Sechs Monate Haft und 140.000 Austrittsgründe…
Wegen Störung der Religionsausübung – das ist der Teaser für die erste Hälfte der Headline.
Ein 39-Jähriger Oberbayer hatte im Sommer 2022 auf dem Altar der katholischen Kirche in Schechen bei Rosenheim Sex mit seiner Frau.
Wegen Störung der Religionsausübung hat das Landgericht Traunstein nun eine Haftstrafe von sechs Monaten gegen ihn verhängt. (Faktencheck: Verurteilt wurde er im Endeffekt für etwas anderes, wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Bedrohung und Betrugs.) Das Gericht bestätigte entsprechende Zeitungsberichte vom Donnerstag. Die Frau hatte zuvor bereits einen Strafbefehl akzeptiert und dadurch einen Prozess vermieden.
Der geschändete Altar (Faktencheck: Schänden: durch eine frevelhafte Tat jemandes Ehre verletzen oder sexuell misshandeln, die sexuelle Unschuld einer Person rauben. Ein Altar ist jedoch keine Person!) der Pfarrkirche von Schechen bei Rosenheim war bereits vor Weihnachten 2023 neu gesegnet worden. Das Kirchenrecht sieht für solche Fälle einen Bußritus vor, dazu weiter unten.
„Insbesondere mit Rücksicht auf das religiöse Empfinden der Gläubigen ist eine solche Entweihung durch einen Bußritus nach den liturgischen Büchern zu beheben“, sagte ein Sprecher des zuständigen Erzbistums München und Freising. Ein solcher Bußritus sieht vor, dass der Altar verhüllt und mit Weihrauch und Weihwasser neu gesegnet wird.
„Hat dem Altar das Zusehen vielleicht ein wenig Spaß gemacht?“ wäre doch sonst eine legitime Frage, „dann ist das doch nicht so schlimm!“ Der Altar konnte wohl leider nicht gefragt werden, aber auch nicht bei der Segnung, die, wie uns der Kölner Weihbischof Schwaderlapp uns auf Youtube erklärt, wie folgt aussieht:
Und wer kann besser meine Gedanken ausdrücken als Martin Perscheid?

Komme ich zur zweiten Hälfte der Überschrift: Es wäre wirklich schön, wäre heute der erste April, um das kafkaeske Verhalten der Kirche gebührend zu umrahmen, aber nein, die meinen das wirklich ernst. Ich bin nicht der feixende Waldorf von Waldorf & Statler, doch echt, liebe um die Würde des Altars Bedachte, bitte schaut euch andere Dinge an.
Mir fällt da gleich einmal Missbrauch ein, erst diese Woche habe ich zwei Mails von frustrierten zigfach Missbrauchten bekommen.

WTF? Das ist beschämend, und eine Beschwerde ist unzulässig. Möchte denn die ununabhängige Täterschutzkommission von Waltraud Klasnic dazu zu Wort kommen?
Die Betroffenen berichteten von insgesamt 7.952 Vorfällen, d.h. die Mehrheit war von zwei oder mehr Übergriffen betroffen. 79% der Betroffenen berichten von körperlicher Gewalt, 28% von sexueller Gewalt und 11% von körperlicher und sexueller Gewalt, wobei Mehrfachnennungen möglich waren. 62,5% der Betroffenen sind männlich, 37,5% weiblich.
Quelle: https://www.ombudsstellen.at/opferschutzkommission
Oder die Vertreter der Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt. Mit einer Dunkelziffer?
Die geschätzte Dunkelziffer liegt zwischen 1:15 (Bundeskriminalamt) und 1:20 (Kavemann und Lohstöter), also nur jeder 15. bis 20. Missbrauch wird angezeigt. Davon wird jeder fünfte Fall verhandelt, d. h. nur etwa ein Prozent der polizeilich erfassten Fälle landet vor Gericht.
Quelle: Seelenmord: Inzest und Therapie
Das sind Zahlen aus Deutschland, die jedoch ohne Weiteres auch auf Österreich übertragbar sind, und nehmen wir das Mittel, also 17,5, so sind es fast 140.000 Fälle, in 8.000 Kirchen, die es laut Katholische Kirche Österreich gibt. Hat sich da jener geschändete Altar stellvertretend für die 8.000 anderen nicht in Grund und Boden geschämt, als er den Missbrauch mit ansehen musste? Haben sich da die unzähligen Statuen in Kirchen und Kapellen nicht vor Wut auf ihrem Sockel umgedreht, mache sogar sich selbst vom Sockel gestürzt, als sie das mitansehen mussten? Wie hat die Figur am Kreuz das mitansehen können? Viele Gläubige finden Trost in der Vorstellung, dass Jesus das Leid der Welt sieht und mit ihnen in ihrem Leiden gegenwärtig ist, und diese Präsenz wird als Quelle des Trostes und der Stärke in schwierigen Zeiten gedeutet. Aber er? Schaut eben nur zu. Das nennt sich Allmacht!
Ich finde die Zahnfee da schon glaubwürdiger.
Doch darum geht es hier nicht, es dreht sich auch nur am Rande um meinen Grant darüber,
- dass die Kirche unzulässigerweise zwischen „Künstler und Werk“ vulgo Bodenpersonal und Organisation trennen möchte, alles nur Einzelfälle, alle dunkelbezifferten 140.000 bzw. zugegebenen 7.952 Einzelfälle, (Chily Gonzales hat dazu ein phantastisches Video und eine Petition)
- dass die Kirche vom Staat durch Blasphemiegesetze in Österreich (und Deutschland) auch noch unterstützt wird: ceterum censeo injustitiam esse delendam – wie Cato bemerkte, also bitte: Religion wie jede andere Ideologie und Weltanschauung als Privatsache behandeln und endlich Laizität in die Verfassung,
- dass der Begriff Ethik doch tatsächlich kirchlich besetzt werden möchte,
- dass der Begriff Weltanschauungsfreiheit nicht in jedem Teil unserer Gesellschaft garantiert ist,
- dass es in Österreich keinesfalls eine weltanschauliche Neutralität gibt,
- dass Konfessionsfreie in der Judikative nicht gehört werden und nicht vertreten sind,
- dass der Staat die Kirchen immer noch historische Staatsleistungen in Höhe von mehr als 20 Millionen an die Kirche leistet, und das bei einem flüssigen Vermögen von 417 Millionen (Kardinal Schönborn allein 152 Mio. Euro). Zum Gesamtvermögen siehe mein Video hier.
Das da behandelt übrigens allesamt die Forderungen der österreichischen Konfessionsfreien, siehe unter konfessionsfrei.at
Ich finde es verwerflich, dass die Kirche hier eine perfide doppel-, dreifach-, vierfach- oder gar n-fach-Moral zeigt, kann mich damit nicht abfinden, und möchte darum abschließend allen Polymoralistinnen und Polymoralisten ein gar friedfertiges Bibelwort entgegenschleudern.
Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.
Evangelium nach Matthäus, Kapitel 7,5
Das ist aus der Bibel. Bergpredigt, eine Rede, die ein Wanderprediger im Alter von etwa 30 Jahren auf einem Berg im Norden Israels gehalten haben soll. Sie ist wohl seine bekannteste Predigt und markiert den Beginn seines öffentlichen Wirkens, in der er sozusagen sein Grundsatzprogramm darlegt und ethische und moralische Regeln für das Zusammenleben aufstellt. Ist eh radikal…

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