ME/CFS | Eine menschenrechtliche Katastrophe
Wenn es nach dem Land Salzburg geht, wird im Herbst 2025 ein medizinischer Meilenstein gesetzt: die erste landesweite Anlaufstelle für ME/CFS-Betroffene in Österreich. Was nach längst überfälliger Hilfe für tausende Erkrankte klingt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als strukturell unterkomplex, medizinisch halbherzig und politisch bequem. Statt fundierter Versorgung scheint eine symbolische Alibipolitik geplant zu sein – eine Einrichtung, die suggeriert, es werde etwas getan, ohne tatsächlich die zentralen Probleme zu lösen.
Zwischen Hoffnung und Hohn: Die Betroffenenperspektive
ME/CFS – das Myalgische Enzephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome – ist eine schwere neuroimmunologische Erkrankung, die weltweit Millionen betrifft. Die Erkrankung ist seit 1969 von der WHO als neurologische Krankheit anerkannt (ICD-10: G93.3). Sie betrifft weltweit mindestens 17 Millionen Menschen. In Deutschland lag die Zahl vor der Pandemie bei rund 250.000, heute bei etwa 620.000, davon allein 40.000 Kinder und Jugendliche. Auch in Österreich steigt die Zahl dramatisch, man geht von rund 80.000 Patient:innen aus, allein in Salzburg sollen es über 5.000 sein. [1].
Für viele bedeutet die Krankheit den vollständigen Verlust der Selbstständigkeit, massive neurologische Symptome, permanente Erschöpfung und oft eine völlige Isolation vom sozialen Leben. Dennoch gibt es in Österreich bis heute keine einzige Ambulanz, keine spezialisierten Kassenärzt:innen, keine verbindlichen Versorgungsleitlinien – und vor allem: keine soziale Anerkennung durch Institutionen wie die Pensionsversicherungsanstalt [2].
Exkurs 1: Der Salzburger Weg – wenn staatliche Untätigkeit zur strukturellen Diskriminierung wird
Die österreichische Menschenrechtspolitik betont gern ihr Engagement für Schwache und Benachteiligte. Im Bundesland Salzburg zeigt sich exemplarisch, wie dieser Anspruch an der Realität der Betroffenen zerschellt. Im November 2024 hat der Salzburger Landtag einstimmig beschlossen, eine ME/CFS-Anlaufstelle einzurichten – ein längst überfälliger Schritt. Doch was danach geschah, offenbart den wahren Zustand politischer Verantwortung: Es wurde zwar politisch beschlossen, aber nicht menschenrechtskonform umgesetzt.
Die zuständige Landesrätin Mag.a Daniela Gutschi (ÖVP) weigert sich bislang, eine spezialisierte Behandlungsstelle im Spital zu errichten, wie sie bei vergleichbaren schweren Erkrankungen üblich ist, und plant stattdessen eine Drehscheibe, die lediglich Überweisungen an Allgemeinmediziner:innen, Fachärzt:innen oder Spitäler organisieren soll. Was sie dabei ignoriert: In ganz Salzburg existieren keine ME/CFS-Spezialist:innen, weder im niedergelassenen Bereich noch in den Kliniken. Eine Drehscheibe in ein Versorgungsvakuum ist keine Hilfe sondern eine institutionalisierte Hinhaltetaktik.
Die Presse dazu:
- ORF: ME/CFS-Anlaufstelle: Kritik an Planung
- Salzburg24: Niedergelassene Ärzte sollen in Salzburg ME/CFS-Versorgung übernehmen
- Standard: Zentren für Post Covid und ME/CFS lassen auf sich warten
- SN: Sogar ein Gespräch strengt sie zu sehr an: Wie werden Betroffene von ME/CFS in Salzburg versorgt?
Die Folge: Betroffene erhalten weiterhin keine spezialisierte Behandlung, obwohl das Krankheitsbild dies zwingend erfordert. Denn ME/CFS ist komplex, multisystemisch und erfordert spezifische Kenntnisse, diagnostische Verfahren und therapeutische Erfahrung. Überweisungen an nicht spezialisierte Stellen führen nicht nur zu keiner Besserung, sondern häufig zur Verschlechterung des Gesundheitszustands, mitunter bis hin zur völligen Pflegebedürftigkeit oder Suizidalität.
Dazu kommt ein zweites Versäumnis: Die geplante Anlaufstelle soll ausschließlich durch die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) finanziert werden. Doch die regulären Kassentarife decken die aufwendige Diagnostik und Behandlung bei ME/CFS nicht annähernd ab. Ärzt:innen, die unter diesen Bedingungen arbeiten sollen, müssten faktisch wirtschaftlichen Selbstmord begehen. Bei anderen schweren Erkrankungen ist es deshalb üblich, dass die Länder die entsprechenden Behandlungsstellen mit öffentlichen Mitteln subventionieren. Bei ME/CFS verweigert das Land Salzburg diese Praxis – eine Ungleichbehandlung, die menschenrechtlich nicht zu rechtfertigen ist.
Dabei ist die Faktenlage eindeutig:
- Schon milde ME/CFS-Erkrankte haben ein um rund 50 % reduziertes Aktivitätsniveau.
- Spätestens ab moderatem Verlauf sind die Betroffenen arbeitsunfähig.
- Im schwersten Stadium sind sie vollständig bewegungsunfähig, nicht mehr ansprechbar, manchmal auf künstliche Ernährung angewiesen – viele versterben an den Folgen oder nehmen sich das Leben.
- Eine gute, spezialisierte Versorgung kann in vielen Fällen das Fortschreiten verhindern – sie ist nicht Luxus, sondern Überlebenshilfe.
In Salzburg leben tausende ME/CFS-Betroffene. Sie haben ein Recht auf spezialisierte medizinische Versorgung, auf Schutz vor weiterer Verschlechterung, auf menschenwürdige Pflege. Was sie stattdessen erhalten, ist eine Verwaltungslösung ohne medizinische Substanz – und eine politische Hinhaltung, die ihnen jede Hoffnung raubt. Das ist nicht bloß ineffizient. Es ist menschenverachtend.
Dass das Land Salzburg nun mit einer Anlaufstelle nachziehen will, weckt zunächst Hoffnung. Doch genau diese Hoffnung ist gefährlich, wenn sie nicht durch echte Maßnahmen, sondern durch politisches Placebo ersetzt wird.
Was geplant ist – und was fehlt
Laut Landesrätin Daniela Gutschi (ÖVP) soll die neue Anlaufstelle in Salzburg niederschwellig zugänglich, dezentral organisiert und telemedizinisch ergänzt werden. Mobile Dienste sollen eingebunden werden, um Patient:innen auch zuhause erreichen zu können [3]. Das klingt modern – ist aber de facto eine Sparmaßnahme mit schönem Namen.
Denn gleichzeitig wird ausdrücklich betont, dass keine Anbindung an ein öffentliches Spital vorgesehen ist. Keine stationäre Infrastruktur, keine garantierte ärztliche Leitung, keine interdisziplinäre Diagnostik. Stattdessen wird auf die Zusammenarbeit mit niedergelassenen Allgemeinmediziner:innen gesetzt – die laut Ärztekammerpräsident Karl Forstner aber aktuell weder geschult noch in ausreichender Zahl verfügbar sind, um diese Aufgabe auch nur ansatzweise erfüllen zu können [4].
Die Grünen: Spezialambulanz statt Illusion
Die Salzburger Grünen, allen voran Kimbie Humer-Vogl, kritisieren die Planungen scharf. Sie fordern eine Spezialambulanz an einem Standort wie der Salzburger Landesklinik (SALK), wo neurologische, internistische und psychologische Fachkompetenz gebündelt ist. Nur dort könne man adäquate Diagnostik und Forschung garantieren [5]. Eine bloße „Koordinationsstelle“, die Patient:innen weiterverweist oder mit allgemeinen Empfehlungen abspeist, sei „medizinisch wertlos“ – so der Tenor aus fachlicher Sicht.

Symbolpolitik auf dem Rücken Erkrankter
Der einstimmige Beschluss des Salzburger Landtags zur Errichtung der Anlaufstelle im Jahr 2024 wirkte zunächst wie ein Durchbruch. Doch auch im Juli 2025 fehlen weiterhin ein konkreter Zeitplan, eine gesicherte Finanzierung und eine transparente Aufgabenbeschreibung [6]. Die Stelle soll im Herbst starten – aber mit wem, wo, wie und wozu genau, bleibt offen. Wer an tatsächliche medizinische Versorgung glaubt, glaubt hier an ein Versprechen ohne Fundament.
Solche Inszenierungen haben System: Auch der bundesweite Aktionsplan zu ME/CFS und postakuten Infektionssyndromen wurde zwar medial verkündet, doch wesentliche Maßnahmen wurden auf Länder abgeschoben, nicht budgetiert oder in bloße Prüfaufträge umgewandelt [7]. Patient:innen werden hingehalten, verwiesen, abgewimmelt.
Suizidalität, Verzweiflung und Exit
ME/CFS ist nicht nur eine medizinische und soziale Herausforderung – sie ist in vielen Fällen eine existenzielle. Studien zeigen eine deutlich erhöhte Suizidrate unter Betroffenen. In einer Analyse der DePaul University lag die Suizidrate unter ME/CFS-Erkrankten bei etwa dem Vierfachen der Normalbevölkerung [8]. Die Gründe sind bekannt: das permanente Leid, die völlige soziale Ausgrenzung, die fehlende medizinische Hilfe und das Gefühl, systematisch ignoriert zu werden.
In Kanada und der Schweiz wurde in Einzelfällen dokumentiert, dass Betroffene aufgrund ihrer unerträglichen Lebenssituation den Weg der legalen Sterbehilfe gingen – nicht aus irrationalem Todeswunsch, sondern weil das Leben unter den gegebenen Bedingungen als unzumutbar empfunden wurde [9]. In den meisten dieser Fälle waren nicht die Symptome der Grund, sondern das völlige Fehlen von Versorgung, Anerkennung und Perspektive. Genau das ist auch in Österreich bittere Realität – nur mit dem Unterschied, dass es hierzulande nicht einmal den letzten Ausweg gibt.
Das menschenrechtliche Totalversagen der Politik
Was sich in Österreich an Versäumnissen gegenüber ME/CFS-Betroffenen zeigt, ist nicht bloß eine Frage politischer Prioritätensetzung, sondern ein struktureller Bruch mit völkerrechtlich bindenden Menschenrechtsverpflichtungen. Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte garantiert das Recht auf einen Lebensstandard, der Gesundheit und Wohlergehen gewährleistet – inklusive medizinischer Versorgung im Krankheitsfall. Artikel 12 des Internationalen Pakts über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte verpflichtet Staaten, „die Voraussetzungen für jedermann zur Inanspruchnahme der höchsten erreichbaren Gesundheitsstandards zu schaffen“ [10].
Besonders bindend ist die UN-Behindertenrechtskonvention, die Österreich 2008 ratifiziert hat. Artikel 25 verlangt ausdrücklich, dass Menschen mit Behinderungen „eine gleichwertige Versorgung wie andere erhalten, insbesondere im Bereich spezialisierter Gesundheitsdienste“. Die systematische Unterversorgung, die absichtliche Ignoranz gegenüber neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und die chronische Nichtanerkennung der Erkrankung durch Sozialversicherungen stellen in ihrer Gesamtheit eine strukturelle Diskriminierung dar.
Das Europäische Komitee für soziale Rechte hat mehrfach klargestellt, dass Staaten auch für chronisch Erkrankte positive Pflichten haben – nicht nur, Leid zu vermeiden, sondern aktiv dafür zu sorgen, dass niemand durch institutionelle Lücken in existentielle Not gerät. Österreich verletzt damit faktisch auch Artikel 11 der Europäischen Sozialcharta [11].
ME/CFS ist damit nicht nur eine medizinische Herausforderung, sondern ein Gradmesser für die menschenrechtliche Ernsthaftigkeit dieses Staates. Und derzeit fällt Österreich durch.
Exkurs 2: Die medizinische Dimension als menschenrechtlicher Prüfstein
ME/CFS ist nicht nur eine schwere Erkrankung – sie ist ein Gradmesser dafür, ob ein Gesundheitssystem Menschenrechte respektiert oder ignoriert. Charakteristisch ist die sogenannte Post-Exertionelle Malaise (PEM) – eine drastische Verschlechterung des Zustands nach minimaler Anstrengung. Aktivitäten wie Zähneputzen, Duschen oder ein kurzes Gespräch können zu tagelanger Verschlechterung führen. In schweren Fällen reicht schon das Licht oder das Atmen im selben Raum, um den Zustand zu destabilisieren. Hinzu kommen:
- Orthostatische Intoleranz
- Neurokognitive Symptome
- Massive Reizempfindlichkeit
- Immunologische Symptome
- Chronische Schmerzen
- Schlafstörungen, Muskelzuckungen, Erschöpfung auf Zellebene
Laut einer Studie der Universität Aalborg ist die Lebensqualität von ME/CFS-Betroffenen geringer als bei Lungenkrebs, MS oder Schlaganfall. Ein Viertel der Patient:innen kann das Haus nicht mehr verlassen. Viele sind bettlägerig. Über 60 % sind dauerhaft arbeitsunfähig. Und dennoch: Es gibt keine Therapie, keine spezialisierte Versorgung, keine Strategie. Dabei sind die biologischen Grundlagen längst bekannt:
- Postinfektiöse Auslöser: Epstein-Barr-Virus, Influenza, SARS-CoV-2
- Autoimmunmechanismen
- Störungen des Zellstoffwechsels
- chronische Entzündungsprozesse
ME/CFS ist keine eingebildete Krankheit – sie ist eine nachweisbare, körperlich begründbare Erkrankung. Und dennoch bleibt sie unbehandelt. Ein Skandal, der nicht nur medizinisch, sondern rechtlich relevant ist.
Exkurs 3: Ein menschenrechtlicher Skandal
Die strukturelle Vernachlässigung von ME/CFS-Erkrankten stellt nicht nur ein gesundheitspolitisches, sondern ein menschenrechtliches Versagen dar. Mehrere Rechte der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR) und anderer internationaler Abkommen werden systematisch verletzt:
- Artikel 25 AEMR: Jede Person hat das Recht auf einen Lebensstandard, der ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden gewährleistet. Dieses Recht bleibt ME/CFS-Erkrankten in Österreich weitgehend verwehrt.
- Artikel 12 des UN-Sozialpakts (ICESCR): Das Recht auf das erreichbare Höchstmaß an körperlicher und geistiger Gesundheit wird durch das Fehlen von Versorgungseinrichtungen, Forschung und sozialer Absicherung verletzt.
- Artikel 15 der UN-Behindertenrechtskonvention: Schutz vor grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung – ein Anspruch, der von der Realität schwer betroffener ME/CFS-Patient:innen konterkariert wird.
Die Untätigkeit der politischen Verantwortungsträger:innen verletzt damit nicht nur medizinische Standards, sondern auch elementare Menschenrechte.
Exkurs 4: Versorgungslücke österreichweit – Tu felix Austria
Und noch ein Überblick über ME/CFS-Versorgungsstrukturen in den anderen österreichischen Bundesländern, Salzburg explizit ausgenommen. Die Datenlage ist dürftig, das strukturelle Versagen flächendeckend. Von spezialisierten Anlaufstellen kann vielerorts nicht die Rede sein – allenfalls von vereinzelten Initiativen oder Pilotprojekten:
In Wien gibt es keine spezialisierte öffentliche Anlaufstelle für ME/CFS, jedoch eine Selbsthilfegruppe, eine ME/CFS-Sprechstunde im Wilhelminenspital sowie Initiativen aus der Zivilgesellschaft, die sich für Verbesserungen einsetzen. Eine Anfrage der NEOS im Wiener Gemeinderat brachte keine konkrete Perspektive auf ein spezialisiertes Zentrum. Auch Post-COVID-Ambulanzen übernehmen kaum ME/CFS-Fälle (1).
In Niederösterreich existiert keine eigene ME/CFS-Ambulanz. Das Universitätsklinikum St. Pölten bietet jedoch in begrenztem Umfang Unterstützung für Long-COVID-Patient:innen, wobei eine klare Differenzierung zu ME/CFS oft fehlt. Die Patientenversorgung erfolgt häufig durch Hausärzt:innen ohne spezifisches Fachwissen. Eine entsprechende parlamentarische Anfrage wurde 2023 negativ beschieden (2).
Oberösterreich verfügt weder über ein spezialisiertes Zentrum noch über eine konsolidierte Versorgungslinie für ME/CFS. Die Kepler Universitätsklinik Linz nennt zwar ME/CFS als mögliches Krankheitsbild im Kontext ihrer Long-COVID-Ambulanz, verweist Betroffene aber in der Regel an niedergelassene Ärzt:innen weiter (3). Eine umfassende interdisziplinäre Versorgung ist nicht vorhanden.
In der Steiermark betreibt das LKH Graz eine Long-COVID-Ambulanz, die jedoch keine spezifische Versorgung für ME/CFS vorsieht. Eine geplante Spezialambulanz wurde bis heute nicht realisiert. Auf Anfrage der Grünen Steiermark hieß es, dass keine gesonderten Mittel für ME/CFS-Strukturen vorgesehen seien. Die Diagnostik bleibt rudimentär, Therapieangebote fehlen völlig (4).
In Kärnten gibt es keine bekannte medizinische Einrichtung, die sich explizit auf ME/CFS spezialisiert hat. Patient:innen werden, sofern überhaupt ernst genommen, oft an psychosomatische Stellen verwiesen. Ein parlamentarischer Antrag auf Schaffung eines regionalen Versorgungszentrums wurde 2022 abgelehnt. Die Betroffenenhilfe erfolgt de facto ausschließlich durch Selbsthilfegruppen (5).
In Tirol unterhält die Universitätsklinik Innsbruck eine Long-COVID-Ambulanz, die auch ME/CFS-Betroffene untersucht, allerdings ohne spezifisch geschultes Personal oder standardisierte Verfahren. Eine Studie aus 2023 wies auf die Unterdiagnostizierung hin und forderte die Etablierung eines spezialisierten Referenzzentrums, bisher ohne Umsetzung (6).
Vorarlberg weist keine institutionalisierte Versorgung für ME/CFS auf. Das LKH Feldkirch behandelt ME/CFS nur als Teil eines allgemeinen Long-COVID-Schwerpunkts. Die dortige Ärztekammer verweist auf nicht etablierte Diagnostikstandards, was in der Praxis zur vollständigen Ignoranz des Krankheitsbildes führt. Patient:innen beklagen systematische Diskriminierung (7).
Im Burgenland existiert weder eine Fachambulanz noch ein klinisch anerkanntes Versorgungsangebot für ME/CFS. Auch Long-COVID-Patient:innen werden häufig nicht abgeklärt. Ein Schreiben des Landesrates aus dem Jahr 2022 bestätigte, dass „derzeit keine strukturelle Versorgung für ME/CFS im Burgenland geplant sei“ (8). Die Gesundheitsversorgung ist damit faktisch inexistent.
Gute Absicht ist noch keine Versorgung
Wer Versorgung nur vorgibt, aber nicht liefert, verspielt Vertrauen, nicht nur in die Politik, sondern auch in die medizinische Integrität des Systems. Wenn das Land Salzburg tatsächlich einen Unterschied machen will, braucht es mehr als Koordination und Broschüren. Es braucht Mut zur Verantwortung, medizinische Fachkompetenz und das Eingeständnis, dass echte Versorgung Geld kostet.
Wer an ME/CFS erkrankt, verliert in Österreich nicht nur seine Gesundheit, sondern auch seinen rechtlichen Status als schutzwürdiger Mensch. Das ist die Wahrheit hinter allen euphemistischen Ausflüchten. In einer Gesellschaft, die sich Menschenrechte auf die Fahnen schreibt, ist dieser Zustand nicht tragbar – sondern ein Prüfstein für unsere Glaubwürdigkeit.
Alles andere ist ein Trostpflaster – und davon haben ME/CFS-Erkrankte schon genug bekommen. Manche bezahlen dafür mit dem Leben.
Die Plattform Menschenrechte Salzburg fordert daher
- Anerkennung von ME/CFS als schwere, neuroimmunologische Erkrankung mit Behinderungsstatus
- Aufbau flächendeckender, interdisziplinärer Spezialambulanzen mit staatlicher Finanzierung
- Umfassende medizinische Fortbildung und Einbindung in Leitlinien
- Gesetzlich verankerte Pflegefinanzierung für schwer Betroffene
- Massive Investitionen in biomedizinische Forschung
- Recht auf sozialrechtliche Absicherung und Gleichstellung
- Öffentliche Aufklärung zur Entstigmatisierung
- Unverzügliche Umsetzung der EU-Parlamentsresolution

Dank und Ausblick
Wir stehen in telefonischem Kontakt mit Kimbie Humer-Vogl, die an den politischen Hintergründen für diesen Beitrag mitgearbeitet hat, und wünschen ihr viel Erfolg dabei, beratungsresistente Politiker:innen mit Fakten und Empathie zu überzeugen.
Und ich will auch auf eine großartige Initiative hinweisen, und das wird mein letzter Exkurs, versprochen…
Exkurs 5: Familie Ströck und die WE&ME Stiftung für ME/CFS-Forschung
Die ME/CFS Erkrankung sei für die Betroffenen oft entwürdigend, weil sie ins ‚Tachinierer-Eck‘ gestellt und nicht ernst genommen werden, beteuert der Unternehmer. Um anderen ihren Leidensweg zu ersparen hat die Familie Ströck 2020 eine Stiftung (WE&ME Stiftung) ins Leben gerufen. Sie soll die Forschung über das chronische Erschöpfungssyndrom unterstützen und mithelfen, dass möglichst bald ein ME/CFS-Kompetenzzentrum eingerichtet wird.
Der Weg der Familie Ströck wurde durch die Auswirkungen von ME/CFS tiefgreifend beeinflusst und hat das Wesen und den Zweck der WE&ME Stiftung mit unerschütterlicher Entschlossenheit geformt. Zwei Brüder, Christoph und Philipp Ströck, die beide von ME/CFS betroffen sind, leiten die Mission der Stiftung. Christoph, der jüngere Bruder, erhielt die Diagnose 2016 nach jahrelanger Krankheit, und sein Zustand verschlimmerte sich aufgrund der falschen Vorstellungen über ME/CFS. Im Jahr 2018 erhielt auch Philipp, der ältere Bruder, eine Diagnose.

Familie Ströck erfuhr aus erster Hand, dass es nur wenige Ärzte gibt, die sich mit der Diagnose und Behandlung von ME/CFS auskennen. Im Laufe der Jahre wurde ihnen die Bedeutung der Missstände im Bereich der sozialen Sicherheit und der Unterstützung für die Millionen von ME/CFS-Patienten bewusst. Der anhaltende Fachkräftemangel in diesem Bereich hat dazu geführt, dass die Patienten auf sich allein gestellt sind, wenn es um die Diagnose und die notwendige Unterstützung geht, eine Situation, die häufig zu einer irreversiblen Verschlechterung des Gesundheitszustands der Patienten führt. In vielen Fällen können sie nicht an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, was zu einem Mangel an sozialer Unterstützung führt. Die Situation, in der sich die Patienten und ihre Angehörigen zusätzlich zur Realität dieser grausamen Krankheit befinden, ist völlig inakzeptabel.
Ursprünglich selbstfinanziert, bemüht sich die Stiftung nun darum, Mittel und Bewusstsein für die Forschung zu schaffen, um die Situation der Patienten und ihrer Angehörigen zu verbessern.
Die Familie Ströck und das engagierte WE&ME-Team setzen sich dafür ein, bahnbrechende Forschungsarbeiten zu finanzieren, die die Komplexität von ME/CFS aufdecken und wirksame Behandlungen und eine Heilung näher bringen. Wir hoffen, dass sich unser unermüdliches Engagement in jeder Initiative widerspiegelt, die wir ergreifen, um die Belastungen, die ME/CFS mit sich bringt, zu lindern.
Linkverzeichnis
[1] Anlaufstelle für ME/CFS: Salzburger Ärztin will Modell für ganz Österreich
[2] Post-Covid und ME/CFS: Warten auf Zentrum in Salzburg
[3] Kritik an mangelnder Versorgung von ME/CFS-Patient:innen
[4] ME/CFS: Niedergelassene Ärzt:innen sollen Versorgung übernehmen
[5] Grüne Salzburg fordern soziale Absicherung für ME/CFS-Erkrankte
[6] Leserbrief zu ME/CFS-Patient:innen
[7] Parlamentarische Anfrage zur Versorgung von ME/CFS-Erkrankten (BA_00381)
[8] McManimen, S. L. et al. (2018): Suicidal ideation in people with ME and CFS, Journal of Health Psychology
[9] Assisted dying and ME/CFS in Canada: MAID-Debatte
[10] International Covenant on Economic, Social and Cultural Rights (UN)
[11] European Social Charter des Europarats
Leseliste
- Bateman Horne Center
- Britische Gesellschaft für ME/CFS
- Charité Fatigue Centrum
- Davis HE et al. (2021): „Characterizing long COVID“ – Nature Medicine
- Deutsche Gesellschaft für ME/CFS
- EU-Parlaments-Resolution zu ME/CFS (2020)
- European ME Alliance (EMEA)
- Institute of Medicine (2015): „ME/CFS triggered by Epstein-Barr Virus“
- Internationale Konsenskriterien (2011)
- Kanadische Konsenskriterien (2003)
- Kassenärztliche Bundesvereinigung (Datenreport 2023)
- Komaroff AL, Lipkin WI (2021): „Insights into the pathophysiology of ME/CFS“
- Long Covid Austria
- ME/CFS Hilfe Österreich
- Moldofsky H, Patcai J (2011): „Chronic fatigue post-SARS“
- Nacul L. et al. (2011): „Health-related quality of life in patients with ME/CFS“ – Universität Aalborg
- National Academy of Medicine (NAM): „Beyond Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome“ (2015)
- Report EUROMENE
- Sotzny F et al. (2018): Autoimmunhypothese – Charité Berlin
- Wegweiser für ME/CFS-Patienten
- WHO ICD-10-GM: G93.3 – Chronisches Müdigkeitssyndrom (ME/CFS)
- Wirth K, Scheibenbogen C (2020): Autoimmunität bei ME/CFS
Für Natalie, ChrisDine, Christine, Elke, Eick, Anatol, Jupp, Lorenz und die vielen anderen…


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