Nachruf auf Dr.in Jane Goodall
Eine Humanistin gegen Apathie, Ausreden und religiöse Bequemlichkeit
Jane Goodall ist tot. Mit ihr verlieren wir nicht nur eine herausragende Forscherin, sondern eine der wenigen Stimmen, die unermüdlich daran erinnert haben, dass Humanismus nicht an der Grenze des Menschen endet. Sie zeigte, dass Schimpansen lachen, trauern, Werkzeuge benutzen und individuelle Persönlichkeiten besitzen. Damit stellte sie das alte Märchen von der „Krone der Schöpfung“ radikal infrage. Für Humanist:innen war das ein Befreiungsschlag: Leben ist mehr als Besitz, Würde gilt universell, Verantwortung lässt sich nicht delegieren.
Die Forschung, die alles veränderte
Jane Goodall begann 1960 ihre Feldforschung im Gombe-Stream-Nationalpark in Tansania. Ihre Beobachtungen revolutionierten das Verständnis von Tierverhalten: Schimpansen nutzen Werkzeuge, entwickeln Strategien, zeigen Empathie, Freude und Trauer. Sie bewiesen, dass der Mensch nicht isoliert, sondern Teil des Netzwerks des Lebens ist. Für alle, die glauben, Religion rechtfertige menschliche Herrschaft über Natur und Tiere, war das ein klarer Widerspruch. Jahrhunderte alte Dogmen, die Tiere zu Objekten degradierten und die Erde als Beute verkauften, wurden durch Goodalls Forschung widerlegt.
Wissenschaft als Verantwortung
Goodall ging über Forschung hinaus. Sie gründete 1977 das Jane Goodall Institute, vereinte Wissenschaft, Naturschutz, Bildung und Menschenrechte. Mit Roots & Shoots mobilisierte sie weltweit Millionen junger Menschen, Verantwortung für Tiere, Umwelt und Mitmenschen zu übernehmen. Sie zeigte, dass Wissen ohne Handeln moralisch leer ist: Erkenntnis verpflichtet.
Persönliche Verbindung: 1981 in Saarbrücken
Für mich persönlich war Jane Goodall seit 1981 eine konstante Begleiterin in Gedanken. Damals, während meiner Zeit in Saarbrücken, lernte ich durch dr_jupp AKA Dr. Hans Josef Schöneberger den berühmten Wolfsexperten Dr. Erik Zimen kennen, der später oft in einem Atemzug mit ihr genannt wurde. Beide verkörperten eine Haltung, die Wissenschaft und Humanismus untrennbar verband: Neugier, Beobachtung, Mitgefühl und Engagement. Sie zeigten, dass Forschung nicht neutral sein darf – sie ist immer auch eine moralische Handlung.
Die Mahnung gegen Gleichgültigkeit
Jane Goodall betonte immer wieder: „The greatest danger to our future is apathy.“ Gleichgültigkeit ist Verrat. Wer heute zusieht, wie Lebensräume zerstört werden, Tiere leiden und ganze Ökosysteme zusammenbrechen, trägt Schuld. Diese Worte sind Mahnung und Aufforderung zugleich: Humanismus bedeutet, nicht wegzuschauen.
Gerade heute bleibt ihre Botschaft aktuell. In Österreich und vielen Teilen Europas blockieren Kirchen und religiöse Institutionen nach wie vor Klima- und Tierschutzgesetze. Sie verteidigen industrielle Agrarlobbys, predigen von „Schöpfungsordnung“ und ignorieren bewusst die Folgen: Artensterben, Umweltzerstörung, Missachtung von Leben. Goodall stellte sich diesem anthropozentrischen Denken entgegen. Sie lehrte, dass Verantwortung universell gilt, dass Würde und Mitgefühl nicht durch Tradition oder Religion eingeschränkt werden dürfen.
Hoffnung als aktive Praxis
Goodall machte Hoffnung greifbar, weil sie immer auf Handeln setzte. Hoffnung ist für sie kein Wunschdenken, sondern Engagement. Jeder Beitrag zählt, jede Handlung verändert. Sie inspirierte Millionen Menschen weltweit, Verantwortung zu übernehmen – egal wie klein die Tat erscheint. Ihre Worte sind unvergesslich: „You cannot get through a single day without having an impact on the world around you. What you do makes a difference, and you have to decide what kind of difference you want to make.“ Jede Handlung hinterlässt Spuren – Goodall zeigte, dass wir diese Spuren bewusst setzen müssen.
Humanismus über die eigene Art hinaus
Für Humanist:innen bleibt sie ein Vorbild, weil sie Mitgefühl universell verstand. Sie erkannte, dass Wissenschaft ohne Ethik gefährlich ist und dass Handeln ohne Wissen leer bleibt. Sie lehrte, dass Würde nicht im Herrschen liegt, sondern im Bewahren und Mitfühlen. Ihre Arbeit war ein klarer Aufruf gegen Apathie, Ignoranz und religiös verbrämte Gleichgültigkeit.
Jane Goodall war eine Humanistin durch und durch. Ihr Tod ist ein Verlust für die Menschheit, ihr Leben ein Vermächtnis für alle, die bereit sind, Verantwortung ernst zu nehmen. Sie hat uns gezeigt, dass Hoffnung aktiv gelebt wird, dass Humanismus Praxis bedeutet, dass Wissenschaft, Ethik und Mitgefühl untrennbar sind. Ihr Beispiel wird weiterleben – in allen, die bereit sind, hinzuschauen, zu handeln und die Welt menschlicher, gerechter und mitfühlender zu gestalten.














Ein Vermächtnis, das weiterlebt
Für mich persönlich bleibt Jane Goodall eine Begleiterin. Seit 1981 inspiriert sie mich, Wissenschaft mit Mitgefühl zu verbinden, Verantwortung zu übernehmen und Apathie nie als Option zu akzeptieren. Ihre Stimme war Mahnung und Licht zugleich: gegen Gleichgültigkeit, gegen religiöse Bequemlichkeit, gegen die Trennung von Wissen und Handeln. Sie hat uns gelehrt, dass jedes Leben zählt, jede Handlung Gewicht hat und dass Humanismus universell ist – radikal, unverhandelbar und dringend notwendig.
Jane Goodall wird als Symbol für Humanismus, Mitgefühl und Verantwortung weiterleben. Sie hinterlässt uns die klare Botschaft: Wer die Zukunft gestalten will, darf nicht warten. Wer Humanismus ernst nimmt, handelt jetzt – für Menschen, Tiere und die Erde, die wir alle teilen.
Quellen
Bildlegenden und Copyrights
- Portrait von Jane Goodall im Jahr 2022. © Marko @zlouma Zlousic
- Die junge Jane Goodall im heutigen Gombe Stream Nationalpark, Tansania. © JGI / Hugo van Lawick
- Die junge Jane Goodall im Jahr 1965 im heutigen Gombe Stream, Nationalpark, Tansania., © JGI / Hugo van Lawick
- Jane Goodall beobachtet, wie das Schimpansenkind Gaia seine Mutter, Gremlin laust. Gremlin hat ihre beiden neugeborenen Zwillinge im Schoss. Gombe Stream Nationalpark, 1998, © Kristin J. Mosher
- Jane Goodall mit ihrem Mentor Louis Leakey. © JGI / Joan Travis
- Jane Goodall und Prof. Erich Eder, wissenschaftlicher Beirat des HVÖ. ©Privat
- UN Generalsekretär Kofi Annan ernennt Jane Goodall am 16. April 2002 zur UN-Friedensbotschafterin. ©UN Department of Information
- Jane Goodall mit Frauen des TACARE-Programms in Tansania. © Norman Jean Roy
- Jane Goodall mit ihrer Mutter Vanne im Zelt im heutigen Gombe Stream, Nationalpark, Tansania. © JGI / Hugo van Lawick
- Jane Goodall bei ihrem Auftritt im Chan Centre in Vancouver, Kanada. © Catalin Mitrache
- Portrait von Jane Goodall im Jahr 2020 © Vincent Calmel
- Jane Goodall im Jahr 2024 mit Jugendlichen, die in Salzburg, Österreich mit Roots & Shoots aktiv sind. © Marc Stickler
- Jane Goodall nach einem Vortrag in Salzburg, Österreich, mit Kindern, die mit Roots & Shoots aktiv sind. © Robert Ratzer
- Jane Goodall mit Kindern, die in der Nähe von Kigoma in Tansania mit Roots & Shoots aktiv sind, im Jahr 2010. © JGI / Bill Wallauer
- Jane Goodall setzt sich im Jahr 2024 für grüne Wahlen ein. © Katherine Holland

Jane Goodall Institut Schweiz
c/o Institut für Evolutionäre Anthropologie
Universität Zürich
Winterthurerstrasse 190
8057 Zürich
www.janegoodall.ch
info@janegoodall.ch
Spendenkonto
IBAN CH54 0900 0000 8542 5499 1
Und hier aktuelle Bilder aus Gombe, drei Tage nach dem Tod von Jane Goodall aufgenommen, vom Sohn eines Freundes.













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