Warum Menschen ohne Religion freier sind – ein Abgesang auf die Dogmenkirchen

Alles begann mit einem Artikel von Asif Malik im Hamburger Abendblatt: Warum Religion auch heute noch unverzichtbar ist (1). Darauf reagierte Helena Sommer im Humanistischen Pressedienst mit dem Text Warum Menschen auch ohne Religion gut sein können (2). Beide Beiträge sind wichtige Denkanstöße, sie fragen nach der Rolle von Religion in einer säkularen, aufgeklärten Gesellschaft.

Doch ich möchte weitergehen. Nicht nur, dass Menschen ohne Religion gut sein können, sie können schlicht besser sein. Sie handeln nicht aus Angst vor göttlicher Strafe oder aus Hoffnung auf himmlische Belohnung, sondern aus Einsicht, Mitgefühl und Verantwortung. Die Geschichte zeigt: Religion war nie die Quelle der Moral, sondern oft ihr größtes Hindernis. Von Ablasshandel über Hexenverfolgungen bis zu Missbrauchsskandalen und den aktuellen Kämpfen gegen Frauenrechte, LGBTQ-Gleichstellung und Sterbehilfe zieht sich ein roter Faden: Kirche bedeutet Dogma statt Vernunft, Macht statt Menschlichkeit, Kontrolle statt Freiheit.


Die Kirche als Meisterin der Doppelmoral

Die Kirche inszeniert sich gern als moralische Instanz, dabei war sie historisch betrachtet vor allem eins: Expertin in der Doppelmoral. Während Bischöfe in Palästen lebten, predigten sie Armut. Während man Nächstenliebe auf den Lippen trug, brannten auf den Scheiterhaufen Frauen und Dissident:innen. Während man Enthaltsamkeit forderte, missbrauchten Geistliche über Jahrhunderte systematisch Kinder.

Der Ablasshandel ist ein Paradebeispiel. Papst Leo X. verkündete 1515 in der Bulle Sacrosanctis: Durch den Ablass wird dem Gläubigen nicht nur Vergebung der Sünden, sondern auch Erlass der zeitlichen Strafe gewährt (3). Moral war also käuflich. Während die Reichen sich freikauften, mussten die Armen zusehen, wie ihre letzten Münzen in den Kirchenschatz flossen. Die Folge: der Bau von Prachtbauten wie dem Petersdom. Ironischerweise hat Martin Luthers Protest gegen diesen Ablasshandel überhaupt erst die Reformation ausgelöst.

Ein Blick auf die Gegenwart zeigt: Geld regiert die Kirche bis heute. Nach Angaben von Transparency International zählen die katholische und die orthodoxe Kirche zu den größten intransparenten Vermögensbesitzern weltweit (4). Humanistische Organisationen müssen um Spenden kämpfen, die Kirche schwimmt in Geld – und zahlt dabei kaum Steuern.

Frauenhass im theologischen Gewand

Kaum ein Kapitel zeigt die Verachtung für Frauen deutlicher als die Hexenverfolgung. Heinrich Kramer schrieb 1486 im Malleus Maleficarum: Kein Zweifel kann bestehen, dass die Hexen in der Macht des Teufels stehen (5). Damit rechtfertigte er eine systematische Jagd auf Frauen, die als Hebammen, Heilerinnen oder einfach als Unangepasste lebten.

Zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert fielen Schätzungen zufolge bis zu 60.000 Menschen der Hexenverfolgung in Europa zum Opfer, die überwältigende Mehrheit Frauen (6). Die Kirche lieferte die ideologische Rechtfertigung für Folter und Hinrichtungen.

Heute wirkt dieser Geist fort. In der katholischen Kirche sind Frauen nach wie vor von allen Weiheämtern ausgeschlossen. Papst Franziskus mag modern erscheinen, aber er erklärte 2016: Die Tür zur Priesterweihe für Frauen ist geschlossen (7). Ein 500 Jahre alter Frauenhass wird so mit neuen Worten bestätigt.

Die UNO dokumentiert zudem regelmäßig, dass hochreligiöse Länder schlechtere Frauenrechte haben. Laut dem Global Gender Gap Report 2024 des Weltwirtschaftsforums (8) rangieren stark religiöse Länder wie Afghanistan, Iran oder Pakistan auf den letzten Plätzen, während säkulare Länder wie Island, Norwegen und Schweden Spitzenplätze belegen.

Bücherverbrenner im Namen der Wahrheit

Die Kirche fürchtete immer eines: freie Gedanken. Der Index Librorum Prohibitorum von 1559 erklärte: Alle Bücher, die den Glauben gefährden oder verderben können, sind streng verboten (9). Damit wurde eine Zensurmaschine geschaffen, die Jahrhunderte überdauerte.

Galileo Galilei musste 1633 widerrufen, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Giordano Bruno, Philosoph des unendlichen Universums, wurde 1600 in Rom verbrannt. Humanismus dagegen lebt von Zweifel und Diskussion.

Und wer glaubt, die Zensur sei vorbei, irrt. Noch heute versucht der Vatikan, Einfluss auf Bildungsinhalte zu nehmen. In Polen etwa verhinderte die Kirche 2023 die Einführung einer modernen Sexualaufklärung. Die Folge: Laut WHO haben polnische Jugendliche eine der höchsten Raten an ungewollten Teenagerschwangerschaften in Europa (10).

Sexualisierte Gewalt und organisierte Vertuschung

Der Missbrauchsskandal zeigt die moralische Fassade endgültig bröckeln. Das vatikanische Dokument Crimen sollicitationis von 1962 schrieb unmissverständlich: Alle Informationen über sexuelle Vergehen unterliegen dem päpstlichen Geheimnis (11). Das war keine Einzelfall-Vertuschung, es war eine institutionalisierte Strategie.

In Irland wurden jahrzehntelang Kinder in kirchlichen Heimen missbraucht und versklavt. Eine Untersuchungskommission deckte 2009 tausende Fälle auf (12). In den USA enthüllte eine Grand Jury 2018 Missbrauchsfälle durch mehr als 300 Priester in Pennsylvania (13). In Deutschland dokumentierte die MHG-Studie 2018 mindestens 3677 betroffene Kinder (14).

Das erschütternde Muster: Täter wurden versetzt, Opfer zum Schweigen gebracht, die Institution geschützt. Während Humanist:innen von Verantwortung und Würde sprechen, praktizierte die Kirche eine Moral der Vertuschung.

Himmel und Hölle als moralische Erpressung

Das moralische Grundschema der Kirche reduziert sich auf eine plumpe Erpressung: Wer folgt, darf auf den Himmel hoffen, wer widerspricht, soll in der Hölle brennen. Dieses Zuckerbrot-und-Peitsche-System degradiert Menschen zu dressierten Wesen, die nicht aus Empathie handeln, sondern aus Angst.

Empirische Forschung zeigt, dass dieses Modell scheitert. Eine groß angelegte Studie von Pew Research 2019 (15) ergab, dass in säkularen Ländern höhere Werte für Vertrauen, Gleichberechtigung und soziale Kooperation erreicht werden als in hochreligiösen. Steven Pinker kommt in Enlightenment Now (2018) zu dem Schluss: Die friedlichsten, sichersten und wohlhabendsten Gesellschaften der Welt sind die säkularsten (16).

Menschenrechte statt Kirchenrecht

Kirchenrecht beansprucht Zeitlosigkeit, doch in Wahrheit konserviert es Unterdrückung. Frauen sind ausgeschlossen, Homosexuelle gelten als Menschen mit objektiver moralischer Unordnung, Andersgläubige als defizitär.

Dem gegenüber stehen die Menschenrechte, entstanden aus Humanismus, Aufklärung und Demokratie. Sie sind flexibel, überprüfbar und universell. Während die Kirche an Dogmen festhält, bauen Humanist:innen auf Prinzipien, die sich weiterentwickeln können. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (17) ist das Gegenprogramm zur Enge kirchlicher Moral.

Gegenwart: Abtreibung, LGBTQ-Rechte, Sterbehilfe

Man könnte meinen, diese kirchliche Rückständigkeit sei ein Relikt der Vergangenheit. Doch auch heute kämpft die Kirche verbissen gegen Selbstbestimmung.

  • Abtreibung: In Polen trieb der Einfluss der katholischen Kirche das Land zu einem der restriktivsten Abtreibungsgesetze Europas. 2021 starb die 30-jährige Izabela S. an einer Sepsis, weil Ärzte ihr aus Angst vor Strafverfolgung keine Abtreibung gewährten (18). Die UNO hat Polen mehrfach wegen dieser Gesetzgebung kritisiert.
  • LGBTQ-Rechte: Noch 2021 erklärte die vatikanische Glaubenskongregation, dass die Kirche homosexuelle Partnerschaften nicht segnen könne, da Gott die Sünde nicht segne (19). Humanistische Gesellschaften wie die Niederlande oder Kanada erkennen gleichgeschlechtliche Ehen längst an. Studien zeigen, dass Akzeptanz von LGBTQ-Personen stark mit Säkularität korreliert (20).
  • Sterbehilfe: In den Niederlanden und in der Schweiz ist ärztliche Suizidassistenz unter klaren Regeln erlaubt. Laut WHO (21) führt dies nicht zu Missbrauch, sondern ermöglicht Menschen ein Sterben in Würde. Humanist:innen sehen darin ein Gebot der Menschlichkeit. Die Kirche dagegen bekämpft jede Form der Suizidassistenz und zwingt Schwerkranke, länger zu leiden.
Humanismus als erwachsene Moral

Der moderne Humanismus bietet, was Religion nur verspricht. Er baut auf Empathie, Vernunft und Verantwortung. Er kennt keine Denkverbote, keine übernatürlichen Überwacher, keine unantastbaren Autoritäten. Er ist flexibel, lernfähig und menschenzentriert. Humanismus verlangt nicht Gehorsam, sondern Verantwortung. Er behandelt Menschen nicht als Kinder, die auf himmlische Belohnung hoffen müssen, sondern als Erwachsene, die frei entscheiden können.

Ohne Religion mit mehr Menschlichkeit

Die Bilanz ist eindeutig. Religion hat über Jahrhunderte moralisches Leid verursacht: Ablasshandel, Hexenverfolgungen, Bücherverbote, Missbrauchsskandale. Sie verursacht es bis heute: in der Unterdrückung von Frauen, der Diskriminierung von LGBTQ-Personen, der Blockade von Sterbehilfe.

Wer Religion hinter sich lässt, verliert keine Moral, er gewinnt sie zurück. Menschen ohne Religion handeln nicht aus Angst, sondern aus Einsicht, nicht aus Gehorsam, sondern aus Verantwortung, nicht für das Himmelreich, sondern für die reale Welt.

Darum gilt: Menschen ohne Religion sind nicht nur gut. Sie sind besser – weil sie frei sind.


Quellen und weiterführende Links
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