Polizeiwillkür am Kulturgut
Kaum zu glauben – und doch real: Polizeiwillkür im Gedenkjahr
Dass ich im Jahr 2025, 80 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus, einen Text über Polizeiwillkür an einem antifaschistischen Erinnerungsort schreiben muss, ist ein Offenbarungseid für die österreichische Demokratie. Und doch ist genau das geschehen. Nicht irgendwo – sondern am Peršmanhof, jener Gedenkstätte, an der eine slowenische Familie von der SS ausgelöscht wurde.
Was sich dort am 27. Juli abspielte, ist nicht mit Überreaktion zu entschuldigen. Es war ein Angriff. Auf die historische Wahrheit. Auf die Rechte der Minderheiten. Auf die antifaschistische Bildungsarbeit. Und auf all jene, die sich nicht dem staatlichen Erinnerungsfolklorismus unterwerfen wollen.
Was folgt, ist kein Bericht. Es ist ein Aufschrei. Ein Kommentar gegen das Vergessen, gegen die Einschüchterung – und für eine Gesellschaft, die sich, verdammt noch mal, nicht länger auf der Asche ihrer eigenen Geschichte einrichtet.
Dass also am 27. Juli 2025 ein antifaschistisches Bildungscamp auf dem Peršmanhof mit einem martialischen Polizeieinsatz beantwortet wurde, ist ein demokratiepolitischer Skandal erster Ordnung.
Mehr als 30 schwerbewaffnete Einsatzkräfte, darunter Spezialeinheiten, Drohnen, Spürhunde, Helikopter und sieben Einsatzfahrzeuge rückten gegen ein friedliches Sommercamp an, das sich dem Gedenken an den antifaschistischen Widerstand und der Bildungsarbeit über die Gräueltaten des Nationalsozialismus verschrieben hatte (1).
Die absurde Begründung der Behörden: angeblich „wildes Campieren“ in einem Natura-2000-Gebiet, ergänzt um die Behauptung des Verfassungsschutzes, es habe sich um einen „sittenwidrigen Umgang“ mit einer Gedenkstätte gehandelt (2). Eine Begründung, die nicht nur an juristischer Substanz fehlt, sondern in sich schon eine Verhöhnung der Geschichte darstellt.
Denn der Peršmanhof ist kein Ort beliebiger Freizeitgestaltung, sondern ein Ort des Gedenkens an den Mord an elf Menschen durch ein SS-Polizeiregiment im April 1945 – darunter mehrere Kinder aus einer slowenischen Familie (3). Wer dort jungen Menschen Geschichts- und Demokratiebewusstsein vermittelt, handelt im Geist der Verfassung – nicht dagegen.
Dass sich nun aber die Exekutive über alle institutionellen, historischen und ethischen Grenzen hinwegsetzt, zeigt: Der antifaschistische Konsens ist in Österreich längst brüchig. Die polizeiliche Gewalt gegen die Bildungsarbeit von Nachfahr:innen slowenischer NS-Opfer, Historiker:innen und Aktivist:innen ist kein Einzelfall – sie folgt einer immer offener auftretenden Politik der Repression gegen linke, kritische und insbesondere antifaschistische Initiativen.
Dabei entlarvt sich die Staatsräson selbst: Der Staat schützt nicht das Gedenken – er kontrolliert, zensiert und kriminalisiert es, wenn es nicht in sein nationales, identitätspolitisches Narrativ passt.
Die Reaktionen aus der Zivilgesellschaft sind entsprechend scharf: Zahlreiche Kultur-, Bildungs- und Menschenrechtsorganisationen, darunter das Kärntner Kulturgremium, die FUEN (Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten), die Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und Vertreter:innen der slowenischen Minderheit fordern Aufklärung, Entschuldigung und Konsequenzen – bislang ohne nennenswerte Reaktion von Innenministerium oder Landespolitik (4).
Was bleibt, ist ein fatales Signal: Wer sich antifaschistisch bildet, wer Geschichte kritisch bearbeitet, wer der Minderheitenverfolgung im Nationalsozialismus gedenkt, steht unter Generalverdacht. Nicht Rechtsextreme, nicht antisemitische Vernetzungen, nicht Burschenschafter-Seilschaften werden ins Visier genommen – sondern jene, die Widerstand leisten. Die österreichische Polizei hat am 27. Juli 2025 nicht nur ein Camp gestürmt. Sie hat ein Stück Erinnerungskultur zerstört.
Forderungen aus humanistischer Sicht:
- Unverzügliche, öffentliche Entschuldigung der Exekutive gegenüber den Teilnehmenden und dem Museum
- Unabhängige Untersuchungskommission unter Einbindung zivilgesellschaftlicher Organisationen und Minderheitenvertretungen
- Personelle Konsequenzen bei jenen, die den Einsatz politisch gedeckt oder operativ verantwortet haben
- Gesetzlicher Schutz von Gedenkstätten vor polizeilicher Willkür
- Verankerung antifaschistischer Bildungsarbeit als verfassungsrechtlich geschützter Auftrag
Wenn Österreich noch Anspruch auf eine demokratische, menschenrechtsorientierte Erinnerungskultur erhebt, dann muss dieser Vorfall Konsequenzen haben. Antifaschismus ist kein Verdacht – er ist Staatsauftrag.

Aufruf zur Unterstützung des Vereins Peršman
Der Drustvo/Verein Peršman betreibt seit Jahrzehnten eine der wichtigsten Erinnerungsstätten des antifaschistischen Widerstands in Kärnten. Er hält die Geschichte der ermordeten slowenischen Familie Sadovnik lebendig, schafft Räume für kritische Bildungsarbeit und dokumentiert eindrücklich, wie der NS-Terror auch die vermeintlich „abgelegenen“ Regionen durchzogen hat.
Am 27. Juli 2025 wurde diese Arbeit brutal gestört – durch einen entwürdigenden Polizeieinsatz, der die Rechte der Veranstalter:innen mit Füßen trat. Doch die Verantwortlichen im Verein lassen sich nicht einschüchtern. Sie brauchen jetzt unsere öffentliche, politische und finanzielle Solidarität.
Unterstützt den Verein Peršman:
1. Öffentlich sichtbar werden
Verbreitet die Presseerklärung des Vereins, teilt Medienberichte, informiert euer Umfeld. Der Einsatz darf nicht folgenlos aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden.
2. Politisch Druck ausüben
Schreibt Protestbriefe und E-Mails an:
- Bundesministerium für Inneres: ministerbuero@bmi.gv.at
- Land Kärnten: landeshauptmann@ktn.gv.at
- Klub der Abgeordneten eurer Wahl
Fordert Aufklärung, eine Entschuldigung und klare Konsequenzen.
3. Spenden und Fördermitgliedschaften
Die Arbeit des Vereins ist auf Unterstützung angewiesen – besonders jetzt. Jeder Beitrag hilft, unabhängige Gedenk- und Bildungsarbeit zu sichern.
Verein Peršman
Peršmanweg 6
9155 Suha/Neuhaus
Webseite: https://www.persman.at
E-Mail: verein@persman.at
Spendenkonto:
Posojilnica Bank
BIC: VSGKAT2KXXX
IBAN: AT49 3910 0000 0310 3009
4. Vor Ort Präsenz zeigen
Besucht das Museum Peršman. Nehmt an Veranstaltungen teil. Macht sichtbar, dass Erinnerung nicht privatisiert werden kann – und dass sie mehr ist als ein dekoratives Ritual.
Wer den Verein Peršman unterstützt, schützt nicht nur ein Museum. Er schützt die Möglichkeit, aus der Geschichte zu lernen – und damit die Grundlagen einer demokratischen Gesellschaft.
Quellen:
(1) Drustvo/Verein Peršman: Presseaussendung zum Polizeieinsatz an der Gedenkstätte und im Museum Peršman, 27. Juli 2025. Online unter: https://www.persman.at/de/presseaussendung-des-drustvo-verein-persman-zum-polizeieinsatz-an-der-gedenkstaette-und-im-museum-persman-27-07-2025-2/
(2) Linz gegen Rechts: Polizeieinsatz bei Gedenkstätte Persmanhof: Repression statt Erinnerungskultur, 31. Juli 2025. Online unter: https://linz-gegen-rechts.at/polizeieinsatz-bei-gedenkstaette-persmanhof-repression-statt-erinnerungskultur/
(3) Persmanhof Museum: Zur Geschichte des Ortes. Online unter: https://www.persman.at/de/geschichte/
(4) FUEN – Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten: Stellungnahme zum Polizeieinsatz am Persmanhof, 30. Juli 2025. Online unter: https://fuen.org/de/article/FUEN-verurteilt-Polizeieinsatz-am-PersmanhofPersmanova-domacija-in-KaerntenKoroska
(5) ND Aktuell: Razzia in der Gedenkstätte Persmanhof – Österreichische Polizei geht gegen antifaschistische Bildungsarbeit vor, 31. Juli 2025. Online unter: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1193036.oesterreich-razzia-in-der-gedenskstaette-persmanhof.html

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