Der Fall Toni Faber

Eigentlich geht mich das nun wirklich nichts an.

Ich bin weder katholisch noch Teil dieser Institution. Ob Priester heiraten dürfen, Beziehungen führen oder zölibatär leben wollen, müssten erwachsene Menschen in einer freien Gesellschaft selbst entscheiden können.

Doch heute bin ich – wieder einmal – über rau im STANDARD gestolpert (Rauschers Kommentar), der sich mit dem Rückzug oder besser: mit dem rückgezogen werden des Wiener Dompfarrers Toni Faber beschäftigt, Gottes österreichischem Pressesprecher.

Der Artikel argumentiert im Wesentlichen, dass der verpflichtende Zölibat heute kaum noch überzeugend begründbar sei und dass Fabers fürchterlicher Fehler offenbar darin bestand, seine Beziehung zu offen zu leben.

Wow, es ist nun auch beim Standard angelangt, was Freidenker / Humanisten seit dem 20. Februar 1887 organisiert und vorher schon unorganisiert versuchen zu erklären.

Ja, stimmt, aber das greift immer noch viel zu kurz. Die katholische Kirche wirkt in der Zölibatsfrage mittlerweile wie ein System, das weniger an moralischer Wahrheit interessiert ist als an kontrollierter Heuchelei.

Der Fall Toni Faber zeigt das. In aller Deutlichkeit.

Denn das eigentliche Problem war offenkundig nicht, dass Toni Faber eine Beziehung führt. Das weiß in kirchlichen Kreisen seit Jahrzehnten praktisch jeder. Beziehungen, Affären, heimliche Partnerinnen, Doppelleben – all das gehört längst zur informellen Realität des katholischen Apparats. Das Problem war vielmehr, dass Faber aufhörte, so zu tun, als gäbe es diese Realität nicht, er hat den inoffiziellen Deal verletzt:

Genau darin liegt die moralische Verkommenheit des Systems: Die Kirche verteidigt offiziell eine angeblich höhere Sexualmoral, duldet aber gleichzeitig deren systematische Umgehung, solange sie diskret bleibt. Nicht Ehrlichkeit wird belohnt, sondern Verschweigen. Nicht Wahrhaftigkeit schützt Karrieren, sondern Anpassung an die kollektive Inszenierung.

Das ist keine moralische Autorität.
Das ist organisierte Doppelmoral.

Besonders unerquicklich wird das angesichts der historischen Realität der katholischen Kirche selbst. Eine Institution, die über Jahrzehnte sexuellen Missbrauch vertuscht hat, die Täter geschützt, Akten verschwinden ließ und Opfer marginalisierte, will erwachsenen Menschen weiterhin erklären, wie sie ihre Sexualität zu leben hätten? Teufel aber auch…

Und ausgerechnet dort gilt: Ein Priester mit offen gelebter Beziehung wird zum Problemfall, ein System jahrzehntelanger Vertuschung hingegen bleibt institutionell erstaunlich stabil?

Diese Schieflage ist kaum noch vermittelbar.

Der Pflichtzölibat ist ein Relikt aus einer autoritären Epoche, in der Kontrolle über Körper, Sexualität und intime Beziehungen als Machtinstrument funktionierte. Historisch war er nie zwingender Kern christlicher Spiritualität. Er war vor allem ein kirchenpolitisches Disziplinierungsmodell.

Die frühen christlichen Gemeinden kannten verheiratete Geistliche. Erst viele Jahrhunderte später wurde Ehelosigkeit systematisch zur Pflicht gemacht. Nicht zuletzt auch deshalb, weil unverheiratete Priester einfacher kontrollierbar waren und keine Erbansprüche auf kirchliches Vermögen entstanden. Aber:

  • Konzil von Elvira (ca. 306):
    Einer der ersten bekannten Versuche, sexuelle Enthaltsamkeit für Kleriker zu normieren.
  • Erstes Laterankonzil (1123) und
  • Zweites Laterankonzil (1139).
    Entscheidende Schritte zur verpflichtenden Ehelosigkeit westlicher Priester.

Der Zölibat war also nie bloß geistliche Hingabe, er war immer auch Machttechnik.

Und genau deshalb verteidigen konservative Kräfte ihn bis heute so erbittert: weil mit seiner Aufweichung nicht nur eine Lebensform infrage steht, sondern ein ganzes autoritäres Kirchenverständnis.

Aus humanistischer Sicht ist die Sache vergleichsweise einfach: Menschen brauchen emotionale Nähe, Beziehungen, Sexualität, Bindung und Ehrlichkeit. Daraus entsteht psychische Stabilität – nicht aus lebenslanger Unterdrückung grundlegender Bedürfnisse unter Androhung institutioneller Sanktionen.

Natürlich gibt es Menschen, die freiwillig ehelos leben möchten. Dagegen ist nichts einzuwenden. Problematisch wird es dort, wo eine Institution daraus eine verpflichtende Bedingung macht, obwohl sie gleichzeitig weiß, dass ein erheblicher Teil ihrer Funktionäre diese Vorgabe real gar nicht lebt.

Dann entsteht ein System permanenter Verstellung.

Und genau diese Kultur der Verdrängung ist gefährlich. Nicht weil der Zölibat automatisch Missbrauch erzeugt – das wäre zu simpel –, sondern weil Systeme, die auf Tabuisierung, sexueller Unreife, Gehorsam und Doppelleben beruhen, strukturell anfälliger für Machtmissbrauch werden.

Die Kirche befindet sich deshalb längst in einem Widerspruch, den sie kaum noch auflösen kann: Sie fordert moralische Glaubwürdigkeit ein, organisiert aber intern vielfach moralische Simulation.

Der Fall Toni Faber ist daher weniger ein persönliches Drama als ein Symptom. Er zeigt, wie erschöpft dieses System inzwischen ist. Nicht der Priester, der ehrlich lebt, gefährdet die Glaubwürdigkeit der Kirche. Gefährlich ist eine Institution, die Ehrlichkeit bestraft und Heuchelei verwaltet.

Das ist verwerflich. Und lässt mich einen offenen Brief an Toni Faber schreiben, der das alles zusammenfasst.


Dompfarrer Toni Faber
Stephansplatz 3
1010 Wien

Offener Brief an Dompfarrer Toni Faber

Sehr geehrter Herr Faber,

es ist bemerkenswert, dass im Jahr 2026 ein erwachsener Mann noch immer institutionelle Konsequenzen dafür tragen muss, dass er offen zu einer Beziehung steht.

Nicht die Beziehung selbst scheint das eigentliche Problem gewesen zu sein, sondern die fehlende Bereitschaft, sie weiterhin diskret hinter einer kirchlich erwarteten Fassade zu verstecken. Vielleicht zeigt genau das, wie erschöpft dieses System inzwischen ist.

Der Humanismus betrachtet Menschen nicht als Wesen, die sich durch Unterdrückung ihrer Emotionalität und ihrer Beziehungen moralisch erhöhen sollen. Er betrachtet sie als soziale Wesen mit Bedürfnissen nach Nähe, Ehrlichkeit, Bindung und Selbstbestimmung.

Deshalb hier ein durchaus ernst gemeintes Angebot:

Falls Sie irgendwann genug davon haben sollten, Ihre persönliche Lebensrealität permanent mit institutionellen Erwartungen in Einklang bringen zu müssen, finden Sie bei uns Humanist:innen vermutlich ein deutlich ehrlicheres Umfeld.

Dort dürften Sie Ihre Beziehung nicht nur leben, sondern auch als das behandeln, was sie menschenrechtlich ist: Ausdruck persönlicher Freiheit und menschlicher Würde.

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte schützt in

  • Artikel 1 die gleiche Würde aller Menschen.
  • Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention schützt das Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens.
  • Artikel 12 schützt Privat- und Familienleben vor willkürlichen Eingriffen.
  • Artikel 16 anerkennt das Recht erwachsener Menschen, Beziehungen und Familie frei einzugehen.

Es wirkt zunehmend widersprüchlich, wenn ausgerechnet eine Institution, die permanent über Moral und Ethik Worthülsen ausstösst, erwachsene Menschen dafür sanktioniert, dass sie Nähe, Partnerschaft und emotionale Ehrlichkeit öffentlich leben.

Dort, wo Humanismus ernst genommen wird, gilt Ehrlichkeit nicht als Karriererisiko. Dort muss niemand Liebe verstecken, um institutionell akzeptiert zu bleiben. Dort könnte Ihre offenkundige Fähigkeit zur Seelsorge, zum öffentlichen Dialog und zum Umgang mit Menschen vielleicht sogar sinnvoller eingesetzt werden als in einer Institution, die noch immer erhebliche Energie darauf verwendet, menschliche Normalität zu verwalten.

Der Aufbau einer Humanistischen Seelsorge in Österreich wartet unter anderem auf Sie!

Wer sich ernsthaft für Menschen interessiert, muss sich nicht lebenslang einem mittelalterlichen Disziplinierungsmodell unterwerfen. Menschenrechte, Humanität, Mitgefühl und gesellschaftliche Verantwortung brauchen keine Pflicht-Ehelosigkeit als Voraussetzung.

Und vielleicht wäre das am Ende sogar die ehrlichere Form von Berufung.

Mit humanistischen Grüßen

Dr. Andreas Gradert
Humanist

5 Kommentare

  1. Edith Hirschmann sagt:

    Dem ist nichts hinzuzufügen!
    Wunderbarer Text.

    Edith Hirschmann

  2. Dr. Gerhard Engelmayer sagt:

    Hier schreibt jemand einen Brief an Toni Faber im Namen von Humanisten, der nicht nur keinen Titel dazu hat, sondern auch Humanisten generell der Lächerlichkeit preisgibt, wenn man einem Mann wie Faber anbietet, als „humanistischer Seelsorger“ zu arbeiten, ohne auch nur den Hauch einer Ressource dafür zu haben. Ich habe mich als Ex-Präsident der Humanisten für diese peinliche Entgleisung bei ihm entschuldigt, als ich ihn vor ein paar Tagen traf. Ich habe ihn über die spezielle psychotische Situation informiert, die jemanden, der eben wegen Unehrlichkeit aus dem Verband der Humanisten hinausgeworfen wurde, dazu treibt, einen solchen Brief zu schreiben, in dem das Wort „Ehrlichkeit“ gefühlte 20mal vorkommt. Er sagte, dass er gar keinen solchen Brief bekommen hat.

    Wer Toni Faber kennt, weiß, wie tief er von Jugend an in der Kirche verwurzelt ist und erkennt schnell die lächerliche Absicht, wenigstens ein bisschen an der ungemein hohen Popularität dieses Mannes mitzunaschen und sich dadurch ein ärmliches Körberlgeld zu verdienen. Wer objektiv und ehrlich an die Sache herangeht, könnte auch feststellen, dass die Heuchelei in der Kirche nichts Neues ist, dass aber Fortschritte festzustellen sind, insofern, als der Fall Hubertus Mynarek vor rund 50 Jahren noch ganz anders von der Kirche abgehandelt wurde. Mynarek, den ich gut kannte, war gesellschaftlich und ökonomisch von der Kirche fertig gemacht worden und hat bis zu seinem Tod vor ein paar Jahren sehr unter den Konsequenzen des Falles gelitten.

    Dr. Gerhard Engelmayer

    • Lieber Gerhard,

      interessant finde ich an Deinem Kommentar vor allem einen Widerspruch.

      Du bestätigst einerseits ausdrücklich, dass die Kirche im Fall Hubertus Mynarek wesentlich härter und rücksichtsloser vorgegangen ist als heute. Du schreibst selbst von Heuchelei in der Kirche und davon, dass Fortschritte festzustellen seien.

      Damit bestätigst Du im Kern genau den Gegenstand meines Artikels: Es gibt ein Problem, und es gab dieses Problem schon vor Jahrzehnten.

      Der Unterschied zwischen uns scheint lediglich darin zu liegen, dass Du die Entwicklung als ausreichend betrachtest, während ich sie weiterhin für kritikwürdig halte.

      Darüber hinaus enthält Dein Kommentar mehrere Unterstellungen, die mit dem tatsächlich Geschriebenen wenig zu tun haben.

      Erstens behauptest Du, ich hätte Toni Faber angeboten, als „humanistischer Seelsorger“ zu arbeiten. Tatsächlich lautete mein Satz:

      „Der Aufbau einer Humanistischen Seelsorge in Österreich wartet unter anderem auf Sie!“

      Das ist weder ein Stellenangebot noch eine Funktionszusage noch ein Arbeitsvertrag. Es ist eine rhetorische Einladung, sich an einer Idee zu beteiligen. Wie daraus plötzlich eine konkrete Anstellung mit Ressourcen, Budget und Organisationsbeschluss wird, erschließt sich mir nicht.

      Zweitens bemängelst Du, ich hätte „keinen Titel dazu“.

      Welchen Titel braucht man denn, um einen humanistischen oder säkularen Text zu schreiben?

      Soweit ich weiß, ist der Humanismus keine Kirche mit Lehramt, keine Partei mit Sprachregelung und keine Hierarchie, in der nur Funktionäre sprechen dürfen. Argumente werden nicht dadurch richtig oder falsch, dass jemand einen Titel, eine Funktion oder ein Amt besitzt. Sie stehen oder fallen mit ihrem Inhalt.

      Genau deshalb handelt es sich hier um einen klassischen Autoritätsfehlschluss: Statt über die Argumente zu diskutieren, wird zunächst die Legitimation des Sprechenden infrage gestellt.

      Falls Humanismus tatsächlich davon abhängen sollte, wer gerade welchen Titel trägt, dann wären wir gedanklich näher an einer Kirche als an einer freien Weltanschauung.

      Drittens unterstellst Du Motive, psychische Zustände und persönliche Beweggründe. Ob ich angeblich „mitnaschen“ möchte, ein „Körberlgeld“ suche oder von welcher inneren Verfassung Du ausgehst, trägt zur Diskussion über den Zölibat exakt nichts bei. Es ersetzt die Auseinandersetzung mit Argumenten durch Spekulationen über Personen.

      Bemerkenswert finde ich allerdings auch, dass Du Dich veranlasst sahst, Dich bei Toni Faber für einen Text zu entschuldigen, den nicht Du, sondern ich geschrieben habe. Das wirkt fast so, als würdest Du für Dich eine Art Deutungshoheit darüber beanspruchen, wer sich öffentlich humanistisch äußern darf und wer nicht. Genau eine solche Autoritätsstruktur lehne ich allerdings ab, und jede:r von mir befragte Humanist:in auch. Dort gibt es keinen Rückhalt für Dich.

      Die eigentliche Frage bleibt nämlich unverändert:

      Warum wirkt eine offen gelebte Beziehung eines Priesters im Jahr 2026 noch immer institutionell problematischer als die jahrzehntelange stillschweigende Duldung genau jener Lebensrealität, die offiziell gar nicht existieren sollte?

      Darauf würde mich Deine Antwort tatsächlich interessieren.

    • Statistik
      Und ganz so dumm kann der Beitrag nun auch nicht gewesen sein, er wurde mehr als 0.28 Millionen mal gelesen, 148 mal geteilt (mal 342, laut https://www.merz-zeitschrift.de/article/view/921, also noch einmal 50.000), 33.000 mal hat eine Interaktion stattgefunden…

    • Manuela Portak sagt:

      Da haben sie sicherlich nur den Teil gelesen, den sie lesen wollten, und mir bleibt, ihnen die erneute Lektüre dieses hervorragenden Artikels zu empfehlen.

      Der Text ist deutlich kirchenkritisch, aber gegenüber Toni Faber selbst überwiegend wohlwollend.    &nbsp
      Er stellt ihn nicht als Täter / Heuchler dar, sondern eher als jemanden, der an den Widersprüchen seines Systems scheitert.
      Die eigentliche Zielscheibe ist die Institution, nicht die Person Faber.

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