Missbrauch, Macht und Märtyrer-Mythen

Die „List“ige Vierfaltigkeit, oder auch: Wie die katholische Kirche mit Waltraud Klasnic ihre eigene Unschuld inszenierte

Die katholische Kirche Österreichs verabschiedet Waltraud Klasnic zum Jahresende aus dem Dienst als unabhängige Opferschutzanwältin. Die Presse, angepasst im Kirchensprech, nennt das eine Ära. Die Kirche nennt es einen Meilenstein. Und die Betroffenen? Viele nennen es, was es war: eine Inszenierung von Verantwortung ohne echte Rechenschaft. Die Täter werden kaum je benannt, das System dahinter schon gar nicht. Stattdessen inszeniert sich die Kirche als geläuterte Institution, als reuige Sünderin, als Schutzmacht der Opfer. Ein Etikettenschwindel auf höchstem moraltheologischen Niveau.

Was war die Klasnic-Kommission wirklich?

Gegründet 2010, als die Missbrauchsskandale nicht mehr unter der Soutane gehalten werden konnten, wurde die von Christoph Schönborn eingesetzte Kommission von Anfang an zum Symbolprojekt. Man wollte nicht aufklären, sondern kontrollieren, nicht enthüllen, sondern eindämmen. Die Kirche beauftragte eine konservative ÖVP-Politikerin, das eigene Versagen zu begutachten, unter dem Tarnmantel der Unabhängigkeit. Ohne parlamentarische Kontrolle, ohne staatsanwaltliche Befugnis, ohne Gewaltenteilung.

Die Betroffenen durften erzählen, wurden betreut, manchmal entschädigt – aber nie juristisch rehabilitiert. Die Täter? Meist unerkannt, versetzt oder verstorben. Man schützte nicht die Opfer, sondern das System.

Missbrauch in Serie, Aufklärung in Dosen

3.492 Anträge, 3.214 davon anerkannt, 37,6 Millionen Euro gezahlt. Klingt beeindruckend, sagt aber wenig. Denn:

  1. Die meisten Fälle sind verjährt
  2. Die Täter bleiben namenlos
  3. Die kirchliche Struktur bleibt unangetastet

Die Kirche kontrollierte den gesamten Ablauf. Keine Justiz, keine Offenlegung interner Archive, keine strukturelle Aufarbeitung. Das Ganze war ein PR-Schutzschild mit Betreuungsangebot, aber ohne Konsequenzen.

Menschlichkeit als PR-Masche

Kardinal Schönborn lobt Klasnic für ihre Menschlichkeit. Das ist kein Lob, sondern eine Nebelgranate. Ein Missbrauchsopfer braucht keine Menschlichkeit, sondern Aufklärung, Anerkennung, Gerechtigkeit. Die Kirche ersetzte Recht durch Gefühl. Sie inszeniert Reue, aber vermeidet Verantwortung.

Personalwechsel, aber kein Kurswechsel

Nun übernimmt Caroline List, ehemalige Richterin. Juristisch versierter, gewiss. Aber der Rahmen bleibt derselbe: kirchlich kontrolliert, ohne säkulare Kontrolle, ohne Zugriff auf belastende Unterlagen. Die Kirche bleibt Herrin des Verfahrens, die Öffentlichkeit bleibt außen vor.

Caroline List? Da war doch etwas?

Die Kirche nennt sie integer, die Politik nennt sie erfahren, die Öffentlichkeit kennt sie jetzt: Caroline List, ehemalige Präsidentin des Grazer Straflandesgerichts und neue Chefin der sogenannten Unabhängigen Opferschutzkommission. Doch gerade in ihrer letzten großen öffentlichen Rolle offenbarte sich eine Justizkultur, die von der notwendigen Transparenz weit entfernt ist, und von Unparteilichkeit noch viel weiter.

Im Fall Christian Pilnacek, dem langjährigen Spitzenjuristen des Justizministeriums, wurde Caroline List nicht zur Richterin, sondern zur Klägerin in eigener Sache. Sie stellte eine Strafanzeige gegen jene Journalist:innen, die den brisanten Laptop Pilnaceks analysierten, obwohl dieser von Pilnacek selbst nicht gesichert, nicht versteckt, sondern offen übergeben wurde. Der Vorwurf: Datenmissbrauch, Hehlerei, Amtsanmaßung. Der Beweis: nicht existent.

Während sie faktenfreie Anwürfe gegen Aufklärer formulierte, ließ sie gleichzeitig das Diensthandy Pilnaceks vernichten, ein Akt, der in jeder neutralen Untersuchung mindestens zu einem Ordnungsruf führen müsste. Doch List stand über den Dingen, zumindest in ihrem Selbstverständnis. Wer solche Doppelmoral pflegt, ist kein Opfer institutioneller Intrige, sondern Akteurin eines Machtmissbrauchs, der aufgearbeitet gehört. Das sind die besten Voraussetzungen für die Organisation, die den Machtmissbrauch der Täter der Kirche aufklären soll. Glückwunsch: Eine Richterin, die nicht zwischen kritischem Journalismus und kriminellem Hacking unterscheiden kann (oder will), disqualifiziert sich selbst für jedes Amt, das Aufarbeitung, Objektivität und Unabhängigkeit verlangt. Caroline List trat nicht als Verwalterin von Recht auf, sondern als Verteidigerin eines Systems, das Öffentlichkeit als Feind betrachtet. Aus humanistischer Sicht ist das nicht bloß inakzeptabel, sondern gefährlich.

Was ein echter Opferschutz leisten müsste – aus humanistischer Sicht

Ein humanistischer Ansatz verlangt:

  • Volle Unabhängigkeit der Gremien
  • Juristische Konsequenzen auch über die Verjährung hinaus
  • Veröffentlichung von Täter:innen und Strukturen
  • Analyse des Machtmissbrauchs in Theologie und Kirchenrecht
  • Demokratische Kontrolle religiöser Macht in Schulen und Heimen
  • Entschädigung ohne Schweigepflicht oder kirchliche Bewertung

Solange die Kirche selbst bestimmt, wer sie überprüft, kann es keine Gerechtigkeit geben.

Der Preis der Milde

Die Kirche vergibt sich selbst, nennt es Buße und wird dafür noch bejubelt. Doch der Preis dieser kirchlichen Milde wird von den Betroffenen gezahlt – mit Jahrzehnten des Schweigens, der Scham und der juristischen Ohnmacht. Wer sich selbst richtet, spricht kein Urteil, sondern betreibt Imagepflege.

Fazit

Die Ära Klasnic war keine Aufarbeitung, sondern eine Abwicklung. Eine institutionelle Selbsterlösung durch Scheintransparenz. Was bleibt, ist die Forderung nach echter, säkularer Aufarbeitung – und nach einer Gesellschaft, die religiöse Institutionen nicht länger mit Samthandschuhen behandelt, wenn sie mit Gewalt, Vertuschung und systemischer Macht arbeiten.


Fußnoten und Quellen

Waltraud Klasnic: de.wikipedia.org/wiki/Waltraud_Klasnic
Christoph Schönborn: de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Schönborn
Caroline List: de.wikipedia.org/wiki/Caroline_List
Originalmeldung: religion.orf.at/stories/3230737
Bericht zur Klasnic-Kommission (2020): bischofskonferenz.at/dokumente/klasnic-bericht-2020.pdf
Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche: de.wikipedia.org/wiki/Sexueller_Missbrauch_in_der_römisch-katholischen_Kirche

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