Nachruf auf Dr. Bernd Vowinkel

Foto: © DA/gbs

Bernd Vowinkel war eine Ausnahmeerscheinung im säkularen Spektrum: ein Naturwissenschaftler mit scharfem Verstand, ein Technikoptimist mit ethischem Feingefühl und ein Transhumanist, der wusste, dass Fortschritt nicht Selbstzweck sein darf. Für die Giordano-Bruno-Stiftung war er nicht nur Mitstreiter der ersten Stunde, sondern ein zentraler Impulsgeber in Fragen der Technikphilosophie und Zukunftsethik.

Als Mitgründer der gbs-Regionalgruppe Köln und langjähriger Begleiter der Stiftungsarbeit prägte er mit seinem freundlichen Wesen und seiner intellektuellen Neugier unzählige Debatten – nicht zuletzt über die Rolle künstlicher Intelligenz, die Grenzen menschlicher Selbstvermessung und die Möglichkeiten einer humanistisch inspirierten Zukunft.

Mein letzter Kontakt mit Bernd war im Frühjahr 2021, kurz nach seinem Artikel zur Frage, ob wir möglicherweise in einer Computersimulation leben. Wir tauschten uns über das Thema aus – und wie immer beeindruckte mich dabei seine Fähigkeit, selbst spekulative Gedankenspiele mit rationaler Klarheit und einem Augenzwinkern zu führen. Bernd war keiner, der sich vorschnell von Zukunftsvisionen blenden ließ – aber einer, der sich ihnen mutig stellte, wenn sie gut begründet waren.

Bernd nahm die Hypothese ernst, und zerlegt sie mit physikalischem, philosophischem und erkenntnistheoretischem Werkzeug, an dem Udo Endruscheit seine helle Freude gehabt hätte.. Er argumentierte damals wie folgt: Eine Simulation müsste gewaltige Rechenkapazitäten besitzen, um ein Universum in all seiner Detailtiefe zu simulieren. Selbst unter günstigen Annahmen bleibt offen, ob das physikalisch oder technisch überhaupt möglich ist. Und die Vorstellung, man könne Bewusstsein durch bloße Rechenprozesse erzeugen, setzt einen starken funktionalistischen Materialismus voraus, der keineswegs unumstritten ist. Und drittens, sei es methodisch fragwürdig, ein solches Szenario überhaupt zu diskutieren, ohne es empirisch überprüfen zu können: Die Simulationsthese sei nicht falsifizierbar und damit womöglich pseudowissenschaftlich.

    Doch typisch für Bernd: Trotz aller Skepsis bleibt er neugierig. Er schließt nicht aus, dass künftige Theorien Bewusstsein und Realität anders beschreiben könnten als wir es heute tun, aber bis dahin gilt: gute Gründe vor wilde Spekulationen.

    Sein Fazit ist ein Aufruf zur erkenntnistheoretischen Nüchternheit. Oder wie er es in einem privaten Austausch sinngemäß formulierte: Selbst wenn wir simuliert wären – wir müssten trotzdem ganz real mit den Konsequenzen unseres Handelns leben.

    Der folgende Nachruf von Michael Schmidt-Salomon, erschienen im Humanistischen Pressedienst, würdigt einen der wichtigsten transhumanistischen Vordenker innerhalb der gbs – und einen Menschen, der mit Haltung, Humor und Weitblick viel zu früh von uns gegangen ist.


    Zum Nachruf im hpd:

    Er träumte von einer „Menschheit 2.0“ und von „Maschinen mit Bewusstsein“: Am vergangenen Samstag ist der Physiker, Autor und gbs-Beirat Bernd Vowinkel im Alter von 78 Jahren gestorben. Ein Nachruf von Michael Schmidt-Salomon.

    Es war eine Freude, mit Bernd zu diskutieren – insbesondere, wenn die Meinungen weit auseinandergingen. Und das war regelmäßig der Fall, wenn wir über Künstliche Intelligenz sprachen. Denn Bernd glaubte an die Möglichkeit einer „starken“ Künstlichen Intelligenz, an „Maschinen mit Bewusstsein“, denen er auch seine erste größere populärwissenschaftliche Veröffentlichung gewidmet hatte. Ich hingegen vertrat stets die Auffassung, dass Bewusstsein an lebende Organismen gekoppelt und nicht in die Silicium-Welt digitaler Rechensysteme übertragbar sei.

    Ich weiß nicht, wie oft wir über dieses Thema diskutiert haben. Beim „Stuttgarter Zukunftssymposium 2018“ trugen wir diesen Streit dann auch auf offener Bühne aus. Vorab hatten wir verabredet, in der Podiumsdiskussion möglichst schwere Geschütze aufzufahren. Und so bezeichnete Bernd mich zur Erheiterung des Publikums als „Kohlenstoff-Chauvinisten“, der jedes Leben auf Silicium-Basis dogmatisch ausschließe, während ich ihn als „unfreiwilligen Platoniker“ beschrieb, der an ein „Reich der Ideen“ glaube, das unabhängig von der Materie existiere (für Hardcore-Naturalisten wie Bernd gibt es kaum eine schlimmere Provokation, als in die Nähe des „Idealismus“ gerückt zu werden). Ich kann mich kaum an eine andere hochabstrakte Debatte erinnern, bei der auf der Bühne und im Publikum so viel gelacht wurde.

    Zur Position des Naturalismus, der Einschätzung, dass es im Universum „mit rechten Dingen“ zugeht, da keine übernatürlichen Kräfte in die Naturgesetze eingreifen, war Bernd schon früh gelangt. Zwar hatte er während seiner Konfirmation noch „allen Ernstes“ gedacht, „der Heilige Geist würde über mich kommen“ („Im Nachhinein finde ich erschreckend, welchen Blödsinn man sich einbilden kann“), doch schon wenig später wurde ihm durch die Lektüre allgemeinverständlicher Bücher über Physik und Astronomie klar, „dass der religiöse Glaube absolut naiv und reines Wunschdenken von naturwissenschaftlich Ungebildeten ist“, wie er es in seiner für ihn so typischen kompromisslosen Art (für Ingenieure wie ihn gibt es nur „richtig“ und „falsch“, aber nichts dazwischen) im „Who-is-Hu„-Fragebogen ausführte.

    Über seine wissenschaftlichen Leistungen sprach er wenig

    Nach dem Abitur absolvierte Bernd zunächst ein Studium der Nachrichtentechnik in Gießen und arbeitete zwei Jahre als Ingenieur in einer Satellitenbodenstation der ESA. Dann studierte er Physik und Astronomie an den Universitäten Gießen und Bonn. Von 1981 bis 2010 war er als Wissenschaftler am „1. Physikalischen Institut“ der Universität Köln angestellt, wo er sich vor allem mit der Entwicklung von Mikrowellen-Empfangssystemen für die Radioastronomie, die Molekülspektroskopie, die Plasmaforschung und die Erderkundung beschäftigte.

    Bernd hat rund 80 wissenschaftliche Fachartikel (vorwiegend auf dem Gebiet der Mikrowellentechnik und Radioastronomie) verfasst und war unter anderem an der Konstruktion von „Herschel“ beteiligt, dem bis dahin größten Weltraumteleskop der Menschheit, das in dieser Spitzenposition erst 2022 vom „James Webb Space Telescope“ abgelöst wurde. Über seine wissenschaftlichen Leistungen hat Bernd fast nie gesprochen – wenn überhaupt, dann nur, wenn man ihn gezielt danach fragte. Mit Beginn der 2000er Jahre war ein anderes Thema in den Fokus seiner Aufmerksamkeit gerückt, nämlich die Diskrepanz zwischen den wissenschaftlichen Methoden, die unserer Technologie zugrunde liegen, und den anti-wissenschaftlichen Weltbildern der Menschen, die diese Technologie nutzen.

    2006 veröffentlichte Bernd seine lesenswerte Monografie „Maschinen mit Bewusstsein: Wohin führt die künstliche Intelligenz?“, in der er sich mit den Möglichkeiten und Chancen der KI in der nahen und fernen Zukunft auseinandersetzte. Schon im Vorwort verwies er dabei auf Poppers Forderung, dass jeder Intellektuelle „die Ergebnisse seines Studiums in der einfachsten und klarsten und bescheidensten Form“ darstellen sollte – was Bernd auch in bemerkenswerter Weise gelang, selbst wenn manchmal eben doch der Ingenieur in ihm durchschien, der von seiner Leserschaft einiges an physikalischem Grundwissen abverlangte.

    Zwei Jahre später war Bernd einer der Referenten auf dem Symposium „Der neue Humanismus: Wissenschaftliches Menschenbild und säkulare Ethik“, das die damalige „turmdersinne gGmbH“ und die „Humanistische Akademie Bayern“ in Kooperation mit der Giordano-Bruno-Stiftung in Nürnberg ausrichtete. (Die Beiträge der Tagung sind später in dem von Helmut Fink herausgegebenen gleichnamigen Sammelband im Alibri Verlag erschienen.) Bernds Vortrag mit dem Titel „Auf dem Weg zum Transhumanismus?“ hat 2008 eine lang andauernde Debatte über das Verhältnis von „evolutionärem Humanismus“ und „Transhumanismus“ ausgelöst, zumal beide Begriffe von demselben Autor, Julian Huxley, geprägt wurden.

    Aufbau einer „posthumanen Zivilisation“ als empirische Notwendigkeit

    Dass Bernd dabei eindeutig auf der transhumanistischen Seite stand, war klar, schließlich gab er die deutschen Übersetzungen der Werke des amerikanischen Erfinders und Transhumanisten Ray Kurzweil heraus und war auch Mitbegründer der „Transhumanen Partei Deutschland“. Ich selbst sah einige Aspekte des Transhumanismus (etwa die m.E. geradezu religiöse Erwartung der „Singularität“, des „erwachenden Maschinenbewusstseins“) kritisch. Dennoch wurde ich in dem Buch „Robokratie, Google, das Silicon Valley und der Mensch als Auslaufmodell“ neben Bernd als einer jener Transhumanisten im deutschsprachigen Raum identifiziert, die den Untergang der Menschheit herbeireden. Mich auf die entsprechende Textstelle hinzuweisen, machte Bernd damals diebische Freude. „Mitgefangen, mitgehangen!“, sagte er mit seinem ganz eigenen, trockenen Humor.

    Selbstverständlich verspürte Bernd, der zwar ein Technik-Nerd war, aber eben auch ein echter Menschenfreund, keine Sehnsucht nach dem biologischen Ende unserer Spezies. Vielmehr betrachtete er den (noch fernen) Aufbau einer „posthumanen Zivilisation“ angesichts der kosmischen Realitäten (so wird sich unsere Sonne in einigen Jahrmillionen zu einem Roten Riesen aufblähen und alles Wasser auf der Erde verdampfen) als empirische Notwendigkeit, wenn denn der Wissensschatz der Menschheit in irgendeiner Weise gerettet werden soll. Humanismus und Transhumanismus stellten in seinem Denken daher auch keine Gegensätze dar, sondern ergänzten sich. Wie das konkret aussehen kann, hat er in seinem „Opus magnum“, dem 2018 erschienenen Buch „Wissen statt Glauben! Das Weltbild des neuen Humanismus“, dargestellt.

    Weil Bernd den Transhumanismus nicht gegen den Humanismus ausspielte, hatte er nicht nur die „ferne Zukunft“ (Longterminism) im Blick. Er war stets zur Stelle, wenn es galt, nicht nur das rationale wissenschaftsorientierte Denken, sondern auch die Menschenrechte im „Hier und Heute“ gegen reaktionäre Strömungen zu verteidigen. In dieser Hinsicht hat er sich an vielen Kampagnen der Stiftung in den letzten Jahren beteiligt. Er war nicht nur Stiftungsbeirat, sondern auch Stifterkreis-Mitglied sowie Mitbegründer der Kölner gbs-Regionalgruppe, der er gerade in den Anfangsjahren entscheidende Impulse gab.

    2024 wurde bei Bernd ein besonders aggressiver Krebs festgestellt, was er jedoch nicht an die große Glocke hängte. Als ich ihm im April 2025 beim Stifterkreis-Treffen in Oberwesel das letzte Mal begegnete, wusste er längst, dass er nicht mehr lange leben und das Stiftungshaus nicht mehr wiedersehen würde. Doch er sprach nicht über seine schwere Erkrankung, sondern über die Themen, die ihn seit jeher beschäftigten, über Rationalität, Wissenschaft und Ethik. Mir war während des Gesprächs nicht bewusst, wie schlecht es ihm ging, da er sich nichts anmerken ließ. Und so lachten wir ein letztes Mal über meinen offenbar unausrottbaren Kohlenstoff-Chauvinismus.

    Wie an vielen anderen Initiativen der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) hatte sich Bernd 2014 auch an der Kampagne „Mein Ende gehört mir! Für das Recht auf Letzte Hilfe“ beteiligt. Für ihn stand fest, dass jeder Mensch das Recht hat, den „Notausgang“ zu wählen, wenn das Weiterleben unerträglich wird. Er selbst hatte keine Angst vor dem Tod, da er sich mit seiner Endlichkeit (im Unterschied zu anderen Transhumanisten) längst abgefunden hatte. Und so schied Bernd am 14. Juni mithilfe einer Sterbehilfeorganisation in genau jener Weise aus dem Leben, in der er es zuvor geführt hatte: Rational, aufgeklärt und selbstbestimmt. Wir werden ihn vermissen.

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