Verschwörungserzählungen
Verschwörungserzählungen? Und warum nicht –mythen, –theorien oder –ideologien? Die Amadeu Antonio Stiftung erklärt die feinen und wichtigen Unterschiede genau:
Was ist eine Verschwörung?
Eine Verschwörung ist eine geheime Absprache einer Gruppe von Menschen, die durch den Einsatz bestimmter Mittel ein bestimmtes Ziel verfolgt. In der Regel geht es um Machterwerb oder Machterhalt.
Was wird am Begriff Verschwörungstheorien kritisiert?
Der Begriff Verschwörungstheorie ist sehr weit verbreitet und wird meist abwertend verwendet bzw. von Verschwörungsideolog:innen als abwertend empfunden: Eine Verschwörungstheorie ist demnach eine Spinnerei, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Der Begriff der -theorie ist allerdings irreführend, weil er vorgibt, eine theoretische Grundlage zu haben, die wissenschaftlichen Standards entspricht. Das ist bei Verschwörungsideologien jedoch nicht der Fall. Da der Begriff aber sehr weit verbreitet ist, nutzen auch wir ihn hin und wieder, um auf das Thema aufmerksam zu machen.
Wann sprechen wir von Verschwörungsideologie?
Wenn ein Verschwörungsannahme aufrechterhalten wird, obwohl es Beweise dagegen gibt, spricht man von einer Verschwörungsideologie. Als Verschwörer:innen werden außerdem Gruppen benannt, die wirklich existieren, beispielsweise Geheimdienste, politökonomische Gruppen oder wohlhabende Familien. Der Begriff der Ideologie verweist darauf, dass es sich bei den Verschwörungsvorstellungen nicht nur um private Spinnereien oder individuelle falsche Wahrnehmungen handelt. Von Ideologie spricht man, wenn der Glaube an eine Verschwörung so weit gefestigt ist, dass ein ganzes Weltbild damit einhergeht.Der Begriff verdeutlicht auch, dass es sich bei Verschwörungsideologien um ein ideologisches Denksystem handelt, das Kritik und Widerspruch ausschließt.
Was ist dann ein Verschwörungsmythos?
Verschwörungsmythen beziehen sich in ihrer Feinddarstellung auf ausgedachte Gruppen: Reptiloiden, die Weisen von Zion, Illuminati etc. Die Grenze zwischen Verschwörungsideologien und Verschwörungsmythen ist jedoch fließend und nicht immer klar zu bestimmen. Der Begriff Mythos verweist zudem auf die Mündlichkeit der Überlieferung.
Warum sprechen einige von Verschwörungserzählungen?
Aus einer wissenschaftlichen Perspektive ist der Begriff der Verschwörungserzählung sinnvoll, wenn es darum geht zu analysieren, welche Erzählungen innerhalb von Verschwörungsideologien gebündelt werden. Verschwörungserzählungen können wahr (Überwachung von Telekommunikation durch Geheimdienste) und falsch sein (Chemtrails), beide Typen werden von Verschwörungsideolog:innen verbreitet. Der Begriff ermöglicht es zu beschreiben, dass beispielsweise die QAnon-Verschwörungserzählung in den USA entstand und erst seit der COVID-19-Krise im deutschsprachigen Raum populär wurde.
Die Amadeu Antonio Stiftung geht noch einen in meinen Augen wichtigen Schritt weiter:
Wann sind Verschwörungsideologien oder Verschwörungsmythen antisemitisch?
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Im Lesemodus öffnenUnd was hat das alles mit säkularem Humanismus zu tun?
Nun, wir sollten Verschwörungserzählungen auf eine Weise entkräften, die sowohl rational als auch wirkungsvoll ist. Dabei kommt es nicht nur darauf an, Argumente vorzubringen, sondern auch darauf, wie man mit Menschen ins Gespräch kommt. Faktenresistenz ist ja nicht nur etwas Eingebildetes, sondern tatsächlich existent,
… weil Menschen vor Fakten fliehen, um verschiedene Formen von Überzeugungen zu schützen; darunter ihre religiösen und politischen Überzeugungen, und sogar einfache persönliche Überzeugungen, z.Bsp., ob sie gut darin sind, den richtigen Webbrowser auszuwählen.
erklärt Troy Campbell von der University of Oregon in einer Pressemitteilung. Bei was sind wir also mehr denn je gefragt?:
- Verbreitung von faktenbasierten Informationen in verständlicher Sprache
- Erklärung von wissenschaftlichen Methoden, um Menschen kritisches Denken zu erleichtern
- Vermittlung von Medienkompetenz, um Fake News von echten Nachrichten unterscheiden zu können
- Vermeidung von Herablassung oder direkten Angriffen auf die Person
- Fragen stellen, um die Denkweise des Gegenübers zu verstehen
- Betonung gemeinsamer Werte wie Wahrheitssuche, Freiheit und Gerechtigkeit
- Bewusstsein dafür, dass Menschen oft aus emotionalen Gründen an Verschwörungserzählungen glauben
- Strategien gegen Confirmation Bias (die Tendenz, nur Informationen zu akzeptieren, die die eigene Sicht bestätigen)
- Verständnis für die soziale Dimension von Verschwörungsglauben (z. B. Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gemeinschaft
- Zeigen, dass eine säkulare, aufgeklärte Weltsicht Halt und Sinn bietet
- Förderung von rationaler Ethik und Mitmenschlichkeit als Alternative zu Angst und Misstrauen
- Aufzeigen, dass es bessere Wege gibt, gesellschaftliche Missstände zu analysieren und zu beheben
- Nutzung von Social Media, um gezielt auf Falschinformationen zu reagieren
- Schaffung von sachlichen Gegennarrativen, die plausibler und attraktiver als die Verschwörungserzählungen sind
- Kooperation mit Bildungseinrichtungen und Journalisten, um Aufklärung nachhaltig zu verankern
Wichtig ist, dass wir nicht nur die einzelnen Verschwörungserzählungen widerlegen können, und wieder und wieder tun, sondern auch eine Kultur des kritischen Denkens stärken.
Nur so kann langfristig verhindert werden, dass schwachsinnige Verschwörungserzählungen in der Gesellschaft Fuß fassen. Es wird höchste Zeit für eine fächerübergreifende, humanistische Akademie, und ich lade jeden dazu ein, mitzutun! Eine Humanistische Akademie, die sich folgende Punkte zur Aufgabe setzt:
- Kritisches Denken & Wissenschaftsvermittlung
- Ethik & humanistische Werte
- Aufklärung & Säkularismus
- Medienkompetenz & Fake-News-Resistenz
- Philosophische & kulturelle Bildung
- Gesellschaftliche Verantwortung & Engagement sowie
- Vielfältige Bildungsformate & Methoden
Begriffserklärung der Verschwörungserzählungen:
Verschwörungserzählungen liefern vermeintlich einfache Erklärungen für komplexe Fragen. Gerade in Krisenzeiten erfüllen sie oft eine Sündenbockfunktion. In diesen Geschichten wird davon ausgegangen, dass mächtige Einzelpersonen oder eine Gruppe von Menschen insgeheim wichtige Ereignisse beeinflussen. Diesen Menschen wird unterstellt, dass sie der Bevölkerung gezielt schaden wollen und sich zu diesem Zweck im Geheimen verabreden. Das Weltbild von Verschwörungsgläubigen ist durch die Überzeugung bestimmt, nichts geschehe aus Zufall, hinter allem stecke ein geheimer Plan und alles wäre insgeheim miteinander verbunden.
Die Existenz einer Verschwörung wird trotz objektivem Mangel an Beweisen nicht angezweifelt. Wer nicht an die Verschwörungserzählung glaubt, lebt aus Sicht der Anhängerschaft in einer Scheinwelt.
Eine Verschwörungserzählung ist eine Geschichte, die bestimmte Elemente enthält. Zentral sind dabei oft starke Emotionen und auch apokalyptische Zukunftsszenarien. Große Ereignisse der Weltgeschichte werden von der Anhängerschaft regelmäßig auf die Existenz einer Verschwörung zurückgeführt. Im Zentrum stehen überzeichnete Feindbilder, die als Sündenbock dienen. Vorurteile und Stereotype spielen dabei eine große Rolle, besonders bei antisemitischen Verschwörungserzählungen.
Die Beschreibung der angeblichen Schuldigen erinnert auffällig an Bösewichte aus Filmen oder Büchern, wenn es etwa heißt, diese Menschen seien gefühlskalt, machthungrig und würden es geradezu genießen, anderen zu schaden.
Fachleute waren nicht überrascht, als 2020 schnell unzählige Mythen rund um das Coronavirus entstanden. Denn Verschwörungserzählungen sind kein neues Phänomen. Während einer großen Pestepidemie Mitte des 14. Jahrhunderts wurden jüdische Gemeinden fälschlicherweise beschuldigt, Brunnen vergiftet zu haben und es kam daraufhin zu schrecklichen Pogromen. In den 1980er Jahren verbreitete der russische Geheimdienst im Rahmen einer Kampagne gezielt Verschwörungserzählungen über AIDS, um die Angst vor dem HI-Virus für die eigene Propaganda zu nutzen. Dass Verschwörungserzählungen heute weitverbreitet sind, liegt also nicht allein an Social Media.
Solche Geschichten üben eine Anziehungskraft auf Menschen aus und das wurde in der Geschichte immer wieder ausgenutzt um Desinformation zu verbreiten und Hass zu schüren.
Es gibt eine ganze Reihe von Verschwörungserzählungen, die bereits sehr lange im Umlauf sind. Dazu gehört etwa die falsche Behauptung, die Mondlandung sei ein Fake. Dasselbe gilt für den Glauben, die Erde sei keineswegs rund, sondern flach und dies werde von mächtigen Gruppen geheim gehalten. Besonders skurril ist die sogenannte Chemtrails-Verschwörungserzählung. Die Anhängerschaft deutet Flugzeug-Kondensstreifen am Himmel wahlweise als Zeichen für Wettermanipulation oder als Beweis für geheime Experimente zur Gedankenkontrolle.
Dabei lässt sich die Entstehung von Kondensstreifen mithilfe einfacher physikalischer Experimente ebenso erklären wie die Tatsache, dass die Erde rund ist.
Verschwörungserzählungen zu kritisieren, heißt nicht, dass die Existenz tatsächlicher Verschwörungen bestritten wird. Die Aufdeckung des Watergate-Abhörskandals zwang US-Präsident Nixon 1974 zum Rücktritt. Edward Snowden enthüllte der Welt 2013, wie der US-Geheimdienst NSA heimlich in großem Stil Online-Kommunikation überwacht. Der Autokonzern VW manipulierte Abgastests und täuschte jahrelang Behörden. Akteure, die Verschwörungserzählungen verbreiten, verweisen oft auf solche wahren Begebenheiten, um ihre eigenen Geschichten glaubwürdiger erscheinen zu lassen. Solche Vergleiche führen aber in die Irre.
Denn im Gegensatz zu all diesen Fällen werden bei Verschwörungserzählungen eben keine objektiven Belege vorgelegt oder es werden sogar Gegenbeweise bewusst ignoriert.
Beim Verschwörungsglauben geht es nicht um Erkenntnisgewinn, denn die Existenz der angeblichen Verschwörung gilt als über jeden Zweifel erhaben. Alternative Erklärungen für das jeweilige Ereignis, unpassende Fakten und Kritik werden ausgeblendet. Beim Versuch, der angeblichen Verschwörung auf die Schliche zu kommen, wird regelmäßig auf fragwürdige Quellen verwiesen. Kritik wird abgeblockt, im Extremfall sogar als Täuschungsmanöver der angeblichen Verschwörung angesehen.
Manchmal gilt sogar der Mangel an Beweisen als Beleg dafür, wie gut organisiert die Verschwörung eben sein muss. Deshalb ist auch oft von einem geschlossenen Weltbild, einer Ideologie, die Rede.
Mittels sozialer Netzwerke und Messengern verbreiten sich Verschwörungserzählungen zu aktuellen Ereignissen in Windeseile. Die Empfehlungsalgorithmen von Plattformen wie YouTube, Instagram oder TikTok können diesen Effekt zusätzlich verstärken. Denn oft bekommen Menschen, die einschlägige Videos angeschaut haben, im Anschluss sofort weitere, ähnliche Inhalte vorgeschlagen. So kann es passieren, dass ein problematischer Inhalt schnell zum nächsten führt. In den vergangenen Jahren haben einige Plattformen große Accounts gesperrt, die regelmäßig Verschwörungserzählungen bis hin zu Aufrufen zur Gewalt verbreitet haben.
Trotzdem nutzen viele Gruppen und bekannte Namen aus der Szene weiterhin direkt oder indirekt große Plattformen, um problematische Inhalte zu verbreiten.
Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass einige Menschen empfänglicher für Verschwörungserzählungen sind, wenn sie einen Kontrollverlust erleben. Ein solches Gefühl kann durch Tiefschläge im Privatleben entstehen, aber auch durch gesellschaftliche Krisen, die einen überfordern. Der Glaube an eine Verschwörung kann in solchen Situationen auf psychologischer Ebene die Illusion von Kontrolle erzeugen. Verschwörungsgläubige denken, nun einen großen Plan zu kennen, der vermeintlich alles erklärt. Außerdem neigen einige Menschen dazu, hinter großen Ereignissen auch große Ursachen zu vermuten und halten daher Geschichten über ein großes Komplott für plausibler. Darüber hinaus können sich Menschen und Gruppen durch solche Überzeugungen ihrem Umfeld gegenüber aufwerten. Dahinter steckt der Gedanke: Ich bin nun Teil einer auserwählten Gruppe, die mehr weiß als alle anderen! Das reicht bis hin zu Fantasien über Heldentaten beim Versuch die Welt vor der angeblichen Verschwörung zu retten.
Solche Vorstellungen bedienen auf psychologischer Ebene das Bedürfnis nach Einzigartigkeit. Hinzu kommen viele weitere mögliche Faktoren, wie etwa der Wunsch, einen Sündenbock für erfahrenes Leid zu haben oder aber auch das Bedürfnis, Anschluss an eine Gruppe zu finden.
In Krisenzeiten gibt es ein großes Bedürfnis nach schnellen Antworten. Akteure, die Verschwörungserzählungen verbreiten, nutzen das gezielt aus. Nach einem Anschlag wollen wir alle z. B. schnell wissen, was dahintersteckt. Seriöser Journalismus und polizeiliche Ermittlungen brauchen allerdings Zeit. Verschwörungsideologische Gruppen nutzen dieses Zeitfenster, um Unwahrheiten zu verbreiten. Auf emotionaler Ebene sind ihre Geschichten einfach gestrickt, die Welt wird in Gut und Böse eingeteilt. Das ist für einige Menschen attraktiver als sich mit komplexen Sachverhalten auseinanderzusetzen, etwa bei Wirtschaftskrisen.
Wer nicht gut mit Unsicherheit umgehen kann, findet die Vorstellung anziehend, es gäbe einen großen Plan. Die damit verbundenen Feindbilder erfüllen außerdem eine Sündenbockfunktion.
Mithilfe wissenschaftlicher Fragebögen lässt sich messen, wie offen ein Mensch für Verschwörungserzählungen ist. Der Fachbegriff dafür lautet Verschwörungsmentalität. Individuell gibt es große Unterschiede und viele Faktoren können eine Rolle spielen. Einige Menschen können nicht gut mit Kontrollverlust und Unsicherheit umgehen und werden dann anfälliger. Oder aber negative Erfahrungen mit Machtstrukturen führen zu generellem Misstrauen, wodurch Verschwörungserzählungen glaubwürdiger wirken. Kollektiver Narzissmus, und ein damit verbundenes Bedürfnis die eigene Gruppe aufzuwerten, kann ebenfalls eine Rolle spielen.
Verschwörungsglaube ist außerdem in rechtsextremen und esoterischen Milieus besonders stark verbreitet.
Es ist oft schwer zu beurteilen, ob Akteure selbst an die von ihnen verbreitete Verschwörungserzählung glauben. Daher ist es wichtig sich bewusst zu machen, dass einige Menschen solche Geschichten als Mittel zum Zweck nutzen. Dahinter kann manchmal auch ein Geschäftsmodell stecken, wenn passende Produkte an die Anhängerschaft verkauft werden. Es gibt Verlage, die viel Geld mit verschwörungsideologischen Büchern und Zeitschriften verdienen.
Einige Akteure betreiben Online-Shops und veranstalten kostenpflichtige Seminare und Events. Hinzu kommen Spendenaufrufe, bei denen manchmal große Summen zusammenkommen.
Einschlägige Gruppen setzen bei ihren Botschaften oft auf starke Emotionen wie Angst oder Wut. Viele Menschen neigen nämlich dazu, dann nicht mehr so genau zu prüfen, ob das Behauptete überhaupt stimmt. Um den Anschein von Seriosität und Wissenschaftlichkeit zu erwecken, werden angebliche Fachleute angeführt, die aber tatsächlich über keine Expertise zum Thema verfügen oder schon in der Vergangenheit Falschaussagen verbreitet haben. Häufig sind außerdem Trugschlüsse in der Argumentation. Da heißt es etwa, Personen oder Organisationen, die von einem bestimmten Ereignis profitieren, müssten auch dafür verantwortlich sein.
Doch nach dieser Logik müsste jede Person, die zufällig einen Geldschein auf der Straße findet, auch Schuld am Verlust tragen.
Verschwörungserzählungen können von politischen Gruppen eingesetzt werden, um seriöse Medien schlechtzumachen. Das Ziel ist dabei, all jenen die Glaubwürdigkeit abzusprechen, die Aussagen der jeweiligen Gruppe infrage stellen könnten. Eine solche Strategie spielt vor allem denjenigen in die Hände, die ein autoritäres Verständnis von Gesellschaft haben und die Pressefreiheit ablehnen. Immer wieder wurden auch ausländische Desinformationskampagnen aufgedeckt, bei denen undemokratische Regime gezielt Verschwörungserzählungen in Deutschland verbreitet haben.
Dahinter steckt nicht nur die Absicht, die öffentliche Meinung zu bestimmten Themen zu manipulieren. Langfristig wird so außerdem das Vertrauen in die Demokratie beschädigt und Polarisierung gefördert.
Im Zusammenhang mit der Klimakrise gibt es zahlreiche Verschwörungserzählungen. Dabei werden Forschende als Teil einer Verschwörung gesehen, die menschengemachte Klimakrise wird geleugnet. Bei Extremwetterereignissen wird z. B. fälschlicherweise behauptet, diese seien entweder bewusst herbeigeführt oder inszeniert worden. Klimaschutzmaßnahmen werden durch die Brille des Verschwörungsglaubens oft als Teil einer bösartigen Agenda gesehen.
Immer wieder kommt es aus dieser Szene heraus zu Hetze und Angriffen gegen Klimaforschende und Menschen, die sich für Klimaschutz einsetzen.
In vielen verschwörungsideologischen Gruppierungen wird Misstrauen gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen gesät. Das kann dazu führen, dass auch die Medizin als Teil einer Verschwörung gesehen und evidenzbasierte Behandlungen abgelehnt werden. Eine solche Überzeugung kann bei gefährlichen Erkrankungen schnell lebensbedrohlich werden. Insbesondere zum Thema Impfungen kursieren seit vielen Jahren drastische Falschinformationen. Immer wieder kommt es vor, dass verschwörungsgläubige Eltern sich weigern, ihre Kinder impfen zu lassen. Stattdessen werden wirkungslose oder sogar gefährliche Behandlungsmethoden als vermeintliche Alternative beworben.
So wurde im Zuge der Corona-Pandemie etwa in einigen Gruppen dazu geraten, hochgiftige Chlorbleiche zu trinken.
Eine Studie hat gezeigt: Wer esoterische Verfahren beim Thema Gesundheit anwendet, glaubt überdurchschnittlich oft an Verschwörungserzählungen. Menschen, die esoterische Produkte verkaufen, behaupten manchmal, eine Verschwörung von Pharmaunternehmen unterdrücke Beweise für die angebliche Wirksamkeit ihrer Wundermittel. Solche Geschichten sollen davon ablenken, dass es keine wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit esoterischer Produkte gibt, die an leichtgläubige Erkrankte verkauft werden. Verschwörungserzählungen zum Thema Gesundheit können aber auch der Startpunkt für eine politische Radikalisierung sein.
Es gibt esoterische Gruppierungen, die drastische antisemitische und rassistische Verschwörungserzählungen verbreiten.
Es gibt Menschen, die an die Existenz einer weltumspannenden feministischen Verschwörung glauben. Männer werden dabei als Opfer einer angeblich übermächtigen Lobby für Gleichstellung dargestellt. Ein drastisches Beispiel sind sogenannte Incels. Die Anhängerschaft vertritt die menschenverachtende Ansicht, Männer hätten einen natürlichen Anspruch auf Sex. Wenn Frauen ihnen dies verweigern, wird zu Gewalt bis hin zum Mord aufgerufen. Anhänger dieser Ideologie haben Anschläge in unterschiedlichen Ländern verübt, bei denen vor allem Frauen ermordet wurden.
Es gibt außerdem Rechtsextreme, die behaupten, Gleichstellung wäre insgeheim Teil einer großen Verschwörung zum Schaden der Menschen und verbinden diese antifeministische Verschwörungserzählung mit einer rassistischen Blut und Boden-Ideologie.
Nur weil eine Verschwörungserzählungen absurd wirkt, ist sie noch lange nicht harmlos. Denn die darin enthaltenen Feindbilder haben ganz konkrete Auswirkungen. Wer glaubt, die Erde sei insgeheim flach, hetzt womöglich irgendwann gegen Mitarbeitende von Raumfahrtbehörden. Wer denkt, die Erde werde von außerirdischen Echsenmenschen kontrolliert, spricht Anderen ihre Menschlichkeit ab und legitimiert damit womöglich Gewalt. Viele Verschwörungsgläubige radikalisieren sich außerdem mit der Zeit, da sie in diesem Umfeld schnell in Kontakt mit neuen, immer drastischeren Geschichten kommen.
Was mit einer Verschwörungserzählung beginnt, führt so langfristig zu einem Weltbild, in dem alles durch eine irgendeine Art Verschwörung erklärt wird.
Die Anziehungskraft von Verschwörungserzählungen rührt auch daher, dass die Welt sich damit einfach in Gut und Böse einteilen lässt. Die der Verschwörung bezichtigten Personen haben eine Sündenbockfunktion – ihnen wird die Schuld an allen möglichen (echten oder ausgedachten) Missständen gegeben. Das führt zu Hass und auch Gewalt gegen diese Menschen. Dabei handelt es sich aber um eine stark verkürzte Sicht auf die Dinge, denn meist sind die Ursachen für echte Missstände in unserer Gesellschaft komplex. Tatsächlich problematische Strukturen, die zu Problemen wie Armut, Diskriminierung oder Korruption führen, spielen hingegen oft kaum eine Rolle in diesem Weltbild.
Statt sich für echte Lösungen von echten Problemen einzusetzen, arbeitet sich die Anhängerschaft an einer ausgedachten Verschwörung ab.
Verschwörungsglaube beeinflusst politische Debatten auf verschiedenen Ebenen. Einerseits verändern sich dadurch Einstellungen von Wahlberechtigten zu Sachthemen wie z. B. Migration oder Klimakrise teils drastisch. Setzen Parteien Verschwörungserzählungen in Wahlkämpfen ein, fördern die damit verbundenen Feindbilder eine Polarisierung und erhöhen auch das Risiko für Gewalttaten. Außerdem drehen sich viele Verschwörungserzählungen um wichtige Institutionen in der Politik. So wird beispielsweise behauptet, Wahlen würden systematisch in großem Stil gefälscht oder Behörden wären insgeheim Agenten des Bösen.
Das kann langfristig zu einem Vertrauensverlust in staatliche Stellen bis hin zur Ablehnung der Demokratie führen.
Innerhalb einschlägiger Gruppierungen wird oft verbreitet, bei seriösen Medien würde es sich insgeheim um Marionetten der jeweiligen Verschwörung handeln. Das ist auch eine Strategie, um sich gegen Kritik zu immunisieren und zu verhindern, dass die Anhängerschaft sich mit den vorgebrachten Gegenargumenten und Faktenchecks auseinandersetzt. Als vermeintliche Alternative werden dann Internetseiten oder Akteure beworben, die nicht nach journalistischen Standards arbeiten und oft Falschaussagen verbreiten. Verschwörungsgläubige Menschen denken im Extremfall, jeglicher Widerspruch von außen sei auf die Verschwörung zurückzuführen oder sogar als Beleg dafür zu deuten, dass die Gruppe richtig liegt.
Eine sachliche Debatte wird auf dieser Grundlage zunehmend unmöglich.
Aus der verschwörungsideologischen Szene heraus gibt es immer wieder Aufrufe zur Gewalt gegen Medien, die z. B. Faktenchecks veröffentlichen. Viele Verschwörungsgläubige behaupten trotzdem, sie würden sich für Pressefreiheit einsetzen und ihre Meinung werde unterdrückt. Die Verbreitung von (rufschädigenden) Unwahrheiten ist allerdings nicht von der Pressefreiheit gedeckt. Bestes Beispiel hierfür ist der Fall des US-Verschwörungsideologen Alex Jones. Jahrelang verbreitete er die falsche Behauptung, Eltern der 2012 bei einem Amoklauf in der Sandy-Hook-Grundschule ermordeten Kinder wären insgeheim bezahlte Schauspieler (sogenannte Crisis Actors). Familien der Opfer wurden von seiner Anhängerschaft bedroht und mussten deshalb umziehen.
Ein Gericht verurteilte Alex Jones später zu einer hohen Summe Schadenersatz.text
Verschwörungserzählungen greifen langfristig das Fundament der Demokratie an. Wenn wissenschaftliche Fakten einfach ignoriert werden, weil sie nicht ins eigene Weltbild passen, wird es fast unmöglich, in der Sache zu diskutieren. Außerdem führen die damit verbundenen Feindbilder dazu, dass Menschen bedroht und angegriffen werden. Viele haben dann Angst, sich überhaupt noch öffentlich zu äußern. Auch die Pressefreiheit ist in Gefahr, da Medien immer wieder attackiert werden. Hinzu kommt, dass viele einschlägige Gruppierungen Hass gegen die Demokratie an sich schüren und die Rechtmäßigkeit von Wahlen leugnen.
Ein besonders tragisches Beispiel hierfür ist die gewaltsame Stürmung des Kapitols in Washington, D.C. im Januar 2021.
Studien zeigen, dass verschwörungsgläubige Menschen Gewalt häufiger befürworten. Zahlreiche Personen aus Medien, Politik und Wissenschaft wurden während der Coronapandemie aus diesem Milieu heraus bedroht. Bei rechtsextremen Anschlägen spielen Verschwörungserzählungen regelmäßig eine wichtige Rolle bei der Radikalisierung der Täter. Ein bekannter Fall ist das Attentat von Halle. 2019 versuchte ein bewaffneter Rechtsextremist in eine Synagoge einzudringen und ermordete anschließend zwei Menschen. Sicherheitsbehörden deckten in den letzten Jahren mehrere Attentatspläne im Zusammenhang mit Verschwörungsglauben auf, etwa im Reichsbürger-Milieu.
Auch islamistische Gruppierungen versuchen immer wieder die eigene Gewalt als Notwehr gegen eine ausgedachte Verschwörung umzudeuten.
In der verschwörungsideologischen Szene kursieren viele antisemitische Inhalte, bis hin zu Aufrufen zur Gewalt gegen jüdische Gemeinden und Einzelpersonen. Manchmal wird unverhohlen von einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung gesprochen, dann gibt es aber auch Akteure, die Chiffren nutzen, um ihren Antisemitismus geschickt zu verstecken. Ein Beispiel dafür ist der häufige Verweis auf die Rothschilds (eine jüdische Bankiersfamilie). Antisemitische Verschwörungserzählungen docken dabei geschickt an gängige Stereotype zum Judentum an, die immer noch in der Gesellschaft weit verbreitet sind.
Eine zentrale Rolle spielen dabei die sogenannten Protokolle der Weisen von Zion. Hierbei handelt es sich um eine Hetzschrift, die Anfang des 20. Jahrhunderts entstand, in der die falsche Behauptung verbreitet wird, es gäbe eine jüdische Weltverschwörung. Während des NS-Regimes wurden die Protokolle sogar in Schulen besprochen. Die NS-Propaganda nutzte den Text, um den Holocaust damit zu rechtfertigen. Bereits in der 1920er Jahren veröffentlichten Zeitungen Faktenchecks, die eindeutig belegen, dass es sich bei dieser Geschichte um eine Erfindung handelt. Der Text kursiert trotz der eindeutigen Widerlegung heute nicht nur in der rechtsextremen Szene, sondern wird auch von islamistischen Gruppierungen eingesetzt, um Hass gegen Juden zu schüren.
Rechtsextreme nutzen eine ganze Reihe von Verschwörungserzählungen, um Menschen für ihre Zwecke zu mobilisieren. Denn solche Geschichten sind der perfekte Radikalisierungsbeschleuniger. Sie dienen vor allem dazu, Feindbilder aufzubauen und zusätzlich zu verstärken. Nicht-rechtsextreme Medien, Organisationen und Parteien werden kurzerhand der Verschwörung beschuldigt. So wird Gewalt zu Notwehr umgedeutet. Ein Beispiel hierfür ist die Verschwörungserzählung vom großen Austausch. Hierbei wird behauptet, es gäbe einen geheimen bösartigen Plan hinter Migration.
Damit lässt sich sowohl Angst vor Geflüchteten schüren als auch Hass gegen all jene Menschen verbreiten, die sich Rassismus entgegenstellen.
Die Anhängerschaft dieser rechtsextremen Ideologie hängt dem Irrglauben an, Deutschland sei kein souveräner Staat, es gäbe keine legitime Regierung und eine Verschwörung versuche dies zu vertuschen. Einige meinen, das Dritte Reich bestehe fort, andere wähnen sich im Kaiserreich – gleichzeitig wird die Demokratie abgelehnt. Antisemitische Verschwörungserzählungen spielen dabei eine große Rolle. Typisch für diese Szene sind Fantasie-Staatsgründungen und Aufrufe, Gesetze zu ignorieren und keine Steuern zu zahlen. Das führt immer wieder zu Konflikten mit dem Staat. Sicherheitsbehörden warnen seit Jahren vor dieser Spielart des Rechtsextremismus.
Immer wieder gibt es aus dieser Szene heraus Aufrufe zur Gewalt bis hin zu Anschlägen und Morden.
Wenn es sich um eine Person aus dem eigenen Umfeld handelt, sollte das direkte Gespräch gesucht werden. Falls die Person darauf beharrt, den Post so stehen zu lassen, ist Gegenrede eine gute Option. Postings mit falschen Tatsachenbehauptungen oder Aufrufen zur Gewalt können bei der Plattform gemeldet werden. Der Inhalt wird dann geprüft und womöglich entfernt. Handelt es sich um einen eindeutig verschwörungsideologischen Account, besteht jedoch wenig Hoffnung auf Einsicht. Durch das Verlinken eines Faktenchecks können sich allerdings Lesende selbst eine Meinung bilden und sind zumindest gewarnt.
Hierbei gilt es jedoch zu beachten, dass viele Soziale Netzwerke Postings mehr Reichweite geben, die viele Reaktionen hervorrufen. Volksverhetzende Inhalte können außerdem online bei der Polizei zur Anzeige gebracht werden.
Gegenrede ist besonders wichtig, wenn in einer Gruppe problematische Aussagen fallen. Denn ohne sichtbaren Widerspruch können sich Verschwörungserzählungen ungehindert verbreiten. Wer eine Person aus dem eigenen Umfeld zum Umdenken bewegen will, sollte sich in einem Gespräch unter vier Augen zunächst einen Überblick verschaffen: Was glaubt die Person genau? Woher hat sie das? Wie lange glaubt sie das schon? Denn wer lediglich auf einen Fake auf Social Media hereingefallen ist, lässt sich womöglich durch Faktenchecks umstimmen. Bei starken Überzeugungen stößt diese Methode aber schnell an ihre Grenzen, weil seriösen Medien und selbst wissenschaftlichen Studien als Teil der Verschwörung gesehen werden.
Beratungsstellen raten in solchen Situationen dazu, sich die Frage zu stellen, welche Faktoren auf psychologischer Ebene eine Rolle spielen könnten.
Eine mögliche Strategie besteht dann darin, diese Bedürfnisse auf eine gesunde Art und Weise zu befriedigen, um dem Verschwörungsglauben den Nährboden zu entziehen. Doch das ist oft ein langer und mühsamer Prozess und funktioniert auch nicht immer. Antisemitismus und Rassismus sollten außerdem immer klar benannt werden. Gerade wenn Menschen sich politisch stark radikalisieren und womöglich andere gefährden oder sogar bedrohen, ist es wichtig, Haltung zu zeigen und auch für sich rote Linien zu ziehen.
Ein ausgeprägter Verschwörungsglaube kann Beziehungen stark belasten. Das Umfeld fühlt sich oft hilflos. Diskussionen eskalieren und nicht selten steht irgendwann die Frage nach Kontaktabbruch im Raum. In solchen Fällen können spezielle Beratungsangebote helfen. Meist melden sich dort befreundete Personen oder Familienangehörige, die sich um einen Menschen aus ihrem direkten Umfeld Sorgen machen. Im Gespräch werden dann zusammen individuelle Strategien zum Umgang erarbeitet.
Wenn die verschwörungsgläubige Person das möchte, kann auch ein gemeinsamer Gesprächstermin vereinbart werden. Daneben gibt es auch eine ganze Reihe von Ratgebern, in denen Tipps zum Umgang im Alltag gegeben werden.
Zum Weiterlesen:
Amadeu Antonio Stiftung

Bundeszentrale für politische Bildung

Katharina Nocun / Pia Lamberty
Fake Facts.
Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen
Köln 2020

Katharina Nocun / Pia Lamberty
True Facts.
Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft
Köln 2021

Mimikama
894 Verschwörungstheorien

GWUP
Skeptiker Sonderheft 2020
Das Virus der Verschwörungstheorie

Michael Jachan

ConspiracyTheoryHandbook German
Im Lesemodus öffnenDes Autors Lieblingsschwurbeleien:









Mein Fazit: Verschwörungserzählungen werden in der Regel als harmlos und skurril bezeichnet, in der Tat sind sie jedoch als brandgefährlich einzustufen und aus diesem Grund ist es von entscheidender Bedeutung, ihnen mit Nachdruck zu widersprechen.



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