Rassismus Report 2024
Liebe Leser:innen,
es ist mir wichtiges Aniegen, Euch diesen wichtigen Beitrag von Rita Isiba, der Geschäftsführerin von ZARA – Zivilcourage & Anti-Rassismus-Arbeit, ans Herz zu legen. Als Humanist sehe ich es als unsere Verantwortung, die Würde jedes einzelnen Menschen zu schützen und uns dort einzumischen, wo Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt Menschen das Recht auf ein freies und sicheres Leben verwehren.
Ritas Beitrag führt uns eindrücklich vor Augen, wie unglaublich tief verwurzelt rassistische Strukturen auch in einem Bereich sind, der eigentlich dem Schutz des Lebens dienen sollte: dem Gesundheitswesen. Sie beschreibt nicht nur individuelle Erfahrungen von Betroffenen, sondern macht sichtbar, wie sich institutioneller Rassismus in Entscheidungen, in Kommunikation und im Zugang zu medizinischer Versorgung niederschlägt. Wer Du bist, welche Sprache Du sprichst, wie Du aussiehst oder woher Deine Familie kommt, darf niemals darüber entscheiden, wie Du behandelt wirst, und doch geschieht genau das, jeden Tag.
Ich danke Dir, Rita, für diesen mutigen und klaren Text. Und ich danke ZARA für die Arbeit, die ihr seit nunmehr seit über einem Vierteljahrhundert leistet, einen konsequenten Einsatz gegen Rassismus, für Aufklärung, Beratung und Empowerment. Ihr hört zu, dokumentiert, unterstützt, klärt auf. Ohne Euch hätten viele keine Stimme, keine Anlaufstelle, keine Hoffnung auf Gerechtigkeit.
Aus humanistischer Sicht ist es mir klar: Es reicht nicht, Rassismus bloß abzulehnen. Er muss erkannt, benannt und bekämpft werden, im Alltag, in den Institutionen und in den Denkmustern. Dafür braucht es Organisationen wie ZARA, aber auch Menschen wie Dich. Menschen, die bereit sind hinzuschauen, zuzuhören und sich einzubringen. Denn eine solidarische Gesellschaft ohne Diskriminierungen entsteht nicht von selbst. Sie braucht unseren Einsatz, unsere Aufmerksamkeit und unseren Mut.
Ich lade Euch ein, diesen Beitrag zu lesen. Vielleicht berührt er Euch, vielleicht provoziert er Euch, vielleicht fordert er Euch heraus.
So oder so: Er ist für mich ein wichtiger Impuls auf dem Weg zu einer Gesellschaft, in der alle Menschen in Würde leben können, und genau darum geht es im Humanismus. Denn Rassismus geht uns alle an.
Analyse zu rassistischen Übergriffen & Strukturen in Österreich
Unglaubwürdig, hysterisch oder wehleidig rassistisch markierte Patientinnen werden viel zu oft mit solchen Zuschreibungen konfrontiert, wenn sie medizinische Hilfe suchen. Wem geglaubt wird und wessen Beschwerden ernst genommen werden, hängt nicht allein von den Symptomen ab, sondern von tief verwurzelten rassistischen und diskriminierenden Strukturen. Diese beeinflussen nicht nur individuelle Diagnosen, sondern prägen das gesamte Gesundheitssystem.
Wie tief dieser strukturelle Rassismus reicht, zeigt sich in Österreichs medizinischer Versorgung: Mediziner:innen, Pflegekräfte und Patient:innen berichten immer wieder von Ungleichbehandlung, die sich massiv auf die Versorgungsqualität auswirkt. Fehlende oder falsche Diagnosen, eingeschränkter Zugang zu adäquaten Behandlungen und rassistische Vorurteile setzen viele Menschen unnötigen Risiken aus, mit teils drastischen Folgen, wie einige Fallbeispiele in diesem Bericht zeigen.
Gleichzeitig beobachten wir derzeit mit großer Sorge die Verrohung des öffentlichen Diskurses. In einer Zeit, in der faschistische Kräfte erstarken, erleben wir, wie rassistische und ausgrenzende Rhetorik nicht nur mehr Raum einnimmt, sondern immer mehr Legitimierung findet. Diese Entwicklung ist kein abstraktes Problem, sondern hat ganz konkrete Auswirkungen: Sie bestärkt jene, die ohnehin rassistische Ressentiments haben. Durch Isolation, Ausgrenzung und Entfremdung führt sie zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft. Und sie verschärft die gesellschaftliche Bedrohungslage für migrantische und migrantisierte Menschen.
Diese diskursive Verschiebung hin zu mehr Abgrenzung und Ausschluss spiegelt sich auch in den bei ZARA gemeldeten Vorfällen wider. Unsere Zahlen zeigen, dass Rassismus in Österreich längst nicht nur im persönlichen Kontakt stattfindet, rund 60 % der Fälle, die uns gemeldet werden, geschehen online. Hassreden, Drohungen und digitale Hetze haben eine hohe psychische Belastung für Betroffene zur Folge. Wer immer wieder mit Ignoranz oder Vorurteilen konfrontiert wird, verliert nicht nur das Vertrauen in staatliche Institutionen, sondern oft auch in die Gesellschaft selbst. Angstzustände, Depressionen und das Gefühl, in der eigenen Gesellschaft nicht sicher zu sein, sind für viele von Rassismus betroffene Menschen Realität.
Hier setzt die Arbeit von ZARA an: Die dokumentierten Erfahrungen von Menschen, die Diskriminierung und Hass erleben, machen deutlich, wie dringend Betroffene rechtliche, aber auch psychosoziale Unterstützung brauchen. Mit unserer Beratungsstelle stellen wir sicher, dass Betroffene von rassistischen Vorfällen Gehör finden und eine verlässliche Anlaufstelle haben, um sich zur Wehr zu setzen. Ob Diskriminierung aufgrund ethnischer Herkunft, Nationalität oder Religion, wir begleiten Menschen, die von Rassismus betroffen sind, und helfen Zeug*innen, sich aktiv gegen Ungerechtigkeit zu engagieren.
Ein wichtiger Baustein unserer Arbeit ist eine intersektionale Perspektive. Diskriminierung tritt selten isoliert auf, oft überschneiden sich verschiedene Formen der Benachteiligung, etwa aufgrund von Geschlecht, ökonomischen Status oder Religion. Diese Vielschichtigkeit zu erkennen, erfordert eine individuell zugeschnittene und qualitativ hochwertige Beratungspraxis.
Ohne eine intersektionale Herangehensweise blieben viele Betroffene mit ihren Erfahrungen ungehört und wären mit der systematischen Benachteiligung auf sich allein gestellt. Unser Ziel ist es, nicht nur einzelne Fälle aufzuarbeiten, sondern auch strukturelle und institutionelle Barrieren sichtbar zu machen. Erst wenn diese offengelegt werden, können nachhaltige Veränderungen entstehen.
Ein zentrales Werkzeug für die Offenlegung rassistischer Strukturen ist der jährliche Rassismus Report. Heuer legen wir einen besonderen Fokus auf Rassismus im Gesundheitswesen sowie die Auswirkungen, die das Erleben von Rassismus auf die Gesundheit von Betroffenen hat. Wir haben uns für dieses Thema entschieden, weil rassistische Ungleichbehandlung im medizinischen Bereich besonders gravierende und potenziell lebensbedrohliche Folgen hat.
ZARA erlebt, dass die psychische Belastung für Betroffene enorm ist, während sie aufgrund strikter Machthierarchien und fehlender Anlaufstellen oft kaum Möglichkeiten haben, sich zu wehren. Dabei dokumentiert der Report nicht nur rassistische Missstände, sondern bietet auch konkrete Lösungsansätze. Dafür haben wir Expertinnen gebeten, mit ihrem Wissen diesen Report zu bereichern, und teilen Erkenntnisse aus unserer Beratungsstelle !GegenRassismus, die nun übrigens schon seit 25 Jahren existiert. 25 Jahre ZARA, dieses Jubiläum haben wir im September 2024 bei unserer großen ‚ZARA:MONIE’ im Kulturhaus Brotfabrik gemeinsam mit zahlreichen Verbündeten gefeiert. Dabei wurde uns einmal mehr bewusst: Nur gemeinsam können wir eine Gesellschaft schaffen, in der jeder gleiche Chancen hat und vor Diskriminierung geschützt ist. Ohne unsere Community wäre unsere Arbeit nicht möglich. Der Austausch mit engagierten Menschen aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Kunst und Medien bereichert unsere Perspektiven und ermöglicht es uns, innovative Lösungen für die gesellschaftlichen Probleme zu entwickeln, für deren Überwindung wir uns jeden Tag einsetzen. Denn Rassismus zu bekämpfen ist keine Einzelaufgabe, es braucht eine breite Allianz, um echte Veränderungen herbeizuführen.
Ein weiterer, essenzieller Pfeiler unserer Arbeit ist eine gesicherte finanzielle Basis. Um Betroffenen effektive Unterstützung zu bieten und konsequent gegen Diskriminierung vorzugehen, sind wir auf Förderungen, Kooperationen und Spenden angewiesen. Nur so können wir sicherstellen, dass hasserfüllte Straftaten nicht ungehört bleiben und konsequent Gegenmaßnahmen eingeleitet werden.
Ohne ZARA würden viele Chancen auf Gleichbehandlung und Teilhabe verloren gehen. Unser Einsatz für eine rassismuskritische Gesellschaft soll Menschen nicht nur sensibilisieren, sondern sie auch ermutigen, aktiv gegen Diskriminierung einzutreten. Denn ein selbstbestimmtes und würdevolles Leben muss für alle möglich sein. Die Vision einer inklusiven Gesellschaft erfordert jedoch mehr als gute Absichten. Für eine Zukunft, in der Solidarität, Respekt und Gerechtigkeit im Mittelpunkt stehen, müssen wir entschlossen handeln. Scannen Sie den QR-Code unten, um mehr über unsere intersektionale Arbeit zu erfahren und sich aktiv zu beteiligen.
[dflip id=“32762″ type=“thumb“][/dflip]

Rita Isiba setzt sich als Geschäftsführerin von ZARA für soziale Gerechtigkeit sowie die Förderung inklusiver Arbeits- und Lebenswelten ein. Die Wirtschafts-wissenschaftlerin lehrt zudem im Masterprogramm ‚Applied Human Rights an der Universität für angewandte Kunst Wien zu Community Engagement und Empowerment.

Mireille Ngosso ist Ärztin, Aktivistin und Autorin. Sie ist als Dozentin an verschiedenen Universitäten tätig und engagiert sich für eine dekoloniale Perspektive im Gesundheitswesen. 2020 organisierte Ngosso die Black Lives Matter-Demo in Wien, zu der mehr als 50.000 Menschen kamen.
Wir sind auch Wien (WsaW) setzt sich für BIPoC-zentrierte psychosoziale und vermehrt intersektionalitäts- und traumainformierte Angebote in Wien und darüber hinaus ein. WsaW schafft Räume für Selbst- und Community-Fürsorge sowie in der psychosozialen Praxis. Mit Workshops, Trainings und Coachings unterstützt das WsaW-Team psychosoziale sowie pädagogische Fachkräfte dabei, die eigene Praxis kritisch zu reflektieren

Sara Arewa hat eine Vision: Eine gerechte Gesundheitsversorgung für alle. Sie arbeitet nicht nur seit 2021 als Ärztin in der hausärztlichen Versorgung, sondern kennt das Gesundheitssystem als chronisch psychisch Erkrankte auch von der anderen Seite. Seit 2023 ist sie gewählte Delegierte der Ärztekammer Berlin und möchte dort die Einsetzung einer Antidiskriminierungs- und Antirassismusbeauftragten erwirken. Auf ihrem Instagram-Kanal @menschlichemedizin klärt sie u.a. über gesundheitspolitische Themen auf.


Neueste Kommentare