Elon Musks neue Kleider – Warum es Zeit ist, X zu verlassen
Gastbeitrag von Peder Iblher. Der Beitrag erschien zuerst auf Peders Blog digitalhumanrights, dem Blog für digitale Menschenrechte, mit Beiträgen zu digitalen Menschenrechten, Netzpolitik, Privacy und der offenen Gesellschaft aus humanistischer Sicht.
Ein sehr lesenswerter Blog. Lesebefehl.
Gute Vorsätze hält das neue Jahr genügend bereit: Sich Zuversicht bewahren. Den Kopf klar behalten. Weniger und bessere Medien konsumieren. Und: X zum Teufel jagen. Denn das soziale Netzwerk erfüllt wichtige Mindeststandards für freie Meinungsäußerung nicht mehr.
Dabei sollte die Plattform – nach Elon Musks Worten – eigentlich genau dafür stehen, seit er sie gekauft hat: die Freiheit, endlich alles sagen zu können. Das war zwar von Anfang an Unsinn, wie der bezahlte „blaue Haken“, der für gekaufte Reichweite stand, schnell bewies. Stattdessen wurde die Plattform immer unverhohlener zu Musks persönlichem Werkzeug politischer Manipulation, eine mächtige algorithmische Meinungsmaschine. Immer stärker wird deutlich: die Welt hat ein Problem, wenn der reichste Wirtschaftsboss der Welt gleichzeitig noch ein zentrales US-Regierungsamt inne hat und obendrein einen so wirkmächtigen Propagandakanal besitzt.
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Im Lesemodus öffnenDer Meister fummelt also höchstselbst am Algorithmus. Ein Mann, der zusehends Verschwörungsmythen anhängt, der sich faschistoide Märchen einflüstern lässt und im Rausch der Macht manchmal je nach Laune groteske Dinge von sich gibt. Zum Beispiel gerade erst: „Chancellor Oaf Schitz or whatever his name is will lose“. Für ein normales Management wäre das undenkbar, für eine normale Politik unsagbar, für vernünftige Menschen untragbar. Aber an Musk ist nichts normal und genau das fasziniert seine Fans. Sie erleben ihn als Kaiser Nero, als einen Tausendsassa, der das Risiko liebt, dem viel gelingt und der gleichzeitig unglaublich manipulierbar ist. Er unterstützt die AfD vom Hörensagen und ohne ein einziges valides Argument, aber mit voller Überzeugung. Er widerspricht seinen eigenen Statements. Man kann ihm beim Denken und bei seiner persönlichen Radikalisierung zusehen. Er ist eitel, peinlich und gefährlich – aber wer sagt es ihm?
Elon Musk als tragischer Held? Hoffentlich.
Das Gegenteil des taktischen Überlebenskünstlers, der ohne strategische Weitsicht vor sich hin wurstelt, ist der Visionär, der sich im Konkreten verstolpert. Es gab vor nunmehr 100 Jahren schon mal einen Tech-Milliardär, der Autos herstellte: Henry Ford. Seine Fließbänder und die Vermassung des Verbrennungsmotors haben unsere Welt tief geprägt. Weniger bekannt ist, dass sein Buch „Der internationale Jude“ maßgeblichen Einfluss auf die Entstehung der NSDAP hatte. Als Mitglied des „America First Committee“ versuchte er 1940/41 den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg zu verhindern, ohne den der Faschismus in Europa wahrscheinlich triumphiert hätte.
Henry Ford konnte unkonventionell und strategisch denken und ist große Wagnisse eingegangen. Sein Fehlschlag mit der künstlichen Industriestadt „Fordlandia“ in Brasilien ist Legende, hat aber nichts daran geändert, dass Ford bis heute einer der Top-10 Automobilhersteller ist. Führungsfiguren wie Ford, Musk, Trump oder Putin faszinieren ihre Umgebung, lassen aber ständig andere über die Klinge springen, um ihre Fehleinschätzungen auszubügeln. Die Realität scheint folgenlos an ihnen abzuperlen.
Twitter unter seine Kontrolle zu bringen war – man muss es so sagen – ein strategischer Geniestreich von Elon Musk. Ob wir ihm die selbstzufriedene Plumpheit dieses „netten Versuchs“ durchgehen lassen oder sie sogar noch belohnen, ist uns überlassen. Doch selbst wenn seine Vorhaben an der einen oder anderen Stelle scheitern, lernt Musk schnell und wird immer gefährlicher: Neben X besitzt er nicht nur einen technologisch führenden Autokonzern, sondern auch Firmen die mit KI oder mit neuronalen Maschine-Mensch-Schnittstellen arbeiten, einen konkurrenzlos billigen Zugang zum Weltraum und ein einmalig dichtes Satellitennetzwerk, das Krisengebiete mit dem Internet verbindet. Und wenn er der Meinung ist, damit damit das Richtige zu tun, dann knipst er das Internet auch schon mal aus.
Als die große Linie wird erkennbar: Meinungen beeinflussen, Lügen als Halbwahrheiten verkaufen, Hindernisse aus dem Weg räumen, aus extrem viel Geld noch mehr Geld machen. Und dann: sich als Zentrum des Universums fühlen, als erratisches Universalgenie und beiläufiger Richter über das Gute, Wahre und Schöne. Die Frage ist allein, ob wir es dazu kommen lassen, oder ob wir es boykottieren. Ob wir es bestreiken. Und ob eine kritische Masse von Amerikanerinnen und Amerikaner noch aufwachen, die selbst als überzeugte Republikaner immerhin nicht Trump und Musk als ein Paar von absolutistischen Sonnenkönigen auf Lebenszeit legitimiert haben.
Zeit, dieser Sekte die Gefolgschaft zu kündigen
All das haben wir in den letzten Jahren heraufkommen sehen, und doch war der Impuls, woanders hin zu gehen, X zu verlassen, für viele nie stark genug. Befangen durch ihre Followerzahl, die man sich ja anderswo erstmal aufbauen muss, blieben sie und warteten ab. Nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Marktkonzentration wäre es längst Zeit gewesen, dass Entscheiderinnen und Entscheider pflichtschuldigst auch andere Netzwerke nutzen, wenn sie etwas Wichtiges zu sagen haben. Doch spätestens jetzt, mit der erneuten Trump-Wahl und der Bestellung Elon Musks als seinem pöbelnden Sonderbeauftragten für Etatkürzungen, sollte erkennbar sein, dass X keine neutrale Plattform ist, auf der man zitiert werden möchte. Das Medium war schon immer algorithmisch auf Krawall optimiert. Heute ist es nurmehr eine Hysterie-Maschine, die Köpfe besetzt, verhetzt und polarisiert.
Wer sich also noch nicht nach Alternativen umgesehen hat, sollte die Gunst der Stunde nutzen und seine Freundinnen und Freunde anderswo wieder treffen – am wahrscheinlichsten auf BlueSky, Mastodon oder auch anderswo. Bevor man sein Profil löscht, sollte man besonders wertgeschätzte Handles notieren. Hier bei der EFF findet sich eine praktische Anleitung, wie man die Sache angehen könnte. Vielleicht ist es nicht einmal notwendig, den eigenen Account zu löschen. Viel ist schon gewonnen, wenn man es einübt, ihn ruhen zu lassen, oder deutlich seltener als andere Netzwerke zu besuchen. Themen dort nicht zu kommentieren. Wichtige Statements anderswo zu zitieren und zu verbreiten.
Das Positive sehen
Der Ausstieg aus X – oder der Abstand von X – hat gleich eine ganze Reihe wohltuender Effekte:
- Er fördert die eigene geistige Gesundheit und Seelenhygiene („Be kind to your mind“). Die eigene Nachrichtensucht und Fear-of-missing-out lässt spürbar nach. Und mit ein wenig Abstand steigt das nüchterne Urteilsvermögen.
- Andere Plattformen werden aufgewertet und treten in einen neuen Wettstreit um Seriosität und verantwortliche Contentmoderation.
- X verliert endlich den Nimbus eines Meinungsbarometers, den es fälschlich bei vielen immer noch hat. Betrug und gekaufte Wahlbeeinflussung werden benannt und nicht mehr durch eine genau dosierbare Meinungsvielfalt verbrämt und legitimiert.
- X ist schon heute nur noch weniger als ein Viertel seiner Kaufpreises wert. Ein Misserfolg, der mehr bringt als nur Schadenfreude: Nachahmer des „Geschäftsmodells Polarisierung“ werden abschreckt.
- Das politische Irrlichtern von Musk wirkt sich auch auf seine anderen Markenwerte aus. Wer kann heute noch einen Tesla kaufen, ohne die entsprechende Ideologie mit zu verantworten? Wer zahlt für Musks Vision vom besiedelten Mars, wenn es offensichtlich nur um kindische Begeisterung für ein fragwürdiges Ziel geht?
Mein Ratschlag, in einem Hashtag zusammengefasst, lautet also: #leaveXtoday
Auf ein gutes 2025!
Vielen Dank, Peder.

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