Menschenrechte sterben nicht plötzlich. Sie werden schrittweise entsorgt.
Gestern war ich im österreichischen Parlament bei der Veranstaltung 100 Jahre Liga für Menschenrechte: Menschenrechte und Zivilgesellschaft. Ein würdevoller Rahmen, höfliche Formulierungen, demokratische Symbolik. Und gleichzeitig schwebte über der gesamten Diskussion eine unangenehme Wahrheit: Wir leben in einer Zeit, in der Menschenrechte zwar ständig beschworen werden — aber immer häufiger nur noch gelten sollen, solange sie niemanden stören.
Genau darin liegt das Problem.
Denn Menschenrechte zeigen ihren Wert nicht in stabilen Zeiten. Sie zeigen ihn dort, wo sie unbequem werden. Dort, wo Minderheiten verteidigt werden müssen, obwohl Mehrheiten gereizt sind. Dort, wo Menschenwürde gegen politische Hysterie steht. Dort, wo Rechtsstaatlichkeit dem Wunsch nach einfachen Feindbildern im Weg steht.
Und genau diese Spannungen werden derzeit überall sichtbar.
Man spürt in Europa eine gesellschaftliche Verrohung, die viele nicht aussprechen wollen. Menschen werden wieder zunehmend in „nützlich“ und „belastend“, in „dazugehörig“ und „fremd“, in „normal“ und „problematisch“ sortiert. Politiker sprechen von Menschen wie von Verwaltungsproblemen. Digitale Empörungsmaschinen zerlegen jeden Rest von Differenzierung. Und währenddessen erklären sich manche selbstgefällig zu Verteidigern „unserer Werte“, während sie gleichzeitig genau jene universellen Prinzipien aushöhlen, auf denen diese Werte überhaupt beruhen.
Besonders irritierend ist dabei die moralische Selektivität vieler Debatten. Menschenrechte werden gerne wie ein politisches Accessoire verwendet: laut eingefordert, solange sie zur eigenen Ideologie passen — relativiert, sobald sie den eigenen Emotionen, kulturellen Reflexen oder Machtinteressen widersprechen.
Genau deshalb braucht es Humanismus.
Nicht als gemütliche Bildungsgeste. Nicht als Feuilleton-Dekoration für Akademikerzirkel. Sondern als widerspenstige, rationale und menschenrechtliche Gegenposition gegen Entmenschlichung jeder Art.
Humanismus bedeutet eben nicht, Menschen nur dann Würde zuzugestehen, wenn sie angepasst, angenehm oder politisch verwertbar sind. Der humanistische Gedanke ist radikaler: Jeder Mensch besitzt Würde. Punkt. Nicht wegen Religion. Nicht wegen Nation. Nicht wegen Leistung. Nicht wegen Herkunft. Sondern weil er Mensch ist.
Und genau dieser Gedanke gerät derzeit unter Druck.
Man merkt das daran, wie schnell demokratische Gesellschaften beginnen, über Ausnahmen nachzudenken. Über Sonderregeln. Über Einschränkungen. Über Gruppen, bei denen man angeblich „nicht mehr so empfindlich sein darf“. Geschichte beginnt selten mit Lagern oder offenen Diktaturen. Geschichte beginnt mit sprachlicher Gewöhnung. Mit dem Verschieben moralischer Grenzen. Mit dem schleichenden Verlust von Empathie.
Deshalb war die Diskussion über Zivilgesellschaft im Parlament so zentral. Denn Demokratie überlebt nicht durch Sonntagsreden. Sie überlebt nur dort, wo Menschen bereit sind, Widerspruch auszuhalten und Menschenrechte auch dann zu verteidigen, wenn es anstrengend wird.
Und vielleicht müssen wir Humanist:innen uns dabei ebenfalls selbstkritisch fragen, ob wir in den letzten Jahren manchmal zu leise waren. Zu technokratisch. Zu sehr mit internen Debatten beschäftigt, während draußen gesellschaftliche Spannungen wachsen, autoritäre Sehnsüchte normalisiert werden und die Sprache der Entmenschlichung wieder salonfähig wird.
Humanismus darf nicht nur Religionskritik sein.
Humanismus muss Menschenrechtsarbeit sein.
Konfliktfähigkeit.
Widerspruch.
Demokratische Wehrhaftigkeit.
Denn eine Gesellschaft zerfällt nicht erst dann, wenn Gewalt sichtbar wird.
Sie zerfällt bereits dort, wo Menschen beginnen, die Würde anderer nur noch unter Bedingungen anzuerkennen.
Mehr zur Veranstaltung:
Parlamentskorrespondenz des österreichischen Parlaments




















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