Nachruf auf Gerhard Rampp

Am vergangenen Samstag ist Gerhard Rampp, seit 1982 Vorsitzender des Bundes für Geistesfreiheit (bfg) Augsburg, im Alter von 73 Jahren verstorben.

Sein Tod traf Freunde und Angehörige ebenso unerwartet wie die humanistischen und säkularen Organisationen und Akteure, an deren Entstehung und Wirken er maßgeblich beteiligt war – darunter insbesondere

  • die Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS), die er 1980/81 mit aufgebaut und anschließend 19 Jahre lang als Präsidiumsmitglied geleitet hat,
  • die Giordano-Bruno-Stiftung (gbs), der er als Beiratsmitglied und Stifter angehörte,
  • der Humanistische Pressedienst (hpd),
  • der Alibri-Verlag, dessen Mitbegründer und Mitarbeiter er war, sowie
  • die Zeitschrift MIZ, für die er vor allem die Internationale Rundschau betreute.

Gerhard war ein wirklich toller und engagierter Mensch.


Die DGHS schreibt:

Gerhard Rampp ist tot. Wer ihn in der letzten Zeit erlebte, kann es kaum glauben. So lebendig wirkte dieser Ausnahmemensch noch in seinen letzten Wochen. Umso größer ist die Trauer um ihn.

Gerhard Rampp war ein Ausnahmemensch, sowohl durch sein enormes Wissen als auch durch seine Fähigkeiten als Autor, Redakteur und Organisator. Die Sicherheit, mit der er Details die Geschichte der europäischen Aufklärung, der Kirchengeschichte und nicht zuletzt der Geschichte der DGHS im Kopf hatte und in geschliffener Rede vortragen konnte, war selbst für einen Gymnasiallehrer mit den Fächern Geschichte, Französisch und Ethik stupend. Kein Gespräch mit ihm, bei dem man sich nicht umfassend und erhellend belehrt fühlte. Seinen Argumenten war nicht leicht etwas entgegenzusetzen, aber ihm lag es fern, sich über andere zu erheben. Als Redakteur war er in mehreren Zeitschriften für die Themenkreise Kirche, Kirchenfinanzen und Bioethik zuständig und trug als Autor von Rundfunkendungen und Buchbeiträgen zu aktuellen Debatten wie denen zum Ethikunterricht und zum Schwangerschaftsabbruch bei. Als Autor verband er Sachkenntnis und Sachlichkeit mit Zielgenauigkeit der kritischen Stoßrichtung und bewies auf diese Weise seine Loyalität gegenüber der französischen Aufklärung, die er auch Literaturwissenschaftler über alles schätzte. Daneben war er ein höchst erfolgreicher Organisator, zunächst innerhalb des Bundes für Geistesfreiheit Bayern, später im Rahmen des eigenständigen Bundes für Geistesfreiheit Augsburg, deren Vorsitz er seit 1982 innehatte. Dass dessen Mitgliederzahl von ursprünglich 54 auf gegenwärtig 2100 angewachsen ist, ist wesentlich sein Verdienst.

Mit Gerhard Rampp verliert die Bewegung für ein selbstbestimmtes Sterben einen ihrer unermüdlichsten und verlässlichsten Mitstreiter. In der DGHS war Gerhard Rampp als eines ihrer Gründungsmitglieder von Anfang dabei. Insgesamt 19 Jahre lang war er als Präsidiumsmitglied aktiv, zunächst als Schatzmeister, von 2006 bis 2012 als Vizepräsident. Danach engagierte er sich für die DGHS als Ansprechpartner für Augsburg und als Delegierter und wirkte beratend bei vielen Entscheidungen des Präsidiums mit. 


Die gbs schreibt:

Gerhard Rampp ist tot. Der langjährige Vorsitzende des Bundes für Geistesfreiheit (bfg) Augsburg und Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung starb am vergangenen Samstag im Alter von 73 Jahren.

Ein Nachruf von Michael Schmidt-Salomon.

Gerhard Rampp war zweifellos einer der ungewöhnlichsten Menschen, die ich jemals getroffen habe. Seine fast übermenschliche Merkfähigkeit gepaart mit hoher Intelligenz, einer ausgewiesenen Schalkhaftigkeit und einem nicht immer sozial angepassten Verhalten machten ihn gewissermaßen zum „König der Nerds“. Stiftungsintern erlaubten wir uns den Spaß, die Abweichung vom statistischen Mittelmaß in Rampp-Einheiten zu bemessen, wobei in unseren Studien kaum jemand einen Score von über 0,7 Rampp erreicht hat.

Als Gerhard von unserer Rampp-Skala erfuhr, war er nicht etwa erbost, er lehnte sich vielmehr mit breitem Grinsen zurück, verschränkte die Arme vor dem Bauch und sagte: „Ja, mei…“ Natürlich war ihm klar, dass er „irgendwie anders“ war. Das wusste er schon als Kind. Die Dinge, für die sich andere interessierten, ließen ihn kalt. Sein Faible galt der Mathematik, der Logik und der Geschichte. Und so verwundert es nicht, dass Gerhards „Lieblingssport“ Schach war, wo er schon in jungen Jahren wahre Meisterschaft erlangte und viele Turniere gewann.

Typisch für ihn war die ramppineske Studienwahl, die er nach dem Abitur traf. Denn Gerhard studierte nicht etwa Mathematik, Statistik oder Geschichte, sondern die beiden Fächer, in denen er die meisten Defizite hatte, nämlich Deutsch und Französisch. Für Gerhard war dies die „normalste Entscheidung der Welt“, denn er wollte „im Studium noch etwas hinzulernen“, wie er mir einmal erklärte. Also wurde Gerhard Gymnasiallehrer für Deutsch und Französisch (und später auch Ethik) in Augsburg. Ich hätte gerne Mäuschen in einer seiner Unterrichtsstunden gespielt, weil ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, wie Gerhard pubertierenden Jugendlichen die Feinheiten der Lyrik Heines oder Brechts näherbringt. (Dem Vernehmen nach soll dies aber erstaunlich gut geklappt haben.)

Kennengelernt habe ich Gerhard in den 1990er Jahren beim Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA). Zu diesem Zeitpunkt war er bereits langjähriger Vorsitzender des Bundes für Geistesfreiheit (bfg) Augsburg, einer alteingesessenen, in den 1970ern allerdings stark überalterten Organisation, der Gerhard zusammen mit anderen jüngeren Mitstreitern neues Leben einhauchte. Maßgeblich beteiligt war er ab 1980 auch am Aufbau der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS), die nicht zufällig ihre Zentrale lange Zeit in Augsburg hatte und als erste deutsche Organisation, die sich konsequent für Selbstbestimmung am Lebensende einsetzte, bundesweit für Aufsehen sorgte.

In die Redaktion der IBKA-Zeitschrift MIZ (Materialien und Informationen zur Zeit) ist Gerhard ebenfalls 1980 eingetreten. Dort betreute er über Jahrzehnte hinweg die Rubrik „Internationale Rundschau“ – eine wahre Fundgrube für die religionspolitischen Entwicklungen der letzten 40 Jahre nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Ansonsten betätigte sich Gerhard im säkularen Spektrum vor allem als „Großmeister der Zahlen“. Lange bevor sich Carsten Frerk diesen Themen widmete, war Gerhard Rampp derjenige, der die finanzielle Verflechtung von Staat und Kirche analysierte und auf den zunehmenden Säkularisierungstrend in der Gesellschaft hinwies. Die Zahlenkolonnen, die er aus dem Stehgreif zitieren konnte, um seine Argumente zu stützen, haben mich immer wieder verblüfft. 30 Jahre lang haben mich diese spontanen, zahlengespickten Kurzreferate, die ich gerne als „Ramppinaden“ bezeichnete, begleitet – wobei ich zugeben muss, dass Gerhards Beiträge ebenso faszinierend wie gefürchtet waren, denn wenn er erst einmal dem „Rausch der Zahlen“ verfallen war, konnte man ihn schwerlich noch stoppen.

Nach der Gründung der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) 2004 hat sich Gerhard selbstverständlich in der gbs engagiert, deren Beirat er wenig später wurde. Und er sorgte dafür, dass gbs-Gründer Herbert Steffen (nach Karlheinz Deschner, Franz Buggle und Norbert Hoerster) 2012 mit dem „Ludwig-Feuerbach-Preis“ ausgezeichnet wurde – eine Ehrung, die Herbert sehr viel mehr bewegte als das Bundesverdienstkreuz, das er 1994 aus den Händen von Rainer Brüderle erhalten hatte. Die Verleihung des Ludwig-Feuerbach-Preises an Gerhard Czermak im November 2023 war dann auch der letzte öffentliche Auftritt, bei dem das Publikum die Rampp’schen Eigenheiten bestaunen konnte: Angeregt durch das musikalische Begleitprogramm kam ihm plötzlich in den Sinn, aus dem Stehgreif ein fünfminütiges Kurzreferat zur Geschichte der französischen Blockflötenmusik zu halten. (Dass er sich auch auf diesem sehr speziellen Gebiet als Experte erwies, hat niemanden von uns mehr gewundert…)

Wir alle haben in den letzten Jahrzehnten sehr von Gerhards Wissen und Engagement profitiert. Für viele Themen, die wir in den vergangenen 20 Jahren angegangen sind, hat er schon in den 1980er und 1990er Jahren wichtige Vorarbeiten geleistet – von der Ablösung der Staatsleistungen an die Kirchen über die Abschaffung des kirchlichen Arbeitsrechts bis hin zur Etablierung eines „Rechts auf Letzte Hilfe“. Dabei hat Gerhard die Giordano-Bruno-Stiftung nicht nur ideell, sondern auch finanziell als Mitglied des gbs-Stifterkreises unterstützt. Beim Treffen des Stifterkreises Ende März 2024 in Oberwesel habe ich ihn das letzte Mal gesehen. Damals, vor zwei Monaten, hätte ich mir nicht vorstellen können, dass sein spontanes Kurzreferat zur empirischen Entwicklung der Religionsverteilung in Deutschland, in dessen Genuss wir am Ende des Treffens kamen, die allerletzte „Ramppinade“ sein würde, die ich jemals hören würde. Im Grunde kann ich es mir noch immer nicht vorstellen, denn Gerhard war so selbstverständlich an unserer Seite, dass es abwegig erscheint, dass er nie wieder an unserer Seite sein wird.

Am vergangenen Wochenende wollte Gerhard eigentlich am gbs-Stiftungstreffen in Oberwesel teilnehmen, doch am Mittwoch erreichte uns ein Anruf seiner engen Vertrauten Heidi Jovanovic, die uns mitteilte, dass Gerhard einen Schwächeanfall erlitten hatte und ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Am Freitag verschlechterte sich sein Gesundheitszustand in dramatischer Weise, es kam zu multiplem Organversagen, in dessen Folge Gerhard das Bewusstsein verlor und nicht wieder erwachte.

Obwohl wir wussten, dass Gerhard schon seit Längerem an Diabetes erkrankt war und ärztliche Anweisungen gerne ignorierte, kam sein Tod am Samstag unerwartet. Vor allem für die Mitglieder des bfg Augsburg, dessen Weg Gerhard 40 Jahre maßgeblich bestimmt hat, ist sein plötzlicher Tod ein Schock, der erst einmal verarbeitet werden muss. Auch wir haben daran zu knapsen. Denn Gerhard hinterlässt nicht nur als säkularer Aktivist, sondern auch als Mensch eine Lücke, die kaum zu füllen ist. Wir alle haben ihn außerordentlich geschätzt – nicht nur als brillanten Denker und gewitzten Strategen, als phänomenalen Zahlenakrobaten und Gedächtniskünstler, sondern auch als der wunderbar schräge Vogel, der er war, und als der er uns für immer in Erinnerung bleiben wird…

Der hpd schließt sich dem Nachruf an.


Der bfg Augsburg schreibt:

Der bfg Augsburg trauert um Gerhard Rampp (1950 – 2024)

Am vergangenen Samstag starb Gerhard Rampp, der seit 1982 Vorsitzender des Bundes für Geistesfreiheit (bfg) Augsburg war, im Alter von 73 Jahren. Sein Ableben traf den bfg Augsburg ebenso wie seine Freunde und Angehörigen und die humanistischen und säkularen Organisationen und Akteure, an deren Entstehen und Wirken er maßgeblich beteiligt war, unerwartet – unter ihnen insbesondere die Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS), die er 1980/81 mit aufgebaut und danach 19 Jahre als Präsidiumsmitglied geleitet hatte, die Giordano Bruno Stiftung, der er als Beirat und Stifter angehörte, und der Alibri-Verlag, dessen Mitbegründer und Mitarbeiter er war sowie der Humanistische Pressedienst und die Zeitschrift MIZ, für die er vor allem die Internationale Rundschau betreute.

Bis zu einem Schwächeanfall mit Atemnot, der zu seiner Krankenhauseinlieferung führte, war Gerhard Rampp am letzten Mittwoch im Augsburger bfg-Zentrum tätig. Kolleginnen brachten ihn von dort in die Notaufnahme und noch in der gleichen Nacht wurde er am Herzen operiert. Nachdem er am Donnerstag noch mit Kolleginnen, Kollegen und Freunden telefonieren konnte, verschlechterte sich am Freitag sein Gesundheitszustand dramatisch. Es kam zu multiplem Organversagen, in dessen Folge er das Bewusstsein verlor, nicht wieder erwachte und in der Samstagnacht im Beisein seiner Schwester und einer langjährigen Vertrauten und Freundin verstarb. Wir sind natürlich alle sehr traurig und noch mitgenommen.

Wir werden Gerhard vermissen – seinen unbändigen, laufend erweiterten und geschickt für die ihm und uns als bfg am Herzen liegenden Belange ausgewerteten Wissensschatz, seinen scharfen Intellekt, sein sagenhaftes Gedächtnis, sein klares analytisches Denken, die Kraft und das Talent, mit denen er den bfg Augsburg geführt und säkularen Anliegen Gehör verschafft hat, aber auch, was ihn als Mensch und anregenden Gesprächspartner kennzeichnete: seine Originalität, seinen einzigartigen Humor und Schalk, seine raffinierte Ironie und Schlagfertigkeit und sein Vermögen, Denkanstöße zu liefern.

Die nächsten Tage müssen wir viel organisieren und sehen wie es weitergeht. Weiteres zur Würdigung, Trauerfeier und Beerdigung folgen.

Der Vorstand


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