ist abschliessend: „Rechts“
Über Richard Dawkins würde ich also – heute – nicht mehr diskutieren, da würde ich mich nur noch schämen.
„Dein Denkfehler ist ein klassischer Schuld-durch-Assoziation- bzw. Ad-hominem-Fehlschluss:“ Ist das so? Na dann …
(nur nebenbei: Ich habe nie verstanden, warum Dawkins überhaupt gehyped wurde, „The God Delusion“ war zum Beispiel nur langweilig)
Dann sind wir uns zumindest im ersten Punkt einig: Die Einordnung rechts ersetzt keine Argumentation.
Was Richard Dawkins betrifft, scheint unser Dissens weniger in seinen konkreten Aussagen als in der Bewertung seiner Person zu liegen. Du hast Artikel gelesen und bist zu einem abschließenden Urteil gekommen. Das ist selbstverständlich legitim.
Mein Punkt war aber ein anderer: Selbst wenn ich Deine Einschätzung vollständig teilen würde, wäre damit die im Artikel gestellte Frage noch nicht beantwortet.
Ich habe den Artikel nicht geschrieben, um Richard Dawkins zu verteidigen. Ich habe ihn geschrieben, weil mich ein gesellschaftliches Muster beschäftigt: Immer häufiger werden Menschen nicht mehr nach der Qualität ihrer Argumente beurteilt, sondern danach, ob sie im jeweils richtigen oder falschen Lager verortet werden.
Wenn jemand sagt: Dawkins ist rechts, deshalb muss man über seine Argumente nicht mehr diskutieren, dann interessiert mich genau dieser Mechanismus. Denn dieselbe Logik wird auch gegen Humanist:innen, Religionskritiker:innen, Feministinnen, Transpersonen, Konservative oder Sozialdemokrat:innen angewandt – je nachdem, wer gerade als falsch markiert wird.
Dass Dir The God Delusion nicht gefallen hat, ist davon völlig unabhängig. Bücher dürfen langweilig sein. Entscheidend ist für mich die Frage, ob wir Behauptungen anhand von Argumenten prüfen oder anhand von Etiketten.
Genau darum ging es mir im Artikel.
@ Dr. Andreas Gradert
Dawkins ist Rechts – sehr weit Rechts – und Sie haben damit Null Probleme? Echt jetzt?
Stattdessen reiten Sie auf „Argumenten“ herum, für einen Artikel über Dawkins, der in der Überschrift schon Nonsens verkündet:
„Flacherdner“ kommt regelmässig dann, wenn jemand nichts anderes sagen will, als „Ein total Bekloppter“ – darüber soll man reden? Über was denn noch? Über alles?
Kann sein, dass es irgendwo Menschen gibt, die – wirklich – an die „Flacherde“ glauben, wer kann das wissen? „The Flat Earth Society“ – https://www.tfes.org – ist aber eine Übung in „kritischem Denken“, auch bekannt als „hoax“, Satire.
Gerade noch mal Dawkins gelesen, wie „…“ ist das denn? Zitat Dawkins:
„The leader of the Lib Dems, and the leader and deputy leader of the Green party, think some women have penises. In itself, it seems like a relatively unimportant matter. But it is symptomatic of a contempt for science and evidence-based truth. Could you vote for a flat-Earther?“