Staatsverbrechen an Kindern

Wenn der Staat zur Täterin wird, sind wir alle gefordert – besonders wir Humanist:innen

Man stelle sich vor: Ein achtjähriges Kind wird weinend in eine staatliche Einrichtung gebracht. Es hat Gewalt erlebt, Vernachlässigung, vielleicht sexuellen Missbrauch in der eigenen Familie. Die öffentliche Hand, letzte Instanz des Schutzes, greift ein – und liefert das Kind aus. Nicht in Sicherheit, sondern in eine Einrichtung, in der es erneut misshandelt, gedemütigt, vergewaltigt wird. Und zwar nicht durch Einzeltäter:innen, sondern durch ein ganzes System, jahrzehntelang, unter den Augen der Behörden, geschützt von Schweigen und Desinteresse.

Genau das ist im Los Angeles passiert:

Fast 7.000 Betroffene.
Jahrzehntelanger Missbrauch.
Vier Milliarden Dollar Schweigegeld.

Ein staatlich organisiertes Verbrechen, und ein gesellschaftliches Totalversagen.

Der Preis des Wegschauens

Das MacLaren Children’s Center, von Überlebenden als Horrorhaus beschrieben, steht exemplarisch für das Versagen einer öffentlichen Struktur, die Schutz versprach – und Gewalt lieferte. Über Jahrzehnte hinweg wurden Kinder in dieser Einrichtung gequält, unter Drogen gesetzt, geschlagen, sexuell missbraucht. Nicht von anonymen Täter:innen in dunklen Gassen, sondern von Angestellten mit offizieller Befugnis. Ohne Vorstrafenüberprüfung. Ohne Kontrolle. Ohne Konsequenzen.

Das ist kein Skandal mehr. Das ist ein strukturelles Staatsverbrechen. Die Täter:innen trugen keine Masken. Sie trugen Namensschilder, Arbeitsverträge und die Rückendeckung eines Systems, das lieber seine Strukturen schützt als schutzbedürftige Menschen.

Milliarden als Mahnmal

Dass es jetzt, Jahrzehnte später, überhaupt zu einem Vergleich kommt, ist einzig einem Gesetz von 2020 zu verdanken, das die Verjährungsfristen für solche Taten aufhob. Erst dadurch wurde es möglich, dass Betroffene endlich Gehör fanden, viele von ihnen gezeichnet fürs Leben, manche schwer traumatisiert, andere längst tot.

Die Entschädigungssumme von vier Milliarden Dollar ist historisch, und doch nur ein Symbol. Geld heilt keine Kindheit. Es ersetzt keine Gerechtigkeit. Es dokumentiert lediglich den Preis, den ein Staat zahlen muss, wenn er Menschen verrät, die sich nicht wehren können.

Humanismus heißt: keine Ausreden

Humanist:innen dürfen sich nicht mit Betroffenheit begnügen. Dieses Verbrechen ist ein Prüfstein für Werte, Ethik, Glaubwürdigkeit. Wer Menschenwürde nicht bloß beschwört, sondern ernst meint, muss handeln, wenn sie systematisch zerstört wird.

Denn was hier geschehen ist, ist kein lokales Problem. Es ist ein universelles Problem von Machtmissbrauch, Kontrolle, Ignoranz und institutionalisierter Gleichgültigkeit. Und es wird nicht aufhören, solange Wegsehen als Option gilt.

Wer sich auf das Prinzip der Menschenwürde beruft, muss sich besonders für jene einsetzen, die keine Stimme haben. Für Kinder, die weggesperrt, verwaltet, ruhiggestellt werden. Der Skandal von Los Angeles zeigt, was geschieht, wenn Empathie durch Misstrauen ersetzt wird. Wenn Schutzbefohlene zu Problemfällen erklärt werden. Wenn pädagogische Arbeit zur Machtausübung verkommt.

Gegen die Kultur der Verdrängung

Jahrzehntelang hieß es: „Wir wussten von nichts.“ Ein Satz, der sich wie ein Echo durch jeden Missbrauchskomplex zieht – ob in kirchlichen Einrichtungen, im Sport oder in öffentlichen Strukturen. Doch es ist eine Lüge. Es wurde gewusst. Es wurde weggesehen. Und genau dieses Wegsehen ist es, was den Humanismus herausfordert.

Wir dürfen nicht zulassen, dass Leid marginalisiert wird, nur weil es unbequem ist. Humanismus heißt nicht: Ethik auf Abruf. Humanismus heißt: Hinschauen, wo andere schweigen. Verantwortung übernehmen, wo andere verdrängen.

Es braucht unabhängige Kontrollinstanzen, glaubwürdige Ombudsstellen, echte Transparenz, und eine Gesellschaft, die nicht mehr bereit ist, strukturellen Missbrauch als bedauerlichen Einzelfall hinzunehmen. Die braucht es nicht nur in den USA, die braucht es auch in Österreich.


Und in Österreich?

Welchen Preis wird Österreich zahlen, weil dort tausende Menschen verraten werden, die sich nicht wehren können? Missbraucht wurden durch kirchliche Täter:innen?

Faktencheck? Hier:

Auf Ersuchen der Österreichischen Bischofskonferenz ist Waltraud Klasnic seit April 2010 als Unabhängige Opferschutzanwältin tätig. Die Opferschutzanwaltschaft stützt sich bei ihren Aktivitäten auf die Entscheidungen und Empfehlungen der Unabhängigen Opferschutzkommission.

Mit der im April 2010 eingerichteten Unabhängigen Opferschutzanwaltschaft wurde ein pionierhafter Schritt gesetzt, der einerseits international Beachtung gefunden hat und andererseits vorbildhaft für die staatlichen Einrichtungen Österreichs wurde. In allen österreichischen Bundesländern wurden beginnend mit August 2010 nach dem Beispiel der Unabhängigen Opferschutzanwaltschaft und der Unabhängigen Opferschutzkommission und ihrem Modell für therapeutische und finanzielle Hilfeleistungen Initiativen für Betroffene in Landesheimen gesetzt. Im Frühjahr 2012 zog auch der Bund nach demselben Modell nach – freiwillige Hilfeleistungen ohne Rücksicht auf Verjährung. Mehrere Mitglieder der Kommission sind auch zur Mitwirkung bei den Landes- und Bundesinitiativen eingeladen worden und gestalten dort mit.

Die sogenannte Ombudsstelle für Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch im kirchlichen Bereich in Österreich ist keine unabhängige Institution, sondern wurde von der katholischen Kirche selbst eingerichtet. Sie ist der kirchlichen Struktur unterstellt, finanziert und personell besetzt – also genau der Institution, in der viele dieser Gewalt- und Missbrauchstaten stattgefunden haben. Das ist, als würde man die Kontrolle über Steuerhinterziehung der Wirtschaftskammer überlassen. Das ist eine Verhöhnung der Opfer und ein in meinen Augen struktureller Täterschutz unter dem Deckmantel Aufarbeitung.

  • Die Kirche entscheidet selbst, wer ermittelt, wer glaubt, und wie entschädigt wird.
  • Strafrechtliche Relevanz wird oft gar nicht geprüft, da viele Betroffene sich zunächst an diese kirchlichen Stellen wenden und nicht an Polizei oder Justiz.
  • Betroffene berichten regelmäßig, dass sie nicht ernst genommen oder mit Stillschweigevereinbarungen abgespeist wurden, oder ihnen gesagt wird, sie sollen erst mal ihr eigenes Leben in den Griff bekommen.
  • Eine Kommission zur Anerkennung des Leids ersetzt keine gerichtliche Entschädigung – sie ist ein Akt der Selbstregulierung und Selbstgerechtigkeit, nicht der Gerechtigkeit.

Ein säkularer Staat darf die Aufarbeitung von Straftaten niemals privaten Organisationen überlassen, schon gar nicht solchen, die durch Machtmissbrauch und Vertuschung in die Kritik geraten sind. Dass die katholische Kirche sich hier zur obersten Kontrollinstanz über sich selbst macht, ist ein eklatanter Widerspruch zu rechtsstaatlichen Prinzipien.

Man stelle sich vor, eine Partei wie die FPÖ würde eine eigene Ombudsstelle einrichten, um parteiinterne Korruptionsfälle aufzuarbeiten – ohne jede staatliche Kontrolle. Der Aufschrei wäre riesig. Doch bei der Kirche wird diese Absurdität hingenommen, aus Gewohnheit, aus politischem Opportunismus, oder weil man es sich mit den einflussreichen Religionsgemeinschaften nicht verscherzen will.

Was es braucht, das ist eine unabhängige, staatlich finanzierte und gesetzlich legitimierte Ombudsstelle, mit Beteiligung von Betroffenenorganisationen, Jurist:innen, Psycholog:innen und Expert:innen für strukturelle Gewalt. Keine kirchliche Behörde, die am eigenen Ast sägt. Keine Anerkennung des Leids durch Täterkreise, sondern Gerechtigkeit – und zwar nach weltlich-rechtlichen Maßstäben, nicht nach kirchlicher Milde.

Ich habe in den letzten Jahren mehr als 15 Missbrauchsopfer zur Klasnic-Komission oder zu den diözesanen Ombudsstellen für Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch begleitet, und jedes Mal waren es Verfahrensprobleme, die eine Einigung mit den Opfern verhinderten.

Eine Frage der Menschlichkeit

Der Skandal von Los Angeles ist ein Mahnmal, doch die Österreichische Lösung ist eine unglaubliche Frechheit, und beide sind ein Auftrag. Es reicht nicht, zurückzublicken. Die Frage ist: Was tun wir, um sicherzustellen, dass solche Verbrechen nie wieder geschehen?

Mein Idee, mein Wunsch: Der Humanistische Verband Österreich sollte sowohl sein Engagement der bei ersten und einzigen unabhängigen Anlaufstelle von Betroffenen für die Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt intensivieren als auch sich noch besser mit SNAP, dem international arbeitenden Survivors Network of those Abused by Priests vernetzen. Finden wir dafür Mitstreiter?

Denn wer das Menschsein ernst nimmt, muss den Menschen schützen. Und wer sich auf Menschenwürde beruft, darf keine Kompromisse machen, wenn sie mit Füßen getreten wird – ob in Kalifornien, in Österreich oder anderswo.


Quellen:

  1. AP News: Los Angeles County approves $4 billion payout
  2. ABC News: Los Angeles County approves $4B payout
  3. NBC Los Angeles: County approves $4 billion for victims
  4. Reuters: Settle over 6,800 sex abuse claims
  5. The Guardian: Financial turmoil after $4bn settlement
  6. LAist: Largest settlement in county history
  7. SFGate: Los Angeles County approves payout

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