Wie mit Angst Kasse gemacht wird

Manchmal stoße ich beim Recherchieren auf einen Text, der sich festbeißt. Bei mir war es gestern der Satz: Das Geschäft mit der Angst – Telegram als Plattform für verschwörungstheoretische Monetarisierung und Mobilisierung in Österreich. Klingt sperrig. Aber ich blieb hängen, wollte wissen, ob da etwas dran ist.

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Forschungsbericht 250703

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Was mich besonders wütend macht: Dass viele das immer noch als harmlose Spinnerei abtun. Nein, das ist kein schrulliger Telegram-Kanal mit Aluhüten. Das ist ein Geschäftsmodell mit ideologischer Sprengkraft. Die Feindbilder sind klar, die Opfer ebenso. Und es ist höchste Zeit, das beim Namen zu nennen.

Deshalb habe ich die wichtigsten Punkte aus dem Bericht hier polemisch zusammengefasst – nicht aus Jux, sondern weil man dieser Maschinerie nur mit klarer Sprache begegnen kann.


Also willkommen im digitalen Jahrmarkt der Abgründe: Telegram ist längst nicht mehr nur Tummelplatz für Impfgegner:innen und QAnon-Jünger:innen, es ist eine bestens organisierte Verkaufsmaschine, ein Schwarzes Brett für Pseudowiderstand, ein Selfmade-Sekte-Kaufhaus, betrieben von rechten Influencer:innen, esoterischen Heiler:innen und pseudomedizinischen Goldgräber:innen. Wer glaubt, hier gehe es noch um politische Überzeugung, verkennt das eigentliche Geschäftsmodell: Angst verkauft sich. Und zwar hervorragend.

Angst als Währung, Lügen als Produkt

Der aktuelle Bericht der Bundesstelle für Sektenfragen legt offen, was viele längst vermutet haben: Die Telegram-Parallelwelt ist keine Protestbewegung, sie ist ein Verkaufsraum. Eine verzweifelte Öffentlichkeit wird hier systematisch destabilisiert, um Klicks, Coins und Kundschaft zu generieren.

Die Betreiber:innen dieser Kanäle schüren Misstrauen: gegen Wissenschaft, gegen Medien, gegen jede Form von demokratischer Ordnung. Die Unsicherheit ist Teil des Plans, denn Unsicherheit verkauft. Und zwar Produkte wie Chlordioxid (Wundermittel gegen alles), pseudomedizinische Globuli, Kopp-Verlag-Fantasyliteratur, Survival-Kits, Krisenratgeber oder einfach: das gute alte Spendet jetzt, sonst schweigen wir für immer.

Vom Freiheitskämpfer zum Verkaufsprofi

Viele der lautesten Stimmen aus der Corona-Zeit haben längst erkannt, wo das wahre Geld liegt. Zwischen Juni 2023 und Juni 2024 wurden mehr Spenden- und Verkaufsaufrufe gepostet als politische Inhalte. Es war der Moment, in dem der Widerstand endgültig zum Online-Shop wurde.

Bezeichnend ist: Die Spendenaufrufe machen rund ein Drittel aller Telegram-Aktivitäten in diesem Milieu aus, fast doppelt so häufig wie Demonstrationsaufrufe. Und während politische Mobilisierung seit den Lockdown-Zeiten abnimmt, wird das Geschäftsmodell immer ausgefeilter. Professionell gestaltete Posts mit IBAN, QR-Codes, Patreon-Links, Bonusangeboten, und natürlich: dramatischen Formulierungen wie Nur mit deiner Hilfe können wir überleben.

Willkommen in der Telegram-Mall

Telegram fungiert dabei als zentraler Marktplatz. Der Bericht nennt es eine stabilisierte Gegenöffentlichkeit mit eigener Infrastruktur, eigenem Markt und eigenem Weltdeutungsangebot. Die bekanntesten Player? AUF1 und der Kopp-Verlag, rechte Plattformen, die nicht nur ideologisch hetzen, sondern auch ganz praktisch verkaufen. Die Shop-Links sind omnipräsent, die Angebote bizarr: Magnetketten gegen 5G, Entgiftungssäfte gegen die Impf-Lüge, Kopp-Bücher gegen die Realität.

Und das ist noch nicht alles. Coaching-Formate (Wie werde ich frei von Systemzwang), Energetik-Angebote (Reinige dein Karma per Videokonferenz) oder Finanzakademien für Jugendliche, die lieber Bitcoin-Networking machen als zur Schule zu gehen. Viele davon agieren mit Methoden aus dem Schneeballsystem, ökonomisch dubios, ideologisch gefährlich.

Die Szene schützt sich selbst

Auffällig: Selbst wenn Skandale aufkommen, etwa nicht deklarierte Einnahmen, missbräuchlich verwendete Spendengelder oder gesundheitsgefährdende Produktempfehlungen, bleibt es in der Szene still. Statt Distanzierung gibt es Schulterklopfen, statt Kritik Solidarität. Der Bericht spricht von einer Kultur des Schweigens und gegenseitiger Rückendeckung. Hauptsache, die Einnahmen stimmen.

Wer Angst säht, will ernten

Die Methode ist immer dieselbe: Ein neues Thema (Impfung, WHO, Bargeldabschaffung, Blackout) wird zum globalen Plan stilisiert. Daraus entsteht Angst. Diese Angst wird in Produkte verwandelt, seien es Bücher, Kristalle, Nahrungsergänzungsmittel oder Zugang zu exklusiven Inhalten. Das ist keine Informationsarbeit, das ist Verkaufsrhetorik mit Heiligenschein.

Kein Randphänomen, sondern strukturierte Desinformation

Man sollte sich keine Illusionen machen: Was hier geschieht, ist keine schrullige Esoterik. Es ist politisch wirksam, finanziell lukrativ und demokratiezersetzend. Der Bericht spricht von einer klaren Verknüpfung von politischer Mobilisierung und kommerzieller Verwertung. Und: Die gefährlichsten Kanäle sind meist jene, die beides tun, agitieren und verdienen.

Zeit zu handeln

Die Bundesstelle fordert zu Recht:

  • Kontinuierliches Monitoring dieser Telegram-Netzwerke,
  • gesetzlich geregelte Transparenzpflicht für digitale Spenden und Shops,
  • klare Auflagen für Plattformbetreiber:innen,
  • und eine umfassende politische Bildung, die junge Menschen immunisiert gegen die billige Rhetorik der Panikmacher:innen.

Denn was hier geschieht, ist keine harmlose Meinungsvielfalt, es ist ein Angriff auf die Aufklärung, mit Rechnung.

Und was können wir tun?

Hinschauen, nachfragen, widersprechen. Niemand muss Telegram löschen, aber alle sollten wissen, was dort läuft. Und wer glaubt, dass Widerstand mit einem IBAN-Link beginnt, sollte sich ernsthaft fragen, wer hier eigentlich wen benutzt.


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