Was glaubt Österreich? Und warum nicht!
Der ORF hat zusammen mit dem Forschungszentrum „Religion and transformation in Contemporary Society“ der Universität Wien ein interdiszplinäres Forschungsprojekt begonnen, die Studie ist zwar schon beendet, die Ergebnisse erscheinen aber erst im Frühjahr, wir werden berichten.
Sträflich unterrepräsentiert waren bei dieser Studie die Konfessionsfreien und die Atheisten. Der HVÖ hat sich mit vielen Mails zu einem Beitrag hereinreklamiert, um wenigstens in den nachfolgenden Interviews seine Sicht auf diese Dinge darlegen zu können, das Interview mit Frau Dr. Klissenbauer fand im ORF am 27 Januar statt, Balázs, Clemens und ich waren dort anwesend. Und schon heute wurden die Ergebnisse auf religion.ORFat veröffentlicht.
Eine Übersicht über die Sendungen im ORF zu diesem Thema gibt es hier.
Hier folgt nun der heutige Artikel von religion.ORF.at mit dem Titel Wo atheistische Vereine ihren Auftrag sehen.
Die neue Studie „Was glaubt Österreich?“ zeigt, dass sich die Glaubens- und Wertelandschaft in Österreich verändert. Vertreter atheistischer Gemeinschaften in Österreich sind davon nicht überrascht. Im Interview mit religion.ORF.at erzählen sie, wo sie ihren Auftrag sehen.
Die repräsentative, vom Zukunftsfonds der Republik Österreich geförderte Studie „Was glaubt Österreich?“ ist Teil des gleichnamigen ORF-Projekts „Was glaubt Österreich?“, das von der ORF-Abteilung für Religion und Ethik initiiert wurde. Für die Studie des Forschungszentrums „Religion and Transformation in Contemporary Society“ der Universität Wien wurden im April und Mai insgesamt 2.160 Personen mit Wohnsitz in Österreich zwischen 14 und 75 Jahren zu ihren Glaubens-, Sinn- und Wertvorstellungen befragt.
Wie die Studie zeigt, verlieren religiöse Institutionen und nichtreligiöse Vereine Mitglieder, gleichzeitig haben aber Spiritualität und der Glaube für viele Menschen weiterhin eine große Bedeutung, wenn auch in veränderter Form. Wilfried Apfalter, Präsidiumsmitglied der Atheistischen Religionsgesellschaft in Österreich (ARG), erstaunt diese Entwicklung nicht: „Es gibt schon länger tiefgreifende Veränderungen im Bereich der Religionen.“ Darauf habe die ARG immer wieder hingewiesen und so etwa betont, dass sich „Religionsfreiheit und Religion auch atheistisch verwirklichen lassen“.
Sinnfragen „menschenzentriert beantworten“
Ähnlich fällt die Reaktion der Vertreter des Humanistischen Verbands Österreich aus: „Die Studie passt perfekt ins Bild, Deutschland, Schweiz und andere umliegende Länder haben dieselben Effekte“, sagt Balazs Barany, Vizepräsident des Humanistischen Verband Österreich (HVÖ).
Und weiter: „Wir vom HVÖ glauben, dass sogenannte Sinnfragen und andere grundlegende Fragen der menschlichen Existenz auch humanistisch, also menschenzentriert, beantwortet werden können.“ Beim HVÖ seien dementsprechend auch jene willkommen, die „ein spirituelles Bedürfnis haben und das aber zum Beispiel mit Staunen über das Universum füllen möchten.“
Diskussion um Transzendenzverständnisse
Wie Apfalter (ARG) betont, zeige gerade die Pluralisierung, die die Studie auch belegt, dass es aber mehr Auseinandersetzung auch um grundlegende Begrifflichkeiten bräuchte. So etwa darüber, was Transzendenz für Menschen heute bedeutet.
Häufig sei man bei derartigen Definitionen noch zu sehr auf ein christliches Verständnis fokussiert, obwohl etwa Transzendenz, so Apfalter, auch anders verstanden werden kann. Für ihn selbst, der sich als „weltoffenen Atheisten“ bezeichnet, hat Transzendenz etwas „mit Übersteigen bzw. Überschreiten zu tun“, es sei für ihn eine „Einladung zum Staunen und zur Dankbarkeit.“
Apfalter: Offenheit der Jungen „grundsätzlich positiv“
Wie die „Was glaubt Österreich?“-Studie zeigt, spielt Religion und Spiritualität für die Gruppe der 14 bis 25-Jährigen eine große Rolle. So gaben 30 Prozent der befragten 14 bis 25-Jährigen an, an Gott oder eine göttliche Wirklichkeit zu glauben. Einer der Studienautorinnen, der Religionswissenschaftlerin Astrid Mattes, zufolge gibt es in dieser Altersgruppe insgesamt eine große Offenheit Religionen gegenüber. Zum Teil werde sie aber auch als Lifestyle verstanden und praktiziert.
Apfalter sieht diese Entwicklung grundsätzlich positiv: „Soweit das in Richtung einer größeren Weltoffenheit geht, halte ich das für eine positive Entwicklung. Ich finde es gut, wenn junge Menschen Neugier gegenüber der Welt auch im Bereich von Religionen entwickeln.“ Gleichzeitig wolle man von Seiten der ARG alle, die offen sind, einladen sich auch die ARG „mit Offenheit anzuschauen“.
Steigende Mitgliederzahlen
Wie die Studie belegt, engagieren sich nur 40 Prozent der Befragten in Vereinen und Gemeinschaften abseits von Religion und Sport. Das Engagement in ehrenamtlichen Vereinen nimmt damit ab. Wie Andreas Gradert, Präsident des HVÖ erzählt sei beim HVÖ der Trend umgekehrt: „Wir wachsen seit vier oder fünf Jahren regelmäßig.“ Er nennt gegenüber religion.ORF.at 490 Mitglieder plus 1.200 ohne Stimmrecht.
Auch bei der ARG nehme die Zahl derer, die sich aktiv einbringen, zu, so Apfalter. Derzeit habe die ARG insgesamt 409 Mitglieder: „Unter unseren engagiertesten Mitgliedern sind auch solche, die als Atheistinnen und Atheisten in ihren Heimatländern Repressionen und Verfolgung ausgesetzt waren, die also schon existenziell Anderes erlebt haben.“
Säkulare Flüchtlingshilfe
Die ARG bemüht sich seit einigen Jahren um die gesetzliche Anerkennung der Gesellschaft und hat deshalb auch 2019 einen Antrag auf Eintragung als religiöse Bekenntnisgemeinschaft eingereicht. Wie Apfalter erzählt, sei es ihnen dabei wichtig, nicht nur Forderungen zu stellen, sondern auch selbst einen positiven Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.
Einer der „wertvollsten Beiträge“ sei derzeit ihr Bemühen, Atheisten und Atheistinnen, die in Österreich als religiös Verfolgte um Asyl ansuchen, zu unterstützen. Dabei arbeitet die ARG mit der Säkularen Flüchtlingshilfe Österreich zusammen. Neben der säkularen Flüchtlingshilfe wolle man zudem säkulare Seelsorge anbieten, um Menschen in schwierigen Situationen entsprechend zu begleiten.
Alte und neue Aufgaben für atheistische Vereine
Auch dem Austausch mit Andersgläubigen komme aus eben diesem Grund eine zentrale Rolle zu, wie Apfalter erklärt: Denn im Gespräch könne man auch immer den „eigenen Horizont erweitern“. Das sei „etwas ganz Wertvolles im Leben von Menschen, weil man sich dadurch auch entwickeln und verändern“ könne. „Vielleicht zum Besseren“, sagt Apfalter, „auch als Gesellschaft.“
Wie Clemens Lintschinger, Vorstand im Humanistischen Verband Österreich, erklärt ist das Hauptanliegen des HVÖ vor allem die Trennung von Staat und Religion: „Das ist uns wichtig und das nützt allen Menschen, auch allen religiösen.“ Zentral sei zudem der Einsatz für Demokratie und, wie Gradert betont, darauf zu achten, ob Menschenrechte eingehalten oder verletzt würden. Neue Entwicklungen in der Gesellschaft, wie sie etwa die „Was glaubt Österreich?“-Studie belegen, würden aber auch neue Aufgaben für Verbände wie den HVÖ deutlich machen.
Lintschinger: „Was wir jüngst beobachten, ist eine Hinwendung zur künstlichen Intelligenz.“ Manche Menschen würden, so Lintschinger, annehmen, dass Aussagen künstlicher Intelligenz unfehlbar und immer objektiv richtig sind. „Eine künstliche Intelligenz ist aber nicht objektiv, sie lebt von verzerrten Daten, von verzerrten Algorithmen und von verzerrten Ethikschleifen und Echokammern“. Der HVÖ sieht es als eine neue Aufgabe, Menschen darauf hinzuweisen, dass künstliche Intelligenz keine Ersatzreligion sei. Kritisches Denken sei vielmehr auch hier unabdingbar.
Was glaubt Österreich?
„Was glaubt Österreich?“ ist ein inter- und transdisziplinäres Projekt, das Forschung und Medienarbeit miteinander verschränkt. Im Rahmen des Projekts „Was glaubt Österreich?“ waren Journalisten und Journalistinnen der multimedialen ORF-Abteilung für Religion und Ethik in allen Bundesländern unterwegs und haben bei Jung und Alt, bei verschiedenen Einrichtungen, Berufsgruppen und Vereinen, Kirchen und Religionsgemeinschaften nachgefragt, was sie trägt, woran sie glauben und worin sie Sinn finden.
Die Interviews wurden wissenschaftlich begleitet und bildeten gemeinsam mit den Ergebnissen einer qualitativen Pilotstudie die Grundlage zur Entwicklung der Fragen für die repräsentative Studie, die im Frühling 2025 veröffentlicht wird. Der ORF-Abteilung für Religion und Ethik liegen die Ergebnisse bereits vor. Dass die Studie der Öffentlichkeit nicht schon vorliegt, sieht man beim HVÖ kritisch.
Regina Polak, eine der Studienautorinnen, hierzu: „Der Bericht zur Studie präsentiert derzeit primär Häufigkeitsauszählungen und wird aktuell noch um Details und theoretische Interpretationen ergänzt. Daher wird sie zur Gänze erst im Frühling veröffentlicht.“ Alle Informationen zu „Was glaubt Österreich?“ und alle Beiträge zum Projekt zum Nachhören, Nachschauen und Nachlesen sind in religion.ORF.at/wasglaubtoesterreich zu finden. Die Seite wird laufend ergänzt und weiterentwickelt.
Irene Klissenbauer, religion.ORF.at

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