Von der staatlich geförderten Märchenmedizin – und dem stillen Rückzug der Aufklärung

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Es ist eine bemerkenswerte Schieflage, die sich im deutschsprachigen Raum seit langem beobachten lässt. Während pseudomedizinische Verfahren wie Homöopathie, Osteopathie oder sogenannte „Integrative Medizin“ nach wie vor mit politischem Wohlwollen bedacht werden – sei es durch symbolische Anerkennung, Erstattungsregelungen oder wortreiche Koalitionsabsichtserklärungen – bleiben jene Stimmen, die sich faktenbasiert und beharrlich um Aufklärung bemühen, weitgehend unbeachtet. Oder schlimmer noch: man begegnet ihnen mit Ignoranz, Skepsis oder offenem Desinteresse.

Dass Wissenschaft nicht immer populär ist, wird man hinnehmen müssen. Dass sie aber strukturell benachteiligt wird, während ungesicherte Methoden aufgewertet und geschützt werden, ist ein Symptom tiefer liegender kultureller Abwehrmechanismen.

Deutschland trägt in dieser Hinsicht mit einiger Beständigkeit die rote Laterne Europas. Aber auch in Österreich, wo man sich gern damit brüstet, keine Heilpraktiker zu haben, sieht es nicht viel besser aus – denn dort nimmt sich die Ärzteschaft in bemerkenswertem Umfang selbst der Pseudomedizin an, oft mit universitärem Segen und diplomierter Zusatzbezeichnung. Der Schein bleibt gewahrt.

Und in der Schweiz? Dort zeigt sich die Groteske in nahezu reiner Form: Die Homöopathie hat es trotz ihrer evidenzfreien Natur in die Grundversorgung geschafft – mehrfach wurde ihre Wirksamkeit überprüft, mehrfach lautete das Ergebnis: nicht belegt. Und doch versuchte man jedes Mal aufs Neue, die Quadratur des Kreises zu vollziehen. Die politische Formel lautete sinngemäß:

Wir wissen, dass es nicht wirkt – aber das müssen wir ja nicht auch noch betonen.

Die Folge: narrative Ausweichmanöver über Patientenakzeptanz, individuelle Erfahrungswerte und Kulturgut. Man verabschiedete sich aus der Evidenzlogik, ohne es offen zuzugeben – und erfand eine neue Form von Versorgungspopulismus: pseudowissenschaftlich legitimiert, aber rhetorisch abgefedert.

Kommt hinzu, dass die Schweiz auch eine wesentliche Rolle bei der akademischen Scheinlegitimierung von Pseudomedizin übernommen hat. Dafür steht ist die Universität Bern mit ihrem Institut für Komplementäre und Integrative Medizin (IKIM), in dem viele Koryphäen der Homöopathie vertreten sind und durchaus Öffentlichkeitswirksamkeit entfalten. Diese institutionelle Verankerung erschwert nicht nur die kritische Auseinandersetzung – sie fördert die gesellschaftliche Akzeptanz solcher Methoden geradezu aktiv.

Dabei gäbe es Menschen, die man würdigen müsste: Aufklärerinnen und Aufklärer, die sich aus Überzeugung gegen institutionalisierte Irrationalität stellen, oft ohne Rückendeckung, ohne sichtbare Anerkennung. Die ihre eigene Geschichte hinterfragt haben, die sich dem öffentlichen Irrtum entgegenstellen, die nicht schweigen, wenn es leichter wäre. Es sind diese Stimmen, die ein demokratisches Gesundheitswesen eigentlich dringend bräuchte – nicht als einsame Rufer in der Wüste, sondern als Teil eines Diskurses, der Fakten nicht gegen Stimmungen abwägt, sondern Verantwortung ernst nimmt. Sie tun das nicht für Preise – aber es wäre ein Zeichen, würde man sie sehen.

Doch was passiert stattdessen? Die Märchenmedizin wird politisch geadelt. Die Aufklärung? Oft mit einem Achselzucken abgelegt.

Es ist dieser stille Rückzug der Rationalität aus dem öffentlichen Diskurs, der bedrohlich wird – weil er, einmal vollzogen, nicht einmal mehr als Verlust empfunden wird.

Voraussetzung für die Menschlichkeit in der Medizin ist ihre strenge Wissenschaftlichkeit.
Prof. Johannes Köbberling, früherer Präsident der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin

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