Humanismus als Widerstand I
Der blinde Fleck des World Humanist Congress 2026

Der Text von Humanists International über Humanism as Resistance wirkt wie das programmatische Vorspiel zum World Humanist Congress 2026. Er liefert die Tonlage: engagiert, global, solidarisch, zukunftsgerichtet. Man spürt förmlich die Panels, die Keynotes, die wohlformulierten Appelle. Humanismus soll nicht mehr nur Haltung sein, sondern Handlung. Nicht mehr nur Kritik, sondern Widerstand.

Und genau hier beginnt das Problem. Denn wenn man diesen Anspruch ernst nimmt und ihn am Maßstab eines Weltkongresses misst, dann wird sichtbar, was fehlt – nicht abstrakt, sondern sehr konkret.

Was auffällt, ist zunächst die völlige Abwesenheit klar benannter Machtachsen. Es wird von Ungleichheit gesprochen, aber nicht von den Mechanismen, die sie produzieren. Kein Wort über globale Lieferketten, in denen Menschenrechte systematisch unterlaufen werden. Kein Wort über die Rolle multinationaler Konzerne, die in vielen Regionen mehr Einfluss haben als Staaten. Kein Wort über die politische Ökonomie, die dafür sorgt, dass genau jene Regionen, die im Text als „Globaler Süden“ adressiert werden, strukturell abhängig bleiben. Wer hier von Widerstand spricht, ohne diese Akteure zu benennen, bleibt im Ungefähren.

Ebenso auffällig ist das Schweigen zu religiöser Macht in ihrer konkreten Ausprägung. Der Text spricht von religiöser Dominanz, aber vermeidet jede Präzisierung. Dabei wäre genau das die Aufgabe eines solchen Ansatzes: zu sagen, wo Religion heute tatsächlich Freiheit einschränkt. In welchen Ländern Blasphemiegesetze Menschen ins Gefängnis bringen. Wo Frauen systematisch entrechtet werden. Wo LGBTQ-Personen verfolgt werden – nicht abstrakt, sondern durch konkrete religiöse Normsysteme. Ohne diese Benennung bleibt Kritik folgenlos. Sie wird kompatibel mit genau jenen Strukturen, die sie eigentlich herausfordern müsste.

Noch deutlicher wird die Leerstelle beim Thema Ressourcen. Wenn Humanismus als globale Solidarität gedacht wird, stellt sich zwangsläufig die Frage: Wer finanziert das, und unter welchen Bedingungen? Der Text spricht von Förderung, von Unterstützung, von Programmen. Aber er sagt nichts darüber, wie diese Mittel verteilt werden, wer darüber entscheidet und welche Abhängigkeiten dadurch entstehen. Das ist kein Detail, sondern zentral. Denn Solidarität, die von oben organisiert wird, reproduziert schnell genau die Hierarchien, die sie überwinden will.

Und dann ist da noch die vielleicht wichtigste Leerstelle: Strategie. Der Text bleibt auf der Ebene der Haltung stehen. Er beschreibt, was Humanismus sein soll, aber nicht, wie er wirksam wird. Kein Wort über politische Einflussnahme. Kein Wort über rechtliche Interventionen. Kein Wort darüber, wie humanistische Organisationen konkret Macht aufbauen oder nutzen können. Stattdessen bleibt es bei der impliziten Hoffnung, dass Vernetzung, Austausch und Sichtbarkeit schon eine Form von Widerstand seien.

Genau hier liegt der blinde Fleck, der im Kontext des World Humanist Congress 2026 besonders ins Gewicht fällt. Ein Weltkongress ist kein Selbstzweck. Er ist ein Ort, an dem aus Ideen Programme werden müssten. An dem aus Appellen Strategien werden sollten. Wenn aber die zugrunde liegenden Texte bereits jede Zuspitzung vermeiden, dann wird auch der Kongress diese Leerstelle reproduzieren: viel Einigkeit, viel Moral, wenig Reibung.

Das eigentlich Brisante ist dabei nicht, dass der Ansatz falsch wäre. Im Gegenteil, er ist in seiner Grundintention richtig. Humanismus muss sich globalisieren, muss sich politisieren, muss sich einmischen. Aber genau deshalb reicht es nicht, ihn als „Widerstand“ zu etikettieren. Widerstand ist kein Branding. Er ist eine Praxis, die sich an konkreten Gegnern und konkreten Konflikten bewähren muss.

Was also fehlt, ist keine weitere Vision. Es fehlt die Bereitschaft zur Konkretion. Die Bereitschaft, Namen zu nennen, Interessen offenzulegen und Konflikte auszutragen. Es fehlt der Schritt vom konsensfähigen Humanismus zum streitbaren Humanismus. Ein Humanismus, der nicht nur dort spricht, wo Zustimmung sicher ist, sondern gerade dort, wo Widerspruch unvermeidlich wird.

Wenn der World Humanist Congress 2026 mehr sein soll als ein gut organisierter Austausch Gleichgesinnter, dann müsste genau das im Zentrum stehen. Nicht die Frage, wofür man ist – darin ist man sich ohnehin einig. Sondern die Frage, wogegen man konkret bereit ist, sich zu stellen.

Denn erst dort beginnt das, was der Text so selbstverständlich behauptet: Widerstand.


Ich bin mit AJ seit Kopenhagen befreundet und im Kontakt, ich habe ihn gebeten, seine Aspekte dazu zu äußern, und er will das tun.

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Dr. Andreas Gradert
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