Saudi-Arabien exekutiert im Akkord

Fußball-WM 2034 in Saudi-Arabien? Ein sportpolitischer Tiefpunkt und eine pervertierte Bühne für ein Unrechtsregime: Warum die Fußball-WM 2034 in Saudi-Arabien ein Skandal ist

Es gibt Entscheidungen, die so offensichtlich moralisch bankrott sind, dass man an der Zurechnungsfähigkeit der Beteiligten zweifeln muss. Die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2034 an Saudi-Arabien ist eine solche Entscheidung. Sie ist ein Paradebeispiel für den Ausverkauf aller Werte, die der Sport angeblich verkörpert: Fairness, Menschenrechte, Respekt. Stattdessen bekommt ein autoritäres Regime die Bühne, um sich in Szene zu setzen, während Oppositionelle in Kerkern verrotten, Homosexuelle kriminalisiert und Frauenrechte eingeschränkt werden.

Vision 2030: Ein PR-Mantel für Repression

Saudi-Arabiens sogenannte Vision 2030 ist offiziell eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Modernisierungsstrategie. In Wahrheit dient sie in weiten Teilen als PR-Maschine zur Imagepflege eines Regimes, das nach innen brutaler denn je agiert. Kronprinz Mohammed bin Salman gibt sich als Reformer, während gleichzeitig im Land die Todesstrafe inflationär verhängt wird, Meinungsfreiheit nicht existiert und selbst kleine regimekritische Äußerungen drakonisch bestraft werden. Allein im Jahr 2023 wurden über 170 Menschen hingerichtet, viele davon nach unfairen Verfahren (Human Rights Watch, 2023).

In dieser Gemengelage ist Sport ein willkommenes Mittel zur Ablenkung. Fußball wird zum strategischen Werkzeug des sogenannten Sportswashings. Die Formel ist einfach: Je größer das Event, desto stärker die Illusion von Normalität und Offenheit. Die WM 2034 wird exakt diesem Muster folgen – mit globalem Milliardenpublikum, mit Sponsorenlogos und FIFA-Funktionären, die bereitwillig lächeln, während ein autoritäres System sich reinzuwaschen versucht.

Systematischer Menschenrechtsbruch als Normalität

Es ist grotesk, dass die FIFA ein Land zum Gastgeber macht, das grundlegende Rechte systematisch verletzt. Frauen benötigen für viele Lebensbereiche noch immer die Zustimmung männlicher Vormunde. Homosexualität steht unter Strafe, queere Menschen riskieren Gefängnis oder sogar Hinrichtungen. Versammlungs- und Meinungsfreiheit existieren nur auf dem Papier. Laut Amnesty International wurden 2022 Dutzende Menschen allein für friedliche Äußerungen zu langen Haftstrafen verurteilt, oft in Prozessen ohne rechtsstaatliche Standards (Amnesty International, 2023).

Dass ausgerechnet ein solcher Staat Gastgeber einer Fußball-WM wird, widerspricht nicht nur dem moralischen Kompass, sondern auch den offiziellen Statuten der FIFA. Die FIFA-Menschenrechtsrichtlinien von 2017 betonen in Abschnitt 5 explizit die Pflicht, Menschenrechte in alle Geschäftstätigkeiten zu integrieren und negative Auswirkungen auf Menschenrechte zu vermeiden oder zu mindern (FIFA, 2017). Eine Vergabe an Saudi-Arabien ist damit ein offener Bruch dieser Verpflichtung.

FIFA: Doppelmoral als Geschäftsmodell

Die Entscheidung der FIFA, Saudi-Arabien ohne echten Bieterprozess den Zuschlag zu geben, war keine spontane Fehlentscheidung, sondern Ausdruck eines lange gewachsenen Systems struktureller Korruption. Nachdem sich Australien – der einzig ernstzunehmende Konkurrent – aus dem Rennen zurückgezogen hatte, stand der Weg für Riad frei. Kritische Stimmen wurden ignoriert, die öffentliche Debatte übergangen. Die FIFA hat sich einmal mehr als Organisation präsentiert, deren Lippenbekenntnisse zu Menschenrechten keinerlei Bedeutung haben, wenn Milliarden winken.

Diese systematische Gleichgültigkeit gegenüber ethischen Fragen ist kein Zufall, sondern Geschäftsmodell. Schon die WM 2018 in Russland und die WM 2022 in Katar waren Lehrstücke in Sportswashing und Repression. In beiden Fällen nutzten autoritäre Regime das Turnier zur innenpolitischen Legitimation und zur außenpolitischen Imagepflege. Die FIFA wusste darum – und zog keinerlei Konsequenzen. Im Gegenteil: Sie machte so weiter wie bisher.

Die Rolle westlicher Sponsoren: Mitverantwortung durch Geld

Die FIFA ist nur die Bühne, doch die eigentlichen Akteure, die diese Farce ermöglichen, sind westliche Konzerne. Ohne globale Sponsoren wie Coca-Cola, Adidas, Visa oder McDonald’s wären solche Großevents nicht zu finanzieren. Sie tragen Mitverantwortung dafür, dass autoritäre Staaten Sport zur Imagepflege instrumentalisieren können. Wer Millionen in Werbeplätze investiert, während gleichzeitig queere Menschen im Gastgeberland verfolgt werden, macht sich mitschuldig.

Besonders heuchlerisch wird es, wenn dieselben Konzerne in westlichen Märkten Diversität und Inklusion zur Schau stellen, sich in Regenbogenfarben hüllen, aber in Ländern wie Saudi-Arabien auf jede Form von queerer Repräsentation verzichten. Es ist ein Verrat an den eigenen Werten, getrieben von Profitgier.

Ein Rückblick: Lehren aus Russland und Katar

Die Erfahrungen mit autoritären Gastgebern liegen noch frisch in Erinnerung. Russland 2018: ein Staat, der bereits die Krim annektiert hatte, durfte sich im Glanz der FIFA sonnen, ehe er wenig später einen Angriffskrieg gegen die Ukraine begann. Katar 2022: Tausende Arbeitsmigrant:innen verloren ihr Leben auf Baustellen, um klimatisierte Stadien zu errichten, während Frauen entrechtet und LGBTQ+-Personen verfolgt wurden.

In beiden Fällen versuchte die FIFA, Kritik kleinzureden, Medien zu lenken, Sport und Politik zu trennen – eine Illusion, die nie der Realität entsprach. Die Entscheidung für Saudi-Arabien macht klar: Es wurden keine Lehren gezogen. Im Gegenteil: Die FIFA zeigt, dass sie aus Katastrophen wie Katar nur eines gelernt hat – wie man sie noch besser vermarktet.

Rechtliche Grundlagen: Die FIFA-Leitlinien als Farce

Die FIFA verpflichtet sich in ihren Statuten (Art. 3) zur Achtung aller international anerkannten Menschenrechte (FIFA, 2023). Ebenso betonen die FIFA-Menschenrechtsrichtlinien (2017), dass die FIFA Maßnahmen ergreifen soll, wenn bei einem Turnier Menschenrechte verletzt werden könnten. Doch weder wurde eine umfassende Risikoanalyse öffentlich gemacht, noch wurde transparent geprüft, ob Saudi-Arabien diese Standards erfüllt.

Zudem verweist die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte (UNGPs) auf die Sorgfaltspflicht von Unternehmen – auch Sportverbänden – bei Entscheidungen mit menschenrechtlichen Risiken (UN Human Rights Council, 2011). Die FIFA missachtet diese Pflicht eklatant.

Was tun? Konsequenzen fordern – jetzt

Die Vergabe der WM 2034 an Saudi-Arabien ist kein Betriebsunfall, sondern ein kalkulierter Verrat. Wer jetzt schweigt, macht sich mitschuldig. Es ist Aufgabe von Politik, Medien, Fanorganisationen und Sponsoren, die Teilnahme an diesem Propagandaspektakel in Frage zu stellen. Es braucht Boykottdebatten, kritische Öffentlichkeiten, juristischen Druck.

Ein sportlicher Wettbewerb darf nicht zum Werkzeug der Unterdrückung verkommen. Fußball darf kein Feigenblatt für Folter, keine PR-Kampagne für Patriarchat, kein Event für Exekutionen sein.


Quellen (alle abgerufen am 5. August 2025):

(1) Amnesty International. Saudi Arabia 2023 Human Rights Report. https://www.amnesty.org/en/location/middle-east-and-north-africa/saudi-arabia/report-saudi-arabia/

(2) Human Rights Watch. FIFA Must Reject Saudi Bid for 2034 World Cup. 31. Oktober 2023. https://www.hrw.org/news/2023/10/31/fifa-must-reject-saudi-bid-2034-world-cup

(3) The Telegraph. Saudi Arabia executes eight people in one day. 3. August 2025. https://www.telegraph.co.uk/world-news/2025/08/03/saudi-arabia-executes-eight-people-one-day-death-penalty/

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FIFA Statutes 2023

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FIFA Human Rights Policy

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