Zertifikatsprogramm Digitaler Humanismus
Einleitung
In einer Zeit rasanter technologischer Entwicklungen von Künstlicher Intelligenz über Big Data bis hin zu digitaler Automatisierung verändern sich die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen unseres Lebens grundlegend. Digitalisierung eröffnet ungeheure Chancen, zugleich wirft sie Fragen auf: Wie gelingt ein verantwortungsbewusster Umgang mit Algorithmen, Daten und digitalen Infrastrukturen? Wie kann Technologie so gestaltet werden, dass sie den Menschen dient, statt ihn zu entfremden?
Der Zertifikatslehrgang Digitaler Humanismus an der Fachhochschule des BFI Wien verbindet philosophische Reflexion mit konkret anwendbaren Werkzeugen, um die digitale Transformation nicht technisch, sondern ethisch und menschenorientiert zu gestalten. Teilnehmende lernen, wie digitale Systeme so ausgerichtet werden können, dass Werte wie Würde, Gerechtigkeit und Demokratie gewahrt bleiben — und wie Innovation, Kreativität und Mitbestimmung in digitalen Kontexten gefördert werden.
Was ist Digitaler Humanismus?
Digitaler Humanismus ist eine Haltung und multidisziplinäre Perspektive, die sich darum bemüht, technologische Entwicklungen nicht isoliert aus Effizienz-, Profit- oder Innovationsgesichtspunkten zu betrachten, sondern sie in einen umfassenderen Rahmen einzuordnen: ethisch, sozial, politisch, kulturell und menschlich. Dabei geht es nicht darum, Technologie abzulehnen, sondern sie bewusst zu gestalten und deren Auswirkungen kritisch zu reflektieren.
Kernprinzipien sind unter anderem:
- Menschenwürde und Autonomie
- Gerechtigkeit und Teilhabe
- Transparenz und Verantwortung
- Vertrauen und Urteilskraft
- Kreativität, Ko-Kreativität und Multimodale Kompetenz
Aufgaben des Digitalen Humanismus
Die Aufgaben des Digitalen Humanismus lassen sich in mehreren Feldern beschreiben:
- Ethische Reflexion und Orientierung bieten
Digitaler Humanismus sorgt dafür, dass bei Innovationen und Einsatz digitaler Systeme immer auch Fragen nach Werten, Folgen und Verantwortung mitgedacht werden. - Gestaltung und Steuerung von Technologie
Nicht nur kritisieren, sondern mitgestalten: Technologien, Prozesse und digitale Infrastrukturen so entwickeln, dass sie menschenfreundlich sind — z. B. barrierefrei, inklusiv, transparent. - Förderung von kritischer Kompetenz
Menschen befähigen, digitale Technologien zu verstehen, ihre Chancen und Risiken abzuschätzen, eigenständig und kritisch Urteile zu fällen. - Gesellschaftliche Teilhabe sicherstellen
Damit nicht nur wenige über digitale Entwicklungen entscheiden, sondern möglichst breite Gruppen Einfluss haben: Politik, Verwaltung, Unternehmen, Bürgerinnen und Bürger. - Balance zwischen Innovation und Regulierung
Technische Innovationen fördern, ohne die ethischen, sozialen oder demokratischen Prinzipien zu vernachlässigen. Regulierungen und Normen können hier eine wichtige Rolle spielen.
Fähigkeiten (Kompetenzen) des Digitalen Humanismus
Um seine Aufgaben erfüllen zu können, benötigt Digitaler Humanismus verschiedene Kompetenzen:
| Kompetenzbereich | Beschreibung |
|---|---|
| Ethik- & Wertewissen | Verständnis ethischer Theorien, Prinzipien wie Gerechtigkeit, Autonomie, Vertrauen, Verantwortung. |
| Technologische Grundkenntnisse | Wissen über KI, Daten, Algorithmen, digitale Systeme — nicht unbedingt im Detailprogrammieren, aber Verstehen, wie sie wirken. |
| Multimodale Kompetenz | Umgang mit unterschiedlichen Medienformen, Interfaces, Datenvisualisierung und Interpretation – auch ästhetisch und interaktiv. |
| Kritisches Denken & Urteilsfähigkeit | Fähigkeit, Behauptungen und Versprechen im digitalen Bereich zu hinterfragen (z. B. Transparenz, Bias, Algorithmische Verzerrung). |
| Ko-Kreativität & Gestaltungskompetenz | In Prozessen mitzuarbeiten, in denen Technologie mitgestaltet wird — partizipative Methoden, Design Thinking, partizipative Governance etc. |
| Soziale und kommunikative Kompetenz | Dialogbereitschaft, Fähigkeit zur Vermittlung zwischen Technik, Politik, Gesellschaft; interdisziplinäres Arbeiten. |
| Regulatorisches und politisches Verständnis | Kenntnis von rechtlichen Rahmenbedingungen, politischen Diskursen, Datenschutz, EU-Regulierungen etc. |
Grenzen des Digitalen Humanismus
So wichtig und notwendig Digitaler Humanismus auch ist — er stößt an verschiedene Grenzen, die man kennen und reflektieren muss:
- Komplexität und Unsicherheit
Digitale Technologien sind oft sehr komplex, ihre Wirkungen vielfach vernetzt und nicht voll prognostizierbar. Ethische Bewertungen sind daher oft kontextabhängig und nicht universal gültig. - Wirtschaftliche, politische und institutionelle Zwänge
Unternehmen und Institutionen sind nicht immer offen für langsame, partizipative Prozesse oder ethische Abwägungen, besonders wenn kurzfristiger Profit, Effizienz oder Wettbewerb dominieren. - Ungleichheiten und Machtverhältnisse
Wer gestaltet Technologie, wer profitiert? Ungleiche Zugänge zu Ressourcen, Wissen und Macht können dazu führen, dass digitale Humanismus-Ideale nicht umgesetzt werden oder sogar zur Legitimierung von bestehender Ungleichheit beitragen. - Kulturalistische und normative Konflikte
Werte sind nicht universell gleich; unterschiedliche Kulturen, Gesellschaften und Individuen haben unterschiedliche Auffassungen darüber, was „menschlich“ ist oder was „das Gute“ in der digitalen Sphäre darstellt. - Technologische Beschränkungen
Technologien haben inhärente Grenzen: etwa in Bezug auf Vorurteile (Bias), Black-Box-Probleme, Fehlerhaftigkeit, Energieverbrauch, Datensicherheit, Privatsphäre. Diese Grenzen müssen anerkannt sein, nicht idealisiert werden. - Ressourcen- und Zeitaufwand
Ethik, Partizipation und Gestaltung brauchen Zeit, Expertise und oft mehr Ressourcen als rein technikorientierte Projekte. Es besteht die Gefahr, dass humanistische Ansätze als „nice to have“ abgetan werden, wenn Kosten und Aufwand betrachtet werden.
Digitaler Humanismus in verschiedenen Bereichen
Bildung: Kritische Medien- und Digitalkompetenz
In Schulen und Hochschulen wird zunehmend Wert darauf gelegt, nicht nur technisches Know-how zu vermitteln, sondern auch Reflexion über digitale Inhalte und Strukturen.
- Beispiel Österreich: Im Unterrichtsfach „Digitale Grundbildung“ werden Schüler:innen in den Bereichen Medienkompetenz, Datenschutz, Fake News und ethische Fragen geschult.
- Internationale Perspektive: Programme wie „Digital Literacy“ in Finnland oder das UNESCO-Projekt zu „Media and Information Literacy“ stellen den Menschen in den Mittelpunkt, indem sie kritisches Denken, Informationsbewertung und Selbstbestimmung fördern.
Der digitale Humanismus wirkt hier, indem Bildungseinrichtungen nicht allein auf „digitale Skills“ abzielen, sondern auf Mündigkeit, Urteilskraft und Teilhabe.
Verwaltung: Transparenz und Partizipation
Öffentliche Verwaltungen nutzen digitale Werkzeuge zunehmend für Bürger:innenbeteiligung, Transparenz und demokratische Kontrolle.
- Open Data Initiativen: Städte wie Wien oder Barcelona stellen Daten öffentlich zugänglich zur Verfügung, damit Bürger:innen und NGOs politische Maßnahmen nachvollziehen und selbst Anwendungen entwickeln können.
- Digitale Bürger:innenbeteiligung: Plattformen wie „Decidim“ (Barcelona) ermöglichen es, politische Entscheidungen online partizipativ zu gestalten, Vorschläge einzubringen und Abstimmungen transparent zu verfolgen.
Hier zeigt sich Digitaler Humanismus, indem technologische Möglichkeiten so genutzt werden, dass sie demokratische Prozesse nicht nur beschleunigen, sondern auch vertiefen.
Arbeitswelt: Fairness und Verantwortung
Digitale Transformation verändert Arbeitsprozesse, bringt Chancen, aber auch Gefahren.
- Responsible AI in HR: Unternehmen wie IBM oder SAP entwickeln Systeme für Bewerber:innenauswahl und Mitarbeiter:innenmanagement, die Algorithmen auf Bias überprüfen.
- Mitbestimmung durch digitale Tools: In einigen Betrieben setzen Betriebsräte digitale Plattformen ein, um Beschäftigte in Entscheidungsprozesse einzubeziehen.
Humanistische Ansätze wirken hier als Schutzschild gegen entmenschlichte Prozesse: Transparenz, Fairness und Einbindung der Betroffenen stehen im Vordergrund.
Gesundheit: Mensch im Zentrum der digitalen Medizin
E-Health, Telemedizin und KI in der Diagnostik bringen enorme Fortschritte, bergen aber auch Risiken in Bezug auf Datenschutz und Autonomie.
- Telemedizinische Sprechstunden ermöglichen gerade in ländlichen Regionen Zugänge zu ärztlicher Betreuung, die sonst fehlen würden.
- Patient:innenzentrierte Plattformen wie „MyHealthData“ in den USA oder die EU-Initiativen zur elektronischen Patientenakte legen Wert auf Datenkontrolle durch die Betroffenen.
Digitaler Humanismus wird hier konkret, wenn die Technologien nicht allein auf Effizienz und Kostensenkung abzielen, sondern die Selbstbestimmung der Patient:innen sichern.
Künstliche Intelligenz: Fairness, Erklärbarkeit, Regulierung
KI ist das zentrale Feld, in dem Digitaler Humanismus besonders gefordert ist.
- EU AI Act: Die Europäische Union setzt mit ihrem Rechtsrahmen Maßstäbe, um menschenzentrierte KI durchzusetzen – etwa durch Anforderungen an Transparenz, Risikoabschätzung und Verbot bestimmter Hochrisiko-Anwendungen.
- Responsible AI Labs an Universitäten wie Stanford oder TU Wien entwickeln Methoden, um Algorithmen fairer und erklärbarer zu machen.
- Bias-Prüfungen: Unternehmen wie Google oder Microsoft haben Ethik-Richtlinien und Teams für „AI Fairness“ eingerichtet, um Verzerrungen und Diskriminierungen systematisch zu erkennen und zu minimieren.
Hier zeigt sich: Digitaler Humanismus setzt Grenzen, um Machtmissbrauch zu verhindern, und fordert eine Gestaltung, die Menschenwürde, Fairness und Inklusion wahrt.
Kultur und Medien: Zugänglichkeit und Vielfalt
Auch in Kunst, Kultur und Medien zeigt sich der digitale Humanismus:
- Digitale Archive und Open Access (z. B. Europeana) machen Kulturerbe frei zugänglich.
- Barrierefreie Angebote in Streaming-Plattformen (Untertitel, Audiodeskriptionen) stärken die Teilhabe von Menschen mit Behinderung.
- Algorithmenkritik in sozialen Medien: NGOs und Forschungsprojekte untersuchen, wie Empfehlungsalgorithmen Filterblasen verstärken – und entwickeln Konzepte, wie Vielfalt und demokratischer Diskurs digital gefördert werden können.
Studiengangsleitung

Mag. Dr. Alexander Schmölz, BA ist Professor für Digitalen Humanismus an der Fachhochschule des BFI Wien, Chefredakteur der Fachzeitschrift Digital Culture & Education (DCE) und Researcher-in-Residence bei fit4internet. Forschungsschwerpunkte: Humanismus und Digitalisierung mit besonderem Fokus auf Governance, Inklusion, Ko-Kreativität und digitale Kompetenzen sowie die Ermöglichung und Behinderung pädagogischer und politischer Aspekte.

Pia-Zoe Hahne, BA MSc forscht zum Thema Digitaler Humanismus an der Fachhochschule des BFI Wien und ist Doktorandin an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien. Sie ist außerdem Mitglied des Redaktionsbeirats der Fachzeitschrift Digital Culture and Education. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Technikphilosophie, KI-Ethik und die Beziehung zwischen gesellschaftlichen Akteuren und künstlicher Intelligenz.
Digitaler Humanismus ist also kein abstraktes Schlagwort, sondern ein Ansatz, der in Bildung, Verwaltung, Wirtschaft, Medizin, Kultur und Technik ganz konkret wirkt. Immer dann, wenn digitale Technologien nicht nur auf Funktionalität und Effizienz reduziert, sondern nach ihren Folgen für das menschliche Leben, die Gesellschaft und die Demokratie beurteilt und gestaltet werden, wird er praktisch umgesetzt.
Digitalisierung ist längst kein fernes Zukunftsthema mehr, sondern prägt unseren Alltag, unsere Arbeit, unsere Politik und unser Zusammenleben. Ob in Fragen der Demokratie, der sozialen Gerechtigkeit, der Teilhabe oder der Selbstbestimmung – überall wird sichtbar, dass Technologien nicht neutral sind, sondern unsere Werte, Strukturen und Entscheidungen beeinflussen.
Gerade deshalb braucht es Humanist:innen, die bereit sind, diese Entwicklungen kritisch zu begleiten, mitzugestalten und Orientierung zu bieten. Der Zertifikatslehrgang Digitaler Humanismus an der FH des BFI Wien eröffnet dafür eine einmalige Gelegenheit: Er verbindet theoretische Reflexion mit praktischer Anwendung, gibt Werkzeuge in die Hand, um Technik aus humanistischer Perspektive zu gestalten, und bietet ein Forum, in dem sich Menschen aus verschiedenen Disziplinen austauschen können.
Wir möchten daher allen Humanist:innen in Österreich ans Herz legen, dieses Programm zu besuchen oder es in ihrem Umfeld bekannt zu machen. Es ist nicht nur eine Weiterbildung, sondern ein Statement: dass Humanismus im digitalen Zeitalter nicht am Rand steht, sondern mitten in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen – als Stimme für Menschenwürde, Freiheit, Verantwortung und kritische Vernunft.
Wer den digitalen Humanismus lebt, zeigt, dass Zukunft nicht einfach geschieht, sondern gestaltet werden kann.
Weiterführende Links
https://www.fh-vie.ac.at/de/seite/executive-education/certificate-programme-digital-humanism
https://digital-humanism.eu/
https://ec.europa.eu/futurium/en/ai-alliance-consultation/guidelines
https://decidim.org/
https://opendata.wien.gv.at/
https://europeana.eu/

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