„Und dann rutschte die Seele nach rechts …“

Psychohistorische Analysen des Zeitgeschehens und konkrete Vorschläge für die nächsten Schritte im gesellschaftlichen Handeln

Der weltweite Rechtsruck, der auch in den westlichen Gesellschaften die politische und gesell-
schaftliche Diskussion beherrscht, ist eine Herausforderung an die Psychohistorie, deren
zentrales Thema gerade die psychologische Dimension des gesellschaftlichen und politischen
Geschehens ist.

Die Tagung der Deutschen Gesellschaft für Psychohistorie und Politische Psychologie findet 2025 erstmals außerhalb Deutschlands in Österreich in Klagenfurt mit Referentinnen und Referenten aus beiden Ländern statt, die jeweils eigene Themenfelder einbringen: Psychodynamik des ‚Rechtsrucks‘, Transgenerationale Gewalt, Evolution der Menschlichkeit, Generationsdynamik, Bedingungen der persönliche Reife und der Beitrag der Literatur zur Reflexionsfähigkeit in der Gesellschaft.

Um den aktuellen Stand der Mentalitätsentwicklung bzw. der Bewusstseinsevolution zu erfassen, braucht es die Zusammenführung verschiedener Wissensfelder wie es in dieser Tagung geschieht. Der Rechtsruck hat einen Hintergrund in den fortwirkenden traumatischen Bedingungen, aus denen wir kommen und eine wirksame Dynamik darin, dass viele Menschen mit der Komplexität der Verantwortung, die mit einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft verbunden sind, überfordert sind. Der leitende Gesichtspunkt bei der Planung der Tagung bestand darin, dass wir durch die Zusammenführung verschiedener gesellschaftlicher Wissensfelder eine Ressource für die Ausbildung einer erweiterten Wahrnehmung von sich selbst und der eigenen Rolle in der Gesellschaft und der Geschichte sein könnte, die wir für entsprechende verantwortliche Handlungsmöglichkeiten in unseren so komplexen gesellschaftlichen Bedingungen benötigen.

Diese erweiterte Wahrnehmung basiert auf einem vollständigeren Verständnis für die eigene Entwicklung von allen Mitgliedern der Gesellschaft und ebenso auf einem vollständigeren Verständnis der geschichtlichen Entwicklung, aus der heraus wir unser Leben führen. Dieses vollständigere Verständnis wurde in wesentlicher Hinsicht im Rahmen der Erforschung der Erlebnis- und Verhaltenswirksamkeit von Erfahrungen in der Kinderzeit und ebenso von Erfahrungen in frühester vorsprachlicher Lebenszeit im Rahmen der Psychodynamischen Psychologie, der Pränatalen Psychologie und der Psychohistorie erarbeitet und kann heute darum auf einem hohen methodischen Niveau den Gesellschafts- und Kulturwissenschaften und den Geschichts- und Politikwissenschaften wie auch der Psychotherapiewissenschaft zur Verfügung gestellt werden, wie es durch diese Tagung paradigmatisch geschehen soll.

Es geht um eine Zusammenführung des heute verfügbaren Wissens zur individuellen und kollektivpsychologischen Entwicklungsdynamik und dessen praktische Umsetzung.

Den Vormittag des zweiten Tags der 39. Jahrestagung der Gesellschaft für Psychohistorie und politische Psychologie (GPPP) gemeinnütziger e.V. werden DDr. Peter Gowin (ÖGHL), Dr. Rolf Kaufmann und Dr. Andreas Gradert (HVÖ) gestalten:

  • 09:00 Uhr Peter Gowin | Die Entdeckung der Persönlichkeitsentwicklung
  • 10:00 Uhr Rolf Kaufmann / Peter Gowin | Willy Obrist zum 100. Geburtstag
  • 11:30 Uhr Andreas Gradert | Humanismus / Evolution
  • 12:30 Uhr Peter Gowin | Allgemeine Diskussion

Roter Vortragsfaden

Um die Verbindung von biologischer Evolution, Bewusstseinsevolution und dem Humanismus umfassender zu erläutern, tauchen wir tiefer in die Thematik ein und analysieren ihre historischen und gegenwärtigen Zusammenhänge anhand konkreter Beispiele und Quellen.

1. Biologische Evolution als Grundlage des Humanismus

Die biologische Evolution beschreibt, wie sich Organismen über lange Zeiträume durch natürliche Selektion an ihre Umwelt anpassen. Der Mensch als Spezies ist das Ergebnis dieses evolutionären Prozesses, der uns bestimmte körperliche und geistige Fähigkeiten verliehen hat.

Beispiel: Charles Darwin und die Evolutionstheorie

Charles Darwins Über die Entstehung der Arten (1859) hat das Weltbild des 19. Jahrhunderts grundlegend verändert. Vor Darwin glaubten viele Menschen, dass alle Lebewesen von einem göttlichen Schöpfer erschaffen wurden. Darwin zeigte jedoch, dass die Arten durch natürliche Selektion und Anpassung entstanden sind. Diese Theorie stellte traditionellen Glauben an eine zentrale Rolle des Menschen infrage und legte den Grundstein für eine neue Sicht auf die Menschheit als Teil der Natur.

Bedeutung für den Humanismus:

Der Humanismus basiert auf der Idee, dass der Mensch durch Vernunft, Wissenschaft und ethisches Denken sein Leben selbstbestimmt gestalten kann. Darwins Theorie zeigte, dass der Mensch nicht über die Natur erhoben ist, sondern Teil eines langen evolutionären Prozesses. Diese Einsicht unterstützte den humanistischen Ansatz, den Menschen als rationales und moralisches Wesen zu verstehen, das in der Lage ist, seine Umwelt und sich selbst zu verstehen und zu gestalten. Darwin selbst war ein Verfechter einer säkularen Weltanschauung, die den Glauben an übernatürliche Kräfte zurückweist und stattdessen auf Naturwissenschaft und menschliche Vernunft setzt, wie es der Humanismus ebenfalls tut.


2. Bewusstseinsevolution und Humanismus: Vom Instinkt zur Moral

Die Bewusstseinsevolution beschreibt die geistige Entwicklung des Menschen über seine reine biologische Existenz hinaus. Während sich der Mensch biologisch angepasst hat, hat sich auch sein Bewusstsein durch soziale, kulturelle und intellektuelle Einflüsse weiterentwickelt.

Beispiel: Historische Entwicklung der Menschenrechte

Über Jahrhunderte hinweg hat sich das menschliche Bewusstsein zur größeren Anerkennung von Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde entwickelt. Während in vielen Gesellschaften früher Hierarchien und Gewalt den sozialen Alltag prägten, förderte die Evolution des kollektiven Bewusstseins Werte wie Gerechtigkeit und Mitgefühl. Wichtiges Beispiel ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die 1948 von den Vereinten Nationen verabschiedet wurde. Sie stellt einen Meilenstein in der moralischen Entwicklung der Menschheit dar und zeigt, wie sich das kollektive Bewusstsein der Weltgemeinschaft zu universellen Rechten und Freiheiten hin entwickelt hat.

Bedeutung für den Humanismus:

Der Humanismus fördert die Idee, dass jeder Mensch einen inhärenten Wert und das Recht auf ein würdevolles Leben hat. Diese ethischen Werte sind nicht einfach Produkte biologischer Evolution, sondern sie spiegeln die fortschreitende Bewusstseinsevolution wider. Die Bewusstseinsevolution führt zu einer Vertiefung von Mitgefühl und der Fähigkeit, über das eigene Überleben hinauszudenken, um kollektive Werte wie Frieden und soziale Gerechtigkeit zu schaffen.


3. Humanismus und Wissenschaft als Treiber menschlicher Entwicklung

Die Verbindung von biologischer Evolution und Wissenschaft spielt eine zentrale Rolle im Humanismus, da die Wissenschaft als Werkzeug gesehen wird, um die Welt besser zu verstehen und das menschliche Leben zu verbessern.

Beispiel: Medizinische Fortschritte durch wissenschaftliche Forschung

Durch die wissenschaftliche Erforschung der Biologie und Medizin haben Menschen lebensrettende Technologien und Behandlungen entwickelt, wie zum Beispiel Impfstoffe, Antibiotika und chirurgische Verfahren. Diese Fortschritte beruhen auf einem tieferen Verständnis der menschlichen Evolution und Biologie. Ein berühmtes Beispiel ist die Entdeckung von Penicillin im Jahr 1928 durch Alexander Fleming, das Millionen von Menschen das Leben gerettet hat. Dies zeigt, wie die biologische Evolution des menschlichen Körpers und die wissenschaftliche Forschung zusammenwirken, um das Überleben und die Gesundheit zu fördern.

Bedeutung für den Humanismus:

Humanisten sehen Wissenschaft als Schlüssel zur Verbesserung des menschlichen Lebens,  erkennen an, dass die biologische Evolution die Grundlage für das Verständnis des menschlichen Körpers legt, und dass die Weiterentwicklung dieses Verständnisses es uns ermöglicht, Krankheiten zu bekämpfen, das Leben zu verlängern und die Lebensqualität zu verbessern. beide gehen Hand in Hand, da beide die Suche nach Wissen, Wahrheit und ethischem Fortschritt fördern.


4. Technologische Evolution und ethische Reflexion im Humanismus

Die technologischen Fortschritte der letzten Jahrhunderte stellen einen neuen Aspekt der menschlichen Evolution dar, der oft als „kulturelle oder technologische Evolution“ bezeichnet wird. Sie bringt neue ethische Herausforderungen mit sich, denen sich der Humanismus stellen muss.

Beispiel:  Debatte um Künstliche Intelligenz (KI)

Mit der Weiterentwicklung der KI stellt sich die Frage, wie weit Menschen ihre technischen Möglichkeiten nutzen sollten. KI wird das menschliche Leben revolutionieren, birgt aber auch Risiken, wie Überwachung, Arbeitslosigkeit oder ethische Dilemmata bei autonomen Maschinen.

Bedeutung für den Humanismus:

Humanisten argumentieren, dass technologische Fortschritte ethisch reflektiert und gesteuert werden müssen, um sicherzustellen, dass sie dem Wohl der Menschheit dienen. Dies zeigt eine Weiterentwicklung des kollektiven Bewusstseins, das es ermöglicht, technologische Errungenschaften nicht nur aus technischer, sondern auch aus moralischer Sicht zu bewerten. Humanistische Prinzipien wie Verantwortung und ethische Reflexion sind notwendig, um sicherzustellen, dass Technologien wie KI nicht missbraucht werden, sondern dazu beitragen, menschliches Leid zu mindern und das Wohl der Gesellschaft zu fördern.


5. Bewusstseinsevolution und Bildung als humanistische Kernwerte

Bildung ist ein Schlüssel zur Förderung der Bewusstseinsevolution und der Verwirklichung humanistischer Ideale. Humanistische Bildung konzentriert sich darauf, das Individuum zu fördern, seine geistigen Fähigkeiten zu entwickeln und sein moralisches Bewusstsein zu schärfen.

Beispiel: Reformpädagogik und ganzheitliche Bildung

Reformpädagogen wie Maria Montessori oder John Dewey haben Ansätze entwickelt, die darauf abzielen, die natürliche Neugier und Kreativität der Kinder zu fördern und sie zu selbstbewussten, verantwortungsbewussten Individuen zu erziehen. Diese Ansätze fördern die persönliche und soziale Weiterentwicklung und unterstützen die Bewusstseinsevolution auf individueller Ebene.

Bedeutung für den Humanismus:

Humanistische Bildung zielt darauf ab, das Individuum als Ganzes zu fördern, indem sie die Fähigkeit zur Selbstreflexion und ethischen Entscheidung vermittelt. Bildung ist ein Motor der Bewusstseinsevolution, da sie den Menschen befähigt, sein volles Potenzial zu erkennen, sich aktiv an der Gesellschaft zu beteiligen und positive Veränderungen zu bewirken.


6. Transhumanismus: Der nächste Schritt der Bewusstseinsevolution?

Ein moderner Aspekt der Bewusstseinsevolution ist der Transhumanismus, eine philosophische Bewegung, die darauf abzielt, die menschlichen Fähigkeiten durch Technologie zu erweitern, um die Lebensqualität zu steigern und menschliches Leid zu reduzieren.

Beispiel:  Verbesserung des menschlichen Bewusstseins durch Technologie

Transhumanisten argumentieren, dass die Technologie genutzt werden sollte, um die menschliche Erfahrung zu erweitern, etwa durch Gehirn-Computer-Schnittstellen, die das Denken erweitern, oder durch genetische Modifikationen, die Krankheiten verhindern. Diese Technologien könnten als nächste Stufe der Bewusstseinsevolution gesehen werden.

Bedeutung für den Humanismus:

Transhumanismus baut auf humanistischen Werten auf, er verfolgt das Ziel, Leiden zu minimieren und das menschliche Potenzial zu maximieren. Mit einer ethische Reflexion darüber, wie weit technologische Eingriffe in das menschliche Bewusstsein und die menschliche Natur gehen sollten.

Fazit:

Die Biologische Evolution legte die Grundlagen für die menschliche Intelligenz und unser soziales Verhalten. Bewusstseinsevolution hat es uns ermöglicht, moralische und ethische Werte wie Mitgefühl, Gerechtigkeit und Menschenrechte zu entwickeln. Der Humanismus verbindet diese beiden Konzepte, indem er den Menschen als Teil der Natur sieht, der jedoch durch seine kognitiven und moralischen Fähigkeiten eine besondere Verantwortung trägt. Der Humanismus betont die Förderung der Vernunft, Wissenschaft und Ethik, um die Gesellschaft in Richtung einer gerechteren und friedlicheren Zukunft zu führen.


Anmeldung

Anmeldung per E-Mail an Tagung@psychohistorie.de und durch Überweisung der Tagungsgebühr bis spätestens 18.3.2025 auf das Konto »Deutsche Gesellschaft für Psychohistorische Forschung« – Sparkasse Heidelberg, IBAN: DE22 6725 0020 0004 2525 78, BIC:SOLADES1HDB, Kennwort: Psychohistorientagung 2025

Anmeldungen nach dem 18.3.2025 sind aus organisatorischen Gründen nicht mehr möglich

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