Omri Böhm | Radikaler Universalismus

Plädoyer für das Allgemeine

In einer Zeit, in der politische Debatten zunehmend um Herkunft und Identität kreisen, setzt der israelische Philosoph Omri Boehm mit seinem Buch Radikaler Universalismus. Jenseits von Identität einen Kontrapunkt. Er fordert nichts Geringeres als die Rückkehr zu einem politischen Denken, das sich an der Idee der universellen Gerechtigkeit orientiert – und nicht an partikularen Gruppeninteressen. Das ist streitbar, provokant und dringend notwendig.

Die These: Wahrheit vor Konsens

Boehms zentrales Argument lautet: Die liberale Moderne hat den Begriff der Wahrheit zugunsten des Konsenses geopfert. Philosoph:innen wie Richard Rorty oder politische Konzepte wie die Theorie von John Rawls werden von ihm scharf kritisiert, weil sie den Vorrang demokratischer Verfahren über objektive moralische Wahrheit gestellt hätten. Für Boehm ist das ein Verrat an der Idee der Aufklärung, die er bei Kant verortet – aber auch in biblischen Erzählungen, vor allem bei Abraham.

Abraham, Kant und die Pflicht zur Menschheit

Abrahams Bereitschaft, Gott zu widersprechen, wird von Boehm als frühes Zeichen moralischer Autonomie gelesen. Diese Haltung – einer höheren Gerechtigkeit verpflichtet zu sein als einer göttlichen oder staatlichen Autorität – interpretiert er als Vorläufer der kantischen Ethik. Die Menschenwürde steht über jedem Gesetz, und moralisches Denken beginnt mit der Einsicht in eine Pflicht gegenüber allen Menschen, nicht gegenüber der eigenen Identität. Wer sich auf die Menschenrechte beruft, darf sie nicht zugleich an ethnische, kulturelle oder religiöse Zugehörigkeit knüpfen.

Universalismus gegen Identitätspolitik?

Damit wendet sich Boehm gegen eine zunehmend dominante Form linker Politik: die Identitätspolitik. Diese habe, so sein Vorwurf, den Fokus verschoben – weg von universellen Rechten und Pflichten, hin zur Betonung partikularer Opfergemeinschaften. Das Resultat sei eine Fragmentierung des politischen Diskurses und eine Entsolidarisierung der Gesellschaft.

Doch Boehm geht es nicht um ein konservatives „Zurück“, sondern um eine radikale Erneuerung des Universalismus: ein Denken, das zwar historisch in der Aufklärung wurzelt, aber darüber hinausweisen soll – etwa durch eine stärkere Betonung von Pflichten statt nur Rechten.

Kritik: Idealismus mit blinden Flecken?

Trotz aller Zustimmung zum Impuls der Universalismuskritik ist das Buch auch zu hinterfragen. So bemängele ich, dass Boehm seinen Universalismus zwar kraftvoll proklamiert, aber nicht wirklich begründet. Die Bezugnahme auf Kant bleibt abstrakt, aktuelle Herausforderungen wie globale Ungleichheit, Klimakrise oder postkoloniale Perspektiven finden kaum Platz.

Zudem sei der von Boehm reklamierte Universalismus selbst nicht frei von Eurozentrismus. Nichtwestliche Philosophien oder emanzipatorische Bewegungen jenseits Europas spielen nur eine marginale Rolle. Das wirft die Frage auf, ob ein solcher Universalismus wirklich „radikal“ ist – oder doch nur ein Rückgriff auf ein idealisiertes, westliches Erbe.

Ein wichtiges Buch – trotz Mängeln

Trotz dieser Einwände ist Boehms Essay klug, präzise und provokant. Seine Sprache sei zugänglich, seine Gedankenführung klar und sein politisches Ethos inspirierend. Besonders hervorzuheben ist sein Appell, die Idee des Menschen wieder ins Zentrum politischen Denkens zu stellen – jenseits von kultureller Identität und Machtlogiken.

Wer also bereit ist, sich auf eine streitbare, philosophisch tief verankerte Kritik am Zeitgeist einzulassen, wird in diesem Buch viele Anstöße finden. Auch wenn man nicht alle Thesen teilt, bleibt die Lektüre lohnend – gerade weil sie nicht bequem ist.


Quellen und weitere Rezensionen:

(1) https://www.sueddeutsche.de/kultur/omri-boehm-radikaler-universalismus-identitaetspolitik-1.5657989
(2) https://www.zeit.de/2022/37/radikaler-universalismus-omri-boehm-philosophie-rezension
(3) https://dispositiv.uni-bayreuth.de/vom-radikalen-universalismus-und-dem-menschsein
(4) https://hpd.de/artikel/plaedoyer-fuer-einen-radikalen-universalismus-20862
(5) https://www.meine-kirchenzeitung.de/c-feuilleton/radikal-undprophetisch_a47899
(6) https://www.deutschlandfunkkultur.de/philosoph-omri-boehm-ueber-sein-buch-radikaler-universalismus-dlf-kultur-ebe20f01-100.html
(7) https://www.eulenfisch.de/literatur/blog/rezension/omri-boehm-radialer-universalismus

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