Die humanistische Bedeutung der Krisenintervention seit Kaprun

Am 11. November 2000 brannte im Tunnel der Gletscherbahn Kaprun eine Standseilbahn aus. 155 Menschen starben, viele davon junge Skifahrer:innen, Familien, Rettungskräfte. Es war ein Schock, der Österreich tief erschütterte. Für die Angehörigen, die Einsatzkräfte und das ganze Land stellte sich die Frage, wie man mit einem Leid dieser Dimension umgehen kann. Kaprun war nicht nur eine technische Katastrophe, sondern auch eine menschliche. Und genau hier liegt ihr paradoxer, bitterer Ertrag: Sie führte zur Gründung der österreichischen Krisenintervention, jenem Netzwerk, das seither da ist, wenn Worte fehlen, wenn die Welt für Betroffene stillsteht.

Wir sind die Hüter:innen unserer eigenen Mitmenschlichkeit. Kein Gott wird uns lehren, was Mitgefühl bedeutet, wenn wir es selbst vergessen.
Richard Dawkins

Heute einmal sehr persönlich.

Ich bin seit 1979 beim Roten Kreuz. Erst in Deutschland, dann in Österreich, einmal auf Haiti. Damals war ich jung, voller Idealismus, bereit, überall anzupacken. Niemand bereitete mich darauf vor, wie sich das Schweigen nach der Katastrophe anfühlt.

Seit rund zwanzig Jahren arbeite ich nun in der Krisenintervention, am Sonntag hatte ich meinen tausendsten Einsatz. Tausend Male am Abgrund menschlicher Existenz. Tausend Male dieser Moment, in dem ein Satz alles verändert: „Es tut mir leid, aber…“

Kaprun – als Mensch erschüttert

Als die Gletscherbahn in Kaprun im Jahr 2000 brannte und 155 Menschen starben, war ich nicht vor Ort, aber ich habe Menschen kennengelernt, die vor Ort waren, in ersten Linie Ingo Vogl aus Salzburg, später auch andere.

Aber ich erinnere mich an das Gefühl, das in mir war, Sprachlosigkeit. Fassungslosigkeit. Niemand war vorbereitet auf das Ausmaß dieses Schmerzes. Aus dieser Ohnmacht entstand etwas Neues: die österreichische Krisenintervention. Zum ersten Mal wurde institutionalisiert, was Menschlichkeit schon immer bedeutete – da zu sein, wenn kein Trost möglich ist.

Kaprun war ein Wendepunkt, nicht nur in der Katastrophenhilfe, sondern in unserem Verständnis von Mitgefühl. Es war der Moment, in dem Österreich begriff, dass technische Rettung allein nicht reicht. Es braucht Menschen, die bleiben, wenn alles vorbei ist.

Mitmenschlichkeit ohne göttlichen Auftrag

Ich bin oft gefragt worden, wie man das aushält. Meine Antwort ist einfach: gar nicht. Man hält es nicht aus, man hält mit.
In der Krisenintervention geht es nicht um Glauben oder Jenseits, nicht um Erklärungen oder Sinnsuche. Ich sage niemandem, dass etwas „so bestimmt war“. Ich sage nur: „Ich bin da.“ Und in diesem Satz steckt alles.

Ich habe Menschen begleitet, die auf der Straße zusammensanken, die schrieen, die stumm waren, die nur noch den Blick suchten. In diesen Momenten gibt es keine Religion, keine Psychologie, keine Routine. Nur Menschlichkeit.

Humanismus bedeutet für mich, dass der Mensch selbst Quelle und Ziel allen Mitgefühls ist. Kein höheres Wesen, keine Belohnung, kein Sinn jenseits des Moments. Nur die Entscheidung, da zu bleiben, wenn andere fliehen.

Tausend Begegnungen mit dem Unfassbaren

Mein tausendster Einsatz war kein Grund zum Feiern. Es war ein stilles Innehalten. Ich erinnere mich an viele Gesichter, viele Orte: Küchen, Polizeiwachstuben, Unfallstellen, Schlafzimmer mit Kerzen auf dem Boden und improvisierte Büros im Auto bei Regen. Überall dieselbe Mischung aus Nähe und Unbegreiflichkeit. Ich habe gelernt, dass die wahre Stärke der Menschen nicht im Weitermachen liegt, sondern im Atmen, obwohl es wehtut.

Es gibt keine Worte für das, was ich da gesehen habe. Aber ich weiß: Wenn ich aufhöre hinzusehen, verliert das Wort Menschlichkeit seinen Sinn. Jede Kolegin, jeder Kollege der Krisenintervention hat seine eigene Methode, aus dem Einsatz herauszugehen, bei mir ist es die Jacke, ziehe ich sie aus, dann bleiben die Gedanken in der Jacke, und sind immer wieder bereit. Andere sitzen im Auto nach einem Einsatz und schweigen lange, jeder hat seine Methode, jeder muss seine Methode finden, sonst kommt er im Leid der Anderen um.

Der geheilte Knochen

Die Anthropologin Margaret Mead sagte, das erste Zeichen von Zivilisation sei ein geheilter Oberschenkelknochen. Weil er beweist, dass jemand gepflegt, geschützt, getragen wurde. Ich denke oft an dieses Bild. Krisenintervention ist nichts anderes: der Versuch, für eine kurze Zeit das zu tun, was uns zu Menschen macht – einander nicht allein zu lassen.

Mitgefühl ist kein Gefühl der Schwäche, sondern der Reife. Es bedeutet, sich dem Schmerz anderer zu öffnen, ohne daran zu zerbrechen. Wir in der Krisenintervention tun das, was eine humanistische Gesellschaft tun sollte: Wir halten Würde aufrecht, wo das Leben sie verloren hat.

Institutionalisierte Menschlichkeit

Aus den improvisierten Anfängen nach Kaprun ist ein landesweites Netz geworden. Rotes Kreuz, Feuerwehr, Polizei und psychosoziale Notfallteams arbeiten heute eng zusammen, mancherorts mischen auch die Notfallseelsorger mit. Es gibt Ausbildungen, Supervisionen, Austausch. Doch die Belastung bleibt. Wir erleben Tragödien, die nicht in den Nachrichten stehen. Wir tragen Gesichter in uns, die nie vergessen werden. Und doch wissen wir: Diese Arbeit ist notwendig, weil sie das Fundament der Zivilisation ist.

Eine Gesellschaft, die Krisenintervention ernst nimmt, nimmt auch die Verletzlichkeit ihrer Bürger:innen ernst. Sie erkennt an, dass Menschlichkeit nicht automatisch entsteht, sondern organisiert, geschützt, finanziert werden muss.

Würde, wenn Worte versagen

Ich habe erlebt, dass Würde nichts mit Stärke zu tun hat. Sie zeigt sich in der Stille, im Zittern, im ersten Schritt nach dem Verlust. Sie liegt in der Berührung einer Hand, im gemeinsamen Schweigen, im Aushalten ohne Urteil. Ich glaube nicht an göttlichen Trost, sondern an menschliche Präsenz. An Menschen, die bleiben, wenn alles auseinanderfällt.

Humanismus im Einsatz

Nach all den Jahren weiß ich: Humanismus ist keine Theorie, sondern gelebte Praxis. Krisenintervention ist Humanismus unter Blaulicht. Wir kommen nicht mit Antworten, sondern mit Menschlichkeit. Wir tragen keine Heilsversprechen, nur offene Augen und offene Herzen.

Wenn ich an Kaprun denke, denke ich nicht an Flammen, sondern an den Anfang. Den Anfang einer Bewegung, die zeigt, dass Menschlichkeit keine Schwäche ist, sondern Stärke.

Was bleibt

Tausend Einsätze. Tausend Male gelebter Humanismus. Für mich ist das keine Statistik, sondern ein Versprechen. Ich werde weitermachen, weil ich glaube, dass jeder Mensch, der im Leid nicht allein bleibt, ein Stück Würde zurückgewinnt. Und vielleicht ist das die einfachste, ehrlichste Definition von Humanismus: Da zu sein, wenn niemand sonst mehr bleiben kann. Mit dem Satz: Hallo, ich bin Andreas, und ich habe Zeit für Sie.

Laudatio

Zwei Menschen haben mich auf meinem Weg in der Krisenintervention entscheidend geprägt.

Ingo Vogl, der 2007 gemeinsam mit Peter Gunz das Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes Salzburg gründete, hat den Grundstein gelegt für eine neue Kultur des Helfens in Salzburg. Als organisatorischer Leiter und Ausbildner für das gesamte Land verkörpert er jene Haltung, die ich als Herz der Krisenintervention empfinde: humorvoll, menschlich, klar, und mit einem tiefen Respekt vor der Autonomie der Betroffenen. Seine Art zu lehren, zuzuhören und gleichzeitig Strukturen zu schaffen, hat Generationen von Kolleg:innen geprägt. Ohne ihn gäbe es in Salzburg keine so tragfähige, menschlich fundierte Krisenintervention.

Und Andreas Müller-Cyran, den ich auch als Dozenten in meiner Ausbildung zur Notfallseelsorge kennenlernen durfte, hat mich auf einer anderen Ebene geprägt. Als einer der Pioniere der Akutintervention in Deutschland hat er nicht nur wissenschaftlich, sondern auch menschlich Maßstäbe gesetzt. Sein Verständnis von Psychosozialer Notfallversorgung – präzise, respektvoll, und immer auf Augenhöhe – war und ist richtungsweisend. Er hat gezeigt, dass Qualität in der Begleitung von Menschen in Extremsituationen kein technischer Standard ist, sondern eine Haltung: die Haltung des Mitgefühls und der Verantwortung.

Beiden gilt mein aufrichtiger Dank. Sie haben mir gezeigt, dass Krisenintervention mehr ist als eine Aufgabe. Sie ist eine Haltung des Humanismus – gelebt, gelehrt, weitergegeben.


Linkliste

(1) ORF: „Katastrophe von Kaprun – 20 Jahre danach“
https://orf.at/stories/3186985/

(2) Österreichisches Rotes Kreuz: „Krisenintervention – Psychosoziale Erste Hilfe“
https://www.roteskreuz.at/krisenintervention

(3) Krisenintervention Tirol
https://www.kit-tirol.at

(4) Margaret Mead: „The Beginning of Civilization“
https://www.nationalgeographic.com/culture/article/margaret-mead-bone-story

(5) Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 1
https://www.un.org/de/universal-declaration-human-rights/

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