Pilze statt Predigt: Geistliche schlucken Psilocybin und treffen Gott

Foto: "Leuchtender Pilz in einem magischen Wald" von Marco Verch 👨‍🍳 via ccnull.de, CC-BY 2.0

Ich gebe es ungern zu, aber einst war ich ein glühender, beinahe missionarischer Castañeda-Jünger. Carlos Castañeda und seine Geschichten vom weisen Don Juan, von Peyote-Geistern und fliegenden Bewusstseinen hatten mich fest im Griff und ich habe meine Freundeskreise damit traktiert, wie dringend sie doch Die Lehren des Don Juan lesen sollten, damit auch sie endlich verstehen, dass unsere gewöhnliche Realität nur ein mickriges Abziehbild tieferer Welten ist.

Irgendwann kam dann (wie so oft, darüber mehr am 16. Juli) die Ernüchterung: Es stellte sich heraus, dass Castañeda wohl mehr fabuliert als recherchiert hatte. Seine Schamanenreisen waren literarische Kunststücke und keine ethnologischen Tatsachenberichte, siehe den Kommentar unten auf der Seite. Aber eine Sehnsucht blieb, diese leise Hoffnung, dass es da draußen oder drinnen doch noch etwas Größeres geben könnte, das mein kleines Ego transzendierte.

Umso amüsanter finde ich es nun, dass ausgerechnet die Wissenschaft versucht, solche spirituellen Erfahrungen im Labor nachzubauen. Statt Don Juan im Wüstenstaub trifft man heute auf Forscher im Kittel, die Geistlichen aller Religionen Psilocybin reichen, und dann protokollieren, was die Herren Rabbiner, Priester und Mönche so alles sehen, hören und fühlen, wenn ihr Gehirn ein wenig anders feuert.

Philosophisch betrachtet ist das eine schöne Ironie: Die Suche nach Transzendenz landet letztlich wieder bei Biochemie, Neuronen und Rezeptoren. Und vielleicht liegt darin sogar ein tieferer Trost: Dass wir Menschen unsere größten Offenbarungen nicht göttlichen Eingriffen verdanken, sondern den wunderlichen Möglichkeiten eines hochkomplexen, evolvierten Nervensystems.

Wenn Geistliche „Magic Mushrooms“ naschen, um Gott näherzukommen

Im Ernst: Was tun Geistliche aller möglichen Religionen, wenn das ewige Beten, Meditieren und Predigen nicht reicht, um der höheren Wahrheit näherzukommen? Genau, sie werfen Magic Mushrooms ein.

Jedenfalls wenn es nach einer kuriosen Studie (Auswirkungen von Psilocybin auf religiöse und spirituelle Einstellungen und Verhaltensweisen bei Geistlichen verschiedener großer Weltreligionen) unter Leitung von Roland Griffiths an der Johns Hopkins University geht, über die Karin Krichmayr jüngst im Standard berichtete. Dort verabreichte man 24 religiösen Würdenträgern, darunter Priestern, Rabbis, Predigern und buddhistischen Mönchen, jeweils zwei ordentliche Dosen Psilocybin, also den Wirkstoff halluzinogener Pilze.

Das Ganze natürlich streng kontrolliert, in angenehmer Musik- und Kerzenlicht-Atmosphäre. Nicht etwa auf einem Festival, sondern in weißen Laborkulissen. Schließlich wollte man herausfinden, ob sich die seit Jahrtausenden behauptete direkte Gotteserfahrung auch einfacher herstellen lässt, mit einem psychoaktiven Kick.

Mystik aus dem Reagenzglas

Das Ergebnis: Die Geistlichen waren hellauf begeistert. Viele von ihnen sprachen später von den spirituell und persönlich bedeutsamsten Erfahrungen ihres Lebens. Einige fühlten sich so sehr eins mit dem Universum, dass ihre religiöse Praxis tiefer und authentischer wurde. Wieder andere gaben an, seither auch anderen Religionen gegenüber offener zu sein, was man durchaus als einen Fortschritt werten könnte.

Ein Rabbiner formulierte es besonders anschaulich: Die Pilz-Session habe eine radikalere Form der Gotteserfahrung eröffnet als je zuvor. Ein katholischer Priester berichtete, er habe das Gefühl gehabt, die göttliche Liebe förmlich einzuatmen. Auch buddhistische Mönche beschrieben intensive Einheits- und Transzendenzerlebnisse.

Na bitte: Da braucht’s keine jahrzehntelange Kontemplation oder das endlose Studium heiliger Schriften mehr. Ein paar Gramm Psilocybin, und schon öffnen sich die Pforten zur Ewigkeit.

Warum das Ganze?

Die Studie reiht sich ein in eine wachsende Forschungsrichtung, die psychedelische Substanzen als Werkzeuge zur Erforschung des Bewusstseins untersucht. Das Thema erlebt im Moment eine echte Renaissance: Nach jahrzehntelangem Tabu wird Psilocybin wieder wissenschaftlich erforscht, sei es bei Depressionen, existenziellen Ängsten in der Palliativmedizin oder eben bei spirituellen Fragen.

Interessant ist hier die Schnittstelle: Man wollte explizit wissen, ob religiöse Profis durch Psilocybin etwas erleben, was sie in ihrer bisherigen Laufbahn so noch nicht erfahren haben. Und tatsächlich berichteten fast alle Teilnehmer von nachhaltigen positiven Effekten, einige auch von einer neuen Weite im Denken über ihre Glaubensinhalte.

Aus Sicht eines evolutionären Humanismus ist das aufschlussreich, aber wohl weniger, weil es die Existenz transzendenter Wirklichkeiten belegt. Sondern weil es zeigt, wie leicht das menschliche Gehirn mit neurochemischen Tricks dazu gebracht werden kann, tiefste metaphysische Wahrheiten zu fühlen.

Kurz gesagt: Wenn ein bisschen Serotonin-Rezeptor-Stimulation genügt, um eine radikalere Gotteserfahrung auszulösen, stellt sich doch die Frage, ob nicht viele spirituelle Gewissheiten schlicht auf einem biochemischen Cocktail beruhen.

Religion als Nebenwirkung neuronaler Chemie?

Genau hier liegt der feine, leicht spöttische humanistische Charme dieser Studien. Sie führen uns vor Augen, dass mystische Einheitsgefühle, transzendente Visionen und das direkte Erleben Gottes womöglich weniger mit einem jenseitigen Gegenüber zu tun haben, sondern mehr mit serotonergen 5-HT2A-Rezeptoren im präfrontalen Kortex.

Dass gerade Geistliche aus allen möglichen Glaubensrichtungen so stark darauf ansprechen, ist dabei besonders entlarvend: Offenbar sind selbst jahrzehntelanges Beten, Fasten, Meditieren und theologisches Sinnieren nicht zwingend die effektivsten Wege, eine tiefgreifende Gottesbegegnung zu erfahren. Stattdessen genügen ein paar Pilze, die unsere neuronale Wahrnehmung ordentlich durcheinanderwirbeln.

Das muss man gar nicht zynisch verstehen. Es illustriert nur sehr schön, was der evolutionäre Humanismus immer wieder betont: Der Mensch ist ein Naturwesen. Sein Bewusstsein ist kein überirdisches Mysterium, sondern ein Produkt organischer Prozesse, das sich unter bestimmten Bedingungen auch drastisch verändern lässt.

Und was bleibt?

Natürlich war das Experiment ethisch abgesichert, medizinisch überwacht und die Geistlichen hatten sich vorher ausführlich beraten lassen. Viele der Teilnehmer wünschten sich nach Abschluss des Projekts sogar, ähnliche Erfahrungen erneut zu machen, um ihr Glaubensleben weiter zu vertiefen.

Für den säkularen Betrachter bleibt da vor allem ein faszinierendes Bild: Rabbis, Priester und Mönche sitzen in einem klinischen Setting, lauschen sphärischer Musik, schlucken Psilocybin und sehen plötzlich Gott, Liebe oder das Universum auf ganz neue Weise.

Das mag für sie individuell bedeutsam und tröstlich sein, doch für eine objektive Bestätigung übernatürlicher Realitäten taugt es nicht. Es bestätigt eher, dass Spiritualität ein höchst subjektives und stark vom Gehirn abhängiges Phänomen ist.

Fazit: Pilze zeigen mehr über uns als über Gott

So liefern solche Studien weniger Beweise für die Existenz einer metaphysischen Welt als vielmehr für die Plastizität unseres Bewusstseins. Sie halten uns einen Spiegel vor, der zeigt, wie leicht wir bereit sind, intensive neuronale Erlebnisse mit einer höheren Wahrheit zu verwechseln.

Für meinen evolutionären Humanismus ist das keine Enttäuschung, sondern eine wertvolle Erkenntnis. Es zeigt uns, dass die tiefsten Gefühle von Verbundenheit, Ehrfurcht und Transzendenz keineswegs weniger bedeutsam sind, nur weil sie im Gehirn entstehen. Im Gegenteil: Sie sind Ausdruck unserer Natur als biologische, empfindsame Wesen, deren geistige Höhenflüge ebenso Teil der Evolution sind wie unser aufrechter Gang.

Zum Weiterlesen

Originalartikel im Standard:
https://www.derstandard.at/story/3000000273689/geistliche-aller-religionen-nahmen-magic-mushrooms-und-fanden-erleuchtung

Zum Forschungsprojekt der Johns Hopkins University:
https://hopkinspsychedelic.org/

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Nachtrag Castañeda – Die Sache mit Don Juan und dem Bibliotheks-Schamanen

Vier Bücher von zwölf habe ich gelesen, dann flog Castañedas Anthropologie auf, während viele noch den Traum des Don Juan träumten. Vor allem Richard de Mille, Sohn des großen Filmregisseurs, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, dessen Studien zu demontieren. Die Yaqui-Indianer, fand er heraus, benutzen Peyote gar nicht. Und Don Juans weise Sprüche hatten merkwürdige Ähnlichkeit mit Zitaten von Wittgenstein, C. S. Lewis und indischen Jogis. De Mille schloss:

Carlos Abenteuer haben ihren Ursprung nicht in der Sonora-Wüste, sondern in der Bücherei der UCLA.

Als er 1973 entzaubert wurde, verstieß Castañeda seine erste Frau und seinen Adoptivsohn, verschwand aus den Medien und machte in Los Angeles eine Art Privatkult auf. Der bestand im Kern aus ihm völlig ergebenen jungen Frauen, die allesamt zur einen oder anderen Zeit Castañedas Geliebte, Ehefrauen oder beides waren. Hexen wurden sie genannt. Ihre Namen ließ er ändern, von ihren Familien mussten sie sich lossagen. Sie lebten mit Castañeda, leiteten Seminare, in denen selbsterfundene Bewegungsrituale namens Tensegrity gelehrt wurden. Sie produzierten Videos, die der Autor und Regisseur Bruce Wagner für Castañeda inszenierte.

Eine der Frauen war Amy Wallace, Tochter des Romanautors Irving Wallace. „Das Schlimmste“, schreibt sie in ihren Erinnerungen, „ist, wenn man geliebt und geliebt wird und dann misshandelt und misshandelt, und wenn es keine Regeln gibt oder wenn sie dauernd verändert werden, wenn man nichts richtig macht und dann dafür geküsst wird.“ Eine reale Bewusstseinsveränderung, die verrückt macht, und „auf die sich Carlos spezialisiert hatte. Er war nicht dumm.“

https://www.nytimes.com/1998/04/29/obituaries/carlos-castaneda-72-dies-wrote-mystical-and-fictional-books.html

https://www.latimes.com/archives/la-xpm-1998-apr-29-mn-43750-story.html

https://skepticalinquirer.org/2007/03/the-castaneda-controversy

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