Zwischen Wildnis und Polis

Als Mitglied der gesellschaft für analytische philosophie möchte ich auf eine Veranstaltungsreihe hinweisen, die nächste Woche beginnt:: Die zweite Vorlesungsreihe im Rahmen der GAP-Ringvorlesungen. Sie findet zum Thema Zwischen Wildnis und Polis – Aktuelle Debatten um die Ethik der Mensch-Tier-Beziehung statt.

Die Organisation haben Frauke Albersmeier (Centrum für Bioethik, Universität Münster) und Alexander Christian (Institut für Philosophie, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) übernommen.

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GAP RV 2025 26

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Zoom-Link: https://uni-ms.zoom-x.de/j/62688087241?pwd=mqdFckvvaw4EC78oHh9fHyMu8aztwt.1

Ansonsten die Kontaktdaten der Organisator:innen:

  • frauke.albersmeier@uni-muenster.de
  • alexander.christian@hhu.de
Programm:

21.10.2025, 18:30, Düsseldorf*
Dr. Dr. Martin Balluch (Wien)
Von der Philosophie in die Praxis: 30 Jahre Kampagnenarbeit für Reformen im Tierschutzrecht in Österreich

04.11.2025, 18:30, Düsseldorf*
PD Dr. Mara-Daria Cojocaru (München)
Wildes D/denken. Wie können sich ethische Perspektiven im Umgang mit wild lebenden Tieren bewähren?

11.11.2025. 18:30, Düsseldorf*
Prof. Dr. Dr. h. c. Ursula Wolf (Mannheim)
Haben Tiere Rechte?

25.11.2025, 18:30, Münster**
Prof. Dr. Peter Niesen (Hamburg)
Politische Repräsentation von Tieren: warum und wieviel?

02.12.2025, 18:30, Münster**
Prof. Dr. Bernd Ladwig (Berlin)
Gleichheit und Differenz. Zum Verhältnis von Menschenrechten und Tierrechten

09.12.2025, 18:30, Münster**
Prof. Dr. Johann S. Ach (Münster)
Klimawandel und Tierwohl: Ansätze zu einer post-anthropozentrischen Klimaethik

13.01.2026, 18:30, Düsseldorf*
Dr. Nico D. Müller (Basel)
Die Ethik der Ausstiegsplanung aus Tierversuchen

20.01.2026, 18:30, Münster**
Dr. Angela K. Martin (Freiburg/CH)
Positive Diskriminierung von Tieren – ein Erfordernis der Gerechtigkeit?

* Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, 40225 Düsseldorf, Gebäude 22.01, Hörsaal 2B‘
** Universität Münster, Schlossgarten 3, 48149 Münster, Hörsaal SG 3 (Botanicum)

Aufzeichnungen der Vorlesungen sind im Anschluss an die Veranstaltung verfügbar auf dem Youtube-Kanal der GAP: https://www.youtube.com/@gap-philosophie

Organisation

Frauke Albersmeier, Centrum für Bioethik, Universität Münster
Alexander Christian, Institut für Philosophie, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Thema

Die Ringvorlesung Zwischen Wildnis und Polis – Aktuelle Debatten um die Ethik der Mensch-Tier-Beziehung widmet sich neuen Forschungsansätzen in der Tierethik und den gesellschaftlichen Herausforderungen im Umgang mit Tieren. Der tierethische Diskurs hat sich nicht nur seit seinen Anfangstagen, sondern vor allem in den letzten 15 Jahren enorm weiterentwickelt und ausdifferenziert.

Einer der Trends, die die jüngsten Entwicklungen prägen, ist der sogenannte political turn, im Zuge dessen Theoretikerinnen und Theoretiker aus den Bereichen der politischen Theorie und der politischen Philosophie begonnen haben, sich mit normativen Fragen zu Mensch-Tier- Beziehungen zu befassen. Sie haben vermehrt die Allgegenwart von Tieren im Einflussbereich des Menschen hervorgehoben, die es erforderlich macht, neben der individualmoralischen auch die dezidiert politische Dimension des Verhältnisses von Menschen zu anderen Tieren zu adressieren. Unabhängig davon hatte bereits eine Hinwendung zur Frage nach den Lebensumständen von und menschlichen Pflichten gegenüber wildlebenden Tieren begonnen. Diese Entwicklung ist durch kritische Reaktionen auf die Literatur des political turn noch verstärkt worden, insbesondere durch Kritik an dem Vorschlag, Wildtiere als Souveräne über ihre Territorien zu betrachten. Die Literatur des political turn und diejenige zu den Interessen von Tieren in der Natur sind dadurch verbunden, dass sie das Blickfeld über negative Pflichten hinaus auf positive Pflichten gegenüber Tieren erweitern. Ein Mehr an moralischer Verantwortung ergibt sich gleichzeitig aus der Einsicht, dass die Frage, wer qua Empfindungsfähigkeit moralisch zu berücksichtigen ist, heute anders zu beantworten ist als in den Anfangstagen der modernen akademischen Tierethik. Peter Singers Bild eines expanding circle bemühend, kann man sagen: der Kreis der moralischen Gemeinschaft weitet sich fortlaufend in dem Maße, in dem weitere Gruppen von Tieren als gesichert oder potenziell empfindungsfähig anerkannt werden. Die Frage nach dem Wesen, der Quantifizierbarkeit und der Vergleichbarkeit von Empfindungsvermögen und dem Wohlergehen von Tieren prägt daher die aktuelle Diskurslandschaft mit.

Alle drei Entwicklungen – die politische Wende, die Hinwendung zum Wohlergehen von Tieren in der Natur und die Intensivierung des Interesses am Phänomen der Empfindungsfähigkeit – gehen tendenziell mit Argumentationen dafür einher, dass das Ausmaß menschlicher moralischer Verantwortung gegenüber Tieren größer ist als bisher angenommen. Die Diskurse der letzten Jahre machen gleichzeitig deutlich, dass sich normative Fragen zum Verhältnis von Menschen und nichtmenschlichen Tieren nicht sinnvoll in eine als Bereichsethik konzipierte Tierethik zwängen lassen. Vielmehr verlangt die moralische und angemessene philosophische Berücksichtigung von Tieren Aufmerksamkeit für ihre Belange in allen Bereichen der praktischen Philosophie (sowie mindestens der Philosophie des Geistes) – bei allen Themen, die Tiere als Betroffene einschließen.

Der wachsenden Anerkennung der philosophischen Relevanz nichtmenschlicher Tiere steht eine zunehmende Sensibilisierung für tierliche Interessen in der Alltagsmoral zur Seite, die soziale, ökonomische und politische Konsequenzen hat. Bereits seit über 20 Jahren hat Tierschutz in Deutschland Verfassungsrang; die Ethik der Beziehung von Menschen zu nichtmenschlichen Tieren wird mittlerweile als Gegenstand der politischen Bildung eingeordnet; zunehmend wird ihre Relevanz für das Erreichen elementarer Erziehungs- und Bildungsziele diskutiert; keine Branche, die Tiere nutzt, kommt heute ohne Bekenntnisse zum Tierwohl aus; kein Bürger, kein Konsument kann sich von Verantwortung dafür freihalten, wie Markt, Gesellschaft und Staat mit Tieren umgehen.

Die zunehmende Sensibilisierung für die moralischen Ansprüche nichtmenschlicher Tiere findet dabei in einem Kontext statt, in dem die akademisch-ethische Debatte mögliche Ideale auslotet, von denen die alltägliche, tatsächlich tolerierte oder akzeptierte Praxis dramatisch weit entfernt ist. Während sich philosophische Diskurse mittlerweile etwa mit Argumenten für die Anerkennung nichtmenschlicher Tiere als vollwertige Mitbürger politischer Gemeinschaften auseinandersetzen, bleiben die meisten Tiere faktisch Praktiken unterworfen, die auch erklärte Kritiker solcher theoretischen Vorstöße nicht für ansatzweise rechtfertigungsfähig halten. Auch bei epochalen Herausforderungen wie der Klimakrise und globalen Gesundheitsbedrohungen bleiben Tiere als Mit-Betroffene und der menschliche Umgang mit ihnen als kausaler Faktor für Problemlagen meist im Hintergrund: die Tatsache etwa, dass die Tierwirtschaft einen entscheidenden Anteil an der Emission von Treibhausgasen hat, ebenso wie die Begünstigung zoonotischer Epidemien durch den Konsum von Tieren, wurden und werden im Vergleich zu anderen Problem-Ursachen und Folgen dieser beiden Krisen kaum öffentlich thematisiert und auch kaum durch politische Maßnahmen adressiert.

Die Dynamik der philosophischen Debatte und die gesellschaftliche Sensibilisierung für die moralische und politische Relevanz von Tieren einerseits sowie andererseits die Diskrepanz zwischen den ethischen Maßstäben in Theorie und Praxis sind Anlass dieser Ringvorlesung.

Die Veranstaltung soll aktuelle Ideen und Streitpunkte der tierethischen Diskussion zugänglich machen und zum kritischen, argumentbasierten Austausch über die gesellschaftliche Verantwortung gegenüber nichtmenschlichen Tieren anregen. Dabei soll sie Diskurse über neuartige philosophische Themen wie die politische Dimension des Mensch- Tier-Verhältnisses ebenso abdecken wie neue Perspektive auf anhaltend diskutierte Fragen der angewandten Ethik wie beispielsweise jene nach ethischen Problemen im Zusammenhang mit Forschung an Tieren. Die Ringvorlesung soll eine interessierte Öffentlichkeit sowie insbesondere Studierende mit den aktuellen Debatten in der Tierethik vertraut machen, ihnen verschiedene ethische Perspektiven auf das Mensch-Tier-Verhältnis vorstellen und zur selbstständigen Reflexion über die weiteren ethischen Implikationen des menschlichen Umgangs mit Tieren anregen.

Wir freuen uns über eine umfangreiche Teilnahme,

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