Digitaler Humanismus – warum Humanist:innen sich nicht heraushalten können
Für Matthias und Alex
Heute hat mir Matthias Herlich vom Landesverband Salzburg des Humanistischen Verbandes Österreich die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift FIfF-Kommunikation des Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF) geschickt. Das Schwerpunktthema dieser Ausgabe lautet: Digitaler Humanismus für eine techno-öko-soziale Transformation der Weltgesellschaft. Im Zentrum steht unter anderem der Beitrag von Julia Neidhardt: Digitaler Humanismus: Grundlagen, Wiener Manifest und Aktivitäten.
Beim Lesen stellte sich mir eine Frage: Warum wird über Digitalen Humanismus eigentlich vor allem in Informatik, Technikethik und Wissenschaft diskutiert – und so selten in den Organisationen der humanistischen Bewegung?
Denn die Themen, um die es dabei geht, sind zutiefst humanistische Fragen.
- Wer entscheidet über die Regeln digitaler Räume?
- Wie viel Macht dürfen Plattformkonzerne besitzen?
- Wie transparent müssen Algorithmen sein?
- Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in demokratischen Gesellschaften?
- Wie schützen wir Privatsphäre, Freiheit und Selbstbestimmung in einer Welt, die zunehmend von digitalen Systemen geprägt wird?
Der Digitale Humanismus versucht auf diese Fragen eine Antwort zu geben. Er versteht Technologie nicht als Selbstzweck, sondern als Werkzeug, das dem Menschen dienen soll. Technischer Fortschritt allein gilt nicht als ausreichend. Entscheidend ist vielmehr, ob digitale Technologien menschliche Würde, demokratische Teilhabe, soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit fördern.
Diese Gedanken wurden 2019 im Wiener Manifest für Digitalen Humanismus zusammengefasst. Dahinter steht die Überzeugung, dass die Gestaltung der digitalen Zukunft nicht allein Konzernen, Programmierer:innen oder technischen Expert:innen überlassen werden darf. Sie ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Aus dem Manifest entstand eine internationale Bewegung, die Forschung, Bildung, politische Debatten und konkrete Regulierungsvorschläge miteinander verbindet.
Längst handelt es sich dabei nicht mehr um ein akademisches Nischenprojekt. An der Fakultät für Informatik der Technischen Universität Wien besteht seit 2023 ein UNESCO Chair für Digitalen Humanismus. Inhaber der Professur ist Peter Knees, Co-Chairholderin Julia Neidhardt. Die Professur verbindet Informatik, Sozialwissenschaften, Philosophie, Recht und Menschenrechte und beschäftigt sich unter anderem mit demokratischer Teilhabe, Inklusion, KI-Ethik und menschenrechtsorientierter Technologiegestaltung. Darüber hinaus ist der Digitale Humanismus inzwischen mit dem Wiener Doktoratskolleg Digital Humanism, dem KI-Zentrum CAIML und zahlreichen internationalen Kooperationen verbunden. Das zeigt deutlich, dass sich hier ein langfristiges Forschungs- und Gesellschaftsprogramm entwickelt hat.
Und genau hier wird es für Humanist:innen interessant.
Der Humanismus entstand nie als Technikphilosophie. Sein Ausgangspunkt war stets der Mensch. Seine Würde. Seine Vernunft. Seine Freiheit. Seine Verantwortung gegenüber anderen Menschen. Wenn heute digitale Technologien immer stärker bestimmen, wie Menschen kommunizieren, lernen, arbeiten, sich informieren und politische Entscheidungen treffen, dann berührt dies unmittelbar den Kern humanistischen Denkens.
Vielleicht liegt hier sogar eine der großen Aufgaben des Humanismus im 21. Jahrhundert.
Während sich viele Debatten innerhalb der humanistischen Bewegung um Religion, Konfessionsfreiheit oder weltanschauliche Fragen drehen, entstehen an anderer Stelle neue Machtstrukturen. Plattformen beeinflussen politische Diskurse. Algorithmen entscheiden über Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit. Künstliche Intelligenz verändert Bildung, Medien und Arbeitswelt. Die Frage, wie diese Entwicklungen gestaltet werden sollen, ist keine technische Spezialfrage mehr. Sie ist eine Frage der Menschenrechte und der demokratischen Kultur.
Das Recht auf freie Meinungsbildung, der Schutz der Privatsphäre, der gleichberechtigte Zugang zu Information, die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe und die demokratische Kontrolle von Macht sind Grundanliegen des Humanismus. Wenn diese Bereiche zunehmend von digitalen Technologien geprägt werden, dann kann sich eine humanistische Bewegung nicht darauf beschränken, nur über Religion, Kirchenpolitik oder historische Aufklärung zu sprechen.
Humanismus war immer dann besonders stark, wenn er sich den Herausforderungen seiner Zeit gestellt hat. Die Humanist:innen der Renaissance beschäftigten sich mit Bildung und Wissenschaft. Die Humanist:innen der Aufklärung kämpften für Vernunft, Freiheit und Menschenrechte. Heute gehören zu den großen Herausforderungen auch digitale Selbstbestimmung, Transparenz von Algorithmen, Datenschutz, demokratische Kontrolle von KI-Systemen und die Begrenzung monopolistischer Macht im digitalen Raum.
Dabei geht es nicht um Technikfeindlichkeit. Im Gegenteil. Der Digitale Humanismus versteht sich als technikfreundlich, aber nicht technikgläubig. Er fragt nicht nur, was technisch möglich ist, sondern auch, was gesellschaftlich sinnvoll, demokratisch legitimiert und mit den Rechten und Bedürfnissen der Menschen vereinbar ist.
Gerade deshalb erscheint mir der Digitale Humanismus nicht als Randthema für Spezialist:innen, sondern als eine notwendige Weiterentwicklung humanistischen Denkens. Die Frage, wie wir mit Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz umgehen, wird mitentscheiden, in welcher Gesellschaft wir künftig leben.
Deshalb sollten Humanist:innen sich aus dieser Debatte nicht heraushalten. Sie sollten sie mitgestalten. Denn wenn Humanismus bedeutet, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, dann muss das auch für die digitale Welt gelten.
Der Digitale Humanismus ist also weit mehr als ein Schlagwort. Er hat sich in den vergangenen Jahren zu einem internationalen Forschungs- und Gesellschaftsprojekt entwickelt, das von Universitäten, zivilgesellschaftlichen Organisationen und politischen Institutionen getragen wird.
Doch was genau versteht diese Bewegung eigentlich unter Digitalem Humanismus? Welche Ziele verfolgt sie konkret? Und welche Antworten bietet sie auf die Herausforderungen von Künstlicher Intelligenz, Plattformmacht und digitaler Transformation?
Ein guter Ausgangspunkt ist der Beitrag Digitaler Humanismus: Grundlagen, Wiener Manifest und Aktivitäten von Julia Neidhardt, der in der aktuellen Ausgabe der FIfF-Kommunikation erschienen ist. Darin zeichnet die Autorin die Entstehung des Wiener Manifests nach, erläutert die zentralen Grundgedanken des Digitalen Humanismus und beschreibt, wie daraus eine internationale Initiative entstanden ist.
Wer verstehen möchte, warum der Digitale Humanismus heute weit über Wien und die Informatik hinaus Bedeutung erlangt hat, findet in diesem Beitrag eine fundierte Einführung.
Der Mensch im Mittelpunkt der Digitalisierung
Im Beitrag Digitaler Humanismus: Grundlagen, Wiener Manifest und Aktivitäten beschreibt Julia Neidhardt zunächst eine Entwicklung, die viele von uns täglich erleben, ohne sie noch bewusst wahrzunehmen: Die Digitalisierung ist längst keine technische Spezialfrage mehr. Sie durchdringt nahezu alle Bereiche unseres Lebens. Kommunikation, Bildung, Arbeit, politische Teilhabe, Medienkonsum und selbst zwischenmenschliche Beziehungen werden heute von digitalen Technologien beeinflusst oder vermittelt.
Damit, so die Autorin, verändert sich auch die Frage, worüber wir eigentlich sprechen müssen. Es geht nicht mehr nur darum, welche Technologien möglich sind. Es geht darum, welche Technologien wir wollen.
Der Digitale Humanismus beginnt deshalb mit einer einfachen, aber weitreichenden Überlegung: Technologie ist kein Selbstzweck. Sie soll dem Menschen dienen und nicht umgekehrt.
Das klingt zunächst selbstverständlich. Tatsächlich stellt diese Sichtweise jedoch einen deutlichen Gegensatz zu manchen Entwicklungen der vergangenen Jahre dar. Zu oft wurde Digitalisierung als naturgesetzlicher Prozess dargestellt, dem sich Gesellschaften lediglich anpassen müssten. Plattformen wurden aufgebaut, Algorithmen eingeführt und KI-Systeme entwickelt, während die gesellschaftlichen Folgen häufig erst im Nachhinein diskutiert wurden.
Der Digitale Humanismus dreht diese Perspektive um. Er fragt nicht zuerst, was technisch machbar ist, sondern welche Auswirkungen technologische Entscheidungen auf Menschen, Gesellschaft und Demokratie haben.
Besonders interessant ist dabei, dass der Ansatz ausdrücklich interdisziplinär angelegt ist. Die Gestaltung der digitalen Zukunft soll nicht allein Informatiker:innen, Unternehmen oder politischen Entscheidungsträgern überlassen werden. Vielmehr sollen Sozialwissenschaften, Philosophie, Rechtswissenschaft, Bildungswissenschaften und die Zivilgesellschaft gleichermaßen eingebunden werden. Digitalisierung wird als gesellschaftliches Projekt verstanden, nicht als rein technische Angelegenheit.
Aus dieser Sicht erscheinen viele aktuelle Debatten in einem anderen Licht. Fragen nach Datenschutz, Plattformregulierung, Künstlicher Intelligenz oder digitaler Souveränität sind dann keine Spezialthemen für Expert:innen mehr. Sie werden zu Fragen demokratischer Selbstbestimmung.
Besonders deutlich wird dies beim Blick auf die Macht großer Plattformen und Technologiekonzerne.
- Wer kontrolliert die digitalen Räume, in denen öffentliche Debatten stattfinden?
- Wer entscheidet darüber, welche Informationen sichtbar werden und welche nicht?
- Wer trägt Verantwortung für automatisierte Entscheidungen?
- Wie können demokratische Gesellschaften sicherstellen, dass technologische Innovationen dem Gemeinwohl dienen?
Das Wiener Manifest für Digitalen Humanismus, auf das sich Neidhardt bezieht, fordert deshalb Transparenz, Rechenschaftspflicht, demokratische Kontrolle und die Wahrung der Grundrechte auch im digitalen Raum. Die digitale Transformation soll nicht allein nach wirtschaftlichen Interessen gestaltet werden, sondern an den Bedürfnissen der Menschen orientiert bleiben.
Bemerkenswert erscheint dabei, dass der Digitale Humanismus nicht technologiefeindlich argumentiert. Im Gegenteil. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz werden ausdrücklich als Chancen verstanden. Gleichzeitig wird aber darauf bestanden, dass technischer Fortschritt allein noch keinen gesellschaftlichen Fortschritt garantiert.
Diese Unterscheidung ist wichtig. Eine Gesellschaft wird nicht automatisch gerechter, freier oder demokratischer, nur weil ihre Technologien leistungsfähiger werden. Fortschritt ist mehr als Innovation. Er muss sich letztlich daran messen lassen, ob er das Leben der Menschen verbessert und ihre Freiheit, Würde und Selbstbestimmung stärkt.
Gerade an diesem Punkt berührt der Digitale Humanismus zentrale Anliegen des Humanismus überhaupt. Die Frage nach der Würde des Menschen, nach seiner Freiheit, seiner Verantwortung und seiner Fähigkeit zur vernünftigen Gestaltung der Welt zieht sich wie ein roter Faden durch die humanistische Tradition. Der Digitale Humanismus überträgt diese Fragen auf das 21. Jahrhundert.
Vielleicht liegt genau darin seine eigentliche Bedeutung: Er erinnert uns daran, dass auch im Zeitalter von Algorithmen, Plattformen und Künstlicher Intelligenz nicht die Technik im Mittelpunkt stehen sollte, sondern der Mensch.
Eine Aufgabe für die Humanistische Bewegung
An diesem Punkt stellt sich allerdings eine weitere Frage: Wenn die Anliegen des Digitalen Humanismus so eng mit den Grundwerten des Humanismus verbunden sind, warum spielt das Thema innerhalb der organisierten humanistischen Bewegung bislang nur eine vergleichsweise geringe Rolle?
Humanistische Organisationen engagieren sich für Menschenrechte, Religionsfreiheit, Bildung, Wissenschaft, Demokratie und gesellschaftliche Teilhabe. All diese Themen werden heute zunehmend auch durch digitale Technologien geprägt. Dennoch finden Debatten über Künstliche Intelligenz, Plattformmacht, digitale Überwachung oder algorithmische Entscheidungsprozesse oft außerhalb humanistischer Zusammenhänge statt.
Dabei berühren diese Entwicklungen grundlegende humanistische Fragen.
Wie bleibt menschliche Autonomie erhalten, wenn Entscheidungen zunehmend automatisiert werden? Wie schützen wir individuelle Freiheit in einer Welt permanenter Datenerfassung? Wie sichern wir demokratische Prozesse gegen Manipulation durch digitale Plattformen? Und wie verhindern wir, dass technologische Macht in den Händen weniger Konzerne oder Staaten konzentriert wird?
Diese Fragen betreffen nicht nur Informatiker:innen, Politiker:innen oder Jurist:innen. Sie betreffen alle Menschen, die an einer offenen, demokratischen und menschenrechtsorientierten Gesellschaft interessiert sind.
Gerade deshalb könnte der Digitale Humanismus zu einem wichtigen Zukunftsthema für Humanist:innen werden. Nicht als Ersatz für klassische Themen wie Konfessionsfreiheit oder Trennung von Staat und Religion, sondern als notwendige Erweiterung humanistischen Denkens in einer zunehmend digitalisierten Welt.
Die Humanist:innen der Aufklärung mussten sich mit den Machtansprüchen von Kirche und Monarchie auseinandersetzen. Die Humanist:innen des 21. Jahrhunderts werden sich zusätzlich mit den Machtstrukturen digitaler Plattformen, globaler Technologiekonzerne und lernender Maschinen beschäftigen müssen.
Der Mensch steht weiterhin im Mittelpunkt. Nur die Herausforderungen haben sich verändert.
Exkurs: Wien als Zentrum des Digitalen Humanismus
Wer sich näher mit dem Digitalen Humanismus beschäftigt, stößt schnell auf eine bemerkenswerte Tatsache: Wien hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten internationalen Zentren dieser Bewegung entwickelt.
Ausgangspunkt war das Wiener Manifest für Digitalen Humanismus, das 2019 von Wissenschaftler:innen unterschiedlicher Disziplinen veröffentlicht wurde. Ziel war es, die digitale Transformation stärker an Menschenrechten, Demokratie, gesellschaftlicher Verantwortung und Nachhaltigkeit auszurichten. Aus diesem Manifest entwickelte sich die internationale Digital Humanism Initiative (DIGHUM), die heute Forscher:innen, politische Entscheidungsträger:innen und zivilgesellschaftliche Akteur:innen aus vielen Ländern miteinander vernetzt. (Universität Wien)
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Fakultät für Informatik der Technischen Universität Wien. Dort wurde 2023 die UNESCO Chair on Digital Humanism eingerichtet. Inhaber ist Peter Knees, Co-Chairholderin Julia Neidhardt. Die Professur beschäftigt sich mit der menschenrechtsorientierten Gestaltung digitaler Technologien, Fragen von Demokratie, Teilhabe, Inklusion und Vielfalt sowie mit der ethischen Entwicklung Künstlicher Intelligenz. Gleichzeitig dient sie als internationales Netzwerkzentrum und verbindet Forschung, Lehre und politische Debatten. (FH des BFI Wien)
Eng verbunden mit der UNESCO Chair ist das Center for Artificial Intelligence and Machine Learning (CAIML) der TU Wien. Dieses Zentrum bündelt die KI-Forschung der Universität und versteht Digitalen Humanismus ausdrücklich als einen seiner Schwerpunkte. Ziel ist es, technische Exzellenz mit gesellschaftlicher Verantwortung zu verbinden und KI-Systeme zu entwickeln, die Menschen unterstützen statt manipulieren. (FH des BFI Wien)
Seit dem Wintersemester 2024 existiert außerdem das Vienna Doctoral College on Digital Humanism, ein gemeinsames Doktoratsprogramm der TU Wien, der Universität Wien und der Wirtschaftsuniversität Wien. Das Programm wird von der Stadt Wien und dem Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds gefördert und untersucht Fragen wie Demokratie im digitalen Zeitalter, Desinformation, Datenschutz, Transparenz von KI-Systemen, digitale Ökosysteme und menschliche Autonomie. Bemerkenswert ist dabei der konsequent interdisziplinäre Ansatz: Informatik arbeitet hier mit Sozialwissenschaften, Rechtswissenschaften, Philosophie und Wirtschaftswissenschaften zusammen. (TU Wien)
Die Universität Wien ist darüber hinaus nicht nur Partnerin des Doktoratskollegs. Über den WWTF-Schwerpunkt Digitaler Humanismus laufen dort inzwischen mehrere Forschungsprojekte in Publizistik, Informatik, Philosophie, Politikwissenschaft und Sprachwissenschaft. Der Ansatz besteht ausdrücklich darin, digitale Technologien aus gesellschaftlicher Perspektive zu betrachten und Geistes-, Sozial- und Technikwissenschaften zusammenzubringen. (Universität Wien)
Ein weiterer wichtiger Baustein ist die AK-Stiftungsprofessur für Digitalen Humanismus an der FH des BFI Wien. Seit dem Wintersemester 2024/25 wird diese von der Arbeiterkammer Wien geförderte Professur von Alexander Schmölz wahrgenommen. Die Professur beschäftigt sich mit der Frage, wie technologische Entwicklung mit humanistischen Werten, gesellschaftlicher Verantwortung, Inklusion, Bildung und demokratischer Teilhabe verbunden werden kann. Dabei geht es ausdrücklich darum, technische und humanistische Perspektiven in Forschung und Lehre zusammenzuführen.
Im Mittelpunkt steht nicht allein die Frage, wie Technologien funktionieren oder reguliert werden sollen, sondern wie Menschen befähigt werden können, die digitale Transformation kritisch, selbstbestimmt und verantwortungsvoll mitzugestalten. Digitaler Humanismus wird hier nicht nur als Technologieethik verstanden, sondern ebenso als Bildungs-, Demokratie- und Gesellschaftsprojekt. Themen wie Mündigkeit, Teilhabe, Ko-Kreativität, Vertrauen, kritisches Denken und die sozialen Folgen digitaler Technologien spielen dabei eine zentrale Rolle. Damit knüpft die Professur unmittelbar an klassische humanistische Anliegen wie Bildung, Aufklärung, Selbstbestimmung und demokratische Verantwortung an. (FH des BFI Wien)
Rund um die Professur entsteht inzwischen ein eigenes Forschungsfeld. Dazu gehören unter anderem die Arbeiten von Pia-Zoe Hahne zu Technikphilosophie, KI-Ethik, Digitalisierung der Arbeit und Vertrauen in KI-Systeme. Hier wird Digitaler Humanismus besonders stark aus sozial-, kultur- und bildungswissenschaftlicher Perspektive betrachtet. (FH des BFI Wien)
Hinzu kommen internationale Vortragsreihen, Summer Schools, öffentliche Veranstaltungen, Open-Access-Bücher, Forschungskooperationen mit Universitäten weltweit sowie Partnerschaften mit Einrichtungen wie dem Institute for Human Sciences (IWM), dem Web Science Trust oder dem Digital Enlightenment Forum. Träger vieler dieser Aktivitäten ist die Digital Humanism Association, die als organisatorische Plattform Forschung, Bildung, Politikberatung und gesellschaftliche Debatten miteinander verbindet. (FH des BFI Wien)
Eine weitere Initiative im Umfeld des Digitalen Humanismus ist die Humanistische Akademie Österreich (HAÖ). Sie wurde von Alexander Schmölz und Andreas Gradert gegründet und versteht sich als Plattform für Bildung, Forschung, gesellschaftliche Debatten und den Dialog zwischen Humanismus, Wissenschaft und Digitalisierung. Während viele Einrichtungen des Digitalen Humanismus ihren Schwerpunkt auf Informatik, KI oder Regulierung legen, verfolgt die Akademie einen breiteren humanistischen Ansatz. Im Mittelpunkt stehen Fragen der Menschenrechte, demokratischen Teilhabe, Bildung, Ethik, Nachhaltigkeit und der gesellschaftlichen Folgen technologischer Entwicklungen. Damit knüpft die Humanistische Akademie Österreich an jene Tradition an, die den Digitalen Humanismus nicht nur als technologische oder wissenschaftliche Herausforderung begreift, sondern als Teil einer umfassenden Auseinandersetzung darüber, wie Menschen in einer digitalen Gesellschaft selbstbestimmt und verantwortungsvoll zusammenleben können.
Betrachtet man diese Entwicklung insgesamt, wird deutlich, dass der Digitale Humanismus in Wien längst kein Randthema mehr ist. Entstanden ist ein ganzes Ökosystem aus Forschung, Lehre, Politikberatung und gesellschaftlichem Dialog.
Während die Öffentlichkeit beim Begriff Digitaler Humanismus oft zuerst an Künstliche Intelligenz denkt, zeigt der Wiener Ansatz ein deutlich breiteres Bild. Die Bewegung vereint heute mindestens vier eng miteinander verbundene Stränge: Informatik und KI, Menschenrechte und Regulierung, Gesellschafts- und Demokratiefragen sowie Bildung, Mündigkeit und Teilhabe.
Gerade dieser letzte Bereich macht den Digitalen Humanismus für die humanistische Bewegung besonders anschlussfähig. Dort geht es nicht primär um Algorithmen oder Software, sondern um eine klassische humanistische Frage: Wie können Menschen befähigt werden, ihr Leben und ihre Gesellschaft selbstbestimmt, vernünftig und verantwortungsvoll zu gestalten – unter den Bedingungen einer zunehmend digitalen Welt?
Wer sich heute im deutschsprachigen Raum mit Digitalem Humanismus beschäftigt, kommt an Wien kaum nicht vorbei.

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