Stichtag heute: 8. Mai 1945

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Der 8. Mai: Tag der Befreiung, auch für Österreich. Ein humanistischer Blick auf die Vergangenheit und Gegenwart

Am 7. Mai 1945 um 2:39 Uhr unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl im Hauptquartier der Alliierten in Reims die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Diese trat am Abend des 8. Mai in Kraft – und beendete den Zweiten Weltkrieg in Europa. Für Österreich bedeutete dieser Tag das offizielle Ende der nationalsozialistischen Herrschaft, die mit dem sogenannten Anschluss 1938 begonnen hatte. Es war das Ende von sieben Jahren Diktatur, systematischer Verfolgung, Vernichtung und Krieg. Und es war, auch wenn diese Erkenntnis erst allmählich reifen musste, ein Tag der Befreiung.

Österreich war nicht das erste Opfer, sondern Teil des Täterapparats

Österreich tat sich lange schwer damit, den 8. Mai als Befreiung zu begreifen. Jahrzehntelang dominierte die Erzählung von Österreich als erstem Opfer Hitlers. Diese Formel war politisch bequem, ermöglichte einen raschen Wiederaufbau nationaler Identität, ohne sich tiefgreifend mit der eigenen Verantwortung für die NS-Verbrechen auseinanderzusetzen. Doch sie war grundfalsch.

Zahlreiche Menschen in Österreich begrüßten den Einmarsch der deutschen Truppen 1938. In Verwaltung, Polizei, Gestapo, Wehrmacht und SS stellten sie einen überproportional hohen Anteil. Adolf Eichmann, der Organisator der Shoah, war gebürtiger Linzer. Ebenso Odilo Globocnik, der das Vernichtungslager Treblinka leitete. Auch in den Lagern Mauthausen, Gusen und Hartheim spielten Österreicher zentrale Rollen als Täter.

Der Nationalsozialismus war nicht über Österreich hereingebrochen wie ein Naturereignis. Er wurde mitgetragen, mitgeplant, mitvollzogen. Der 8. Mai 1945 war deshalb kein Ende von etwas Fremdem, sondern die Befreiung von einem System, das viele Österreicher selbst aktiv gestützt hatten.

Mauthausen als Symbol: Befreiung – aber kein Schlussstrich

Wenige Tage vor der Kapitulation, am 5. Mai 1945, befreiten amerikanische Truppen das Konzentrationslager Mauthausen. Über 190.000 Menschen waren in diesem Lager und seinen Außenstellen inhaftiert gewesen; mindestens 90.000 von ihnen überlebten nicht. Mauthausen war ein Ort organisierter Menschenvernichtung, aber auch ein Ort des Widerstands und der Menschlichkeit unter extremen Bedingungen.

Heute ist Mauthausen eine Gedenkstätte, ein Mahnmal. Aber die Erinnerung allein genügt nicht. Die Befreiung war keine Vollendung, sondern der Beginn eines langen und mühsamen Weges zu Demokratie, Menschenrechten und gesellschaftlicher Verantwortung, ein Weg, der noch nicht abgeschlossen ist.

Humanistische Erinnerung: Befreiung bedeutet auch Selbstbefreiung

Für humanistisch denkende Menschen ist der 8. Mai nicht nur ein historisches Datum, sondern ein Prüfstein. Denn er stellt eine grundlegende Frage: Wollen wir aus der Geschichte lernen oder sie vergessen? Der Tag der Befreiung war nicht das Werk der Alliierten allein. Er war möglich durch den Widerstand mutiger Einzelner, auch in Österreich. Menschen, die unter Lebensgefahr Flugblätter verteilten, jüdische Nachbarn versteckten, Deserteure unterstützten oder als Moosburger die Waffen niederlegten. Sie verdienen unsere Anerkennung, nicht die Mitläufer, nicht die Verdränger, nicht die Schweigenden.

Befreiung meint nicht nur die Zerschlagung eines Regimes. Sie meint auch: Befreiung von Illusionen. Von Lügen. Von Selbsttäuschung. Österreich wurde 1945 von einer mörderischen Diktatur befreit, und damit auch von sich selbst.

2025: Der Faschismus klopft wieder an – nicht mit Stiefeln, sondern im Anzug

Heute, 80 Jahre später, stehen wir erneut an einem Scheideweg. In Österreich und ganz Europa erstarken rechtsextreme, völkische und autoritäre Bewegungen. Parteien, die sich verbal von NS-Verbrechen distanzieren, aber gleichzeitig deren Rhetorik übernehmen. Die wieder von Überfremdung, Volksverrat und kulturellem Untergang sprechen. Die systematisch versuchen, Erinnerungspolitik umzudeuten oder ganz abzuschaffen.

In Österreich zeigt sich das besonders deutlich: Eine Partei, die sich als „patriotisch“ inszeniert, verbreitet regelmäßig rassistische Narrative, verharmlost die NS-Zeit, schürt Angst vor Migrantinnen und Migranten und greift die liberale Demokratie frontal an. Ihre Vertreter sitzen in Parlamenten, in Landesregierungen, und sie streben nach der Kanzlerschaft.

In Ungarn, Polen, Italien, den Niederlanden, Deutschland, Frankreich, überall gewinnen rechte Bewegungen an Boden, überall untergraben sie die Grundlagen der Menschenrechte: Gleichheit, Freiheit, Würde. Die Parallelen zur Zwischenkriegszeit sind beunruhigend. Nur diesmal beginnt es nicht mit Straßenschlachten, sondern mit der langsamen Erosion demokratischer Institutionen, mit Umdeutung, mit der Behauptung, die wahre Meinungsfreiheit zu verteidigen, während sie in Wirklichkeit die Wahrheit selbst angreifen.

Was tun? Humanistische Wachsamkeit ist kein Luxus, sondern Pflicht

Wer heute vom 8. Mai spricht, darf das nicht als bloßen Gedenktag feiern. Es ist ein Tag der Mahnung und des Widerstands. Widerstand gegen die schleichende Normalisierung des Nationalismus. Gegen den Missbrauch des Begriffs Freiheit durch jene, die andere entrechten wollen. Gegen das Schweigen der Mitte, wenn die Ränder brüllen.

Humanismus ist kein Schönwetterprojekt. Er ist ein ethischer Kompass in stürmischen Zeiten. Und er verlangt Haltung.

  • Haltung gegen die Entmenschlichung von Geflüchteten.
  • Haltung gegen die Verächtlichmachung von Schwachen.
  • Haltung gegen autoritäre Versuchungen, ob von rechts oder pseudo-links.
Österreichs Verantwortung ist europäische Verantwortung

Österreich hat eine besondere Verantwortung, gerade wegen seiner Geschichte und nicht, um sich selbst zu geißeln, sondern um beizutragen zur Verteidigung einer offenen, pluralistischen Gesellschaft. Wer vom 8. Mai als Tag der Befreiung spricht, muss ihn auch heute noch als Auftrag ernst nehmen.

In Schulen, Medien, Parteien, Zivilgesellschaft müssen wir klar benennen, wenn Rechte historische Fakten relativieren, wenn sie gegen Minderheiten hetzen, wenn sie die Sprache vergiften und das Grundgesetz demontieren wollen. Wir dürfen nicht so tun, als sei das alles nur Meinung. Rassismus ist keine Meinung. Holocaustleugnung ist keine Position. Und der Ruf nach starken Führern ist kein harmloser Populismus.

Der 8. Mai gehört uns allen – oder niemandem

Der 8. Mai ist kein Tag der Schuld, sondern der Befreiung von Schuldregimen. Er gehört denen, die aus der Geschichte lernen wollen. Aber auch den Überlebenden der Konzentrationslager, den Kindern der Verfolgten, den Nachkommen der Täter, wenn sie Verantwortung übernehmen. Er gehört demokratisch und humnistisch Denkenden und den Freiheitsliebenden. Und er gehört allen, die heute sagen: Nie wieder ist nicht bloß ein historisches Zitat, sondern eine Verpflichtung.


Weiterführende Links:


Ich möchte gerne noch ein Rudel Links zur Vertiefung des Themas einfügen:

1. Der 8. Mai – Tag der Befreiung

Diese Quellen beleuchten die historische Bedeutung des 8. Mai 1945 und seine heutige Rezeption in Österreich und Europa:

  1. Fest der Freude – Offizielle Seite zum 8. Mai in Wien
    https://www.festderfreude.at/de/das-fest/der-8-mai
  2. Unsere Zeitung: Warum der 8. Mai als „Tag der Befreiung“ auch in Österreich ein Feiertag sein sollte
    https://www.unsere-zeitung.at/2020/05/08/8-mai-tag-der-befreiung-auch-in-oesterreich/
  3. Wikipedia: Tag der Befreiung (Deutschland und Österreich)
    https://de.wikipedia.org/wiki/Tag_der_Befreiung
  4. Pressenza: Warum der „Tag der Befreiung“ ein „Tag der Erinnerung“ sein sollte
    https://www.pressenza.com/de/2025/04/kriegsende-8-mai-1945-warum-der-tag-der-befreiung-ein-tag-der-erinnerung-sein-sollte/
  5. Katholisch.de: Kirchen zum 8. Mai 1945 – Tag der Befreiung und des Aufbruchs
    https://www.katholisch.de/artikel/61435-kirchen-8-mai-1945-war-tag-der-befreiung-und-des-aufbruchs
  6. Süddeutsche Zeitung: Bund der Vertriebenen zum 8. Mai – „Gerechte Erinnerungskultur“
    https://www.sueddeutsche.de/politik/bund-der-vertriebenen-zum-8-mai-gerechte-erinnerungskultur-li.3248907
  7. Welt.de: Schwesig – Der 8. Mai 1945 ist der Tag der Befreiung
    https://www.welt.de/regionales/mecklenburg-vorpommern/article256083920/Schwesig-Der-8-Mai-1945-ist-der-Tag-der-Befreiung.html
  8. Die Zeit: Tag der Befreiung – „Demokratie lebt vom Mitmachen“
    https://www.zeit.de/2025/19/tag-der-befreiung-unternehmen-verbrechen-nationalsozialismus-zweiter-weltkrieg
  9. Die Zeit: 1989 wird doch noch gefeiert – der Kriegsausbruch
    https://www.zeit.de/2025/19/8-mai-feiertag-schweiz-zweiter-weltkrieg-neutralitaet-gedenken/seite-2
  10. Erinnern.at: Jahresthema 2025 – 80 Jahre Kriegsende. Befreiung. Neuanfang?
    https://www.erinnern.at/themen/jahresthema-2025-80-jahre-kriegsende-befreiung-neuanfang
2. Österreichs Rolle im Nationalsozialismus

Diese Links bieten vertiefte Einblicke in die Beteiligung Österreichs am NS-Regime, die Aufarbeitung nach 1945 und die Entwicklung der Erinnerungskultur:

  1. Republik Österreich: Österreichs Rolle im Nationalsozialismus
    https://www.oesterreich.gv.at/themen/geschichte-und-politik/nationalsozialismus.html
  2. Wiener Zeitung: 1945 – Als Österreich wieder hochgefahren wurde
    https://www.wienerzeitung.at/h/1945-als-osterreich-wieder-hochgefahren-wurde
  3. Erinnern.at: Historische Hintergründe zum Jahr 1945
    https://www.erinnern.at/themen/jahresthema-2025-80-jahre-kriegsende-befreiung-neuanfang/historische-hintergruende-zum-jahr-1945
  4. Wikipedia: Bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht
    https://de.wikipedia.org/wiki/Bedingungslose_Kapitulation_der_Wehrmacht
  5. ORF.at: Warnende Worte und Boykott im Parlament
    https://orf.at/stories/3392524/
  6. BIZEPS: Gedenkveranstaltung im Parlament im Zeichen der Erinnerung an die Opfer der NS-Euthanasieprogramme
    https://www.bizeps.or.at/gedenkveranstaltung-im-parlament-im-zeichen-der-erinnerung-an-die-opfer-der-ns-euthanasieprogramme/
  7. Erinnern.at: Späte Einsicht, intensives Erinnern – Österreich heute
    https://new.erinnern.at/themen/e_bibliothek/erinnerungskultur/spaete-einsicht-intensives-erinnern-oesterreich-heute-von-univ.-prof.-dr.-thomas-hellmuth
  8. Österreich 2005: Gedenken und Mahnen – NS-Herrschaft, Erinnerungskulturen und …
    https://www.oesterreich-2005.at/txt/1108067894/1108068349
  9. hdgö: Baustellen der NS-Erinnerungskultur
    https://hdgoe.at/erinnerung
  10. Universität Wien: Erinnerungsarbeit – Themendossiers zur historisch-politischen Bildung
    https://hpb.univie.ac.at/themendossiers-zur-historisch-politischen-bildung/erinnerungskulturen/fachwissenschaftlicher-teil/erinnerungsarbeit/
3. Erinnerungskultur und aktuelle Herausforderungen
  1. erinnern.at: Erinnerungskultur – Nationalsozialismus und Holocaust
    https://www.erinnern.at/themen/e_bibliothek/erinnerungskultur
  2. ÖAW (Österreichische Akademie der Wissenschaften): Österreichs Erinnerung an den Nationalsozialismus
    https://www.oeaw.ac.at/detail/news/oesterreichs-erinnerung-an-den-nationalsozialismus
  3. DÖW – Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes: Rechtsextremismus
    https://www.doew.at/rechtsextremismus
  4. ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit: Rassismus Report 2024
    https://www.zara.or.at/
  5. Gedenkdienst.at – Internationaler Freiwilligendienst zur Erinnerung an NS-Verbrechen
    https://www.gedenkdienst.at
  6. Politik Lernen in der Schule: Erinnerungskultur als politische Bildung
    https://www.politik-lernen.at/site/themenbereiche/erinnerungskultur
  7. Bpb.de – Bundeszentrale für politische Bildung: Erinnerungskultur – Deutschland und Österreich im Vergleich
    https://www.bpb.de/themen/geschichte/ns-zeit/erinnerungskultur/
  8. Tagesspiegel: Erinnerungskultur in Gefahr – Wie der rechte Kulturkampf Erinnerungsarbeit attackiert
    https://www.tagesspiegel.de/politik/erinnerungskultur-in-gefahr-9100711.html
  9. Deutschlandfunk Kultur: Gedenkstättenarbeit und Rechtspopulismus
    https://www.deutschlandfunkkultur.de/gedenkstaettenarbeit-und-rechtspopulismus-100.html
  10. ZEIT ONLINE: Erinnern oder vergessen? – Die Krise der Gedenkkultur in Europa
    https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2023-11/gedenkkultur-europa-krise-holocaust-nationalsozialismus

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