Mubarak Bala | Blasphemiegesetze
Wenn Worte zu Verbrechen erklärt werden
Mubarak Bala, Blasphemie und die bedrohte Freiheit des Denkens – eine humanistische Mahnung auch an Österreich
Ich wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, weil ich sagte, dass ich nicht an Gott glaube.
Mit diesem Satz beginnt die Geschichte von Mubarak Bala, einem Mann, der in Nigeria 24 Jahre Haft erhielt, weil er auf Facebook als Atheist seine Meinung äußerte. Eine Meinung – nicht einmal eine Tat. Er wurde geschlagen, isoliert, gedemütigt. Sein Sohn wurde geboren, während er in Haft saß. Er durfte ihn nie als Neugeborenes im Arm halten. Erst 2024 kam Bala frei, nach weltweiten Protesten und unermüdlichem Einsatz von Humanists UK.
Bala erinnert heute in seinem Brief an mich daran, dass Blasphemiegesetze keine exotische Randerscheinung autoritärer Regime sind, sondern wieder salonfähig zu werden drohen – auch in westlichen Demokratien. Sie werden neu verpackt und auf neue Weise durchgesetzt, nicht nur im Ausland, sondern auch bei uns.
Und er hat recht.
Wenn Empörung wichtiger wird als Freiheit
In Nigeria wie in Pakistan oder Saudi-Arabien kann der Vorwurf der Blasphemie tödlich sein. Bala erzählt von einer Frau, die im Sommer 2025 in Sokoto von einem Mob aus dem Haus gezerrt, geschlagen und lebendig verbrannt wurde – nur weil jemand behauptete, sie habe die Religion beleidigt. Kein Prozess, keine Verteidigung, kein Zweifel. Nur Feuer.
Solche Verbrechen geschehen dort, wo religiöse Gefühle über menschliche Rechte gestellt werden. Wo das Recht, nicht zu glauben, oder das Recht, zu kritisieren, als Gefahr gilt.
Aber Bala warnt auch vor einer schleichenden Rückkehr der Denkverbote in Europa: unter dem Deckmantel des Respekts, der Rücksicht auf religiöse Empfindlichkeiten, oder des Schutzes vor Hassrede. Was als moralisch sensibel klingt, kann rasch zum Einfallstor für neue Formen der Zensur werden.
Österreich – das Land des „Gotteslästerungsparagraphen“
Auch Österreich ist in dieser Hinsicht kein Vorbild. §188 des Strafgesetzbuches („Herabwürdigung religiöser Lehren“) stellt nach wie vor „den öffentlichen Spott“ über religiöse Bekenntnisse unter Strafe, wenn dieser „geeignet ist, berechtigtes Ärgernis zu erregen“.
Was aber ist ein „berechtigtes Ärgernis“?
Und warum darf ein Gefühl – Ärger – stärker wiegen als das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung?
Humanist:innen in Österreich weisen seit Jahren darauf hin, dass dieser Paragraph ein Relikt aus der Monarchie ist. Ein Gesetz, das nicht die Menschen schützt, sondern die Religionen selbst – und damit die Überzeugungen, nicht die Überzeugten. Wer aber Ideen vor Kritik schützt, macht sie unangreifbar und entzieht sie der Vernunft.
Das ist das Gegenteil von Aufklärung.
Religiöse Gefühle sind kein Grundrecht
Es gibt kein Menschenrecht darauf, nicht beleidigt zu werden. Es gibt aber sehr wohl ein Menschenrecht auf Gedanken-, Gewissens- und Meinungsfreiheit.
Der Humanismus hält fest: Überzeugungen – religiöse wie politische – müssen kritisierbar sein, weil nur durch Kritik Fortschritt möglich ist. Der Schutz religiöser Gefühle darf niemals über den Schutz der Freiheit gestellt werden.
Wenn heute in Europa erneut Stimmen laut werden, die fordern, man müsse religiöse Gruppen besser schützen, ist Wachsamkeit geboten. Denn in der Praxis bedeutet das oft: weniger Schutz für die, die nicht glauben.
Eine Mahnung an Demokratien
Mubarak Bala hat erlebt, wohin es führt, wenn der Staat im Namen des Glaubens urteilt. Seine Geschichte ist kein ferner Albtraum, sondern ein warnendes Beispiel.
Wenn wir in Europa – aus Bequemlichkeit, falsch verstandener Toleranz oder politischer Rücksicht – beginnen, das Recht auf Meinungsfreiheit zu relativieren, öffnen wir dieselbe Tür, durch die anderswo Menschen in die Hölle der Blasphemieprozesse gestoßen werden.
Freiheit stirbt selten im Feuer, sondern oft im Schweigen.
Humanismus heißt: das Wort verteidigen, nicht den Glauben
Evelyn Beatrice Hall schrieb einst den Satz, den Voltaire berühmt machte:
Ich lehne ab, was Sie sagen, aber ich werde Ihr Recht, es zu sagen, bis zum Tod verteidigen.
Dieser Satz ist das Herz des Humanismus. Er bedeutet, dass wir selbst den Schutz jener verteidigen, deren Worte uns missfallen. Denn Meinungsfreiheit ist kein Luxusgut, sie ist das Fundament der Würde. In meiner Sprache würde das bedeuten: Anders ist nicht falsch! Nicht als Maxime im kantischen Sinn, aber sehr wohl eine humanistische Lebensmaxime. Sie steht für geistige Offenheit und die Weigerung, Verschiedenheit als Bedrohung zu sehen.
Humanist:innen in Österreich fordern daher:
- die ersatzlose Streichung des §188 StGB,
- die klare Trennung von Staat und Religion,
- und die Verteidigung des Rechtes, jede Idee – auch die heiligste – kritisch zu hinterfragen.
Ein Appell an die Zivilgesellschaft
Mubarak Bala lebt heute in Freiheit, aber viele andere nicht. Menschen werden in Pakistan, Nigeria, Iran oder Indien weiterhin wegen angeblicher Blasphemie eingesperrt, gefoltert oder getötet. Und auch in Europa ist die Angst vor der Empörung zu einer leisen Zensur geworden.
Es ist Zeit, sich daran zu erinnern, dass Aufklärung kein abgeschlossenes Kapitel ist. Sie ist ein fortlaufender Prozess, den jede Generation neu erringen muss.
Wer Humanismus ernst nimmt, verteidigt nicht nur die Freiheit, zu glauben – sondern vor allem die Freiheit, nicht zu glauben.
Quellen und weiterführende Links
(1) Mubarak Bala / Humanists UK – Persönlicher Brief, Oktober 2025
(2) §188 Strafgesetzbuch Österreich: „Herabwürdigung religiöser Lehren“
(3) Humanists UK: Kampagne „End Blasphemy Laws“ – www.humanists.uk
(4) Humanistischer Verband Österreich – www.humanismus.at
(5) UN-Menschenrechtsrat: „Freedom of Religion or Belief – General Comment No. 22“
(6) Bericht Amnesty International 2025: „Blasphemy Laws and the Global Assault on Free Expression“

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