Wenn Boulevardjournalismus Haltung ersetzt

Eine medienethische Vorbemerkung

Bevor über Kreuze, Gedenktafeln und angebliche Angriffe auf das christliche Erbe diskutiert wird, muss über Journalismus gesprochen werden. Genauer gesagt über dessen Abwesenheit. Die Berichterstattung der Kronen Zeitung zum Antrag auf eine Gedenktafel für Opfer religiöser Gewalt im Donaupark – dazu später – war nicht bloß einseitig, sie war medienethisch problematisch.

Zwei ausführliche Stellungnahmen von Seiten der NEOS wurden der Krone-Redaktion übermittelt. Beide enthielten klare Argumente, historische Einordnung und eine nachvollziehbare Begründung des Antrags. Abgedruckt wurden am Ende ausschließlich Zitate der ÖVP. Ohne Kennzeichnung, ohne Gegenposition, ohne journalistische Distanz. Das widerspricht grundlegenden Prinzipien journalistischer Berichterstattung, Ausgewogenheit, Trennung von Nachricht und Meinung, Fairness gegenüber den beteiligten Akteur:innen.

Journalismus hat nicht die Aufgabe, Macht zu bestätigen, sondern sie zu kontrollieren. Wer systematisch eine Seite ausblendet, betreibt keine Information, sondern Meinungsmache. Fast schon ironisch ist daher, dass ausgerechnet das kirchliche Domradio den Konflikt sachlicher, vollständiger und transparenter darstellt als Österreichs größtes Boulevardmedium. Wenn ein kirchlicher Sender journalistisch sauberer arbeitet als die Krone, sagt das alles über den Zustand des Boulevardjournalismus und nichts über die angebliche Radikalität des Antrags.

Das angeblich bedrohte christliche Erbe

Besonders entlarvend ist die in der Berichterstattung transportierte Behauptung, der Antrag schade dem christlichen Erbe. Diese Formulierung ist kein Argument, sondern ein rhetorischer Schutzschild. Sie setzt Kritik mit Zerstörung gleich und verwechselt Erinnerungskultur mit Feindseligkeit.

Ein kulturelles Erbe, das durch eine Gedenktafel für die Opfer religiöser Gewalt ins Wanken gerät, ist kein starkes Erbe. Wenn dieses Erbe Schaden nimmt, dann nicht durch säkulare Kontextualisierung, sondern durch seine eigene Geschichte, durch Inquisition, Hexenverfolgung, Verfolgung von Wissenschaft, systematische Unterdrückung von Frauen und Andersdenkenden. Das ist kein polemischer Vorwurf, sondern historischer Konsens.

Der moderne Humanismus besteht darauf, dass Geschichte nicht selektiv erzählt wird. Wer nur Kreuze sehen will, aber keine Scheiterhaufen, betreibt keine Tradition, sondern Verdrängung.

Worum es im Antrag tatsächlich geht

Der Antrag der NEOS mit dem Antragsteller Bezirksrat Paul Bauer (natürlich HVÖ-Mitglied) in der Bezirksvertretung Donaustadt ist bemerkenswert nüchtern formuliert.

Er fordert weder die Entfernung des Papstkreuzes noch dessen Relativierung oder Kommentierung im Sinne eines Gegensymbols.

Beantragt wird eine Prüfung, ob in unmittelbarer Nähe des bestehenden Glaubenssymbols eine Gedenktafel errichtet werden kann, mit einer klaren, knappen Inschrift:

Zum Gedenken an

  • Hypatia von Alexandria
  • Giordano Bruno,
  • Anna Göldi und
  • alle Opfer religiöser Gewalt.

Mehr nicht. Kein moralischer Rundumschlag, keine pauschale Religionskritik, kein kulturkämpferischer Gestus. Der Antrag anerkennt explizit die Existenz religiöser Traditionen im öffentlichen Raum, fordert aber deren historische und gesellschaftliche Einordnung. Genau das ist Aufgabe demokratischer Politik in einem säkularen Staat.

Die Begründung ist ebenso klar. Ein dominantes religiöses Symbol im öffentlichen Raum benötigt Kontext, um einen offenen, pluralistischen Raum zu gewährleisten. Die Gedenktafel soll daran erinnern, dass Freiheit des Denkens, Wissenschaft und Gleichberechtigung oft gegen religiöse Intoleranz erkämpft werden mussten. Wer darin einen Angriff erkennt, verwechselt Erinnerung mit Provokation und Kritik mit Feindschaft.


Ein Kreuz im Park, und was fehlt

Im Donaupark steht also ein Kreuz. Groß, weithin sichtbar, eindeutig religiös. Es erinnert an einen Papstbesuch und markiert den öffentlichen Raum mit einem spezifischen Glaubenssymbol. Das ist eine Tatsache, keine Provokation. Provokant ist vielmehr, dass dieser Raum bislang ohne jede kritische, historische oder gesellschaftliche Einordnung auskommt.

Der Antrag auf eine Gedenktafel in unmittelbarer Nähe des Papstkreuzes ist deshalb kein Angriff auf Religion. Er ist ein Beitrag zu einem säkularen, pluralistischen öffentlichen Raum. Er stellt eine einfache, aber notwendige Frage, welche Geschichten dürfen im öffentlichen Raum erzählt werden, und welche werden systematisch ausgeblendet.

Moderner Humanismus heißt erinnern, nicht beschönigen

Der moderne Humanismus ist keine Ersatzreligion und kein Harmonisierungsprojekt. Er basiert auf Vernunft, Wissenschaft, Menschenrechten und der klaren Einsicht, dass menschliche Würde nicht von Glaubenszugehörigkeit abhängt. Er ist historisch informiert und politisch wachsam. Und er nimmt zur Kenntnis, dass Religionen nicht nur Sinn gestiftet, sondern auch Gewalt legitimiert haben.

Wer religiöse Symbole im öffentlichen Raum verteidigt, ohne diese Geschichte mitzudenken, betreibt Geschichtsvergessenheit. Wer Kritik daran als Angriff diffamiert, betreibt Immunisierung. Eine Gedenktafel für Hypatia von Alexandria, Giordano Bruno, Anna Göldi und alle Opfer religiöser Gewalt ist deshalb kein symbolischer Luxus, sondern eine demokratische Selbstverständlichkeit.

Drei Namen, eine Struktur der Gewalt

Hypatia von Alexandria steht für die systematische Auslöschung weiblicher Bildung durch religiösen Fanatismus. Eine Philosophin und Mathematikerin, ermordet von einem christlichen Mob, weil Wissen und weibliche Autonomie als Bedrohung galten.

Giordano Bruno steht für die mörderische Allianz aus Dogma und Macht. Ein Denker, der ein unendliches Universum dachte und dafür von der Inquisition verbrannt wurde. Nicht trotz seines Denkens, sondern wegen seines Denkens.

Anna Göldi steht für religiös geprägte Justiz, für Aberglauben im institutionellen Gewand, für ein System, das Gewalt als Moral ausgab. Ihre Hinrichtung war kein Betriebsunfall, sondern Ausdruck einer Ordnung, die Abweichung mit Tod bestrafte.

Diese drei Namen stehen exemplarisch. Hinter ihnen stehen unzählige weitere, Ketzer:innen, Hexen, Atheist:innen, Dissident:innen. Der moderne Humanismus verweigert sich der bequemen Lüge, das alles habe mit der Gegenwart nichts mehr zu tun.

Öffentlicher Raum braucht Widerspruch

Ein Kreuz im Park ist kein neutraler Gegenstand. Es transportiert Macht, Geschichte und Deutungshoheit. Wer behauptet, es sei bloß ein religiöses Zeichen ohne politische Dimension, verkennt seine Wirkung. Gerade deshalb braucht es Widerspruch, Kontext und Gegenrede.

Eine Gedenktafel direkt beim Papstkreuz würde genau das leisten. Sie würde nichts entfernen, nichts verbieten, nichts canceln. Sie würde ergänzen, erklären und erinnern. Sie würde sichtbar machen, dass Religionsfreiheit ohne Freiheit von Religion nicht zu haben ist. Und dass Pluralismus mehr bedeutet als die Dominanz des historisch Mächtigeren.

Humanismus ist keine Feindseligkeit, sondern Verantwortung

Der Antrag aus der Bezirksvertretung Donaustadt ist Ausdruck moderner humanistischer Politik. Er sagt, Erinnerung ist keine Nebensache. Neutralität heißt nicht Schweigen. Und Toleranz endet dort, wo Gewaltgeschichte unsichtbar gemacht wird.

Ein säkularer Staat schuldet seinen Bürger:innen Ehrlichkeit. Auch über die dunklen Seiten religiöser Traditionen. Gerade dann, wenn diese Traditionen im öffentlichen Raum sichtbar sind. Die Gedenktafel wäre kein Schlussstrich, sondern ein Anfang. Für einen öffentlichen Raum, der Denken zulässt, Kritik aushält und Geschichte ernst nimmt.

Danke, Paul – mal sehen, was daraus wird…


Quellen

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